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Interview vom 11. April 2021



Thomas Stelzer, Baujahr 1964, ist gebürtiger Dresdner und lebt bis heute in der Elbmetropole. Seine Liebe gehört dem Blues der Südstaaten, den musikalischen Teil seines Herzens hat er an New Orleans verloren. Dort am Mississippi, wo die Wiege des Jazz steht, wo Dixieland, Boogie Woogie und Rhythm & Blues zum Leben der Menschen dazugehören wie nirgendwo sonst auf der Welt, nahm Stelzer auch mehrere Alben auf. Erlebnisse, die ihm niemand mehr nehmen kann.001 20210419 1018441190 Dennoch ist sein Lebensmittelpunkt immer die sächsische Hauptstadt geblieben, wo durch das Internationale Dixieland Festival und die alljährlich stattfindenden Dresdner Jazztage natürlich der Boden bereitet ist, die Liebe zu dieser Art Musik auszuleben.
Vor allem im ostdeutschen Raum kennen und schätzen die Fans den sympathischen und bodenständigen Pianisten und Sänger. Hier ist er seit vierzig Jahren pausenlos auf Tour und begeistert die Menschen mit seinen unterschiedlichen Formationen, mit seiner energiegeladenen Art, mit immer wieder neuen Ideen. Weit über dreißig Alben hat er bisher aufgenommen, mit großen Künstlern wie Chris Barber, B.B. King, Buddy Guy, Dr. John oder Fats Domino Kontakt gehabt und stellenweise sogar mit ihnen gemeinsam musiziert. Umso verwunderlicher, dass das mediale Interesse an einem solch gestandenen Künstler gen Null tendiert. Vielleicht liegt es daran, dass diese Art Musik nichts mit belanglosem Popgedudel oder deutschem Schlager zu tun hat, sondern eher den Duft der weiten Welt verströmt und durchaus einen gewissen Anspruch an niveauvolle Unterhaltung mitbringt.
Wir haben uns gefreut, Thomas Stelzer zu einem ausführlichen und sehr interessanten Gespräch treffen zu können und haben über seinen musikalischen Werdegang, seine diversen CD-Produktionen und über das aktuelle Fats Domino-Programm gesprochen. Des Weiteren erfahren wir jede Menge Details zu seinen vielen Treffen mit den schon erwähnten Größen der Szene, aber auch über die unterschiedlichen Formationen, mit den Stelzer unterwegs ist. Wir reden über das Dixieland Festival, wissen jetzt, warum ein privater Radiosender von jetzt auf gleich die Stelzer-Musik aus dem Programm genommen hat und reden natürlich auch über die derzeitige Schieflage durch Corona ...




Normalerweise beginne ich meine Interviews mit einem positiven Ereignis. Wir führen unser Gespräch aber leider in einer Zeit, auf die wir alle sehr gerne verzichten würden. Das öffentliche Leben ist weitgehend lahmgelegt, tausende Firmen gehen vor die Hunde und die Kultur mit all ihren Verzweigungen ist quasi mausetot. In deinem neuen Song, den man auf Deiner Webseite findet und der überraschenderweise "Lockdown Blues" heißt, beschreibst du die Situation mit sehr treffenden und persönlichen Worten, aus denen auch eine ordentliche Portion Frust herauszuhören ist. Ist das eine Art Abrechnung mit den -je nach Sichtweise- hilflos bis chaotisch wirkenden, manchmal auch unsinnig erscheinenden Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie? Oder drückst Du einfach nur Deine Verzweiflung aus, weil Deine berufliche Existenz auf dem Spiel steht und derzeit nicht wirklich Land in Sicht ist?
Die Antworten, die Du gleich in Deine Frage mit reinlegst, sind wahrscheinlich alle in gewisser Weise richtig. Aber ich muss dazu sagen, es ist nicht nur Frust bei mir herauszuhören, sondern auch Optimismus. Es soll auch keine Abrechnung sein, sondern eher eine Zustandsbeschreibung mit Ausblick, mit dem Blick nach vorne. Ich bin ein positiv denkender Mensch, auch wenn es im Moment nicht ganz leicht ist. Auf keinen Fall möchte ich mich in den Chor derer einreihen, denen es richtig schlecht geht. Bei mir sind einige staatliche Hilfen geflossen, aber da gibt es wirklich andere Leute, die es richtig hart getroffen hat, wie zum Beispiel die Zirkusleute.

Du bist ja nun ein Musiker, der pausenlos live spielt. Weißt du noch, wann und wo du deinen letzten Auftritt hattest?
Mein letzter Auftritt war im September 2020, als es gerade mal ein paar Lichtblicke gab. In Dresden hatte man sogenannte Kulturinseln errichtet, wo man als Künstler endlich mal wieder ein Konzert geben konnte. Allerdings durfte der Auftritt höchstens zwanzig Minuten lang sein, dafür konnte man aber sechs Mal hintereinander spielen,002 20210419 1264470125 um den Leuten die Chance zu geben, von Bühne zu Bühne zu gehen und alle Künstler zu erleben. Eine wunderbare Initiative, letztlich war das aber nicht die Art Konzert, die man sich wünscht. Das letzte echte Konzert hatte ich Anfang März 2020. Ende März stand für mich eine Tour mit insgesamt zehn Konzerten in zwölf Tagen auf dem Plan, die ist aber bereits komplett ins Wasser gefallen.

Manche Künstler und Bands haben versucht, die Zeit des Stillstands mit Aktionen wie Autokino-Auftritten oder Wohnzimmerkonzerten per Livestream zu überbrücken. Kamen solche Dinge für Dich auch in Frage?
Ich habe während dieser ganzen Zeit lediglich unseren Fans auf meiner Webseite angeboten, ihnen einen kleinen Weihnachts- oder Geburtstagsgruß zu senden. Ich setze mich dazu zuhause an meinen Flügel und spiele ungefähr eine Minute lang einen Blues an, sende ein paar herzliche und persönliche Grüße dazu. Die Leute freuen sich, wenn sie das dann geschickt bekommen.

Auf deiner Webseite stehen allein für den Mai acht Live-Termine und für die Folgemonate kann man auch schon etliche Termine buchen, unter anderem für die obligatorische Usedom-Tour. Wie optimistisch bist Du, dass irgendetwas davon tatsächlich stattfinden wird?
Eigentlich habe ich für alle aufgeführten Konzerten feste Zusagen der Veranstalter, sonst stünden sie nicht auf meiner Webseite. Abgesagt wurde jedenfalls noch nichts, so dass ich vorsichtig optimistisch bin. Natürlich gibt es hier und da Befindlichkeiten mancher Veranstalter, die sagen, dass es vorn und hinten nicht aufgeht, was von ihnen verlangt wird. Ich bleibe auf jeden Fall optimistisch, kann aber natürlich derzeit nicht garantieren, dass wirklich alle Konzerte stattfinden. Aber ich hoffe, dass wir spätestens Ende Mai wieder richtig durchstarten können.

Nun wird es ja höchstwahrscheinlich so sein, dass den Veranstaltern bestimmte Hygiene-Konzepte auferlegt werden. Wie weit würdest Du da mitgehen? Wann wäre für Dich der Punkt erreicht, dass Du sagst, unter diesen Umständen macht es für mich keinen Sinn oder keinen Spaß mehr, ein Konzert durchzuführen?
Es macht immer dann Spaß, wenn es allen Beteiligten etwas bringt. Das heißt, der Veranstalter muss für sich am Ende des Tunnels ein Licht sehen. Er kann natürlich nicht diesen ganzen technischen Aufwand betreiben, wenn er seinen Saal nur mit einem Viertel der möglichen Zuschauerzahl füllen darf. Wir als Musiker können theoretisch auf alles verzichten, wollen es aber nicht. Und das Publikum möchte auch nicht immer nur gegängelt werden mit Abstandshaltung usw. Richtig Spaß machen wird es erst wieder, wenn wir einen Zustand zurückbekommen, wie wir ihn uns alle wünschen. Wenn etwas möglich sein sollte, versuchen wir das auf jeden Fall umzusetzen. So haben wir beispielsweise ein Gospelkonzert in einer Kirche gegeben, wo wir mit nur zehn Leuten auf der Bühne gesungen haben, obwohl wir eigentlich fünfundzwanzig gewesen wären. Wir Künstler mussten auf der Bühne dermaßen viel Abstand zueinander halten, dass man auf einem Foto überhaupt nicht alle zehn Sänger und Sängerinnen sieht. Sie waren so gut im Altarraum verteilt, dass man sie zwar gehört, aber nicht komplett gesehen hat. Die Zuschauer waren zwar echt begeistert über den guten Sound, aber für uns war das schon ein äußerst gewöhnungsbedürftiges Erlebnis. In einem Gospelkonzert ist es vor allem wichtig, dass die Leute mitmachen können. Wenn man dann aber die erste Reihe mit einem Abstand von sechs, sieben Metern zur Bühne hat, ist das nicht mehr dasselbe wie in den alten Zeiten.



Du warst zuletzt u.a. mit deinem "Let's Fats"-Programm unterwegs, einer Huldigung für den 2017 verstorbenen Fats Domino. Wenn du einem anderen Musiker ein eigenes Programm widmest, muss du schon eine besondere Verehrung für diesen Künstler empfinden. Was macht für dich die Faszination eines Fats Domino aus, welche Bedeutung hatte er für dich?
Fats Domino hat ganz viele tolle Konzerte hingelegt, aber der eigentliche Hintergrund seines Erfolges ist die Arbeit seines Mentors und Bandchefs Dave Bartholomew, der selber mal Trompeter in der Band von Duke Ellington war. Dave Bartholomew hat auch zum großen Teil die Songs für Fats Domino ausgesucht und war federführend für den Sound verantwortlich. Fats Domino hat in seiner für ihn bekannten Art und Weise mehr oder weniger das Aushängeschild gegeben für die typische Südstaaten-Musik in den Endvierzigern bis hin zu den 60er Jahren. Man kann also sagen, durch ihn wurde dieser typische Stil und Sound der 50er und 60er Jahre weltberühmt. Natürlich muss man im gleichen Atemzug auch noch andere Künstler dieser Zeit nennen, die ebenfalls aus New Orleans stammen, wie Mahalia Jackson oder Louis Armstrong. Die Liste ist endlos.

Hast Du Fats Domino mal persönlich kennengelernt?
Ja, allerdings nur ganz kurz. Und ich durfte sogar mal mit Teilen seiner Band in der "Piano Night" in New Orleans zwei Stücke spielen. Das hat mich wahnsinnig gefreut und das ist selbstredend ein bleibendes Erlebnis.

003 20210419 1947537619Wie kamst Du auf die Idee zu diesem Tribute-Programm?
Ich weiß bis heute nicht, wie wir diese Idee so schnell umsetzen konnten. Wenn wir irgendwo auf Tour sind, dann sitzen wir abends manchmal alle zusammen und spielen so ein bisschen vor uns hin. Dazu wird was getrunken und oft auch gegrillt. Und bei einem solchen Beisammensein warf ich in die Runde, dass Fats Domino 90 Jahre alt wird. Was können wir da tun? Das Beste wäre, wir würden einfach mal ein paar Songs aufnehmen und schenken ihm die. Ich würde mit den Aufnahmen nach New Orleans fliegen, ich weiß auch, wo er dort wohnt, und ich würde Fats die Aufnahmen dann gerne persönlich übergeben. Und so beschlossen wir im August, dass wir spätestens im Oktober ins Studio gehen. Im Studio stellte ich dann aber fest, dass es mit zwei, drei Songs nicht so richtig funktionierte, also entschlossen wir uns, Medleys zu machen. Wir waren mitten in der Produktion dieser Medleys, als Fats Domino am 24. Oktober 2017 plötzlich starb. Wir führten die Produktion natürlich zu Ende und stellten die Aufnahmen für die CD fertig. Die CD wurde dann ohne unser Zutun und ohne unser Beisein zu seinem 90. Geburtstag der Familie von Fats Domino überreicht.

Gab es aus dem Fats Domino-Umfeld Reaktionen darauf?
Ja, die gab es, wenn auch nur indirekt. Aber wir wissen, dass sich die Familie gefreut hat. Sie haben sich dafür bedankt und gesagt, sie hätten nicht gedacht, dass Deutsche diese Musik so gut spielen können.

