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Monokel: "Fünf nette, junge Herren,
die 1a Kraft-Blues machen" (Album)

lp1 20130511 1587034623VÖ: 1986; Label: AMIGA; Katalognummer: 8 56 233; Musiker: Bernd „Zuppe“ Buchholz (Gesang, Mundharmonika), Michael „Lefty“ Linke (Gitarre, akustische Gitarre, Gesang), Bernd „Kuhle“ Kühnert (Gitarre, Gesang), Jörg „Speiche“ Schütze (Bass), Bernd Damitz (Schlagzeug); Produktion: Karl Heinz Ocasek; Musik- und Tonregie: Walter Müller; Arrangements: MONOKEL; Bemerkung: Bei AMIGA außer auf LP im gleichen Jahr auch auf Kassette (# 056 233) erschienen. Im Jahre 2022 als Teil der 5 CD-Box „Amiga Blues“ mit den Bonustracks „Berlin“, „M.O.N.O.K.E.L. “, „Schweine nach vorn“, „Kein Engel“, „Nie wie Vater“, „Hosen runter“ und „Rettungsboot“ erstmals auf CD veröffentlicht;

Titel:
Seite 1: "Kindertraum“, „Das Landei“, „Paule Glotzmann“, „Schwarze Marie“, „Boogie Mobil"
Seite 2: "Man schmiedet doch anders herum“, „Bye Bye Lübben City“, „Oma Krüger“, „Das Monster vom Schilkinsee oder der Bär, der Frohsinn bringt"


Manchmal genügt schon ein Albumtitel, um ziemlich genau zu wissen, mit wem man es zu tun hat. „Fünf nette, junge Herren, die 1a Kraft-Blues machen“ klingt nicht nach einer Band, die sich selbst übermäßig ernst nimmt. Den Blues allerdings nahmen MONOKEL sehr ernst. Und wer diese Platte aus dem Jahre 1986 heute wieder auflegt, bekommt eine ziemlich eindrucksvolle Erklärung dafür geliefert, warum der Begriff „Kraftblues“ mit dieser Band so eng verbunden ist.

MONOKEL waren zu diesem Zeitpunkt längst keine Neulinge mehr. Die 1976 in Berlin gegründete Gruppe gehörte zu den wichtigen Formationen jener DDR-Blues-Szene, die weit mehr als nur eine musikalische Nische darstellte. Bands wie Engerling, Freygang, Jonathan Blues Band oder eben MONOKEL lieferten den Soundtrack für eine Szene, die an den Wochenenden durch die Republik zog und sich ihre eigenen Freiräume suchte. MONOKEL standen dabei für die etwas härtere Gangart: Blues als Fundament, Rock als Verstärker und eine gehörige Portion Rotz als Grundhaltung.

Umso erstaunlicher ist, dass „Fünf nette, junge Herren, die 1a Kraft-Blues machen“ tatsächlich das einzige reguläre MONOKEL-Album blieb, das zu DDR-Zeiten bei AMIGA erschien. 1986 war die Band bereits zehn Jahre unterwegs und hatte sich ihren Ruf vor allem auf der Bühne erspielt. Die Platte ist deshalb weniger der Beginn einer Geschichte als vielmehr eine Bestandsaufnahme einer längst ausgewachsenen Kapelle.

Die Besetzung auf dem Album bestand aus Jörg „Speiche“ Schütze am Bass, Bernd Damitz am Schlagzeug, Michael „Lefty“ Linke an Gitarre, akustischer Gitarre und Gesang, Bernd „Kuhle“ Kühnert an Gitarre und Gesang sowie Bernd „Zuppe“ Buchholz als Sänger und Mundharmonikaspieler. Die Arrangements stammen alle von MONOKEL selbst. Und das hört man. Hier wurde nicht versucht, eine Bluesband im Studio auf Hochglanz zu polieren. Der Sound lebt von Gitarren, Bass, Schlagzeug, Mundharmonika und Stimmen, von Reibung und von einer Direktheit, die stellenweise beinahe den Eindruck vermittelt, man stehe nicht vor den Lautsprechern, sondern einige Meter vor einer Bühne. Natürlich klingt die Produktion aus heutiger Sicht nach ihrer Zeit. Aber gerade diese fehlende sterile Perfektion macht einen erheblichen Teil ihres Reizes aus.

