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Bericht:
Matthias Ziegert

Fotos:
Matthias Ziegert






Im Jahre 1972 präsentierten JETHRO TULL ihr Konzeptalbum "Thick As A Brick" und erreichten damit erstmalig den Platz 1 in den Billboard Pop Albums Charts. Die Band setzte mit diesem innovativen Album, welches wegen seiner vielfachen Wechsel zwischen Tempi und musikalischen Stilen von der Fachpresse gelobt wurde, einen Meilenstein in der Geschichte des gerade entstehenden Progressiv Rock. Die Platte besteht genau genommen nur aus einem einzigen Titel, der aufgrund der begrenzten Spielzeit einer LP geteilt werden musste. Musik und Texte stammen vom Frontmann IAN ANDERSON persönlich, der sich allerdings hinter dem Pseudonym der Kunstfigur Gerald Bostock verbirgt. Auf dem Plattencover, das die Aufmachung einer typisch englischen Kleinstadtzeitung hat, wird behauptet, dass dieser Bostock ein angeblich achtjähriger Schuljunge sei, der den Text geschrieben und ihn an die Band gesandt hätte. Die machte daraus dann ein Album.a 20130509 1007608775 Der etwas skurrile Albumtitel, der sprichwörtlich übersetzt "Dumm wie Bohnenstroh" oder "saublöd" bedeutet, und die aberwitzige Story um das Entstehen der Platte zeigen einige Parallelen zu den damals in ihrer Blütezeit stehenden Monty Python.

Nach nunmehr 40 Jahren, und auf den Monat genau, legte IAN ANDERSON im Jahre 2012, gewissermaßen als Fortsetzung der Geschichte von Bostock, "Thick As A Brick II" vor. Dieses Werk wurde allerdings nicht mit den Musikern von JETHRO TULL, sondern mit denen der IAN ANDERSON TOURING BAND eingespielt, was der Qualität der Musik aber keinen Abbruch tut. Das ist auch nicht wirklich verwunderlich, denn mit JOHN O'HARA, FLORIAN OPAHLE und DAVID GOODIER gehören auch drei JETHRO TULL-Musiker zu IAN ANDERSON TOURING BAND... Musikalisch angelehnt an den ersten Teil, wird thematisch die Frage "Was wäre wenn" gestellt und mehrere fiktive Lebenswege des nunmehr fünfzig Jahre alten Gerald Bostock durchgespielt. Dabei schlüpft RYAN O'DONNELL als Gerald Bostock nacheinander in unterschiedliche Rollen, wie die eines gierigen Investment-Bankers, eines homosexuellen Obdachlosen, eines Soldaten im Kriegseinsatz, eines geldgierigen Pfarrers und in die Rolle eines gewöhnlichen, kinderlosen verheirateten Ladenbesitzers, der mit seiner Modelleisenbahn spielt. Dieses Mal wurde die Story allerdings auf 17 Songs aufgeteilt.

Von der Genialität der beiden Teile und dem hohen musikalischen Können IAN ANDERSONs und seiner "4 Kumpels" konnten sich am 6. Mai 2013 auch die ca. 1.400 Besucher des Konzertes in der Leipziger Arena überzeugen. Mit diesem Gig setzten ANDERSON und seine Mannen einen der wenigen musikalischen Höhepunkte bei den internationalen Konzerten in Sachsens heimlicher Hauptstadt in diesem Jahr. Um kurz nach 20:00 Uhr erschienen sechs Herren, verkleidet in Trenchcoat und typisch britischer Sportmütze, auf der Bühne der Leipziger Arena, um nach kurzer Besprechung die Bühne zu fegen und nach einer kleinen Balletteinlage an "Doctor Anderson" auf der Leinwand zu übergeben. Der empfing als Dr. Maximilian Quad seinen Patienten Bostock in seiner Praxis, um sich nach dessen Befinden zu erkundigen.b 20130509 1490866930 Fast unbemerkt durch den Einspieler erschien "der Meister" dann leibhaftig in gleißendem Scheinwerferlicht auf der Bühne, um mit einem kurzen Solo auf der Akustikgitarre das eigentliche Set zu eröffnen. Inzwischen hatten sich die anderen Musiker ihrer Verkleidung entledigt, um nun ordentlich loszulegen.

