© Deutsche Mugge (2007 - 2026)
000 0 20260516 1501271354
 
 
 
000b 1 20260516 1935233733
Interview vom 27. April 2026



Von unseren Lesern und auch aus unserem Kollegenkreis kam schon oft der Wunsch, endlich auch mal Ina Deter bei uns zu Wort kommen zu lassen. Man würde sich freuen, auch von ihr mal hier ein Interview zu lesen. Vor ein paar Jahren starteten wir den ersten Versuch, mit der Künstlerin Kontakt aufzunehmen. Da hatte sie sich komplett aus der Öffentlichkeit zurückgezogen und sagte uns freundlich ab. Dieser Tage feiert sie aber nun das 50-jährige Jubiläum ihres ersten Plattenvertrages bei CBS Records. Ein wirklich guter Grund, einen Rückzug vom Rückzug zu machen und sich den Fans wieder zu zeigen. Dies tut die Künstlerin nicht nur mit einer umfangreichen Jubiläumsbox in der CDs, eine Schallplatte und vielen anderen tolle Dingen stecken, sondern auch mit einem neuen Song, der „Wenn wir nicht brennen“ heißt und in unseren „Videopremieren“ sowie bei youtube zu finden ist (siehe HIER). Und was soll ich sagen: Auf unsere erneute Anfrage kam dieses Mal eine positive Antwort. Ende April hatte unser Kollege Christian nun die Gelegenheit, mit Ina über ihre lange Karriere ebenso zu plaudern wie über das, was in den letzten Jahren bei ihr so los war. Ina kam nicht alleine, sondern brachte ihren Musiker, Produzenten und Freund Micki Meuser mit. Das komplette Gespräch könnt ihr jetzt hier nachlesen.




Liebe Ina, zuerst einmal freue ich mich sehr, dass wir miteinander sprechen können und dass du wieder da bist. Was hast du denn in den letzten Jahren gemacht?
Ina Deter: Ich war in tiefer Trauer über den Tod von Manni Holländer, unserem Gitarristen und meinem damaligen Freund, mit dem ich viele Lieder gemacht habe. Ich konnte keine Musik mehr machen und vor allem auch keine mehr hören. Ich habe dann Texte geschrieben, um über die Trauer hinwegzukommen. Das waren keine Liedtexte, sondern einfach nur Textzeilen, um die Trauer verarbeiten zu können. Manni starb im Jahr 2011, das hat mich ziemlich aus der Bahn geworfen. Das hat mich dermaßen getroffen, dass ich vor lauter Schmerz gar nichts mehr machen konnte. Das war auch der einzige Grund für meinen Rückzug.

Kann man den Mantel des Musikanten denn einfach so ablegen und an den Nagel hängen oder fehlt einem die Musik eines Tages dann doch wieder?
Ina Deter: Das ist von Person zu Person unterschiedlich. Ich habe dir ja gerade geschildert, wie es bei mir war. Aber natürlich bin ich Musikerin genug, um irgendwann auch die Gitarre mal wieder in die Hand zu nehmen. Das Leben geht ja weiter. Ich musste dann aber mit Entsetzen feststellen, dass meine Pause doch extrem lang war und ich ganz, ganz viel üben musste, um wieder dahin zu kommen, wo ich mal war. Immerhin habe ich aber weiterhin Texte geschrieben, fing wieder an zu singen und war auch wieder im Studio.

In diesem Jahr steht das 50-jährige Jubiläum deiner Karriere als Ina Deter an. Dazu gibt es ein neues Album, worüber wir gleich noch reden werden, und es gibt sogar einen neuen Song. Wolltest du dieses Jubiläum feiern und bist deshalb wieder in die Öffentlichkeit getreten oder musste man dich dazu überreden?

Ina Deter: Universal Music hat Micki Meuser (Anm. der Redaktion: Bassist und Produzent der Ina Deter Band) angerufen und ihm von der Idee erzählt, anlässlich meines Jubiläums eine Box herauszubringen. Micki sitzt ja hier neben mir und kann dir das jetzt ganz warm selber erzählen.
Micki Meuser: Ich möchte mich hier nicht in euer Interview drängen, aber wenn Ina mich darum bittet, erkläre ich das Ganze mal kurz. Also es wird natürlich kein neues Album, sondern es handelt sich um eine Retrospektive auf 50 Jahre Ina Deter. Wir fangen an mit ihren allersten Aufnahmen, die sogar noch älter als die besagten 50 Jahre sind und die mit ihren damaligen Skiffle-Bands entstanden sind. Es geht weiter mit ihrer ersten offiziellen Veröffentlichung aus dem Jahr 1976, "Wenn du so bist wie dein Lachen". Universal hatte uns übrigens deshalb angesprochen, weil sie ja unsere eigentliche Plattenfirma Phonogram übernommen haben und wir seitdem zum Universal-Katalog gehören. Und so kamen sie dort auf die Idee, eine Art Werkschau über das künstlerische Schaffen von Ina Deter in diesen 50 Jahren zu machen und das in Form einer Box zu veröffentlichen. Soviel dazu, jetzt macht Ina weiter.