Die Live-Präsentation dieses Programms kann durchaus etwas variieren, weil nicht immer alle Musiker dabei sein können. Wer gehört bei der "Let's Fats"-Tour zum musikalischen Stamm der Band?
Der Stamm der Band besteht zunächst aus meiner Trio-Besetzung, also neben meiner Wenigkeit Christoph Dehne am Schlagzeug und Thomas Böhme am Bass. Die beiden sind in allen meinen Formationen dabei. Dann dürfen bei einem Fats Domino-Konzert natürlich die Bläser nicht fehlen. Wir sind in der glücklichen Lage, auf drei phantastische Saxophonisten zurückgreifen zu können, und zwar Bernd Aust, ehemals Chef von ELECTRA, dann Christian Patzer, ein ganz gestandener Musiker aus Dresden und letztlich Max Ender am Tenorsaxophon, der übrigens auch alle Bläsersätze geschrieben hat. Diese sechs Musiker zählen zur Stammbesetzung des Fats Domino-Programms. Ab und zu begrüßen wir noch den einen oder anderen Gastmusiker wie z.B. Bernd Kleinow an der Mundharmonika oder auch gerne mal einen Gitarristen. Wir legen auch großen Wert darauf, die Konzerte immer in der Sechser-Formation durchzuführen. Manchmal müssen wir aus den unterschiedlichsten Gründen auf ein Saxophon verzichten, dann geht es auch mal zu fünft, aber für den optimalen Sound sind eigentlich alle drei Saxophone notwendig.

War es dir wichtig, die Songs möglichst authentisch im Fats Domino-Gewand rüberzubringen, was ja bei einem Tribute-Konzert durchaus Sinn macht, oder blieb durchaus noch Spielraum für zeitgemäße und kreative Einflüsse in den Arrangements?
Es gibt da ein paar Holländer, die uns auch schon zu einem Jazzfestival in ihr Land eingeladen haben, damit wir dort unser Fats Domino-Programm präsentieren. Die waren der Meinung, es sei sehr dankenswert, dass ich nicht versuche, Fats Domino gesanglich zu kopieren. Damit haben sie vollkommen Recht, denn das geht absolut nicht, das schafft niemand. Stilistisch wiederum sind wir dem Original möglichst treu geblieben. Grundsätzlich denke ich, dass bei solchen Tribute-Geschichten die meisten Musiker ohnehin ihren eigenen Stil einbringen. Ich besitze eine Fats Domino Tribute-CD mit Künstlern aus der ganzen Welt, wo sogar ein gewisser John Lennon einen Song singt. Diese Künstler haben den Liedern durchweg ihren eigenen Stempel aufgedrückt. Wir haben hier das genaue Gegenteil davon gemacht, wir haben nämlich den Beweis erbringen wollen, dass wir in der Lage sind, die Nummern möglichst nah am Original zu belassen, wenn wir sie aufnehmen. Wir hatten keinesfalls vor, hier eine möglichst erfolgreiche Platte zu produzieren, sondern es sollten einfach nur ein paar kurze Aufnahmen werden, die wir ihm in New Orleans an seinem 90. Geburtstag in die Hand drücken. Solche Geschichten ändern sich aber manchmal noch während der Produktion, denn natürlich konnten wir nicht ahnen, dass er plötzlich von uns geht. Jedenfalls waren wir, so blöd es auch klingen mag, die Ersten, die nach seinem Tod ein Tribute-Album in der Hand hatten. Aber klar ist auch, dass wir uns das logischerweise nicht so gewünscht hatten.

004 20210419 1877323606Du machst auf Deinen Konzerten keinen Hehl daraus, dass Du auch ein glühender Verehrer der Soul-Legende Ray Charles bist. Könntest Du Dir vorstellen oder planst Du es vielleicht schon, auch mal ein Ray Charles-Tribute, in welcher Form auch immer, zu gestalten?
Das habe ich mir zu keiner Zeit vorgenommen. Ich kenne ein paar Leute, ohne jetzt Namen nennen zu wollen, die sich an dieser Aufgabe versucht haben. Da wusste ich ganz schnell, was ich besser nicht machen sollte. An Fats Domino habe ich mich ja gerade noch herangewagt, aber bei Ray Charles hört es auf. Der Mann hat einfach einen Wahnsinns-Sound, der absolut natürlich klingt. Man muss es Ray Charles hoch anrechnen, dass er irgendwann auf seinen Manager gehört und sich selber gesungen hat. Am Anfang seiner Karriere hat Ray Charles nämlich erst andere Leute gecovert und nachgesungen. Hörst Du Dir diese Platten an, erkennst Du Ray Charles nicht. Eines Tages sagte man ihm dann, er möge doch bitte mit seiner eigenen Stimme singen und sich nicht mehr an seinen Vorbildern orientieren. Das war genau die richtige Entscheidung. Deshalb wäre es mehr als vermessen, wenn wir uns jetzt auch noch an Ray Charles heranwagen würden. Manche Dinge sollte man einfach so belassen, wie sie sind.

Du hast es erwähnt, deine musikalische Ausrichtung geht in Richtung Südstaaten-Blues und hier hat es dir speziell der Rhythm & Blues im New Orleans-Style angetan. Bevor wir diesbezüglich etwas ins Detail gehen, versuche dem Leser, der vielleicht nicht ganz so in der Materie zuhause ist, doch mal in wenigen Sätzen zu erklären, warum es Dich musikalisch ausgerechnet an den Mississippi zieht. Du hättest ja auch Rockmusiker werden und den beiden großen Bands deiner Heimatstadt Dresden, nämlich LIFT und ELECTRA, Konkurrenz machen können.
Das ist ganz schwer zu beantworten. Man sagt ja, die Umwelt formt den Menschen. In meiner Familie wurden damals sehr viel Jazzplatten gehört, soweit sie in der DDR zugänglich waren. Ich rede hier von Leuten wie Kenny Ball, Acker Bilk oder Chris Barber. Das waren Live-Konzerte, die in Berlin mitgeschnitten und bei AMIGA veröffentlicht wurden. Außerdem hatten wir zuhause ein kleines Instrumentarium. Wie es dann am Ende bei mir dazu geführt hat, dass ich genau diese Musik mag und liebe, weiß ich nicht. Rockmusik jedenfalls ist nicht wirklich meins. Stattdessen gefiel mir schon immer die Stilistik und die legere Art, wie die Jazzer ihre eigene Rhythmik auffassen. Übrigens war mir Jahrzehntelang nicht bewusst, dass ich eigentlich die New Orleans-Musik liebe. Für mich war New Orleans immer nur verbunden mit Dixieland und Jazz a la Louis Armstrong & Co. Erst viel später fand ich heraus, dass diese Musik, die mich heute immer noch so wahnsinnig interessiert, wie z.B. die Musik von Dr. John oder James Booker, ja auch zur New Orleans-Musik gehört. Dazu muss man folgendes wissen: durch die Lage von New Orleans am Mississippi und dem damit verbundenen Status als Hafenstadt hat sich in jedem Jahrzehnt eine neue musikalische Stilistik herausgebildet. Das ging über den Soul bis hin zum Hip Hop. Den Soul der 60er Jahre hat eben nicht James Brown erfunden, wie immer behauptet wird, sondern das waren Leo Nocentelli, ein Gitarrist, und THE METERS, aus denen später die NEVILLE BROTHERS hervorgingen. Die hatten in jungen Jahren etwas gegen den Oldtime Jazz einzuwenden und änderten mal einfach so die Schlagzahl, in dem sie ihren Vätern zum Trotz alle vier Schläge durchschlugen und nicht wie beim Swing die Schläge nur auf zwei und vier betonten. Das war natürlich in erster Linie ein reiner Protest, aber daraus entstand eine völlig neue Musik. Und das könnte ich jetzt stundenlang fortsetzen. Eins will ich aber abschließend noch loswerden. Mir wurde nämlich eines Tages der Ursprung des Namens "Dixieland" klar. Es gab damals einen 10 Dollar-Schein, den es nur in den Südstaaten gab. Und dieser "Dix", was im Lateinischen für "zehn" steht, gab der ganzen Region und damit dieser Musik den Namen.

Mit dieser Art Musik hast Du Dir im Laufe der Jahre einen festen Fankreis erspielt, aber dennoch, machen wir uns nichts vor, füllst Du damit nur eine Nische aus und findest darüber hinaus medial leider kaum Beachtung. Schwillt Dir nicht die Krawatte, wenn Du das Radio anmachst und hörst, dass man mit seichtem Popgedudel ohne jeden musikalischen Anspruch in den Charthimmel stürmen kann, dass diesen sehr oft absolut talentfreien "Stars" Millionen von Menschen zu Füßen liegen und sich die Plattenfirmen damit dumm und dämlich verdienen, während ehrliche, handgemachte Musik wie die Deine am Ende nur einen begrenzten Hörerkreis erreicht?
Nein, ganz im Gegenteil. Eine Nische zu besetzen ist in meinen Augen schon mal ein Riesenvorteil. Und ich möchte mit diesen Leuten, die Du eben beschrieben hast, nicht tauschen. Diese Musik präsentieren zu wollen oder gar zu müssen, wäre für mich eine Riesenherausforderung, was noch recht milde ausgedrückt ist. Zumal das ja auch überhaupt nicht mein musikalischer Weg und schon gar nicht meine musikalische Ausrichtung ist.005 20210419 1032304999 Darauf habe ich echt keine Lust. Deshalb bin ich sehr froh über die Nische, in der wir stecken. Übrigens habe ich ohnehin riesigen Respekt vor großen Bühnen. Wenn ich also mal eine größere Sache mache, reicht es mir dann auch für die nächsten drei Jahre damit. Ich halte es mit J.J. Cale: klein und bescheiden, nicht so übertrieben auftreten, sondern einfach sein Ding machen, das ist am Ende wichtig.

Wenn man einem Sound frönt, der am anderen Ende der Welt zuhause ist, möchte man diesen Sound natürlich auch eines Tages mal hautnah spüren, ihm sozusagen direkt auf die Pelle rücken. Im Jahr 2004 hast Du Dir diesen Wunsch mit dem Album "Cajun Moon" scheinbar erfüllt, denn dieses Album wurde nicht irgendwo aufgenommen, sondern tatsächlich an der Wiege des Mississippi-Sounds, in New Orleans. Wie kam es dazu, wo genau habt Ihr die Platte aufgenommen und welche Musiker waren daran beteiligt?
Die Idee dazu entstand bereit 1999, als wir es erstmals nach New Orleans zum "Jazz & Heritage Festival" geschafft hatten. Insgesamt gibt es im Jahr zwölf Festivals allein in New Orleans, aber dieses ist halt das größte. Das ist eine Freilichtveranstaltung mit damals zehn Bühnen, heute sind es wohl schon ein Dutzend. Die Begeisterung bei uns war riesengroß, wir kamen aus dem Schwärmen gar nicht mehr raus. Wir gingen gedanklich sofort in die zweite Runde und sagten uns, wir müssen unbedingt wiederkommen und dann mehr Leute mitbringen. Das haben wir auch getan. Im Vorfeld habe ich den Kontakt zu einem Musiker klargemacht, den ich in Europa kennenlernte. Der Musiker hieß Marc Adams, der spielte Orgel und war auch kräftig auf dieser Platte vertreten. Marc gab uns den Tipp, zu einem Chris Polachek zu gehen, der ein nettes kleines Homestudio besaß. Es gab nur ein Problem für uns: das Schlagzeug stand in einer Gartenlaube und war vollkommen durchmikrofoniert, man brauchte deshalb nichts mehr auf- oder abzubauen. Allerdings gab es keinen Blickkontakt. So saß eben Frank Müller am Schlagzeug in dieser Laube und ich am Piano im Haus. Einzig über Kopfhörer hatten wir Verbindung zueinander. Diese Platte haben wir also so eingespielt, wie man es sich als Musiker nicht (!) wünscht, aber wir haben funktioniert wie zwei Rädchen. Zum einen, weil wir schon ewig lange zusammenspielten und zum anderen war Frank Müller einer der besten Drummer unserer Region. Wir haben dann bei Chris Polachek im Studio die Grundbänder aufgenommen, was zwei Tage Zeit in Anspruch nahm. An den Tagen drei bis fünf kamen von mir eingeladene Gastmusiker ins Studio, deren Kontakte ich zum Teil auch über Marc Adams geknüpft hatte. Die Absprachen gingen damals schon alle per Mail vonstatten und somit standen ruckzuck große Musiker vor mir. So war zum Beispiel Charles Miller dabei, der der Chef der Bläsersektion von Dr. Johns Band war. Oder Jerry Jumonville, ein großartiger Saxophonist, der u.a. das Solo von "Baby Jane", diesem Hit von Rod Stewart, eingespielt hat. Leider lebt Jerry auch nicht mehr. Der hatte übrigens fünf Kinder und wurde von seiner Frau verlassen. Das war der echte Blues des Lebens. Nicht vergessen darf man auch den Gitarristen Anders Osborne. Allesamt sehr illustre Leute, die an unserer CD mitwirkten. Ich habe mich sehr darüber gefreut, denn wir hätten ja noch ein paar Jahre vorher niemals geglaubt, dass solche Dinge überhaupt möglich wären.