Interessant ist „Fünf nette, junge Herren, die 1a Kraft-Blues machen“ nicht allein wegen seiner Musik. Wer genauer hinhört, entdeckt eine Platte voller Typen, kleiner Geschichten, Alltagsbeobachtungen und skurriler Einfälle. MONOKEL erzählen nicht von einer glamourösen Rock-'n'-Roll-Welt. Ihre Geschichten spielen sehr viel näher am wirklichen Leben – und genau dadurch bekommen sie ihren besonderen Charme.


monokel01 0 20260808 1418276901Das Album auf Kassette (AMIGA, 1986)



„Kindertraum“ eröffnet das Album vergleichsweise nachdenklich. Schon der Titel führt weg von der rauen Kraftmeierei, die man angesichts des Begriffs „Kraftblues“ vielleicht erwarten würde. Hier geht es um Wünsche und Vorstellungen, die man einmal vom Leben hatte, und um die Frage, was davon übrig bleibt, wenn aus dem Kind ein Erwachsener geworden ist. Damit steckt in dem Stück auch etwas Wehmütiges: Träume besitzen in der Kindheit keine Grenzen, das wirkliche Leben dagegen schon. MONOKEL verpacken diesen Gedanken nicht in eine zerbrechliche Ballade, sondern lassen ihn auf einem kräftigen Bluesrock-Fundament stehen. Gerade dieser Gegensatz funktioniert ausgezeichnet.
Mit „Das Landei“ wird es wesentlich augenzwinkernder. MONOKEL widmen sich einer Figur, die nicht aus der großen weiten Welt kommt und entsprechend mit einer gewissen Provinzialität ausgestattet ist. Doch der Song macht daraus keine boshafte Abrechnung. Vielmehr steckt darin jene Art von Spott, bei der man den Menschen, über den man sich lustig macht, trotzdem irgendwie mögen kann. Überhaupt begegnen uns auf diesem Album immer wieder solche Figuren: keine Helden, keine Stars, sondern Leute von nebenan.
Das gilt erst recht für „Paule Glotzmann“. Schon der Name klingt wie eine Figur, die eigentlich nur noch darauf wartet, dass jemand einen Song über sie schreibt. MONOKEL machen aus solchen Charakteren kleine musikalische Milieustudien. Hinter der Komik steckt dabei durchaus eine genaue Beobachtung menschlicher Eigenheiten. Das Lied lebt nicht von einer großen Botschaft, sondern von seinem Typen, seiner Geschichte und der Freude daran, diesen Typen musikalisch vorzuführen. Man sieht Paule beim Zuhören beinahe vor sich.
Eine andere Farbe besitzt „Schwarze Marie“, deren Text von Werner Karma stammt. Dass hier ein Mann die Worte geliefert hat, der unter anderem für Silly, City und zahlreiche andere Künstler schrieb, ist durchaus zu spüren. Der Text besitzt eine andere sprachliche Handschrift als die ausgesprochen bodenständigen Geschichten ringsherum. Die „Schwarze Marie“ wird zu einer geheimnisvolleren, beinahe mythischen Frauenfigur. Damit bekommt das Album plötzlich etwas Dunkleres und Bildhafteres. Der Blues passt zu dieser Figur ausgezeichnet: Verführung, Gefahr, Faszination und eine gewisse Unberechenbarkeit liegen dicht beieinander.
„Boogie Mobil“ braucht dagegen keine tiefenpsychologische Auslegung. Hier geht es um Bewegung. Um Unterwegssein, um Musik und letztlich um jenes Lebensgefühl, das für eine Bluesband wie MONOKEL elementar war. Das „Boogie Mobil“ kann man deshalb durchaus als Sinnbild verstehen: einsteigen, losfahren, Musik machen und schauen, wo man am Ende landet. Die Nummer vermittelt jene ungebremste Lust am Spielen, die vermutlich auch einen erheblichen Teil der damaligen MONOKEL-Konzerte ausmachte. Inhalt und Musik greifen hier unmittelbar ineinander – der Text fährt, und die Band fährt mit.