Gemeinsam mit IAN ANDERSON standen an diesem Abend noch die eben bereits erwähnten JETHRO TULL-Musiker JOHN O'HARA (Keyboards, Akkordeon), DAVID GOODIER (Bass) und der aus Bayern stammende FLORIAN OPAHLE (Gitarre), sowie SCOTT HAMMOND (Schlagzeug) mit auf der Bühne. Mit einer faszinierenden Leichtigkeit meisterten sie die schwierigen Tempi-Wechsel, die fließenden Übergänge und krönten das Ganze mit genial gesetzten Breaks und Soli. Der unverkennbare Gesang ANDERSONS und sein einmaliges akzentuiertes Spiel der Querflöte, jeweils pariert von den Drums oder der E-Gitarre, begeisterten die Anwesenden und ließen den ersten Teil wie im Fluge vergehen. Nach einer reichlich zehnminütigen Version von "Aqualung" verabschiedete man das jubelnde Publikum in die Pause. Dies geschah mit der freundlichen Aufforderung des Mannes vom Merchandise-Stand auf der Leinwand, ihn doch mal zu besuchen.

Besonders bei den Videoprojektionen, die der visuellen Untermalung der Konzerte dienten und in beiden Konzertteilen Anwendung fanden, zeigte sich ANDERSONs besonderer Humor, den die einen lieben und der den anderen sicher für ewig verschlossen bleiben wird. Beim Spiel mit typischen britischen Klischees à la "Dinner for One", wie u.B. dem Wetterbericht, als Lord mit Deutschem Schäferhund namens Spitfire und dem das Meer suchenden umherwatschelnden Taucher, nimmt er sich und das Publikum gern mal auf den Arm.

Auch im nun folgenden zweiten Teil des Konzertes liefen die Musiker zu Höchstform auf und brillierten an ihren Instrumenten. Am faszinierendsten natürlich IAN ANDERSON, der mal tanzend wie ein Derwisch, dann wieder hypnotisierend wie ein Schlangenbeschwörer, die Bühne beherrschte. Diese Herrschaft teilte er sich allerdings mit dem Sänger und Darsteller von Gerald Bostock auf der Bühne. RYAN O'DONNELL. Dieser übernahm dank der großen Ähnlichkeit seiner Stimme Gesangsparts von ANDERSON und stellte die verschiedenen Charaktere dar, was ihm sichtlich Freude bereitete. Als beeindruckend empfand ich die Duelle zwischen Querflöte und E-Gitarre, wobei Gitarrist FLORIAN OPAHLE dem Spiel es Ur-Gitarristen von JETHRO TULL, MARTIN BARRE, in nichts nachstand. Aber auch die anderen Musiker machten einen hervorragenden Job an diesem Abend.

Zum Ende des zweiten Teils dankte das sichtlich ergriffene Publikum mit Standing Ovations für das bombastische Konzert und erhielt dafür den Klassiker "Locomotive Breath" als Zugabe. Das riss den Letzten von seinem Sitzplatz und wer konnte, strömte mit der Masse zum Bühnenrand, um mit der Band gemeinsam den Abschied zu feiern. Mit einem letzten euphorischen Applaus verabschiedete das begeisterte Leipziger Publikum die Musiker von der Bühne.

Auch wenn die "Thick as a Brick"-Werke keine sind, die sich einem sofort nach dem ersten Hören erschließen, sollten sie jedoch in keiner gut sortierten Rock-Sammlung fehlen, vor allem, wenn man die in den Massenmedien gespielte Musik satt hat und einmal wieder Musik mit Substanz hören möchte. Den Lesern möchte ich noch ans Herz legen, eines der noch ausstehenden Deutschland-Termine der "Thick as a Brick"-Tour als Gelegenheit für einen Besuch zu nutzen. Es lohnt sich, auch wenn man nicht unbedingt tief im Thema JETHRO TULL steckt. Die Termine der kommenden 11 Konzerte findet Ihr etwas weiter unten...


Bitte beachtet auch:
- Off Homepage von Ian Anderson & Jethro Tull: www.iananderson.com
- Homepage des Veranstalters DMC Music: www.dmc-music.de





Live-Impressionen:

 
 
 


   
   
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