
Zum 30. Todestag von Rio Reiser
Ein Beitrag von Ronald Toplak (Fotos: KI)
Die Platte habe ich noch. Logisch habe ich sie. Es wäre eine Schande, wenn nicht. „Keine Macht für Niemand“. Ton Steine Scherben. Die Weiße. Komplett weißes Cover, schwarze Schrift. Fertig. Mehr brauchte es nicht. Eine Platte, die aussah, als hätte sie keine Zeit für Firlefanz. Bei der ersten Auflage der Pappkarton-Box lag der Legende nach sogar eine Zwille dabei. Eine Steinschleuder. Die Polizei soll die Edition deswegen kassiert haben. Im regulären Handel landeten am Ende eher blaue Plastik-Katschis aus Hongkong-Produktion. Ich weiß nicht, ob man so etwas heute noch als Beigabe zu einer Schallplatte durch den Jugendschutz bekäme. Damals war das eben die Welt der Scherben. Und unsere Welt.
Ich bin in West-Berlin groß geworden. In dieser eingemauerten Stadt, die sich trotzdem nicht einsperren lassen wollte. Wir waren jung und hatten ziemlich schnell herausgefunden, dass uns die Welt der Erwachsenen nicht sonderlich gefiel. Dieser Mief. Diese Biederkeit. Dieses „Das macht man nicht“. Na gut. Dann machten wir es eben. Auf dem Schulhof wurde darüber diskutiert. Über die Scherben. Über Politik. Über Hausbesetzer. Pro. Contra. Manche fanden die Besetzer großartig, solidarisierten sich, gingen in die Häuser. Andere hielten sie für Chaoten.
Wir hatten Meinungen. Viele.
Und wenig Ahnung. Das ist mit siebzehn allerdings kein Widerspruch. Die Hausbesetzerszene war damals mehr als ein paar Jugendliche, die sich irgendwo illegal einquartierten. In West-Berlin standen alte Häuser leer, während Menschen Wohnungen suchten. Häuser wurden nicht saniert, sollten abgerissen werden, ganze Straßenzüge waren Spekulationsobjekte. Kahlschlag nannte man das. Also wurden Häuser besetzt. Aus Protest. Gegen Abriss, gegen die Vorstellung, dass Eigentum wichtiger sein sollte als Menschen.

Das zweite Album der Scherben, „Keine Macht für niemand“,
Vor allem in Kreuzberg entstand daraus eine eigene Welt. Wohngemeinschaften, Werkstätten, Kneipen, Politik, Kunst, Punk. Es war nicht alles romantisch. Natürlich gab es Streit, Gewalt, Drogen, kaputte Häuser. Aber es gab eben auch die Idee: Es könnte anders gehen. 1971 wurde das Bethanien-Krankenhaus besetzt, die Scherben schrieben den „Rauch-Haus-Song“. Ich kann ihn heute noch auswendig. Andere in meinem Alter müssen manchmal überlegen, wo sie ihre Brille hingelegt haben. Ich kann den Rauch-Haus-Song. Man muss Prioritäten setzen. Ich hatte eine Jacke, auf der das Scherben-Zeichen prangte. Die Kutte ist irgendwann im Staub der Geschichte zerfallen. Stoff, Nähte, alles. Schade eigentlich. Denn dieser Aufnäher war für uns kein Bandlogo, das man trug, weil man Fan war. Es war ein kleines Bekenntnis: Ich bin nicht einverstanden. Das war die Botschaft. Rio war derjenige, der sie aussprach.
Er sang für uns.
Er schrieb für uns.
Er schrie für uns.
Er brannte für uns.
Und er konnte lachen. Nicht unbedingt mit denen, über die wir uns damals aufregten. Eher über sie. Über die Biedermänner. Über die Selbstzufriedenen. Über diejenigen, die uns erklärten, wie die Welt funktioniert und warum sie gefälligst so bleiben sollte. Rio nahm diese Leute nicht ernst. Das tat gut. Aber je älter ich werde, desto weniger sehe ich in ihm nur den wütenden Sänger meiner Jugend. Rio Reiser war viel größer. Ein unbequemer Idealist mit einer großen Seele. Einer, der immer wieder dorthin schaute, wo andere lieber wegsahen. Auf Macht. Auf Ungleichheit. Auf Ausbeutung. Auf Krieg. Auf Menschen, die durchs Raster fallen. Und immer wieder auf diese verdammt einfache Frage: Wem dient das eigentlich alles?
Er gab keine Antworten wie ein Politiker. Und dann wurde es manchmal laut. Sehr laut.