Wie fühlt man sich dort, wo all die Musik zuhause ist, die man selber so verehrt? Könntest Du Dir vielleicht sogar vorstellen, dort irgendwann mal dauerhaft Deine Zelte aufzuschlagen?
Das kam damals schon deshalb niemals in Betracht, weil unsere beiden Kinder noch recht klein waren. Im Übrigen waren und sind die ökonomischen Verhältnisse für Musiker in New Orleans sehr angespannt. Es gibt davon gefühlt Tausende. Und schon von den ersten tausend sind neunhundert wahrscheinlich besser als ich. Nein, im Ernst, Du kriegst da keinen Fuß in die Tür. Niemand lässt sich ohne Weiteres den Markt wegnehmen, den er sich schwer erkämpft hat. Unabhängig davon verspürst Du als Musiker aber ganz oft das Bedürfnis, einfach mal mitzuspielen, wenn irgendwo gerade eine Session läuft oder eine Band spielt. Das ist für New Orleans normal und das habe ich dann auch getan. Zum Beispiel hatte ich einmal das Vergnügen, an einem Abend mit Levon Helm spielen zu dürfen. Levon Helm ist der legendäre Schlagzeuger von THE BAND. Da muss man sich einfach melden und sich anbieten, wenn sich eine solche Chance auftut. Für einen gelernten DDR-Bürger wie mich waren solche Momente immer etwas ganz Großes, ich hatte jedes Mal Lampenfieber und wusste überhaupt nicht einzuordnen, was gerade mit mir passierte. So richtig klar wurden mir diese Dinge immer erst, wenn ich wieder zuhause war. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

006 20210419 1222985354Ich kenne New Orleans leider nur vom Hörensagen, von den Erzählungen diverser Musiker oder von Freunden, die ebenfalls häufiger da waren. Eine Aussage tauchte dabei immer wieder auf, nämlich dass es in der Stadt 24/7 Livemusik gibt.
Das stimmt, wobei es natürlich von Gegend zu Gegend variiert. Am French Quarter beispielsweise gibt es ein Café, da spielt den ganzen Tag jemand. Mitunter findet man dort Musiker, die noch relativ neu im Geschäft sind, die sich bekanntmachen und ein bisschen nach oben arbeiten wollen. Auch am Jackson Square spielen immer mehrere Bands, teilweise solche mit ganz seltsamen Instrumenten. Das ist die Ecke, wo auch immer viel Touristen zu finden sind. Die Abendkonzerte beginnen dort allerdings immer erst um 22 Uhr und gehen bis in die frühen Morgenstunden, was aber normal ist, denn das sind alles Nachtmenschen. New Orleans ist eben eine ganz eigene Stadt und bestimmt auch die einzige Stadt in den USA, die ein solches Flair besitzt.

2006 folgte mit "New Orleans Brainstorming" das nächste am Mississippi produzierte Album, ehe dann 2010 eine ganz besondere CD das Licht der Welt erblickte, nämlich "Dreams The New Orleans Session 2010". Hier hattest Du die Ehre, mit einem gewissen Malcom John Rebennack alias Dr. John zusammen zu musizieren. Wie hat der Dresdner Musiker Thomas Stelzer es geschafft, diese Ikone des Südstaaten-Blues, des Jazz und Rock'n'Roll einzufangen und zum Gastspiel auf seinem Album zu bewegen?
Wir haben uns schon vorher in Deutschland kennengelernt, und zwar in Jena. Da fuhr ich zu seinem Konzert und konnte backstage ein paar Minuten mit Dr. John plaudern. Unser erstes Zusammentreffen gab es aber noch früher. Bei unserem ersten Aufenthalt in New Orleans habe ich eine Dreiviertelstunde backstage in der prallen Sonne gestanden und habe auf eine Audienz bei Dr. John gewartet. Das machte wirklich keinen Spaß, bei gefühlten 50 Grad da rumzustehen, aber es hatte sich gelohnt, denn ich wurde irgendwann tatsächlich zu ihm vorgelassen. Wir haben uns ein Weilchen unterhalten, wobei aber das Wort "unterhalten" sehr gewagt ist, denn man versteht den Mann nicht! Er sprach einen solchen Slang, dass ich keine Chance hatte. Mir blieb nichts weiter übrig, als immer nur "Yes" und "No" zu sagen. Da spürte ich mit meinen Schulenglischkenntnissen deutlich meine Grenzen. Wie auch immer, ich fragte über seinen Gitarristen John Fohl höflich bei Dr. John an, ob er Lust hätte, am 28. April 2010 zu uns ins Studio zu kommen. John Fohl legte ein paar gute Worte für uns ein und ich kann Dir sagen, es war ein unvergesslicher Moment, als sich die Studiotür öffnete und Dr. John wahrhaftig hereinkam. Wir wechselten zunächst ein paar Worte, wobei er sich diesmal Mühe gab, langsamer und in richtigem Englisch zu reden, damit ich auch eine Chance hatte, ihn zu verstehen. Anschließend hörte er sich zwei Songs von uns an und meinte, das klingt super, das gefällt ihm. Das ging natürlich runter wie Öl. Ich hatte in weiser Voraussicht schon zwei Textblätter mit riesengroßer Schrift vorbereitet, so dass wir die beiden Songs im Duett singen konnten. Am Ende freuten wir uns beide, dass es so toll funktioniert hat.

Habt Ihr Euch danach aus den Augen verloren oder gab es nochmal ein Wiedersehen?
Ich habe ihn später noch einmal getroffen, da hatten wir dann auch etwas mehr Zeit, uns zu unterhalten. Bei dieser Gelegenheit konnte ich ein Stück namens "Down in New Orleans" vorspielen, welches ich geschrieben hatte. Daraufhin sagte Dr. John zu mir, weil ihm das Lied so gut gefallen hat: "This song have to be my song!", also "Dieser Song müsste eigentlich mein Song sein!" Das war natürlich großartig. Und John Fohl meinte sogar, dass Dr. John das Lied irgendwann mal live gespielt hätte, aber dafür gibt es weder Zeugen noch Beweise.

Auf der Platte wirken insgesamt vierzehn Musiker mit, u.a. lokale Größen wie John Fohl und die leider schon verstorbenen Marc Adams und Jerry Jumonville, aber auch Bernd Kleinow und Dein Drummer Christoph Dehne. Waren für die Produktion des Albums alle Musiker direkt vor Ort oder ging man den digitalen Weg, dass jeder seinen Part im eigenen Studio eingespielt hat und später alles per Internet eingesammelt und zusammengefügt wurde?
Bei dieser Platte lief das etwas anders ab, da es eine sehr kurzfristige Entscheidung war. Wir nahmen in Dresden die Grundbänder auf, verteilten diese dann per Mail an die Musiker und wir erfuhren im Anschluss von Mark Bingham, dem Betreiber des Studios, welche Musiker zugesagt hatten. Als wir unsere Besetzung zusammen hatten, gingen wir ins Studio und nahmen dort trotzdem die Grundbänder noch einmal neu auf, weil das dort einfach so üblich ist. Und dabei stellte sich heraus, dass Mark Bingham auch sehr ordentlich abmischen kann, was nicht verwunderlich war, denn er hatte ja nicht ohne Grund eine Platin-Platte bekommen für die Produktion des Stevie Wonder-Albums "Songs in the key of life". Mark Bingham meinte zwar, unsere Aufnahmen aus Dresden seien gut, aber er würde es trotzdem nochmals mit seiner eigenen Tontechnik neu aufnehmen.007 20210419 1040821277 Wir empfingen dann unsere Gastmusiker und hatten vier, fünf Tage enormen Stress, zumal wir die Aufnahmen ja auch gleich vor Ort gemischt haben. Das führte dazu, dass wir am Ende mit der fertigen Platte unterm Arm aus dem Studio kamen, was für uns sehr beeindruckend war. Natürlich hatte Mark Bingham mit seinem Team den größten Anteil daran. Und ich muss es nochmal erwähnen: die Krönung war der Moment, als Dr. John das Studio betrat. Ich bin ehrlich, bis zum Schluss hatte ich ja echte Zweifel, ob er wirklich kommen würde. Aber John Fohl beruhigte mich und meinte, der kommt auf jeden Fall. Und so war es dann ja auch.

Du kannst auf einige Live-Auftritte in den USA zurückblicken, u.a. konntest Du einmal mit Buddy Guy und Dr. John die Bühne teilen. Was war das für ein Anlass, welche Erinnerungen hast Du daran?
An Buddy Guy habe ich die Erinnerung, dass wir in Chicago eingeladen waren. Aber nicht aus musikalischen Gründen, sondern weil wir früher in der DDR mal Amerikaner durch Dresden geführt hatten. Und als Dankeschön gaben die uns nach der Wende mal die Möglichkeit, für ganze zehn Tage Chicago zu besuchen. Meine Frau und ich haben das natürlich sofort genutzt. Leider waren wir zunächst sehr enttäuscht, denn wir waren im Winter da und hatten echt blödes Wetter. Chicago ist eben eine eisige Stadt, die nicht ohne Grund den Beinamen "The Windy City" trägt. Nun hatte ich im Vorfeld davon gehört, dass es in Chicago einen Club namens "Buddy Guys Legends" gibt. Bis dahin wusste ich nicht, dass sich Musiker immer ihren eigenen Club einrichten müssen. Wir gingen also völlig unbedarft dorthin und ich fragte einfach mal die Reinigungskraft, ob denn Buddy Guy hier wäre. Sie verneinte das, aber er würde im Laufe des Tages wohl noch vorbeikommen. Er kam dann auch tatsächlich. Ich stellte mich ihm vor und fragte, ob ich am Abend auch mal ein bisschen was spielen könnte. Buddy Guy zeigte auf das im Raum stehende Klavier und sagte nur: "Spiel!" Ich spielte einen Blues und hatte kurz darauf das Okay, am Abend mit auf die Bühne zu dürfen. Als der Zeitpunkt gekommen war, war ich von hervorragenden Musikern umgeben, die alle den typischen Chicago Blues spielten, was bedeutet, dass der Sound von elektrischen Gitarren und verzerrten Mundharmonikas geprägt ist und somit etwas härter ist als der Blues der Südstaaten. Buddy Guy pflegt das Ritual, immer mit der Gastband des Abends zusammen die ersten drei Stücke zu spielen, bevor er sich zurückzieht und der Band die Bühne überlässt. Da durfte ich also zu meiner Freude dabei sein und kam auf die Art in den Genuss, mit Buddy Guy zu spielen, was 1990 natürlich etwas ganz Besonderes war, denn die Wende war ja noch ganz frisch und man konnte all das, was ich hier erzähle, noch gar nicht richtig verstehen.

Und wie, wann und wo hast Du mit Dr. John auf der Bühne gestanden?
Das war in New Orleans. Weißt Du, das sind Sachen… Diese Leute sind einfach dort zuhause, da sind sie ganz normal, haben keinerlei Starallüren. Ganz im Gegensatz dazu, wenn sie in Europa spielen, da sind sie die großen Kings. Es macht Spaß und ist auch überhaupt kein Problem, ihnen mal über die Schulter zu schauen. Ich habe in New Orleans auch noch mit einigen anderen tollen Musikern zusammenspielen können, was immer ganz besondere und individuelle Erlebnisse waren. Bei Levon Helm war beispielsweise das Besondere, dass er seinen Sohn mitspielen ließ, der wiederum das Schlagzeug haargenau so spielte wie sein Vater. Der Sohn spielte an einem zweiten Drumset, aber ohne Mikrofonie. Man könnte "learning by doing" dazu sagen. Das fand ich großartig. New Orleans ist schon der Wahnsinn und eine ganz eigene Welt.

Bis man für sich die Liebe zum Südstaaten-Blues entdeckt, ist es sicher ein weiter Weg. Wie war denn deine musikalische Entwicklung, wann hast du begonnen dich ernsthaft für Musik zu interessieren?
Das ist schwer zu sagen. Meine Kindheit war geprägt von regelrechten Plattenhör-Arien, denn ich konnte ja nichts anderes machen als mitzuhören. Mein Vater hatte ein Banjo und irgendwann nahm ich dieses Banjo, obwohl ich das eigentlich nicht durfte, und versuchte, bei KENNY BALL & HIS JAZZMEN mitzuspielen. Später saß ich dann bei meiner Großmutter am Klavier, das war nämlich das einzige "Spielzeug" für mich, was dort zu finden war.008 20210419 1198231532 Mir machte das aber sogar Spaß, weil das so richtig toll klang. Dazu muss man wissen, in Dresden-Johannstadt gibt es Wohnungen, die sind 4,20 Meter hoch und manchmal noch höher, wodurch es natürlich unglaublich schön klingt, wenn man in einer solchen Wohnung musiziert. Wie das bei Kindern so ist, wünschte ich mir dann zu Weihnachten gleich ein eigenes Klavier.