001 2 20260516 1744273784
Ina Deters erste Single "Ich habe abgetrieben" (1974)



1976 zählt ja offiziell als Beginn deiner Karriere. Aber wenn ich mich durch die Archive blättere, fällt mir prompt ein Song aus dem Jahr 1974 in die Hände, der den Titel "Ich habe abgetrieben" trägt. Damals noch herausgebracht unter dem Namen Ingrid Deter. Warum zählt dieser Song nicht mit, wenn es um dein gesamtes Schaffen geht?
Ina Deter: Weil ich 1974 immer noch in meinem Beruf als Grafikerin tätig war. Diesen Beruf habe ich ja wirklich erst mit Inkrafttreten meines ersten Plattenvertrages bei der CBS an den Nagel gehängt und bezeichne mich erst seit diesem Moment als Berufsmusikerin und konnte auch erst ab da von meiner Musik leben.

War das eigentlich der erste Song, den du geschrieben hast oder gab es da schon andere?
Ina Deter: Das war mein allererster Song. Hätte diese Aktion damals nicht stattgefunden, hätte ich vermutlich auch niemals angefangen zu texten, geschweige denn ein Lied über dieses Phänomen mit dem Paragraph 218 zu schreiben.

Lass uns einen Moment bei diesem Thema bleiben. Du hast dich damals der Frauenbewegung um Alice Schwarzer angeschlossen, für die ja diese Single entstand. Was waren deine Beweggründe, dich dort zu engagieren?
Ina Deter: Diese Frauenbewegung in Köln ist seinerzeit aus vierzig unbekannten Frauen entstanden. Ich ging damals von Berlin nach Köln und traf die Frauen. Diese Frauen verstanden sich untereinander sehr gut und haben unter dem Pseudonym Maria S. eine Aktion gestartet. Und zwar wollten wir für Maria S. Geld sammeln, um auf die damaligen Zustände aufmerksam zu machen. Während in den Niederlanden Abtreibungen schon erlaubt waren, bist du in Deutschland noch ins Gefängnis gekommen, wenn du abgetrieben hast. Das wollten wir ändern. Dazu bedurfte es aber eben dieser Aktion, die wir in Köln in der Fußgängerzone Schillergasse durchgeführt haben. Wir bauten Tapeziertische auf, legten Informationsmaterial bereit, sammelten Unterschriften. Für diese Gelegenheit komponierte und sang ich auch gleichzeitig mein erstes Lied, nachdem Frauen aus der Gruppe es nicht geschafft hatten, einen Text dafür zu schreiben, obwohl sie sich vorher dazu bereiterklärt hatten. Ich selber hätte mir vorher niemals träumen lassen, mal eigene Texte zu schreiben. Dennoch fing ich an, über meine Situation zu schreiben und auch eine Musik dazu zu komponieren. Über ein Musikaliengeschäft besorgte ich ein paar Boxen und ein Mikrofon und dann habe ich von mittags bis abends dieses Lied gesungen. Währenddessen standen meine Mitstreiterinnen hinter den Tischen und diskutierten eifrig. Übrigens erzähle ich eine nette Episode von diesem Tag immer wieder gerne. Ein älterer Mann kam zu mir, streifte mir mit seiner Hand über den Arm und sagte zu mir mit Kölscher Dialekt: "Häs de jot gemaat, Mädche!", und gab mir 5 Mark. Ich bat ihn, das Geld in unsere Sammelbüchse zu legen, weil ich dort nicht extra bezahlt wurde. Das fand ich sehr berührend. So fing das alles an.


002 3 20260516 2074483046
Ina mit 6 Jahren, zu Hause in Berlin-Tegel



Hat das damals Wirkung gezeigt?
Ina Deter: Speziell diese "Aktion 218" verursachte ja einen Riesenwirbel, denn nicht nur in Köln, sondern in ganz Deutschland gingen die Frauen auf die Straße. Wir wollten die komplette Streichung dieses Paragraphen, erreichten aber leider nur eine Fristenlösung, was am Ende aber wenigstens ein brauchbarer Kompromiss war und dazu führte, dass wir nicht mehr kriminalisiert wurden. Wir kamen also nicht mehr ins Gefängnis dafür, wie es zum Beispiel noch der Generation meiner Mutter ging.