„Macht kaputt, was euch kaputt macht.“
„Keine Macht für Niemand.“
Sätze wie Backpfeifen, die man damals auf der Zunge hatte. Aber: Rio konnte auch ganz leise. Das ist das, was ich heute am meisten an ihm bewundere. Diese beiden Seiten. Der Schreihals und der Zärtliche. Der politische Kämpfer und der Liebende. Der Mann, der gegen alles mit Inbrunst anbrüllt. Und derselbe Mann, der plötzlich ganz vorsichtig mit einem Gefühl umgeht. „Der Traum ist aus“ - da ist nichts mehr vom großen Getöse. Da ist Traurigkeit. Die Erkenntnis, dass Träume zerbrechen können. Trotzdem singt man weiter. Nicht aufgeben, nur weil man weiß, dass es schwer wird.
Dann diese Sprache. Meine Güte, diese Sprache. Stil, Formulierung. Rio holte aus sperrigem Deutsch heraus, was herauszuholen war. Ein Wort-Akkrobat, der einen Buchstaben-Zirkus tanzen ließ. Er hat sie gestreichelt. Manchmal gequält. Er hat sie gedehnt, bis sie fast gerissen ist. Er hat sie zum Schreien gebracht und zum Flüstern. Er hat sie geliebt. Umarmt. Und nie hatte ich bei ihm das Gefühl, dass da jemand besonders poetisch sein wollte. Es war einfach da. Er konnte einen großen politischen Gedanken in einen Satz packen, den jeder verstand. Er konnte über Liebe schreiben, ohne dass man sofort nach einem Eimer suchen musste.
Das ist eine Kunst.
Eine ziemlich große sogar.
Vielleicht wurde deshalb irgendwann aus dem Sänger der Scherben ein Künstler für viel mehr Menschen. Rio ging seinen Weg weiter. Solo. Andere Lieder. Andere Töne.
„Junimond“.
„König von Deutschland“.
„Für immer und Dich“.
Und plötzlich hörten ihn Menschen, die mit den Hausbesetzern aus Kreuzberg nicht viel anfangen konnten. Das ist interessant. Der Mann, der gegen das Establishment gesungen hatte, wurde selbst ein Teil der deutschen Musikkultur. Aber er wurde nie ganz bequem. Zum Glück. Ein Künstler darf das, wie ich finde: älter werden, sich verändern, andere Seiten zeigen, ohne seine Herkunft zu verleugnen.
Ich denke manchmal an meine Freundin aus München. Ihre Eltern wollten damals nicht, dass sie nach Berlin fährt. Zu gefährlich. Dieser Sumpf. Hausbesetzer. Drogen. Christiane F. Ein Moloch. Die Hölle. Wir fanden das natürlich maßlos übertrieben. Für uns war Berlin keine Hölle. Es war unsere Welt. Heute sehe ich manches nüchterner. Natürlich gab es die Schattenseiten. Natürlich war nicht jeder Hausbesetzer ein Held und nicht jede Utopie eine gute Idee. Aber diese Stadt hatte etwas, das ich bis heute vermisse. Sie ließ Dinge zu. Sie ließ Menschen zu, die anders waren. Und sie ließ uns glauben, dass man nicht alles hinnehmen muss. Das ist der Punkt, an dem Rio für mich heute wieder wichtig wird.
Nicht, weil ich die siebziger oder achtziger Jahre zurückhaben möchte.
Um Himmels willen. Wir waren jung. Das reicht als Erklärung.
Aber wir könnten heute wieder jemanden gebrauchen, der den Finger dahin legt, wo es weh tut.
Einen, der nicht sofort fragt, ob das auch schön formuliert ist.
Einen, der nicht fragt, ob man damit alle erreicht.
Einen, der einfach sagt:
Hier stimmt etwas nicht.
Und hinschaut.
Auf Macht.
Auf Geld.
Auf Ungleichheit.
Auf Krieg.
Auf Menschen, die unten bleiben sollen, damit andere oben bleiben können. Rio hätte wahrscheinlich ziemlich viel zu tun. Dreißig Jahre ist er jetzt tot. Ich bin inzwischen 61. Damals hätte ich einen 61-Jährigen wahrscheinlich für ziemlich alt gehalten. Heute bin ich selbst einer. Verdammt. Auch so eine Frechheit des Lebens. Die Jacke ist weg. Die Mauer ist weg. West-Berlin ist weg. Aber die Platte steht bei mir im Regal. Manchmal hole ich sie heraus.