Es ist zu lesen, dass du erst recht spät mit dem Klavierspielen angefangen hast. Stimmt das?
Das stimmt. Letztlich war das Erlernen des Klavierspiels eine Bedingung meiner Eltern. Als ich das Klavier bekam, war ich ungefähr zehn. Wir wohnten damals in einer Neubauwohnung im dritten Stock, was natürlich sehr viel Freude bei den Nachbarn erzeugte. Wir einigten uns dann wenigstens auf feste Zeiten, in denen ich am Klavier sitzen und spielen durfte. Leider fand ich keinen einzigen Klavierlehrer, der mich unterrichten wollte, denn ich war einfach schon zu alt. Eines schönen Tages, nachdem meine Mutter bereits alles von A bis Z abgesucht hatte, fand sich dann noch eine Klavierlehrerin für mich. Sie war der Meinung, ich hätte ein gewisses Talent, hat sich dann aber doch mächtig über mich geärgert. Ich hatte mir ja bereits das Klavierspielen weitestgehend selber beigebracht, aber das war alles mit falscher Handhaltung und falschem Fingersatz, so dass die Dame ihre liebe Müh und Not mit mir hatte. Das machte ich weiter, bis ich 16 war. Ich brachte die 10. Klasse hinter mich, fing eine Lehre an und konnte dadurch leider nicht mehr zum Klavierunterricht gehen.

Lass uns ein bisschen über Deine musikalischen Stationen plaudern. Bereits im zarten Alter von 14 Jahren hat Thomas Stelzer seine erste Band namens HELIOS gegründet. Wie ist die Kapelle entstanden und welches Instrument war Dir zugeordnet?
Ich habe natürlich Klavier gespielt, wann immer wir durften. Meistens dann, wenn wir zum Musikunterricht ins Kabinett kamen, habe ich mich vor der Stunde ans Klavier gesetzt und irgendetwas gespielt, was damals gerade aktuell war. SMOKIE… Udo Jürgens… All so was. Nun gab es ja zu dieser Zeit noch das "Fest der jungen Talente", wo wir mitmachen wollten. Also rief ich in die Runde: "Lasst uns doch eine Schülerband gründen!" Na ja, das waren natürlich sehr kühne Träume, denn wir hatten ja bis auf den Flügel im Musikkabinett überhaupt keine Instrumente. Aber wir ließen uns nicht entmutigen und so brachte jeder irgendwas mit. Einer hatte eine Wandergitarre und ich konnte über meinen Onkel ein altes Schlagzeug besorgen, was gefühlt aus den 30er Jahren stammte. Mit diesen wenigen Dingen haben wir dann versucht, Musik zu machen. Das "Fest der jungen Talente" bei uns in der Schule haben wir natürlich gewonnen, weil alle Mitschüler für uns waren. Die haben richtig doll applaudiert, obwohl die meisten uns in Wahrheit bestimmt blöd fanden. Wir wurden nach dem Sieg weiterdelegiert und sind erwartungsgemäß in der nächsten Runde jämmerlich gescheitert. Das war jedenfalls die Gründungsgeschichte zu unserer Band. Was noch fehlte, war ein Name und dann entschied ich kurz und bündig, die Band heißt HELIOS. Das war unverfänglich und vor allem unpolitisch.

Welche Art Musik habt ihr gespielt?
Du wirst es nicht glauben, aber wir haben bereits eigene Songs gespielt. Meine Songs. Aber genauso stand "We don't talk anymore" von Cliff Richard in unserem Programm. Allerdings möchte ich heute nicht mehr wissen, wie das geklungen haben muss…

Meine Recherchen ergaben, dass es dann mit der DOMINO BLUESBAND für dich weiterging. Wann war das? Ging diese Band aus der HELIOS-Formation hervor oder hatte das eine mit dem anderen überhaupt nichts zu tun?
Die hatten nichts miteinander zu tun. Mit dem Ende der Schulzeit haben wir natürlich HELIOS nicht weiter betrieben. Als ich 16 wurde, durfte ich endlich auch in unseren Jugendklub und sorgte dafür, dass ein Klavier in den Laden geschafft wurde. Ich organisierte dann einmal im Moment einen sogenannten Blues-Schoppen, der bei den Leuten gut ankam und von dem manch einer heute noch erzählt. Der Eintritt betrug 99 Pfennig, was wichtig war, denn ab 1 Mark musste man Kulturbeitrag entrichten, was wir uns natürlich geklemmt haben. Ich spielte immer meine Bluessachen, allerdings nur solistisch. Aber wie der Zufall es wollte, waren wir in meiner Lehrklasse gleich fünf Mundharmonikaspieler. Und wir fünf spielten ständig Stefan Diestelmann und Bernd Kleinow mit ihrem "Reichsbahnblues". In jeder Hofpause. Unsere Lehrer verdrehten schon immer die Augen, wenn sie uns zusammenstehen sahen, weil sie wussten, jetzt spielen wir wieder volle zehn Minuten lang den "Reichsbahnblues". Aus dieser Sache heraus bildete sich dann die DOMINO BLUESBAND. Das war jetzt nichts Großes, aber wir konnten uns hin und wieder eine Mugge organisieren und hatten das Gefühl, eine Band zu sein.

009 20210419 1156712967Dann hast Du also niemals mit dieser kriegsentscheidenden Frage "BEATLES oder ROLLING STONES?" zu tun gehabt?
Nein, ich hatte mit beiden Bands nicht viel am Hut. Mir gefiel jede Musik gut, die irgendwie Charakter hatte. Das setzt sich bis heute fort. Selbst eine gutgemachte Volksmusik ringt mir Respekt ab.

Die Weichenstellung für deine weitere Entwicklung kann man ablesen an deinen nächsten Bandstationen, die GREAT GARDEN JAZZBAND und DUSTY HATS hießen. Waren das schon richtige Profibands? Und wie kam es dazu, dass du in diesen Bands gespielt hast?
Nein, mit Profibands hatte das noch nichts zu tun. Die GREAT GARDEN JAZZBAND habe ich ebenfalls während meiner Lehrzeit gegründet, und zwar parallel zur DOMINO BLUESBAND. Da spielte meine damalige Freundin und heutige Frau den Schellenring. Wir hatten außerdem noch eine Trompete und eine Klarinette und wir spielten Dixieland. Eigentlich gehörte noch ein Banjospieler dazu, der die Band ursprünglich auch gegründet hatte. Mit dem kam ich aber musikalisch nicht zurecht und irgendwann schied er dann auch aus. Wir haben damals zwar nur wenig live gespielt, dafür aber viel geübt. Übrigens gehörte mit Axel Batsch auch noch ein Schlagzeuger zur Band. Es war eine sehr lustige Zeit. Und falls Du jetzt nach der Herkunft des Bandnamens fragen willst: wir haben uns GREAT GARDEN JAZZBAND genannt, weil es die BLUE WONDER JAZZBAND schon gab. Also BLUE WONDER für das Blaue Wunder und GREAT GARTEN für den Großen Garten. Die Dresdner wissen, was damit gemeint ist.

Nun passierte all das ja zu tiefsten DDR-Zeiten. Das Augenmerk der kulturellen Obrigkeit lag bekanntlich auf einer dem Staat zugewandten deutschsprachigen Rock- und Popszene. Wie konntest Du Dich da mit Deiner eher bluesig-jazzigen Orientierung platzieren, noch dazu mit einem solchen Namen wie GREAT GARDEN JAZZBAND?
Da haben andere schon etwas Vorarbeit geleistet. Mein Onkel hatte zum Beispiel die ELB RIVER SKIFFLE GROUP. Dadurch, dass das Dixieland-Festival bei uns in Dresden ansässig war, musste man mit solchen Bandnamen leben. Zumal während des Festivals wohl kaum eine Band mit deutschem Namen in Dresden aufschlug. Das war zum Glück eine kleine, eigene Welt, die man uns auch gelassen hat. Ach, warte mal, an eine deutschsprachige Truppe kann ich mich doch noch erinnern: BLAMU aus Weimar. Selbst neuere Bands wie die SALTRIVER JAZZBAND, zu der u.a. Frank Müller gehörte, haben sich einfach nach dem Salz und dem Fluss Werra benannt, weil sie von dort kamen. Aber Du hast schon die richtige Vorahnung, denn wir wurden tatsächlich nicht so gerne gesehen mit unseren Anglizismen im Namen und man versuchte uns einige Hürden in den Weg zu bauen. Man akzeptierte, dass die Leute uns gerne hörten, aber man hat es nicht unbedingt unterstützt und gefördert.

Welche Hürden waren das denn zum Beispiel? Ging es da möglicherweise um Deine Einstufung, die man ja regelmäßig vornehmen musste?
Genau so war es. Diese Einstufung war bei mir jedes Mal auf ein Jahr begrenzt, danach musste ich mich erneut bei der Kommission vorstellen. Ich hatte bis dahin immer nur den Amateurstatus, wollte aber nach meiner Armeezeit auf jeden Fall Profimusiker werden, da ich nicht unbedingt bis zum 65. Lebensjahr in meinem erlernten Beruf als Elektromaschinenbauer arbeiten wollte. Außerdem war es mein Traum, endlich meine Konzerte selber organisieren zu können. Zunächst erreichte ich dann irgendwann die "Sonderstufe Amateur" mit Konzertgenehmigung. Daran geknüpft war ein bestimmtes Honorar. Höher hinaus konnte man im Amateurlager nicht kommen. Nun schaute plötzlich ein gewisser Karlheinz Drechsel um die Ecke, der beim Dixieland-Festival der Chefmoderator war. Karl-Heinz meinte, wenn man mich in Sachsen nicht vorankommen lässt, dann muss ich nach Berlin gehen.

Wie hast Du nun Deine Einstufung als Profi geschafft?
Es hieß, die sogenannte Zentrale Honorarkommission darf über die Bezirksebene hinaus entscheiden. Nun haben die aber nicht unbedingt auf Thomas Stelzer gewartet. Doch Karlheinz Drechsel legte ein gutes Wort für mich ein, damit ich schnellstens meine "Berufspappe" bekomme. Ich musste dafür ein Konzert in der Nähe des Dresdner Kulturpalastes spielen. Drechsel sorgte dafür, dass die zuständigen Leute für die Einstufungen anwesend waren.010 20210419 1584650600 Gespielt haben wir im "Bärenzwinger" und alle meine Freunde waren als Publikum engagiert, damit die wild klatschen konnten. Ich spielte jedenfalls wie ein junger Gott, die Herrschaften waren ebenfalls aus dem Häuschen und ich bekam nicht nur die "A", sondern gleich die Einstufung "AB". Diese Geschichte habe ich Karlheinz Drechsel niemals vergessen.

In Dresden gab und gibt es immer noch den berühmten Jazzclub "Tonne". Der Legende nach soll der Jazzclub 1990 auch der Geburtsort des THOMAS STELZER TRIOS gewesen sein, richtig?
Nicht ganz, denn das Trio existierte schon vorher. Wir konnten zu DDR-Zeiten dort mit den DUSTY HATS proben und haben, damit wir keine Miete zahlen mussten, mindestens einmal im Jahr dort gespielt. Diese Konzerte waren immer restlos ausverkauft. Die DUSTY HATS waren übrigens eine Weiterführung der DOMINO BLUESBAND und hatten zum Ziel, endlich mal den Finger zu ziehen und voranzukommen. Ich stellte mich beim Dixieland-Festival vor den Kulturpalast mit einem riesengroßen Schild vor dem Bauch: "Suche Boogie-Woogie-Pianisten und Schlagzeuger für die Gründung einer Band." Meine Idee dahinter war, dass ich mit zwei Pianos auftreten wollte. Daraus entwickelten sich die DUSTY HATS. Wir durften wie gesagt im Jazzclub "Tonne" proben, taten das auch jede Woche ganz fleißig und hatten schon bald ein ordentliches Repertoire zusammen.