Wenn man in deiner Vita noch ein Stückchen weiter zurückblättert, dann erfährt man, dass du bereits als 11-jährige begonnen hast, Gitarre zu lernen. Hattest du damals schon das Ziel, mit der Gitarre in der Hand Musikerin zu werden oder passierte das mehr just for fun?
Ina Deter: Wir sind eine sehr musikalische Familie. Unter anderem spielte mein Cousin damals sehr viel und gerne Gitarre, hauptsächlich auf Familienfeiern. Er sang dazu immer gerne die alten deutschen Schlager und machte das so gut, dass die ganzen Onkel und Tanten mitsangen. Ich musste oftmals die zweite Stimme singen. Irgendwann kam dann meine Mutter auf die Idee: "Kind, möchtest du nicht Gitarre lernen?" Natürlich fand ich das toll. Ich lernte also klassische Konzertgitarre. Mit zwölf Jahren hatte ich aber die Schnauze voll davon und teilte meiner Mutter mit, dass ich aufhören würde mit dem Gitarre spielen, woraufhin sie regelrecht explodierte und mich quasi aufforderte, weiterzumachen. Ich gab klein bei und sagte ihr, dass mir Wolfgang, mein Cousin, weiterhin Gitarrenunterricht geben wird. Im Nachhinein bezeichne ich das als zweiten Schicksalsschlag in meinem Leben, aber im positiven Sinne, denn nun lernte ich E-Gitarre spielen und unter anderem auch die ganzen Akkorde, die man braucht, um Jazz spielen zu können. So konnte ich im Alter von 14 Jahren meinen ersten Blues spielen und ich merkte, dass mir das wahnsinnig viel Spaß macht. Spätestens jetzt wusste ich, dass die Gitarre aus meinem Leben nicht mehr wegzudenken ist. Alles Weitere ergab sich wie von selbst.

Mit 16 Jahren hast du deine erste eigene Band gegründet, und zwar war das eine ausschließlich weiblich besetzte Gruppe. Wir reden hier von einer Skiffle-Band mit dem Namen LUCKY GIRLS. Danach machtest du Country und Westernmusik. Im Anschluss bist du als Liedermacherin und Folksängerin aufgetreten. Ist diese Sprunghaftigkeit damit zu erklären, dass du in deinen Anfängen unentschlossen warst, in welche Richtung deine Karriere gehen soll?
Ina Deter: Über eine eventuelle Karriere machte ich mir damals gar keine Gedanken. So etwas kam mir gar nicht in den Sinn. An welche Art Karriere sollte ich auch denken? Ich habe doch anfangs immer nur Lieder gecovert. Bei den LUCKY GIRLS, meiner Skiffle-Band, haben wir alle Songs des damals sehr beliebten Lonnie Donegan nachgespielt.


003 4 20260516 1438263445
Ina mit ihrer Skiffle-Band LUCKY GIRLS



Wie kam es denn zur Gründung der LUCKY GIRLS?
Ina Deter: Mit 15 kam mir erstmals der Gedanke an die Gründung der Band, nachdem ich auf einem Musikfestival in Berlin eine Mädchenband sah. Ich wusste in diesem Moment: Das will ich machen, das ist genau mein Ding! Ich begann also, mir meine Mädels zusammenzusuchen. Evelyn "Evi" Thiel, unsere Banjo-Spielerin, fand ich über eine Anzeige in der Zeitung. Zwei andere fand ich während meines Grafikstudiums, und die letzte war ein Mädel aus meiner Schule, mit der ich in die 9.Klasse ging.

