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Ein Konzertbericht von Torsten Meyer mit Fotos von Sandy Reichel



Samstagabend kurz nach 22:00 Uhr. Der endgültig letzte Zugabenteil eines denkwürdigen Konzertes läuft. "Pankow, Pankow, Pankow, kille kille Pankow, kille kille Hopsassa!" schallt es durch den traditionsbeladenen Frannz Club im Berliner Szenebezirk Prenzlauer Berg. Der Saal ist rappelvoll mit gutgelaunten Menschen, deren Alter überwiegend jenseits der 40 angesiedelt sein dürfte.c 20161116 1613180170 Nun ist ein PANKOW-Konzert ja generell und unabhängig vom Alter des Konsumenten ein Quell der Freude und wunderbar dazu angetan, sich von einer der faszinierendsten deutschen Bands eine volle Breitseite Rock'n'Roll um die Ohren hauen zulassen. Dieser Abend des 12. November 2016 erfährt jedoch nochmals eine Wertsteigerung durch den Anlass des Zusammentreffens: "Aufruhr in den Augen reloaded", also die Neuaufnahme ihres großartigen Albums aus dem Jahr 1987.

Wer zu PANKOW geht, weiß in der Regel um die Geschichte der Band. Um ihre Rolle als unangepasste und provokante, in ihren Songs sehr oft und gerne die Schattenseiten des sozialistischen DDR-Alltags reflektierende Rockband. Irgendwo las ich vor einiger Zeit in einem Artikel über PANKOW mal was von "Anarchie in ihrer Musik". Ja, vielleicht trifft es das ganz gut. Angeeckt sind Herzberg & Co. jedenfalls oft genug bei den Kulturbonzen mit ihren ungeschönten, aber genau ins Schwarze treffenden Texten, mit ihren Rock-Geschichten von "Paule Panke" und "Hans im Glück". Sie hielten dem System den Spiegel vors Gesicht und stießen damit bei selbigem natürlich auf wenig Gegenliebe. Wenn diese über Jahrzehnte so erfolgreiche Band nun ein dreißig Jahre altes Album noch einmal neu aufnimmt, also auf neudeutsch "reloaded", dann muss es sich um ein bemerkenswertes Stück Musik handeln. Und es muss einen gewissen Stellenwert in der Wahrnehmung der Fans haben, denn wozu und für wen sollte man sich ansonsten die Mühe machen, etwas so Altes wiederaufleben zu lassen?

b 20161116 1044710599"Aufruhr in den Augen", jenes 1987er PANKOW-Werk, erfüllt alle Kriterien um diese Prozedur einer Neuaufnahme zu rechtfertigen und unbeschadet zu überstehen, denn - und da wird mir niemand widersprechen - "Aufruhr in den Augen" war seinerzeit das wichtigste Album im PANKOW-Katalog. Nicht zuletzt deshalb, weil Songs wie "Langeweile" oder "Gib mir ein Zeichen" nicht nur musikalisch gelungene Duftmarken setzten, sondern vor allem in die Lyrics jede Menge Zündstoff eingebaut wurde, was dann sogar noch an der Zensur vorbeigemogelt werden konnte. Man sah und hörte in den Lektoraten wohl nicht mehr so genau hin, weil offenbar schon der "wind of change" spürbar war. Anders ist es für mich jedenfalls nicht erklärbar, dass dieses Album ungewöhnlich viele textliche Bomben enthalten durfte, für die man zu anderen Zeiten vermutlich sofort die "Pappe", also die Spielerlaubnis, hätte abgeben müssen.

Nun hatte man also die Idee, genau diese Platte noch einmal einzuspielen. Aber mal einfach die alten Nummern durch den Mixer jagen und dann als "Remastered"-Version auf den Markt werfen, das kam nicht in Frage. Nein, völlig neue Arrangements mussten her. Arrangements im Unplugged-Stil. Akustisch. Rein und unverfälscht. Reduziert auf das Nötigste, wie man so schön sagt. Und um das Ganze so authentisch wie möglich klingen zu lassen, präsentiert man der Welt die Aufnahmen als Livemitschnitt aus dem legendären Frannz Club. Fan-Herz, was willst Du mehr?