Mir drängt sich die Frage auf, welchen Einfluss die Wendezeit auf Deine Karriere hatte, da diese Zeit ja für viele Bands und Musiker aus der DDR das Aus oder aber zunächst eine lange Durststrecke bedeutete. Hat Dir diese Phase der musikalischen Neuorientierung der Menschen vielleicht sogar geholfen, Fuß zu fassen, denn mit Deiner Art Musik warst Du ja frei von irgendwelchen Altlasten.
Da gibt es zwei Aspekte zu betrachten. Das eine war die gewonnene Freiheit. Da sind wir uns wohl einig, das war eine irre Sache. Gleichzeitig bedauerten wir aber, dass es plötzlich viele alte Spielstätten gar nicht mehr gab. Ein paar Studentenklubs gab es vor allem noch im Thüringer Raum, aber mit der Einführung der D-Mark wurde das alles bedeutend schwieriger. Die Honorare konnten nicht gezahlt werden, man hatte noch nicht das richtige Gefühl für die neue Währung. Trotzdem hatten wir den Fakt der neugewonnenen Freiheit gut genutzt. Ich wurde zunächst für das Bundesland Sachsen Mitglied beim Rock- und Popmusikerverband Deutschlands. Als solcher besorgte ich mir die Adressliste für Musiker. Das ist ein richtiges Buch mit allen Spielstätten in ganz Deutschland. Nun habe ich tatsächlich dreitausend (!) ORWO-Kassetten bespielen lassen mit jeweils zweimal sieben Minuten. Es passten also ganze vier Stücke drauf. Diese ganzen Kassetten verschickten wir dann innerhalb Deutschlands an die Adressen aus dieser Adressliste. Das war eine Investition in die Zukunft, als andere noch Däumchen drehten und darauf warteten, dass die KGD, also die Konzert- und Gastspieldirektion, sie irgendwie retten würde. Ein Vierteljahr später habe ich dann die Adressen abtelefoniert und ging den Leuten auf den Senkel. Leider hatte das null Erfolg, höchstens ein bis zwei Prozent davon haben funktioniert. Das waren dann aber immerhin dreißig Konzerte, die daraus erwuchsen. Ringsherum wunderte man sich indessen, wieso die anderen alle keine neuen Auftritte hatten, aber Thomas Stelzer mit den DUSTY HATS auf Tour ging. Wir machten Station in Flensburg, Itzehoe, Hamburg, runter in den Frankfurter Raum, weiter nach München und Stuttgart - das war gar nicht so ohne. Und wir mussten nicht für `nen Appel und`n Ei spielen, sondern wir bekamen feste Honorare. Okay, hier und da haben wir auch mal ein bisschen Lehrgeld zahlen müssen, andererseits gab es aber dann immer wieder Menschen, die uns weiterempfohlen haben. Wir haben unsere Chance jedenfalls genutzt. Ich konnte mir 1990 sogar einen Traum erfüllen, als wir in Stuttgart in der Zuckerfabrik die Aufnahmen für meine erste LP machten.

Mit welcher Truppe hast Du diese LP aufgenommen? Mit den DUSTY HATS?
Nein, das waren STELZER & FRIENDS. Aber ich betone, es ist nur eine LP, die Du heute nirgends mehr finden wirst. Ich hatte übrigens schon in der DDR immer den dringenden Wunsch, eine eigene LP zu machen. Solche seltsamen Wünsche hat man als Musiker halt manchmal. Aber leider gab es damals auch schon einen gewissen Alexander Blume, der den Boogie Woogie und den Blues viel besser spielt als ich.011 20210419 1329504772 Natürlich hat sich AMIGA lieber auf ihn gestürzt und meine Chancen tendierten gen Null. Also musste ich mir diesen Traum selber erfüllen und meine erste LP in Eigenregie aufnehmen, finanzieren und auch selber verkaufen. Das war alles ein wenig abenteuerlich, aber ich habe alle eintausend Platten verkauft und heute sind die Fans stolz darauf, diese LP zu haben.

Nun hast Du eben erzählt, dass Du nach der Wende hauptsächlich mit den DUSTY HATS unterwegs warst. Wie sah denn die weitere Entwicklung des THOMAS STELZER TRIOS aus?
Das lief beides parallel zueinander. Wir haben ständig in unterschiedlichen Besetzungen gespielt, was ich ja bis heute so mache. Das richtet sich immer nach den Anforderungen und Wünschen des jeweiligen Veranstalters und der Größe der Location. Grundstock unserer Besetzungen sind auf jeden Fall Piano und Schlagzeug. Bei den DUSTY HATS bediente zuerst Stefan Schrammel das Drumset, der dann aber wieder in seinem eigentlichen Job als Brunnenbauer Fuß gefasst hatte, uns aber noch Matthias Peuker empfohlen hatte. Der fand sich in diesen etwas komplizierten New Orleans-Stil sehr gut ein, was für einen Schlagzeuger gar nicht so einfach ist. Unsere Zusammenarbeit hielt zehn Jahre lang, in dieser Zeit spielte Matthias Peuker in allen meinen Bands das Schlagzeug.

Du hast scheinbar keine Zeit verlieren wollen, denn bereits 1992 konnten die Liebhaber Deiner Musik die erste CD des THOMAS STELZER TRIOS mit dem Titel "Me And My Boogie Shoes" erwerben. Wenn ich mir die darauf enthaltenen Songs anschaue, sehe ich viel Altbekanntes wie z.B. "Stormy Monday Blues", "Key to the highway", "I hear you knocking" oder "Not fade away". Es war also zunächst ein Coveralbum oder befanden sich hier bereits erste Songs aus Deiner Feder auf der Scheibe?
Wenn ich das noch wüsste… Ich habe immer gerne eigene Songs geschrieben, aber für den Anfang wollte ich erstmal eine Platte machen, mit der wir uns auch irgendwo bewerben können. Das Medium CD war für uns seinerzeit noch relativ neu, deshalb sollte das schon alles passen. Es sollte etwas sein, was wir den Veranstaltern schicken können, was aber genauso den geneigten Zuhörer befriedigt, wenn er aus dem Konzert rausgeht, denn wir haben damals ja einen Großteil des Konzertes mit Klassikern gefüllt. Eigene Songs kamen erst später, was vor allem darin begründet lag, dass ich mir Anfang der 90er noch gar nicht richtig zutraute, eigene Bluessongs zu schreiben.

Wo wurde die CD aufgenommen? Und welches Label steckte dahinter? Ohne Dir zu nahe treten zu wollen, aber ich glaube nicht, dass zu der Zeit schon ein Major Label auf Euch zukam.
Wir haben unser eigenes Label gegründet und nannten das "Aust & Stelzer Production", kurz A & S. Bernd Aust hatte in seiner Garage ein eigenes Studio. Ich habe mir kurzerhand von der Konzert- und Gastspieldirektion einen Flügel ausgeliehen und dann haben wir insgesamt zehn Tage lang die Aufnahmen für die Platte gemacht und anschließend auch gleich gemischt. Danach wurde der Flügel wieder abgeholt. Die Platte war also fertig und wir waren stolz wie Bolle, dass wir eine erste eigene CD hatten. Noch dazu auf dem eigenen Label. Wir haben sogar noch die Eckdaten der DDR auf unserem Labelcode, nämlich LC4989, was aber purer Zufall war.

012 20210419 1360647210Wir reden hier von einem Trio. Wer war denn neben Dir und Matthias Peukert der dritte Mann?
Das war Burkhard Schmidt, der spielte die Saxophone. Mehr waren wir tatsächlich nicht.

Habt Ihr auf Euerm Label A & S auch andere Künstler produziert?
Ja, zum Beispiel haben wir die ersten drei Platten von Olaf Schubert bei uns gemacht, außerdem noch "Ostalgie" und "Dresden im Dixiefieber" und noch ein paar andere Sachen.

Gibt es das Label auch heute noch?
Nein, das haben wir eingeschläfert. Es gab keinen richtigen Markt mehr für uns.

1997 gelang Dir ein echter Coup, denn Du hast das Kunststück fertiggebracht, den gefragtesten Bluesharp-Spieler des ostdeutschen Raumes in Deine Band zu lotsen: Bernd Kleinow. Wie hast Du es geschafft, den "Käpt'n" zu engagieren, der ja zum Zeitpunkt des Einstiegs bei Dir gerade große Erfolge mit dem Musiker ST als CAPITAL BLUES DUO verzeichnen konnte?
Wenn ich das wüsste! Wir haben mal ein Problem gehabt, was wieder die These bestätigt, dass die meisten guten Sachen aus Problemen heraus entstehen. Ich glaube, mir ist eines Tages Burkhard Schmidt ausgefallen, aber da bin ich mir nicht hundertprozentig sicher und ich will nichts Falsches erzählen. Jedenfalls haben dadurch Bernd und ich in Hoyerswerda erstmals zusammengespielt. Und das auf Zuruf, ohne jede Probe. Ich gab Bernd eine Programmliste und schrieb ihm hinter jeden Song die Tonart. Nun ist Bernd ja einer, der sich auch in ihm bis dahin unbekannte Lieder sofort rein fühlt und rein hört und nach wenigen Sekunden mitspielen kann. Wir drei fanden unseren Auftritt riesig, das Publikum ebenfalls, so dass wir zu dem Schluss kamen, wir sollten das ruhig weitermachen. Die Idee kam bei Bernd gut an, wir mussten ihn auch gar nicht lange überreden. Nun muss ich dazu sagen, wir haben damals eine kleine Agentur betrieben und zum Beispiel das Programm für eine Kleinkunstagentur in Pirna gestaltet. Aus diesem Grunde hatten wir natürlich Kontakt zu vielen hundert Musikern und Bands, unter anderem auch zu Bernd und ST als CAPITAL BLUES DUO. Die haben wir manchmal an diese Bühne in Pirna vermittelt, wo ich auch hin und wieder die Ansagen machte. Wir kannten uns also schon. Aber wir hatten nun wirklich nicht vor, das CAPITAL BLUES DUO zu sprengen und ein eigenes Trio aufzumachen. Es hat sich einfach so ergeben.

Lass mich mal ein paar Bilder malen. Wenn ein Fußballklub einen außergewöhnlichen Spieler ins Team holt, muss sich sinnvollerweise die Spielweise der Mannschaft irgendwie an die Qualitäten des neuen Mitspielers anpassen, damit dessen Stärken voll zur Geltung kommen. Wie hat sich denn das Mitwirken von Bernd Kleinow auf die Spielweise Deiner Band, speziell live, ausgewirkt? Herr Kleinow ist zwar ein hervorragender Teamplayer, aber so richtig glänzen kann er bekanntlich erst, wenn man ihn auf der Bühne nicht in vorgefertigte Korsetts, sprich Arrangements, zwängt, sondern ihn frei lässt und ihm genügend Raum für seine spielerischen Ergüsse zugesteht. Wie hat das bei Euch funktioniert, wie habt Ihr das gelöst?
Das war überhaupt nicht schwer. Da gibt es einen kurzen Blickkontakt und Bernd weiß, dass er jetzt ein Solo hat. Dazu kommt, dass bei Bernd die Tonfindung innerhalb von Millisekunden passiert. Er hat seine bestimmten Tonmuster und -figuren, die er gerne und sehr erfolgreich anwendet. Es gab ja auch Songs, die wir aus seinem Programm in unseres integriert haben, damit er auf seine Weise brillieren kann. Als Beispiel fällt mir sofort "Chattanooga Choo Choo" ein, wo Bernd zwei Mundharmonikas bedient, weil der Song in zwei Tonarten steht. Also was ich sagen will: der Prozess, Bernd Kleinow einzubinden, war nicht sehr kompliziert. Wir mussten keine großen Konzepte entwickeln, sondern das ergab sich alles auf eine sehr leichtfüßige Weise.

013 20210419 1087737765Lass uns noch für einen Moment bei Bernd Kleinow bleiben. Euch verbindet ja mehr als das gemeinsame Musizieren in einer Band. Du warst nämlich derjenige, der das bisher einzige Bernd Kleinow-Album möglich gemacht hat. Wie hast du Bernd dazu überreden können, sich an ein eigenes Album heranzuwagen und wie groß ist Dein tatsächlicher Anteil an der Platte?
Das ist schwer zu erklären. Ich habe Bernd Monate, fast schon Jahre gedrängelt, sich doch mal an eine eigene Platte zu wagen, aber irgendwie fehlte Bernd immer der Mut für so eine große Sache. Aber ich machte ihm klar, dass es von mir und Bernd Aust als Label einen ordentlichen Vertrag geben wird, in dem alles geregelt ist. Nach ganz viel hin und her erklärte er sich dann doch noch bereit, die Platte zu machen. Man muss schon fast sagen, er ließ sich breitschlagen. Wie auch immer, wir gingen dann irgendwann für ein paar Tage ins Studio und nahmen die Songs auf. Es lief alles wie am Schnürchen, wir hatten viel Spaß und fanden es toll, so gut miteinander zu arbeiten. Und heute ist Bernd immer noch happy, dass er die Platte gemacht hat.