Lass mich nochmal kurz auf deine Zeit als Liedermacherin zurückkommen. Du hast da unter anderem den Song "Wenn du so bist wie dein Lachen" geschrieben und wurdest damit entdeckt, wie es offiziell heißt. Wann, wo und wie passierte das und wie man kann man sich heute dieses "Entdecken" vorstellen?
Ina Deter: Das ist eine sehr gute Frage. 1969 ging ich ja von Berlin nach Köln und war entsetzt, dass es in Köln keine Clubs für Folkmusik gab. Demzufolge gab es auch keine Orte, wo man mit dieser Musik auftreten konnte. Deshalb stand meine Gitarre erstmal für ca. fünf Jahre in der Ecke, bis Mitte der 70er Jahre in Köln endlich eine Kneipe aufmachte, in der man Livemusik spielen konnte. Dort hatte ich Gelegenheit, meine ersten selbstgeschriebenen Songs aufzuführen. Und einer der Herren, die da herumscharwenzelten, sprach mich an, was ich denn so machen würde. Kurz darauf rief er mich an, um mich zu fragen, ob ich nicht beim Grand Prix Eurovision de la Chanson mitmachen wolle. Ich war etwas überrascht, denn er hatte ja eigentlich meine Lieder gehört und müsste demnach wissen, dass die nicht auf diese Veranstaltung passen. Aber er meinte, diesen einen Song, "Wenn du so bist wie dein Lachen", könnte er sich auf dem Grand Prix durchaus vorstellen. Allerdings müsste ich vorher in die GEMA eintreten. Na gut, damit konnte ich leben. Ich absolvierte eine Aufnahmeprüfung, wurde anschließend als "Außerordentliches Mitglied" aufgenommen und bekam übrigens kürzlich eine Urkunde überreicht, weil ich inzwischen 50 Jahre in der GEMA bin.

Und wie ging es dann weiter?
Ina Deter: Ich konnte nun also am deutschen Vorentscheid zum Grand Prix Eurovision de la Chanson 1976 teilnehmen und belegte den 11. Platz. Dummerweise hatte Tony Marshall, der ebenfalls an dem Vorentscheid teilnahm, seinen Titel vorher schon im Radio spielen lassen, was damals verboten war. Deshalb wurde er disqualifiziert und ich rutschte vor auf den 10. Platz. Damit ging dann alles los für mich.


004 5 20260516 1261150925
Ina beim Vorentscheid zum Grand Prix 1976



Stimmt es eigentlich, dass du deinen bürgerlichen Namen Ingrid extra in Ina hast ändern lassen, damit es keine Verwechslung mit Ingrid Peters geben konnte?
Ina Deter: Genauso ist es. Ich hatte eine Verabredung bei der CBS und bekam ein paar Blätter zum Ausfüllen. Ich war überrascht, was die alles wissen wollten, musste aber anmerken, dass sie meinen Namen falsch geschrieben hatten. Dabei kam dann heraus, dass die Formulare gar nicht für mich, sondern für eine Schlagersängerin namens Ingrid Peters gedacht waren. Ich wollte natürlich auf keinen Falls mit Ingrid Peters in Verbindung gebracht oder sogar mit ihr verwechselt werden, was man bei der CBS auch vollkommen verstand. Deshalb begann sofort eine Art Brainstorming, an dem vier oder fünf Leute beteiligt waren. Man stellte fest, dass es z.B. Tina (Rainford) oder Lena (Valaitis) bereits gab, nur der Vorname Ina war noch übrig, also entschied ich mich dafür, ab sofort Ina zu heißen. Ich bin auch bis heute mit dem Namen sehr glücklich, denn Ingrid mochte ich nie so richtig heißen.

Du hast dein Debütalbum "Ich sollte eigentlich ein Junge werden" genannt. Vorn auf dem Cover sieht man eine junge Frau mit einem flotten Kurzhaarschnitt und roten Lippen, dazu kam dann dieser Titel. Wolltest du damit Aufmerksamkeit erregen, um unter den vielen Künstlern der damaligen Zeit herauszustechen oder welche Bedeutung stand hinter diesem Albumtitel?
Ina Deter: Ganz einfach: mein Vater sagte diesen Satz immer zu mir. Ich musste mir zehn Jahre lang von morgens bis abends anhören, dass ich eigentlich ein Junge werden sollte. Das hatte sich dermaßen in meinem Kopf eingeprägt, dass mir völlig klar war, dass wird der Titel meines ersten Albums. Alles andere hätte überhaupt nicht zu den Songs der Platte gepasst.

Also hat dieser Albumtitel einen realen Hintergrund.
Ina Deter: Ja, absolut.


005 6 20260516 1329931107
Ina Deters Debüt-Album "Ich sollte eigentlich ein Junge werden"