Hmmmm ... akustisch ... eigentlich gar nicht mein Ding. Ja, zugegeben, ich bin mehr als skeptisch. Aber mir bleibt nur wenig Zeit darüber nachzudenken, denn kurz nach 20:00 Uhr gehen die Lichter aus und die fünf PANKOW-Musiker betreten unter großem Gejohle des ausverkauften Ladens die Bühne. Erwähnenswerta 20161116 1597081705 sind die Umbesetzungen für diese kommenden Konzerte, denn neben den Stammkräften Andre Herzberg (Gesang), Jürgen Ehle (Gitarre) und Stefan Dohanetz (Schlagzeug) gehören derzeit ENGERLING-Urgestein Wolfram "Boddi" Bodag (Keyboards) und Andre Drechsler (Gitarre, Bass) zum Line Up. Also durchaus adäquater Ersatz.

Mit Staccato-Dauerfeuer beginnt Stefan Dohanetz den Reigen der Melodien. Ich nehme beruhigt zur Kenntnis, dass er hinter einem vollwertigen Drumset sitzt und nicht, wie bei Akustik-Muggen oft üblich, das Schlagzeug gegen die Cajon tauscht. Der Titelsong "Aufruhr in den Augen" steht am Anfang des Sets, wie auf der Platte auch, die in der Originalreihenfolge gespielt wird. Ja, es klingt fremd, es klingt anders, aber es klingt nicht übel. Herzberg sitzt relaxt auf einem Hocker zentral in der Bühnenmitte, die Gitarristen Ehle und Drechsler flankieren ihn stehend. Im Hintergrund versucht Boddi sich ins Geschehen einzubringen, was ihm vor allem im letzten Drittel der Nummer mit einer ersten Soloeinlage prima gelingt. Noch fremdle ich ein bisschen, was sich beim nächsten Song eher noch verstärken sollte. "Einsam" wird von André Herzberg als Erinnerung an eine für ihn schlimme Zeit angekündigt, nämlich die Armeezeit. Im Original ist das ein richtiger Fetzer, aber hier und jetzt, kaum zu glauben, machen die Jungs einen total entschleunigten Schleicher daraus. Man möchte seinen Nachbarn umarmen und sich mit ihm schunkelnderweise dem ungewohnten Rhythmus hingeben, aber das passiert natürlich nicht, denn irgendwie starren alle wie gebannt auf das, was da von der Bühne kommt. Und das hat es weiterhin in sich.

d 20161116 1321052008So allmählich höre ich mich in das neue Soundkostüm rein, was wirklich die ersten drei Lieder Zeit braucht. Das liegt sicher auch daran, dass die Titel nicht einfach nur 1:1 mit Akustikklampfen statt E-Gitarre gespielt werden, sondern wirklich jeder einzelne Song total umgekrempelt wird und völlig anders klingt als noch vor 30 Jahren. Trotzdem erkennt man sie, spürt nach wie vor den Spirit der damaligen Zeit, den PANKOW seinerzeit so sensationell gut in Noten verpacken konnte. Ein perfektes Beispiel für ein gelungenes neues Arrangement ist "Wieder auf der Straße". Auf dem Album kommt es 1987 als coole Rocknummer daher, jetzt würde ich es in der neuen Machart beinahe in die Country-Schublade stecken und finde es immer noch gut. Und so spielen sich PANKOW durch die insgesamt elf Nummern der Platte und haben enormen Spaß dabei. Herzberg erzählt zu jedem Lied ein paar passende Worte, singt ansonsten gewohnt kraftvoll und mit viel Ausdruck, was auch im Sitzen wunderbar funktioniert. Jürgen Ehle darf zu "Straßenlärm" und "Du kriegst mich nicht" zweimal seine gesanglichen Fähigkeiten präsentieren, denn schließlich singt der Gitarrist bei den STONES ebenfalls manchmal, wie Herzberg schmunzelnd einwirft. Der "Star" unter den Songs ist aber erwartungsgemäß "Langeweile". Hier hält es im Publikum keinen mehr, jetzt wird ordentlich abgefeiert.