Auf dem Album von Bernd Kleinow ragt für mich der phantastische Song "Train Train" heraus. Im Mittelteil werde ich zwangsläufig wieder an den legendären "Reichsbahn Blues" erinnert, denn irgendwie höre ich da zwei sich gegenseitig befeuernde Mundharmonikas heraus. Spielst Du die zweite Mundi?
Die Idee zu dem Song hatte ich mal irgendwann in der Nacht und die Nummer wurde ja auch ein richtiger Hit. Und ja, Du hast Recht, wir spielen beide einen ziemlich langen Part zusammen Mundharmonika. Ich habe ja schon während meiner Lehre Mundharmonika gespielt. Nun packte ich die für diesen Song also wieder mal aus. Die Begeisterung der Leute für "Train Train" hält übrigens bis heute an. Die rufen immer mal wieder rein: "Train Train!!!" und wollen, dass ich das spiele, aber ich kriege das allein schon von der Tonhöhe gar nicht mehr hin.

Mit Bernd Aust, dessen Name ja hier schon mehrfach fiel, strandet immer wieder ein weiterer sehr beliebter und begnadeter Musiker unserer Breiten in Deinen Formationen. Liegt das daran, dass er derzeit mit seiner Konzertagentur leider auch auf Eis liegt oder währt Euer gemeinsames Musizieren schon länger?
Durch unser gemeinsames Label A & S arbeiten wir ja bereits seit Jahrzehnten zusammen. Und Bernds Mitspielen in meinen Formationen war anfangs eher sporadisch. Dann näherte sich aber mit Riesenschritten das Ende von ELECTRA und ich bot Bernd an, damit er anschließend nicht in ein Loch fällt, kann er ja gerne mal ein paar Muggen bei uns machen. Natürlich musste Bernd Aust sich erst schrittweise in den Südstaaten-Stil reinfinden, denn dort wird ein gänzlich anderer Saxophon-Stil gepflegt. Auch haben wir zwei, drei Songs, die Bernd schon früher oft gespielt hat, so arrangiert, dass sie in unser Programm passen. Das war zum einen "Summertime", was auch mit Querflöte sehr gut rüberkommt. Und natürlich durfte auch "Locomotive breath" nicht fehlen, darin geht Bernds Klasse ja richtig auf. Und letztlich spielen wir auch noch "Boureé" von Bach, was Bernd ja schon recht erfolgreich mit ELECTRA gespielt hat. Hier haben wir sogar zwei Querflöten auf der Bühne, wenn wir die Nummer während des "Let's Fats"-Programms mit reinnehmen, denn Christian Patzer spielt ebenfalls Flöte. Das klingt sehr authentisch und findet beim Publikum großen Anklang.

Zurück zum STELZER TRIO und die Zeit in den frühen Neunzigern. Das Trio war nicht das einzige von dir bestellte Feld, denn schon 1994 hast Du parallel dazu die THOMAS STELZER SUPERBAND gegründet. Hat Dich die Arbeit mit dem Trio nicht genügend ausgefüllt oder gar gelangweilt, oder welche Idee steckte hinter der Gründung der STELZER SUPERBAND?
Die STELZER SUPERBAND hat einen völlig anderen musikalischen Ansatz. Die Arrangements der großen Besetzung stammen eigentlich im Ursprung von den DUSTY HATS, wo wir ja im "Jazzclub Tonne" auch schon mit drei Saxophonen gearbeitet haben. In dem Club sprach ich irgendwann mal Rainer Bemmann an, der dort mit der Band JACKPOT auftrat, ob er nicht mit seinem Bläsersatz Lust hätte, bei mir in einer neuen Band mitzuwirken. Das hatte er und schon bald spielten wir auch etwas größere Konzerte, wie zum Beispiel im "Bärenzwinger", wo wir auch den Mitschnitt zu unserem Live-Album anfertigten, den übrigens Helmar Federowski gemacht hat. Ich gebe gerne zu, dass mich zur damaligen Zeit gerade der Auftritt der PHILIP MORRIS SUPERBAND mit Ray Charles und B.B. King schwer beeindruckt hatte. Die spielten in Dresden im Kulturpalast für ganz wenig Eintritt, denn das war eine Werbeaktion von Philip Morris, dem Zigarettenhersteller.014 20210419 1815930924 Da wurden doch allen Ernstes noch im Kulturpalast Zigaretten ans Publikum verteilt! Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen. Ich fand diese große Besetzung jedenfalls richtig geil und passte den Bläsersatz meiner eigenen SUPERBAND entsprechend an. Ich schrieb dafür sogar eigene Songs wie z.B. "Groove" oder "South Africa". Allerdings bekamen wir dann auf Dauer Schwierigkeiten, diese Band in den Klubs unterzubringen, weil wir mit acht Musikern auf der Bühne einfach zu groß waren. Dadurch, dass wir zwangsläufig keine Buchungen mehr erhielten, hatte sich die Sache mit dieser Band dann auch von selbst erledigt. Fakt ist aber, um auf den Ausgangspunkt Deiner Frage zurückzukommen, die STELZER SUPERBAND hatte eine völlig andere musikalische Ausrichtung als das STELZER TRIO.

1998 hast Du der Musikwelt das eben schon erwähnte Livealbum der THOMAS STELZER SUPERBAND präsentiert. Auf diesem wirkt u.a. der 2017 verstorbene Till Patzer von LIFT am Saxophon mit. Was verband Euch damals bzw. wie hast Du Till Patzer von der Mitwirkung an der Platte überzeugen können? Immerhin kam er ja aus einer ganz anderen musikalischen Ecke.
Ganz einfach, Till Patzer wollte weiterhin Musik machen und das konnte er bei Rainer Bemmanns Band JACKPOT tun. Und dadurch kamen auch wir miteinander in Kontakt.

Ich werfe einfach mal zwei weitere STELZER-Projekte in den Ring und Du verrätst unseren Lesern bitte kurz, wer sich dahinter verbirgt und in welche musikalische Richtung sich diese Bands auf den Weg machen: BLOODY RHYTHM FINGERS und THE BURNES.
Die BLOODY RHYTHM FINGERS entstanden mit dem Anspruch, einen gut gespielten Kontrabass einzubauen und dazu Dieter Gasde, ein hervorragender Multiinstrumentalist aus Eisenach, ins Boot zu holen. Unser erstes Konzert fand am 3. Juli 1998 als Vorband von B.B. King in Dresden am Elbufer statt. Das war ein sehr erfolgreicher Einstieg für uns, weil die Musiker des großen B.B. King-Orchesters allesamt durch den schwarzen Vorhang guckten, der eigentlich als Rückwand der Bühne gedacht war, während wir spielten. Ich will jetzt nicht prahlerisch klingen, aber die waren echt begeistert, wie wir gespielt haben. Unser Sound und vor allem unser Stil gefiel ihnen ausgezeichnet. Solche Reaktion von Leuten, die selber großartige Musiker sind, das hat schon was.

Der Bandname BLOODY RHYTHM FINGERS klingt aber schon etwas ungewöhnlich…
Der Kontrabass, den wir einsetzten, sollte eigentlich mal so ein slappender Kontrabass werden, wie es auch beim Hillbillie üblich ist. Leider habe ich in Dresden bis heute keinen Musiker gefunden, der das beherrscht. Einmal lief mir jemand über den Weg, der das Slappen zwar ganz gut konnte, aber leider hatte der musikalisch nicht ganz so viel auf dem Kasten. Und dieser Mann hat mir mal seine Finger gezeigt. Die waren eingewickelt, und zwar einzeln, weil die total verblutet waren von diesem dauernden Slappen. Weil wir davon so beeindruckt waren, nannten wir die Band BLOODY RHYTHM FINGERS.

Und nun bitte noch ein paar Worte zu THE BURNES.
Schon immer haben es mir THE TRAVELLING WILBURYS sehr angetan. Vor allem der Sound, den "Mr. ELO" Jeff Lynne abmischt, hat mir gefallen. Ich fasste daraufhin alle Songs, die ich in diesem Stil geschrieben hatte, für THE BURNES zusammen. Es dauerte nicht lange, da wurde die Band dann auch auf Radio PSR, einem sächsischen Privatsender, gespielt. Und das bis zu acht Mal am Tag, also schon in der sogenannten Rotation. Plötzlich rief der Sender bei Bernd Aust an, weil das Label A & S auf unserer CD stand. Bernd wiederum rief sofort bei mir an und klang ziemlich verzweifelt, weil Radio PSR wissen wollte, wann THE BURNES denn mal in Deutschland spielen würden. Wir haben dann geflunkert und dem Sender versprochen, wenn die Band eines Tages in Deutschland spielen sollte, rufen wir sie umgehend an. Dazu musst Du wissen, ich war bei THE BURNES der Gitarre spielende Marvin Lee Burnes und nicht mehr der Pianist Thomas Stelzer, was natürlich die Sache noch glaubhafter machte.015 20210419 1839043260 Wir entschieden uns dann aber doch, direkt zum Sender nach Leipzig zu fahren und ihnen reinen Wein einzuschenken. Wir erklärten wahrheitsgemäß, dass wir eine Dresdner Band sind und uns THE BURNES genannt haben, um überhaupt mal eine Chance zu haben, ins Radio zu kommen, was ja auch funktioniert hat. Und jetzt kommt es: die waren so sauer, dass die unsere Songs sofort aus dem Programm geschmissen haben. Von acht Mal am Tag runter auf null! Und das nur, weil wir nicht aus Amerika, sondern aus Dresden kamen. Vielleicht auch, weil wir geflunkert haben. Möglicherweise kam auch beides zusammen.

Damit hatte sich auch das Bestehen der Band erledigt?
Na ja, zunächst hatten wir noch das Erlebnis, in Chemnitz die Vorband von JETHRO TULL sein zu dürfen. Allerdings drehte uns während unseres Auftritts der Toningenieur von JETHRO TULL den Saft ab, so dass wir nur noch so laut wie ein Kofferradio waren. Vielleicht waren wir zu gut (lacht), ich habe keine Ahnung. Das aber nur als kleine Anekdote am Rande. Ansonsten gibt es heute noch einen kleinen Fankreis der Band. Die freuen sich schon mächtig auf meinen 60. Geburtstag, weil ich da eventuell THE BURNES wieder zum Leben erwecken möchte.

Wenn man sich mit dem befasst, was Du musikalisch schon alles auf die Beine gestellt hast, kommt man aus dem Staunen gar nicht heraus, denn Du scheinst keinerlei Grenzen zu kennen. Eine weitere, sehr interessante Facette Deines Schaffens ist nämlich die FARMER'S BREAKFAST COUNTRY BAND. Wann und woher kam die Inspiration, jetzt auch unbedingt noch einen Fuß ins Country-Metier zu setzen?
Weil das eine ganz tolle Musik ist! In Irland zu sein und diese Musik zu hören, hat ja an sich schon etwas. Aber in Dublin im "Brazen Head" zu sitzen und Bier zu trinken, das ist ein Erlebnis, welches sich dauerhaft einbrennt. Wir haben dort eine Nacht verbringen müssen, weil unser Flieger erst am nächsten Morgen ging. Da wir kein Hotel fanden, gingen wir ins "Brazen Head", um uns die Nacht um die Ohren zu schlagen. Wir saßen draußen, während drinnen die Musiker am Tisch sitzend ihre Instrumente spielten. Es hielt mich einfach nicht mehr draußen, also ging ich rein in dieses volle Lokal und habe einfach mal gefragt, ob ich eine Gitarre kriegen könnte, um auch mal etwas zu spielen. Natürlich gab mir auch sofort einer seine Klampfe und ich fing an, "Banks of Ohio" zu spielen. Nun kannst Du Dir vorstellen, dass die Leute dort das Lied schon ziemlich satt haben, aber das war mir egal. Allerdings bat ich die Leute, für mich die Strophen zu singen, denn ich kannte nicht eine davon. Und dann haben drei Leute aus dieser Kneipe völlig spontan jeweils eine Strophe des Liedes gesungen. Das war ein so bleibendes Erlebnis, dass ich nach unserer Rückkehr beschloss, ich muss endlich mal eine Countryband gründen. Zumal ich schon längere Zeit ein großer Fan von BRUCE SPRINGSTEEN & THE SEEGER SESSIONS BAND bin, die auch ganz hervorragende Countrymusik machen. Mit einem guten Freund, der Grafiker ist und der alle meine Plattencover gestaltet und nebenher auch noch toll Gitarre spielt, habe ich dann kurzerhand die FARMER'S BREAKFAST COUNTRY BAND ins Leben gerufen. Auf den Namen kamen wir, weil wir gerade irgendwo saßen und Bauernfrühstück gegessen haben. Farmers breakfast war also für uns das Bauernfrühstück. Wir gaben dann auch ein paar Konzerte und haben eins davon als Liveplatte rausgebracht. Wir würden gerne irgendwann mal eine zweite Platte machen, aber wir kommen ja gerade nicht dazu.