Wie wurde denn aus der Liedermacherin Ina Deter mit dem vierten Studioalbum "Aller Anfang sind wir" aus dem Jahr 1981 die Rocksängerin Ina Deter?
Ina Deter: Da kommt jetzt wieder mein Bassist Micki Meuser ins Spiel, der das am besten selbst erzählt.
Micki Meuser: Ich war damals mit Ina ganz viel auf Tour. Anfangs waren wir nur zu zweit: die 1,49 Meter kleine Ina Deter und der 1,94 Meter große Micki Meuser. Ich schleppte meistens meinen Bassverstärker vorne an den Bühnenrand und setzte mich während der Konzerte darauf, wodurch wir annähernd dieselbe Größe für das Publikum hatten. Ich hatte das Gefühl, dass Inas Texte so eine Kraft hatten, dass man die durchaus auch mal mit Rockmusik verbinden könnte. Zunächst versuchten wir es mit einem zusätzlichen Gitarristen. Dann arrangierte ich die Titel so, dass man sie auch mal im Proberaum mit einer ganzen Band spielen konnte. Dabei fanden wir heraus, dass die Kraft meiner damaligen Punkband NERVOUS GERMANS sehr gut zusammen passte mit Inas Texten. Daraus entstand dann "Aller Anfang sind wir" und danach "Neue Männer braucht das Land" und alles, was danach noch kam. Ich denke, dass die Aussagen von Inas Texten voller Power steckten und deshalb auch in eine kräftige Musik verpackt werden sollten.

Wir haben ja nun erfahren, dass du schon lange vor der Neuen Deutschen Welle als Musikerin aktiv warst. Trotzdem wirst du wegen deines 1982er Hit "Neue Männer braucht das Land" gerne mal in diese NDW-Schublade gesteckt. Siehst du selber dich denn als Teil dieser Szene oder hältst du es eher wie die Kollegen von SPLIFF, die sich dort ungewollt und zufällig dort hineinsortiert sehen?
Ina Deter: Bei mir ist es genauso. Ich muss immer wieder erklären, dass wir mit der Neuen Deutschen Welle relativ wenig zu tun gehabt haben, sondern nur zufällig dort reingerutscht sind. Wir haben immer Rockmusik gemacht und keine NDW. Bis heute wehre ich mich gegen diese Einordnung meiner Musik.
Micki Meuser: Ich grätsche hier kurz nochmal rein. Wir gehörten schon deshalb nicht zur Neuen Deutschen Welle, weil wir die Titel in England aufgenommen haben, wo ich damals lebte. Dort bekam man einfach einen anderen Sound, weil die englischen Toningenieure mehr riskiert haben. Deshalb holte ich die Ina Deter Band rüber nach England, wo wir dann dieses Album produziert haben.

Du hast damals mehrere erfolgreiche Tourneen gespielt, warst aber auch auf Festivals anzutreffen. Einen Auftritt möchte ich hier mal herausheben, nämlich den von 1983 beim "Festival des politischen Liedes" in der DDR. Wie kam es dazu und mit welchen Titeln bist du dort aufgetreten?
Ina Deter: Meine Konzertagentur bekam eine offizielle Anfrage, ob ich Interesse hätte, bei diesem Festival aufzutreten. Ich habe sofort zugesagt. Gespielt haben wir natürlich den Song "40 Jahre danach" vom Album "Aller Anfang sind wir". In diesem kleinen Theatersaal saßen aber nur geladene Gäste, das normale Publikum hatte überhaupt keine Chance, Karten für die Veranstaltung zu bekommen. Als ich mein Lied beendet hatte, standen vier NVA-Offiziere auf und klatschten brav. Das waren aber auch die Einzigen, die ernsthaft applaudierten. Ich war aber schon vorgewarnt, dass das Publikum durchsetzt sein würde mit NVA-Offizieren in Uniformen. Denen gefiel das Lied tatsächlich.


006 7 20260516 1528157206



Bist du denn politisch auch so eingestellt gewesen oder bist du es immer noch?
Ina Deter: Natürlich, sonst würde ich ja solche Texte nicht schreiben.

Ich meine das mehr in Bezug auf die DDR. Fühltest du dich damals in irgendeiner Form mit der DDR verbunden?
Ina Deter: Nein, auf gar keinen Fall.

Gab es denn auch normale Konzerte mit der Ina Deter Band in der DDR?
Ina Deter: Nein, wir waren ansonsten kein einziges Mal drüben. Der Auftritt beim "Festival des politischen Liedes" blieb die Ausnahme.

Und welche Eindrücke hast du bei diesem Auftritt in der DDR gesammelt? Ich stelle diese Fragen sonst immer ehemaligen DDR-Musikern, wenn ich sie zu ihren Konzerten in der BRD befrage. Jetzt stelle ich die Frage mal umgekehrt.
Ina Deter: Das waren ja nur ein paar Stunden, die wir drüben waren. Es ist unmöglich, auf Grund der Kürze der Zeit eine wirkliche Meinung dazu abzugeben. Man muss schon eine ganze Tournee gespielt haben, um eine Einschätzung treffen zu können. An diesem Abend herrschte einfach nur eine gewisse Hektik. Und Kontakte zu anderen Musikern konnten wir eh nicht herstellen, weil da viel zu viele Leute rumrannten. Es war alles irgendwie unorganisiert, man wusste überhaupt nicht, welcher Musiker oder welche Band wann und wo spielten. Es gab auch kein Zelt oder keinen Raum, wo die Musiker untergebracht waren und vielleicht mal miteinander reden konnten. Wir waren froh, dass wir schnell wieder abreisen konnten.