Nach einer guten Stunde ist der "Reloaded"-Part dann auch schon erledigt. Nimmt man die euphorischen Beifallsbekundungen des Auditoriums zum Maßstab, ist das Experiment der Album-Neuauflage im Akustik-Stil vollstens gelungen und wurde glänzend aufgenommen. Man darf auf die CD gespannt sein. Aber damit war natürlich der Abend noch nicht beendet. Nahtlos und ohne Pause greift sich nun Ehle die E-Gitarre und Drechsler wechselt an den Bass. Und mich ergreifen umgehend Glücksgefühle, denn nun war das zu hören, wofür wir PANKOW lieben, was diese Band auszeichnet: schnörkelloser Rock'n'Roll. "Neuer Tag in Pankow" vom letzten und gleichnamigen Studioalbum aus dem Jahr 2011 eröffnet den "elektrischen" Teil. Was für ein irrer Sound, was für ein Groove! Mit diesem Album, speziell mit dem Titelsong beweist PANKOW, sie sind im Hier und Heute angekommen, textlich wie musikalisch. Da klingt nichts nach Langeweile oder Einfallslosigkeit. Dieser Eindruck erhärtet sich mit den nächsten Songs.e 20161116 2098792718 "Ich mach 'ne Liste", ebenfalls vom "Neuer Tag in Pankow"-Album, gehört zu den ganz großen Highlights der Band, die hier ihren Ruf als "STONES des Ostens" so deutlich wie nie unterstreichen. So müssten eigentlich Jagger & Co. heute klingen, was aber nicht der Fall ist, sondern den PANKOWern vorbehalten bleibt. "Stille" und "Ich wart heut Nacht" entspannen durch ihre melodiöse Grundstruktur zwischenzeitlich etwas die freudetrunkenen Gemüter, ehe es dann auch schon mit dem Block der ganz großen 80er Jahre-Kracher weitergeht. "Die wundersame Geschichte von Gaby" geht immer, finden auch die Fans und beteiligen sich lautstark an Herzbergs Gesang. "Freitag", "Rock`n`Roll im Stadtpark" und "Wetten du willst" vervollständigen das Set. Immer wieder bringt sich Jürgen Ehle mit seinen Soli ins Blickfeld und zeigt eindrucksvoll, warum er zu Deutschlands besten Gitarristen gehört. Aber auch Boddi ist ein Teil des Teams und veredelt das Klangbild mit für PANKOW-Verhältnisse ungewohnt bluesigen Rhythmen auf E-Piano und Orgel. Das passt, das kracht, das macht Laune!

Im Zugabenteil hören wir zum zweiten Mal heute Abend "Langeweile", jetzt natürlich in der "Full Version". Nach wie vor eine großartige Nummer und ein Mitsinger fürs Publikum. Noch mehr gesungen wird dann beim letzten Song des Abends, der guten "Inge Pawelczik". Kollektives Herausschreien des Namens ist angesagt. Danach ist Schluss. Schade.

Zusammenfassend darf ich sagen, dass der Mix aus Akustikteil und "elektrischer" Mugge eine interessante Erfahrung für mich ist und mir echt gut gefällt. Den PANKOW-Männern gebührt großer Dank für die Präsentation des "Aufruhr"-Albums. Allein schon überhaupt die Idee dafür zu haben, kann man nicht hoch genug bewerten. Hier ist das sicher vorhandene Risiko jedenfalls voll aufgegangen.f 20161116 1117063918 Was jetzt noch bleibt, ist das Warten auf das Album. André Herzberg ist optimistisch, dass wir uns die fertige Scheibe vielleicht noch zu Weihnachten schenken lassen können. Wenn es so ist, liegt sie bei mir definitiv unterm Tannenbaum. Ansonsten lege ich jedem zwischen Ahlbeck und Suhl die dazu gehörige Tour im Januar 2017 ans Herz. Auch dort werden die Abende wieder mit dem allseits bekannten "Pankow, Pankow, Pankow, kille kille Pankow, kille kille Hopsassa!" enden.


Termine:
• 06.01.2017 - Neuenhagen - Bürgerhaus
• 07.01.2017 - Potsdam - Lindenpark
• 12.01.2017 - Magdeburg - Feuerwache
• 13.01.2017 - Leipzig - Werk 2
• 14.01.2017 - Oranienburg - Orangerie
• 19.01.2017 - Neubrandenburg - Konzertkirche
• 20.01.2017 - Rostock - M.A.U. Club
• 21.01.2017 - Neuruppin - Kulturkirche
• 22.01.2017 - Greifswald - St.Spiritus
• 27.01.2017 - Dresden - Alter Schlachthof
• 28.01.2017 - Berlin - Postbahnhof

Alle Angaben ohne Gewähr. Nähere Infos und weitere Termine auf bandeigenen Homepage.



Bitte beachtet auch:
• Off. Homepage von PANKOW: www.electrocadero.de/pankow
• Portrait über PANKOW: HIER




 
 
 



   
   
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