Das Spezielle an den Liveauftritten der Band ist ja die Verwendung von ausschließlich akustischen Instrumenten und ihr sitzt auf der Bühne in einem Halbkreis. Klingt irgendwie spirituell.
Ja, das könnte sein. Wir haben früher sogar darauf Wert gelegt, dass man auf Gutshöfen immer einen Heuhaufen in die Mitte der Band legt und eine Mistgabel in den Heuhaufen stopft sowie auch einen Melkeimer plus Melkschemel hinstellt, damit es richtig authentisch aussieht. Wir stellten aber schnell fest, dass das für unseren Geiger ziemlich unpraktisch war, denn der saß genau mittig vor diesem Heuhaufen und kam ständig ins Husten. Irgendwie wirken unsere Konzerte wie das Zusammenkommen von Verrückten, aber was soll's, es macht den Leuten immer sehr viel Spaß. Die Veranstaltungen sind in der Regel auch immer ausverkauft, was vielleicht daran liegt, dass wir nur sechs Mal pro Jahr auftreten.

016 20210419 1872665911Das war aber immer noch nicht alles, was Du treibst, denn Du gehst seit vielen Jahren einer weiteren Leidenschaft nach. Du leistest Dir nämlich neben all Deinen verschiedenen Formationen auch noch einen eigenen Gospel-Chor. Seit wann gibt es diesen und wurden THE GOSPEL PASSENGERS von Dir ins Leben gerufen oder existierte der Chor bereits und Du bist ihm quasi beigetreten?
Der Chor wurde von mir gegründet. Das war auch wieder so eine Schnapsidee, als auf einer Feier jemand anfing, russische Lieder zu singen und dann meinte, man müsse mal einen Russen-Chor aufmachen. Ich dachte nur: "Oh mein Gott…" und kam stattdessen zu dem Schluss, wenn schon ein Chor, dann sollte es ein Gospelchor sein. Mein Onkel hatte früher auch schon viel Gospel und Spirituals mit seiner Band gemacht, so dass ich in ihm einen guten Mentor für diese Dinge fand. Wir trafen uns dann mit ein paar Interessierten das erste Mal 1999 in einer Kirchengemeinde nahe meinem Zuhause. Es kamen zwar nur acht Leute, aber es war ein Anfang. Ich erzählte ihnen, was ich vorhabe und so baute sich die Sache nach und nach auf. Der Chor singt fünfstimmig, was einzigartig ist. Jedenfalls konnte ich noch keinen Chor finden, der Gleiches leistet. Ich betone auch gerne, dass die Arrangements für unsere ca. 150 Songs alle aus eigener Feder stammen, weil man für Fünfstimmigkeit noch etwas anders arrangieren kann als für "nur" vier Stimmen. Normalerweise hat man Bass, Tenor, Alt und Sopran, während bei uns als fünfte Stimme noch der Bariton dazu kommt.

Die Gospel-Geschichte war und ist ein echter Renner, denn Ihr habt inzwischen weit über 500 Konzerte gegeben und - korrigiere mich, wenn ich falsch liege - sage und schreibe acht CDs aufgenommen.
Genau, die achte und bisher letzte Scheibe heißt "Louisiana". Aber die Nummern neun und zehn sind schon in Arbeit, nur kommen wir auch hier wieder aus den bekannten Gründen gerade nicht weiter. Man soll zwar nicht über ungelegte Eier reden, aber es soll nach jetzigem Stand eine Doppel-CD zu unserem 25-jährigen Bestehen werden. Der Arbeitstitel lautet "Walking in Memphis". Und die zweite Platte, so der Plan, wird wahrscheinlich eine Sammlung unserer Weihnachtslieder enthalten. Die Arbeit mit dem Gospelchor ist, da lege ich Wert drauf, nicht mein Haupterwerb, sondern nur ein Hobby, denn alle Beteiligten machen das in ihrer Freizeit, aber dennoch steckt natürlich ein gewisser Anspruch dahinter.

Was war der Grund für die Umbenennung von THE GOSPEL PASSENGERS in die THOMAS STELZER GOSPEL CREW?
Wir hatten aus formal juristischen Gründen einen Verein gegründet, dem ich natürlich selber auch angehört habe, damit ich gewisse Freiheiten hatte. Irgendwann gingen dann die Interessen zu weit auseinander, es gab zu viele Wünsche nach Mitsprache. Das ist aber in musikalischer Hinsicht immer sehr schwer zu handhaben. Natürlich beweisen manche Bands, dass eine interne Demokratie gut funktionieren kann, aber wenn gleich 25 Leute mitreden wollen, ist das am Ende nicht sehr effektiv. Irgendwann habe ich dann entschieden, dass es so nicht weitergeht und dass ich bestimmte Dinge selber entscheiden muss und möchte. Inzwischen sind wir eine GbR und der Chor trägt meinen Namen, was hoffentlich dazu führt, dass die Leute gleich wissen, wer dahintersteckt. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen.

017 20210419 1662343869Wenn ich mir Deinen Schaffensprozess von mehr als dreißig CDs anschaue, die Du in den letzten dreißig Jahren aufgenommen hast, sticht mir ein Werk besonders ins Auge. Und zwar meine ich das Album "Jahresringe" aus dem Jahr 2008, denn dieses Album ist komplett deutschsprachig. Bei näherer Betrachtung erscheint das auch logisch, denn es handelt sich hierbei um Songs, die Du zwischen 1980 und 1989 geschrieben hast. Wie kam es dazu, dass Du diese Nummern wieder ausgegraben und neu aufgenommen hast und warum gerade diese?
Das ist eine einfache, aber interessante Geschichte. Ich hatte mal wieder irgendetwas "Rundes" zu feiern. Ich glaube, es war "Stelzer wird 44". Und da bekam ich die Gelegenheit, das Ganze im Dresdner Kulturpalast zu machen. Dazu habe ich einen guten Freund eingeladen, der mit mir am selben Tag Geburtstag hatte, muss man leider sagen. Der gute Freund hieß Reinhard Lakomy. Allerdings musste ich Lacky vorab bitten, dass er zu diesem Anlass keinesfalls sein elektronisches Werk vorträgt, da das einerseits nicht passen würde und andererseits die Zuschauer erwarten, dass er seine alten Kamellen spielt. Das traf zunächst auf wenig Gegenliebe bei Lacky, weil er diese alten Sachen wie "Heute bin ich allein" usw. partout nicht mehr auf die Bühne bringen wollte. Irgendwann war er dann doch bereit dazu, aber nur, wenn ich im Gegenzug meinen uralten Song "Hinter unser'm Hause" spielen würde. Damit war der Deal geschlossen und genauso passierte es dann auch. Lacky spielte seine bekannten Hits und ich wie verabredet "Hinter unser'm Hause". Was dazu führte, dass die Leute im Zuschauerraum regelrecht geschockt waren, denn so etwas hatten sie von mir noch nie gehört. Ich muss dazu sagen, dass mir diese Nummer im Alter von 16 Jahren einfiel, aber niemals live gespielt wurde. Nach diesen ein, zwei Schocksekunden und absoluter Stille brach dann aber ein absoluter Beifallsturm los. Das Ergebnis: nach dem Konzert wollten die Leute die CD kaufen, wo der Titel drauf ist. Aber die gab es nicht. Daraufhin habe ich beschlossen, all diese Songs aus meiner Jugend und Armeezeit neu aufzunehmen und so entstand die Platte "Jahresringe".

"Hinter unser'm Hause" beeindruckt auch mich besonders und erinnert mich ein bisschen an "Der Alte und die Kneipe" von Stefan Diestelmann. Steckt eine wahre Geschichte hinter dem Text?
Ja, die Geschichte ist wirklich passiert und ich kannte den alten Mann. Überhaupt sind alle Texte auf dem Album authentisch, da ist nichts frei erfunden. Ich hatte auch den Eindruck, die Songs kamen recht gut an beim Publikum. Ein paar wenige "Jahresringe"-CDs habe ich noch vorrätig, aber ich werde wohl demnächst eine Nachauflage ordern müssen.



Insgesamt klingen die neu aufgenommenen Titel sehr erwachsen, weshalb man nie auf die Idee käme, dass sie bereits um die 40 Jahre alt sind. Gibt es denn von den Originalen irgendwelche Tonaufzeichnungen? Und mit welchen Bands hast Du die Songs in den 80ern gespielt?
Überhaupt nicht, denn die Songs lagen immer nur in meiner Schublade. Als ich so sechszehn, siebzehn Jahre jung war, dachte ich, meine Bestimmung wäre es, Liedermacher zu werden. Es gab bei uns den Gerhard Schöne. Der hat viele Leute beeinflusst, so auch mich. Dazu kamen viele Linke aus der Bundesrepublik, die in der DDR auftraten, zum Beispiel ein Hannes Wader, die auch großen Einfluss auf mich hatten. Das Erlebnis mit einem gewissen Vince Weber hat das Pendel bei mir dann aber doch endgültig in Richtung Blues und Boogie ausschlagen lassen, denn ich durfte bei Vince einmal eine Gastrolle spielen. Der Kerl ist für mich der beste Blues- und Boogiepianist und vor allem auch der beste Sänger seiner Sparte. Er hat viel zusammen mit Inga Rumpf gemacht, die für mich die beste deutsche Sängerin ist. Mich verbindet mit Vince, dass er am Ende des Konzertes noch etwas mit mir gemeinsam gespielt hat und die Leute total begeistert darauf reagierten. Manch einer redet sogar heute noch davon.018 20210419 1740158703 Ich wollte allerdings danach das Klavierspielen, was den Boogie betrifft, aufgeben, denn Vince hat mir gezeigt, was alles möglich, vor allem aber nötig ist, um anständig Boogie Woogie spielen zu können. Ich war regelrecht deprimiert und hatte die Schnauze voll, denn was Vince Weber am Klavier gemacht hat, war von einem anderen Stern. Letztendlich fasste ich dann aber doch wieder etwas Mut, habe unter meine Tastatur vier Zentimeter Schaumstoff gelegt, damit die Tasten schwergängig werden und versuchte dann, erste einfache Stücke zu spielen. Dadurch stärkte ich meine Fingermuskulatur und war dann in der Lage, auch die DDR-Klaviere einigermaßen spielen zu können.

Ich denke, Songs wie "Ich hau ab", "Blues vom Blues", "Für Ray Charles" oder "…wieder hin", ach, eigentlich die ganze Platte käme sicherlich auch heute noch gut bei den Leuten an. Nimmst Du denn hin und wieder die eine oder andere Nummer in Dein Liveprogramm auf?
Ganz selten. Es gibt halt nicht immer den richtigen Anlass für diese Songs. Manche Leute fragen danach, dann erfülle ich ihnen auch gerne mal den Wunsch. Ich habe die CD übrigens auch mal an den MDR geschickt, aber die interessierte das überhaupt nicht. Da kannst Du deutsch singen, wie Du willst… Wenn es nicht gerade deutscher Schlager ist, läuft das bei denen ins Leere.

In Deinem neuen Song "Lockdown Blues" singst Du auch wieder auf Deutsch, was sicherlich der dort besungenen Thematik geschuldet ist. Ich vermute mal, generell werden deutsche Texte für Dich aber eher keine Option sein, oder besteht Hoffnung, dass Du gesanglich doch mal wieder in Deine Muttersprache abdriften wirst?
Ach weißt Du, ich kann mir alles vorstellen und bin für alles offen. Wenn ich davon überzeugt bin, dass etwas gut ist, dann mache ich das auch gerne, da bin ich frei von irgendwelchen Schranken. Mir schwebt ja vor, auch mal eines Tages eine Country-Platte zu machen, da kann man dann auch durchaus mal einen Countrysong auf Deutsch unterbringen. Auf "Jahresringe" habe ich das ja mit "Vagabund" und "Tramper" schon mal versucht.

Deine Heimatstadt Dresden ist ja nicht zuletzt in aller Welt bekannt durch das alljährlich stattfindende Dixieland Festival. Natürlich findet sich auch der Name Thomas Stelzer seit vielen Jahren auf den Veranstaltungsplakaten des Festivals wieder. Allerdings gab es 2012 einen Break, denn in besagtem Jahr meinte der Organisationschef des Festivals, er könne auf Deine Teilnahme verzichten und schmiss Dich kurzerhand raus. Was war passiert?
Das ist schnell erzählt. Die BILD brachte einen Riesenartikel mit einem Foto von mir, welches dazu diente, eine Veranstaltung zu bewerben, für die ich noch nicht genügend Karten verkauft hatte. Das Foto war garniert mit der Schlagzeile "Ich bin der neue Dixie-König". Das war aber kein Zitat, das hätte ich dann nämlich widerlegen können, sondern es war lediglich eine Überschrift. Ich wusste nichts davon, der Artikel wurde mir vor der Veröffentlichung nicht gezeigt. Die Organisatoren des Festivals waren jedenfalls stinksauer wegen des Artikels und gaben mir zu verstehen, dass sie in dem Jahr auf meine Teilnahme verzichten würden. Seitdem mache ich während des Dixieland Festivals immer meine eigenen Veranstaltungen, weil die Fans das so möchten. Es kommen beispielsweise Jahr für Jahr Leute aus Bremen angereist, die vorher immer fragen, wo ich denn auftrete, und denen sage ich dann, wo ich spiele.