„Keine Macht für Niemand.“
Und plötzlich ist Rio wieder da. Nicht als Denkmal. Nicht als Stimme aus einer alten Zeit. Sondern ganz unmittelbar. Und ich merke, wie sehr mir dieser Mensch fehlt. Dieser unbequeme Idealist. Dieser große Spracharbeiter. Dieser Mann, der schreien konnte und flüstern. Der wütend sein konnte und zärtlich. Der uns manchmal die Faust zeigte und manchmal einfach nur die Hand hinhielt.
Rio, ich vermisse Dich.
Nicht nur Deine Lieder.
Nicht nur die Scherben.
Dich.
Für immer.
Und Dich.
Ich bin in West-Berlin groß geworden. In dieser eingemauerten Stadt, die sich trotzdem nicht einsperren lassen wollte. Wir waren jung und hatten ziemlich schnell herausgefunden, dass uns die Welt der Erwachsenen nicht sonderlich gefiel. Dieser Mief. Diese Biederkeit. Dieses „Das macht man nicht“. Na gut. Dann machten wir es eben. Auf dem Schulhof wurde darüber diskutiert. Über die Scherben. Über Politik. Über Hausbesetzer. Pro. Contra. Manche fanden die Besetzer großartig, solidarisierten sich, gingen in die Häuser. Andere hielten sie für Chaoten.
Wir hatten Meinungen. Viele.
Und wenig Ahnung. Das ist mit siebzehn allerdings kein Widerspruch. Die Hausbesetzerszene war damals mehr als ein paar Jugendliche, die sich irgendwo illegal einquartierten. In West-Berlin standen alte Häuser leer, während Menschen Wohnungen suchten. Häuser wurden nicht saniert, sollten abgerissen werden, ganze Straßenzüge waren Spekulationsobjekte. Kahlschlag nannte man das. Also wurden Häuser besetzt. Aus Protest. Gegen Abriss, gegen die Vorstellung, dass Eigentum wichtiger sein sollte als Menschen.

Das zweite Album der Scherben, „Keine Macht für niemand“,
In der Erstauflage mit Zwille (Foto-Quelle: Discogs)
Vor allem in Kreuzberg entstand daraus eine eigene Welt. Wohngemeinschaften, Werkstätten, Kneipen, Politik, Kunst, Punk. Es war nicht alles romantisch. Natürlich gab es Streit, Gewalt, Drogen, kaputte Häuser. Aber es gab eben auch die Idee: Es könnte anders gehen. 1971 wurde das Bethanien-Krankenhaus besetzt, die Scherben schrieben den „Rauch-Haus-Song“. Ich kann ihn heute noch auswendig. Andere in meinem Alter müssen manchmal überlegen, wo sie ihre Brille hingelegt haben. Ich kann den Rauch-Haus-Song. Man muss Prioritäten setzen. Ich hatte eine Jacke, auf der das Scherben-Zeichen prangte. Die Kutte ist irgendwann im Staub der Geschichte zerfallen. Stoff, Nähte, alles. Schade eigentlich. Denn dieser Aufnäher war für uns kein Bandlogo, das man trug, weil man Fan war. Es war ein kleines Bekenntnis: Ich bin nicht einverstanden. Das war die Botschaft. Rio war derjenige, der sie aussprach.
Er sang für uns.
Er schrieb für uns.
Er schrie für uns.
Er brannte für uns.
Und er konnte lachen. Nicht unbedingt mit denen, über die wir uns damals aufregten. Eher über sie. Über die Biedermänner. Über die Selbstzufriedenen. Über diejenigen, die uns erklärten, wie die Welt funktioniert und warum sie gefälligst so bleiben sollte. Rio nahm diese Leute nicht ernst. Das tat gut. Aber je älter ich werde, desto weniger sehe ich in ihm nur den wütenden Sänger meiner Jugend. Rio Reiser war viel größer. Ein unbequemer Idealist mit einer großen Seele. Einer, der immer wieder dorthin schaute, wo andere lieber wegsahen. Auf Macht. Auf Ungleichheit. Auf Ausbeutung. Auf Krieg. Auf Menschen, die durchs Raster fallen. Und immer wieder auf diese verdammt einfache Frage: Wem dient das eigentlich alles?
Er gab keine Antworten wie ein Politiker. Und dann wurde es manchmal laut. Sehr laut.
„Macht kaputt, was euch kaputt macht.“
„Keine Macht für Niemand.“
Sätze wie Backpfeifen, die man damals auf der Zunge hatte. Aber: Rio konnte auch ganz leise. Das ist das, was ich heute am meisten an ihm bewundere. Diese beiden Seiten. Der Schreihals und der Zärtliche. Der politische Kämpfer und der Liebende. Der Mann, der gegen alles mit Inbrunst anbrüllt. Und derselbe Mann, der plötzlich ganz vorsichtig mit einem Gefühl umgeht. „Der Traum ist aus“ - da ist nichts mehr vom großen Getöse. Da ist Traurigkeit. Die Erkenntnis, dass Träume zerbrechen können. Trotzdem singt man weiter. Nicht aufgeben, nur weil man weiß, dass es schwer wird.