Erwähnenswert ist auf jeden Fall noch, dass du 1985 Teil des Benefiz-Projektes "Band für Afrika" warst. Wie hast du das damals wahrgenommen, mit dieser riesigen Gruppe von deutschen Stars zusammen zu arbeiten? Welche Erinnerungen hast du noch daran?
Ina Deter: Eine gute Erinnerung und eine weniger gute. Ich fange mal mit der guten an. Wir haben den Soundcheck am Kölner Dom gemacht. Und das Besondere war, dass jeder der beteiligten Künstler nur eine einzige Zeile zu singen hatte. Leider hörte ich nicht genau, wann ich dran war. Grönemeyer saß am Piano und gab jedem ein Zeichen für seinen Einsatz, aber in dem ganzen Chaos auf der Bühne habe ich irgendwie nicht den richtigen Ton getroffen. Grönemeyer sagte daraufhin in aller Ruhe: "Ina, pass auf, ich gebe dir nochmal ganz laut deinen Akkord, mit dem du anfangen musst zu singen". Das fand ich sehr kollegial. Die schlimme Erinnerung betrifft die Begegnung mit bestimmten Männern, wobei ein Herr Westernhagen an vorderster Front stand. Die gaben mir alle zu spüren, dass ich drei Jahre vorher "Neue Männer braucht das Land" geschrieben hatte. Ich wurde in beispielloser Form gemieden. Du kannst dir überhaupt nicht vorstellen, was da im Einzelnen ablief. Das wollte ich an dieser Stelle unbedingt einmal loswerden. Und Marius Müller-Westernhagen war tatsächlich einer der Schlimmsten.

Eines deiner Erkennungszeichen war die pinkfarbene E-Gitarre. Eine Zeitlang stand diese Gitarre im Gronauer Rock- und Popmuseum. Steht sie immer noch da?
Ina Deter: Ja, die Gitarre steht immer noch da, aber leider seit einiger Zeit nur noch unten im Keller. Micki und ich haben schon öfter mal darüber nachgedacht, das Teil endlich mal da rauszuholen.


007 8 20260516 1303263183
Single "Nackt im Wind" von BAND FÜR AFRIKA (1985)



Ina, wir machen jetzt mal einen größeren Sprung. Du hast dich Ende der 80er Jahre mehr dem Theater, dem Schreiben und der Malerei zugewandt. Gab es besondere Gründe, warum die Musik plötzlich nur noch in der zweiten Reihe stand?
Ina Deter: Da kam mir leider eine Krankheit dazwischen. Ich hatte eine Gesichtslähmung, hervorgerufen durch zu viel Stress. Ich musste also ein paar Gänge runterschalten, weil mir das Ganze dann doch zu heiß wurde. In dieser Zeit machte ich eine Tour nach der anderen, spielte ein Festival nach dem anderen, nahm eine Platte nach der anderen auf. Mein Körper wehrte sich auf die beschriebene Art und Weise dagegen und so war dann plötzlich bei mir die Luft raus. Das war also meine erste Auszeit. Ich zog in dieser Zeit nach Aachen zu Manni Holländer und bekam da von den Theatermachern die Anfrage, ob ich nicht Lust hätte. Ich freute mich sehr darüber und hatte die Vorstellung, dort hin und wieder mal die Glühbirnen auszuwechseln oder für die Beschäftigten Kaffee zu kochen, aber man sagte mir, dass ihnen etwas anderes vorschwebte. Man wollte mir eine Stelle als Regieassistentin anbieten. Ich musste erstmal tief durchatmen und erklärte ihnen dann, dass ich vom Theaterfach überhaupt keine Ahnung habe. Nun gut, ich habe mich letztlich überreden lassen, nachdem ich mich mit einigen Regisseuren unterhalten hatte, aber es war wirklich nur für eine einzige Produktion. Das Ganze war total chaotisch, dagegen war die Ina Deter Band hervorragend organisiert. Was ich da für Chaos erlebt habe, ist unglaublich. Ja klar, die Arbeit machte Spaß, es war aufregend, aber eigentlich wollte ich zu der Zeit alles andere, nur keinen aufregenden Job. Ganz im Gegenteil, ich wollte ja ein paar Gänge runterschalten, deshalb habe ich die Sache schnell wieder ad acta gelegt.