019 20210419 1512116960Du sagst, Deine Reaktion darauf war, dass Du dann eben eigene Konzerte am Golden Reiter abgehalten hast. Das Publikum hatte mit Sicherheit nichts dagegen, aber ich könnte mir vorstellen, der Jubel der Festivalleitung hielt sich in Grenzen.
Das weiß ich nicht, von dieser Seite kam kein Wort dazu. Es gab keine Abmahnung oder auch nur ansatzweise Kritik daran. Ganz im Gegenteil, der eine oder andere Verantwortliche sagte sogar, dass sie ja das Festival so groß wie möglich haben wollen und wenn dann jemand sein eigenes Ding aufzieht, ist das doch eine gute Sache.

Wie lange dauerte der Bann in Richtung Deiner Person?
Der dauert immer noch an. Ein- bis zweimal war ich eingeladen, im Flughafen Dresden mitzuspielen, aber das war es leider.

Manche Musiker nehmen irgendein Bühnenjubiläum zum Anlass für eine besondere Show. Bei Dir war es 2014 soweit, als Du Dir zu Deinem 50. Geburtstag selber ein Konzerterlebnis der Superlative geschenkt hast. Ich weiß, wovon ich rede, denn an jenem 28. Mai 2014 saß ich zusammen mit viertausend weiteren begeisterten Menschen in der Freilichtbühne "Junge Garde" in Dresden. Wie entstand die Idee für dieses dreistündige Konzert und wie lange braucht man für die Vorbereitung einer solchen Party? Es waren immerhin 40 Musiker aus aller Herren Länder dabei.
Dadurch, dass ich mit Bernd Aust gut befreundet bin und auch mit seinem Sohn Rodney gut klarkomme, der ja mittlerweile die Geschäfte der Agentur führt, konnte ich die Veranstaltung in der "Jungen Garde" durchführen. Ich wollte auf jeden Fall mal austesten, ob da wirklich ein paar Tausend Leute bereit sind, mit mir zu feiern oder ob das völliger Schwachsinn war, was ich mir ausgedacht hatte. Irgendwann merkten wir, dass die Leute tatsächlich wie verrückt Karten kauften, was aber zur Folge hatte, dass unsere Schlechtwetter-Alternative "Alter Schlachthof" mangels Kapazität nicht mehr in Frage kam. Also mussten wir in Kauf nehmen, dass die Leute im schlimmsten Falle auch stundenlang im Regen sitzen würden. Aber die Dresdner sind ohnehin vom Dixieland Festival gewohnt, dass sie dort manchmal den ganzen Abend lang mit Schirm und Ostfriesennerz im Regen ausharren, da geht keiner vorher nach Hause. Na gut, ich ließ mich also von Bernd Aust überreden, die Sache auf Teufel komm raus durchzuziehen. Und zum zweiten Teil Deiner Frage kann ich sagen, dass es natürlich enorm viel Vorlauf brauchte, ein solches Event zu organisieren. Den Termin haben wir schon zwei Jahre vorher fest gemacht, damit der für mich frei bleibt. Als nächstes musste ich für mich eine Art Matrix aufstellen, um herauszufinden, wen und was ich präsentieren will, welche Besetzungen sollen auf der Bühne spielen, welche Gäste aus New Orleans sollen dabei sein usw.

Das absolute Highlight war sicherlich nicht nur für mich der Auftritt des damals bereits 83-jährigen Chris Barber.
Ja, das war der Wahnsinn, dass er meine Einladung angenommen hat. Das Verrückte an dem Abend war, dass ich von Chris etwa eine Stunde lang backstage in den Bann gezogen wurde und mich somit die ganze Zeit um nichts kümmern konnte, denn Chris hat mir seine ganze Lebensgeschichte erzählt! Völlig ungefragt hat er losgeplaudert und ich hatte eigentlich überhaupt keine Zeit für ihn, da ich ja eine Show zu leiten hatte. Aber nun konnte ich ja einen so großartigen Mann nicht einfach abservieren und sitzenlassen. Also hörte ich zu und kenne nun wirklich sein Leben.

Woher kannten sich Chris Barber und Du?
Von den Jazzfestivals im Westen. Wir waren ja, wie ich schon erzählt habe, nach der Wende nicht ganz inaktiv. Und nun greift wieder eins ins andere, denn dadurch waren wir auf denselben Jazzfestivals. Manchmal hat Karlheinz Drechsel drüben sogar die Moderation gemacht, dann hat er uns weiterempfohlen, dann kamen wir mit großen Namen zusammen, außerdem waren wir aus dem Osten damals noch eine kleine Sensation, wenn wir im Westen auftraten. So lernten wir auch Chris Barber kennen. Eines Nachts spielten wir als Rausschmeißer in einem ziemlich großen Saal, der aber immer noch richtig voll war. Die Band von Chris Barber war schon fertig, Barber selber war schon auf dem Weg ins Hotel. Und das Erstaunliche war, die Musiker von Chris Barber standen allesamt am Rand des Saals und hörten uns zu! Ich sah das natürlich und dachte so bei mir: Was ist denn hier los? Am nächsten Morgen saßen wir beim Frühstück im Hotel zusammen und kamen ins Gespräch. Und da erzählten uns diese alten, gestandenen Haudegen, dass sie das richtig gut fanden, was wir gemacht haben.020 20210419 1112248038 Wow! Na jedenfalls lernten wir Chris dadurch etwas näher kennen, er erzählte sehr viel von sich, aber er redete auch sehr schnell und hektisch, fast wie ein Maschinengewehr im Dauerfeuer. Es machte auch immer viel Spaß, mit ihm im Studio zu arbeiten. Er war schon ein sehr genialer Musiker. Leider ist er ja kürzlich verstorben.

In drei Jahren tauscht Du die 5 vor der Null gegen eine 6. Denken wir mal positiv und hoffen, dass bis dahin wieder einiges möglich sein wird in Sachen Kunst und Kultur. Werden Deine Fans dann erneut mit einem Happening der besonderen Art überrascht werden? Gibt es da schon vorsichtige Pläne?
Ja, ich möchte durchaus wieder etwas Tolles machen. Ich hoffe sehr, dass zehn Jahre Abstand reichen, um wieder in die "Junge Garde" gehen zu können. Den Termin habe ich mir bereits ausgeguckt, es wird wohl der 1. Juni 2024 sein. Ich kann mir gut vorstellen, dass das was wird. Aber jetzt harren wir erst einmal der Dinge, die da kommen.

Egal, ob es klappt oder nicht, Du kannst auf jeden Fall auf eine Jahrzehnte lange erfolgreiche Zeit als Musiker zurückblicken, die Dich auch auf unzählige Festivals und Konzerte rund um den Globus geführt hat. Welche Highlights sind Dir besonders in Erinnerung geblieben?
Oh, schwierige Frage. Die wichtigsten Punkte aus all den Jahren sind eher privater Natur. Wir haben zum Beispiel ein Kind verloren. Es gibt also auch durchaus Blues in unserem Leben. Wichtig war mir immer, dass ich ein gutes Verhältnis zu meinen Musikern habe, dass es da keinen Neid und Streit gibt. Auch meine Ehe ist mir sehr wichtig und das Verhältnis zu meiner Tochter, die inzwischen auch schon Mama geworden ist und ich somit Opa bin. Alle diese Dinge stehen für mich immer im Vordergrund. In Sachen Musik erinnere ich mich vor allem an diverse Backstage-Geschichten. Diese unerklärlichen Momente, in denen man plötzlich Musikern von THE BAND gegenübersteht. Oder das Treffen mit Buddy Guy, das war schon etwas ganz Besonderes für mich. Mit einer Ikone wie B.B. King hatte ich eine Dreiviertelstunde in seiner Garderobe zu tun, das muss man sich mal vorstellen! Sein Manager Sidney Seidenberg konnte deutsch, weil er ein deutscher Jude war, und der hat für mich übersetzt. Das sind Highlights, die abseits der Bühnen passierten, die ich aber trotzdem niemals vergessen werde und die ich auch nie für möglich gehalten hätte. Ansonsten freue ich jedes Mal über die Qualität meiner Musiker, dass ich mich jederzeit auf sie verlassen kann und dass wir gute Kollegen sind.

Gab es auch Auftritte, die so richtig daneben gingen?
Ja klar, das gab es auch schon. Aber das war so selten der Fall, dass man sich das kaum merkt. Ach doch, da fällt mir ein, wir hatten mal einen Auftritt mit dem Gospelchor in einer akustisch sehr schwierigen Situation. Und zwar traten wir in einer Dresdner Kirche auf, die rund war. Diese Kirche zu beschallen war eine besondere Herausforderung, die wir leider nicht sonderlich gut gelöst haben. Das Publikum hat komischerweise bis zur Reihe 8 alles wunderbar hören können. Bis dorthin kam die Beschallung von meiner eigenen Anlage. Alles darüber hinaus war nur noch großer Mist. Die Leute beschwerten sich heftig, woraufhin wir ihnen als Wiedergutmachung Karten für eine spätere Veranstaltung schenkten und damit war die Sache erledigt. Solche Sachen halte ich aber in meiner Erinnerung eher ganz weit unten.

Du hast anfangs ja schon kurz das "New Orleans Jazz & Heritage Festival" erwähnt, was als eine Art Ritterschlag für jeden Musiker gilt, der dort spielen darf. Träumst Du vielleicht sogar davon, mal selber dort spielen zu können?
Ja, das ist wirklich ein Traum von mir. Ich habe mich sogar einige Male dort beworben. Leider haben die sich im Laufe der Jahre ziemlich weit vom Jazz entfernt, stattdessen ist es mehr eine Art Popfestival geworden. Okay, mit richtig namhaften Leuten, aber mit Jazz und heritage, also mit Erbe, hat das nichts mehr zu tun.021 20210419 1667843191 Insgesamt bin ich mit meiner Bewerbung fünfmal gescheitert und hatte irgendwann keine Lust mehr, immer wieder neu Anlauf zu nehmen. Außerdem weiß ich, es gibt so viele Pianisten in New Orleans, die besser spielen als ich, weshalb es wahrscheinlich keinen Sinn hat, es immer wieder zu versuchen.

Thomas, abschließend hätte ich Dir eigentlich gerne die Frage gestellt, wie es bei Dir weitergeht, was Du in musikalischer Hinsicht für Pläne hast, doch das macht wohl in der augenblicklichen Situation nicht viel Sinn. Gestatte mir aber wenigstens noch die Frage, ob in naher Zukunft ein neues THOMAS STELZER-Album in Sicht ist.
Nein, im Moment ist da nichts geplant. Ich will auch erstmal sortieren, was zurzeit überhaupt ansteht. Im Klartext heißt das, ich habe nach einer Vielzahl von Absagen die Aufgabe, irgendwann an Nachholeterminen für diese ausgefallenen Konzerte zu arbeiten. Wir müssen auch sehen, dass uns die Leute treu bleiben, das ist natürlich enorm wichtig.

Möchtest Du unseren Lesern in Deinem Schlusswort noch etwas mitteilen?
Ja, gerne. Ich wünsche mir, dass die Leser die Kulturschaffenden dahingehend unterstützen, dass sie vielleicht die eine oder andere CD mehr bestellen als sie es normalerweise täten. Man kann ja damit auch mal wieder jemandem ein schönes Geschenk machen, denn unsere Platten gibt es nicht in den Läden zu kaufen. Und ansonsten kann ich mich nur ganz herzlich bei all jenen bedanken, die sowieso schon zu uns halten. Aber ich kann nur meine Worte vom Anfang des Interviews wiederholen, dass es anderen Künstlern viel, viel schlechter geht. Zum Beispiel den Theaterschaffenden oder den Leuten hinter der Bühne, denen geht es wirklich beschissen, wenn man mir dieses harte Wort verzeiht. Oder nimm den kleinen Familienzirkus, der seine paar Tiere ernähren muss, aber schon seit einem Jahr keine Einnahmen mehr hat, die sind völlig am Ende. All den Genannten wünsche ich von Herzen, dass es bald wieder aufwärts geht.

Ich danke Dir vielmals für Deine Zeit und dieses ausführliche Gespräch.



Interview: Torsten Meyer
Bearbeitung: cr
Fotos: Regina Grünig, Marko Förster, Dr. Igor Semechin, Sven Hofmann, Christian Schreiterer, Thomas Stelter privat, Pressematerial Platternfirma





   
   
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