Dann diese Sprache. Meine Güte, diese Sprache. Stil, Formulierung. Rio holte aus sperrigem Deutsch heraus, was herauszuholen war. Ein Wort-Akkrobat, der einen Buchstaben-Zirkus tanzen ließ. Er hat sie gestreichelt. Manchmal gequält. Er hat sie gedehnt, bis sie fast gerissen ist. Er hat sie zum Schreien gebracht und zum Flüstern. Er hat sie geliebt. Umarmt. Und nie hatte ich bei ihm das Gefühl, dass da jemand besonders poetisch sein wollte. Es war einfach da. Er konnte einen großen politischen Gedanken in einen Satz packen, den jeder verstand. Er konnte über Liebe schreiben, ohne dass man sofort nach einem Eimer suchen musste.
Das ist eine Kunst.
Eine ziemlich große sogar.
Vielleicht wurde deshalb irgendwann aus dem Sänger der Scherben ein Künstler für viel mehr Menschen. Rio ging seinen Weg weiter. Solo. Andere Lieder. Andere Töne.
„Junimond“.
„König von Deutschland“.
„Für immer und Dich“.
Und plötzlich hörten ihn Menschen, die mit den Hausbesetzern aus Kreuzberg nicht viel anfangen konnten. Das ist interessant. Der Mann, der gegen das Establishment gesungen hatte, wurde selbst ein Teil der deutschen Musikkultur. Aber er wurde nie ganz bequem. Zum Glück. Ein Künstler darf das, wie ich finde: älter werden, sich verändern, andere Seiten zeigen, ohne seine Herkunft zu verleugnen.
Ich denke manchmal an meine Freundin aus München. Ihre Eltern wollten damals nicht, dass sie nach Berlin fährt. Zu gefährlich. Dieser Sumpf. Hausbesetzer. Drogen. Christiane F. Ein Moloch. Die Hölle. Wir fanden das natürlich maßlos übertrieben. Für uns war Berlin keine Hölle. Es war unsere Welt. Heute sehe ich manches nüchterner. Natürlich gab es die Schattenseiten. Natürlich war nicht jeder Hausbesetzer ein Held und nicht jede Utopie eine gute Idee. Aber diese Stadt hatte etwas, das ich bis heute vermisse. Sie ließ Dinge zu. Sie ließ Menschen zu, die anders waren. Und sie ließ uns glauben, dass man nicht alles hinnehmen muss. Das ist der Punkt, an dem Rio für mich heute wieder wichtig wird.
Nicht, weil ich die siebziger oder achtziger Jahre zurückhaben möchte.
Um Himmels willen. Wir waren jung. Das reicht als Erklärung.
Aber wir könnten heute wieder jemanden gebrauchen, der den Finger dahin legt, wo es weh tut.
Einen, der nicht sofort fragt, ob das auch schön formuliert ist.
Einen, der nicht fragt, ob man damit alle erreicht.
Einen, der einfach sagt:
Hier stimmt etwas nicht.
Und hinschaut.
Auf Macht.
Auf Geld.
Auf Ungleichheit.
Auf Krieg.
Auf Menschen, die unten bleiben sollen, damit andere oben bleiben können. Rio hätte wahrscheinlich ziemlich viel zu tun. Dreißig Jahre ist er jetzt tot. Ich bin inzwischen 61. Damals hätte ich einen 61-Jährigen wahrscheinlich für ziemlich alt gehalten. Heute bin ich selbst einer. Verdammt. Auch so eine Frechheit des Lebens. Die Jacke ist weg. Die Mauer ist weg. West-Berlin ist weg. Aber die Platte steht bei mir im Regal. Manchmal hole ich sie heraus.
„Keine Macht für Niemand.“
Und plötzlich ist Rio wieder da. Nicht als Denkmal. Nicht als Stimme aus einer alten Zeit. Sondern ganz unmittelbar. Und ich merke, wie sehr mir dieser Mensch fehlt. Dieser unbequeme Idealist. Dieser große Spracharbeiter. Dieser Mann, der schreien konnte und flüstern. Der wütend sein konnte und zärtlich. Der uns manchmal die Faust zeigte und manchmal einfach nur die Hand hinhielt.
Rio, ich vermisse Dich.
Nicht nur Deine Lieder.
Nicht nur die Scherben.
Dich.
Für immer.
Und Dich.