Hochgeschaltet hast du dann wieder ab 1997, da gab es wieder neue Alben von dir. Und nach dem Millennium hast du dich den Chansons von Edith Piaf in deutscher Sprache gewidmet. Aber leider machte dir auch diesmal wieder die Gesundheit einen Strich durch die Rechnung. Was war passiert?
Ina Deter: Ganz einfach: ich bekam Brustkrebs. Ich war bei drei Ärzten und hatte am Ende Glück, dass ich sehr schnell operiert wurde. Ich habe in meinem Leben also eine Abtreibung, einen Autounfall, meine Kinderlähmung, später dann die Gesichtslähmung und letztlich den Brustkrebs überstanden. Ich muss mehrere Schutzengel haben, die auf mich aufpassen.

Aus deinem eigenen Schicksal resultierte auch die Unterstützung für die Rexrodt von Fircks-Stiftung, die krebskranken Müttern und ihren Kindern zur Seite steht. Bist du dort immer noch aktiv?
Ina Deter: Nein. Ich wurde irgendwann von der Agentur, die dahintersteht, gefragt, ob ich ihre Vorträge musikalisch begleiten würde. Das habe ich tatsächlich lange Zeit gemacht, bis ich dann aber die damit verbundenen Strapazen nicht mehr auf mich nehmen konnte. Ich lebte zu der Zeit viel in Spanien, was dazu führte, dass mir die An- und Abreisen zu den Terminen einfach zu viel wurden. Deshalb hörte ich dort auf.


008 9 20260516 2021207285
Ina Deter 2026 (Foto: Ben Wolf/Universal Music)



Dann lass uns jetzt auf dein Jubiläum zu sprechen kommen. Bei der angekündigten Plattenveröffentlichung handelt es sich um eine Jubiläumsbox, die es gewaltig in sich hat. Was ist in dieser Box alles enthalten?
Micki Meuser: Wie ich vorhin schon erwähnte, wurden wir von Universal Music angesprochen. Die wollten eine Retrospektive machen. Ich wollte aber vorher auf jeden Fall die Songs so bearbeiten, wie sie damals gemeint waren. Dazu kramte ich die alten Mehrspurbänder hervor, machte mich vom letzten Sommer bis in den Winter hinein daran, alles neu abzumischen, um alles so klingen zu lassen, wie es schon damals hätte klingen sollen. Ich erzählte ja auch, dass die Toningenieure seinerzeit eher zurückhaltend agierten, weshalb ich jetzt und heute in meinem eigenen Studio meine Vorstellungen selber realisieren konnte. Soweit zur musikalischen Seite. In der Box sind zwei CDs und eine Vinyl-Platte enthalten. Außerdem findet sich in der Box ein sehr liebevoll gestaltetes Booklet mit ganz vielen Fotos von Ina Deter und mit der Geschichte von Inas Leben. Insgesamt umfasst dieses Buch 114 Seiten, ist also sehr umfangreich. So, jetzt macht Ina weiter.
Ina Deter: Was gibt es noch darüber zu sagen? Das Ganze ist halt eine Zeitreise durch die letzten 50 Jahre. Für die Gestaltung der Box musste ich unendlich viele private Kartons rausholen und durchforsten auf der Suche nach passenden Fotos, nach Zeitungsartikeln, nach Stickern und Buttons zu der Aktion "Mein Bauch gehört mir" oder "Rock gegen rechts" oder zu den Ostermärschen 1984. Wir machten dann einen Termin bei Universal Music, wo ich alle meine gefundenen Schätze präsentierte. Die Universal-Mitarbeiter hingen an meinen Lippen, als ich aus meinem Leben erzählte, und fanden das alles höchst interessant. Dieses umfangreiche Material übergab ich dem Verlag und eine hauseigene Grafikerin machte daraus dann das Booklet zur Box. Ich bin ja selber gelernte Grafikerin und war sehr gespannt, ob sie meinen Geschmack treffen würde. Am Ende kann ich sagen, ich war sehr zufrieden mit dem Ergebnis.

Ich kann dir da nur zustimmen, das Booklet ist großartig geworden. Vorher gab es ja von dir auch noch keine Biografie, oder täusche ich mich da?
Ina Deter: Nein, du täuschst dich nicht. Zu meiner Live-LP aus dem Jahr 1987 gab es auch schon mal ein Booklet, aber die Stationen meines Lebens waren dort nur sehr kurz gehalten. Dieses Booklet liegt der jetzigen Box übrigens auch bei.

Auf der Jubiläums-Box wurde sogar ein neuer Titel von dir veröffentlicht, der heißt "Wenn wir nicht brennen". Somit fehlt eigentlich nur noch die Rückkehr von Ina Deter auf die Bühne. Wird das nochmal passieren, vielleicht zum runden Geburtstag im nächsten Jahr?
Ina Deter: Nach solchen intensiven und ausführlichen Interviews, wie wir es heute mit dir führen, wird mir diese Frage zum Schluss immer gestellt. Es ist ja nun so: Manni Holländer ist tot, ich habe seitdem, also seit 15 Jahren, keine Musik mehr gemacht, ich habe auch keine Gitarre mehr in die Hand nehmen können. Ich konnte auch nur sehr selten Musik im Radio hören, weil jede E-Gitarre so klang wie die von Manni. Ich fange jetzt erst ganz langsam wieder mit allem an. Um auf deine spezielle Frage zu antworten: ich weiß es nicht. Es ist ein anstrengender Job und ich bin seitdem 20 Jahre älter geworden. Nächstes Jahr werde ich 80. Ich würde natürlich lieber heute als morgen wieder auf der Bühne stehen. Wir schauen mal, was die Zukunft bringt und gehen es ganz in Ruhe an. Es muss ja nicht gleich eine ganze Tournee werden, aber vielleicht reicht es zunächst für einen ausgewählten Auftritt.


009 10 20260516 1540258203
Die Box "So wie ich bin - 50 Jahre Ina Deter", u.a. mit 2 CDs + pink LP



Da wäre doch eine Art Gala zum 80. Geburtstag genau das Richtige.
Ina Deter: Ja, das wäre schon was Feines. Mal sehen, wie ich durch den Sommer komme. Wie gesagt, ich fange wieder an zu üben. Die Luft zum Singen scheint auch wieder da zu sein. Ich habe ja bei Micki im Studio nicht nur das neue Lied eingesungen, sondern auch zwei alte Nummern neu eingespielt. Dazu musste ich wirklich das Gitarre spielen neu lernen. Der Anlass für die Neuaufnahme des 30 Jahre alten Songs "Wie viele Finger braucht eine Faust" war die Remigrations-Debatte in Potsdam, wo deutschlandweit 500.000 Leute dagegen auf die Straße gingen. Ich hatte eigentlich zuerst das Gefühl, ich müsste zu diesem Geschehen ein neues Lied schreiben, bis mir dieser alte Song wieder in Erinnerung kam. Ich ging zum ersten Mal nicht selber auf die Straße, um mit zu demonstrieren, sondern rief Micki an und erzählte ihm von meiner Idee, "Wie viel Finger braucht eine Faust" neu aufzunehmen. Zwei Monate später war der Song fertig und ich merkte, dass mir das Musikmachen noch immer richtig viel Spaß macht.

Liebe Ina, ich danke dir für dieses sehr interessante Interview und drücke dir die Daumen, dass die Jubiläumsbox ganz viele Leute erreicht und du vielleicht sogar ein paar jüngere Leute für deine Musik begeistern kannst.
Ina Deter: Dankeschön. Das wünschen wir uns natürlich auch, nur leider ist es gerade eine äußerst schlechte Zeit. Die Leute haben kein Geld, um sich eine solche Box zu kaufen. Sie müssen ihr Geld an der Tankstelle lassen, müssen ihr Geld für die hohen Energiekosten und die teuren Lebensmittel ausgeben. Es ist ein Wahnsinn. Ich kenne Leute, die echte Fans von mir sind, sich aber eine solche Ausgabe nicht mehr leisten können. Deshalb bin ich schon dazu übergegangen, mir ein paar der Boxen zu bestellen und sie an schlimme Sozialfälle zu verschenken.

Das ist eine tolle Geste.
Ina Deter: Ja, das finde ich auch. Aber ich kann doch nicht 500 Boxen kaufen und die dann verschenken. Das mache ich wirklich nur für ganz extreme Fälle.


Interview: Christian Reder
Übertragung: Torsten Meyer
Fotos: Universal Music, Ben Wolf, Privatarchiv Ina Deter, Micki Meuser. Mit freundlicher Genehmigung von Ina und Micki




Wir nutzen Cookies auf unserer Website. Einige von ihnen sind essenziell für den Betrieb der Seite, während andere uns helfen, diese Website und die Nutzererfahrung zu verbessern (Tracking Cookies). Sie können selbst entscheiden, ob Sie die Cookies zulassen möchten. Bitte beachten Sie, dass bei einer Ablehnung womöglich nicht mehr alle Funktionalitäten der Seite zur Verfügung stehen.