Bei „Man schmiedet doch anders herum“ wird schon im Titel mit einer bekannten Redewendung gespielt. Aus dem vertrauten Gedanken vom Schmieden des Eisens wird eine verkehrte Perspektive. Genau darin steckt der Witz des Stücks. Gleichzeitig lässt sich die Nummer als Kommentar auf die Frage hören, ob man sich den Umständen anpassen soll oder die Umstände lieber selbst verändert. Das passt erstaunlich gut zu einer Band und einer Szene, die sich innerhalb der DDR ihre eigenen Freiräume schaffen mussten. Man muss daraus nicht zwangsläufig ein politisches Lied machen. Aber die Haltung dahinter ist unverkennbar: Dinge müssen nicht deshalb richtig sein, nur weil sie immer auf dieselbe Weise gemacht wurden.
Noch stärker mit der Lebenswirklichkeit der damaligen Blueserszene verbunden ist „Bye Bye Lübben City“. Hier wird die Platte beinahe zum Zeitdokument. Das Lied erzählt von jenem Unterwegssein, das für die sogenannten Blueser oder Tramper in der DDR zum Lebensgefühl gehörte. Am Wochenende ging es dorthin, wo eine Band spielte – per Zug, per Anhalter oder irgendwie anders. Lübben steht dabei nicht nur für einen geografischen Ort. „Lübben City“ wird zum Symbol für diese eigene kleine Welt aus Konzerten, Freunden, Reisen und dem Gefühl, für einige Stunden aus dem normalen Alltag verschwinden zu können. Gerade deshalb ist „Bye Bye Lübben City“ mehr als ein hübscher Bluesrock-Song. Die Nummer konserviert ein Stück Jugendkultur. Wer damals Teil dieser Szene war, konnte darin die eigene Lebenswirklichkeit wiederfinden. Und wer sie nicht erlebt hat, bekommt heute zumindest eine Ahnung davon, warum Musik für diese Leute erheblich mehr bedeutete als Unterhaltung.
Mit „Oma Krüger“ kehren MONOKEL anschließend wieder zu ihren Alltagsfiguren zurück. Schon die Entscheidung, eine ältere Frau zur Titelfigur eines Bluesrock-Songs zu machen, erzählt viel über den Humor der Band. Während Rockmusik andernorts vorzugsweise von gefährlichen Kerlen, schnellen Autos und begehrenswerten Frauen handelte, taucht bei MONOKEL eben Oma Krüger auf. Das ist herrlich unspektakulär – und gerade deshalb originell. Aus einem scheinbar gewöhnlichen Menschen wird für dreieinhalb Minuten eine Hauptfigur. Solche Songs geben dem Album seine unverwechselbare Bodenhaftung.
Und dann wäre da noch „Das Monster vom Schilkinsee oder der Bär, der Frohsinn bringt“. Bereits dieser wunderbar ausufernde Titel macht deutlich, dass MONOKEL zum Abschluss endgültig den Spaß an der skurrilen Geschichte ausleben. Frank Gahler schrieb den Text, und die Nummer besitzt etwas von einer musikalischen Räuberpistole. Realität ist hier nicht mehr besonders wichtig. Entscheidend sind Fantasie, Übertreibung und die Lust am Erzählen. Aus dem vermeintlichen Monster wird eine Figur, um die herum sich eine beinahe märchenhafte Bluesgeschichte entwickelt. Gerade als Abschluss funktioniert das ausgezeichnet. Nach Kinderträumen, Landeiern, Paule Glotzmann, einer schwarzen Marie, einem Boogie-Mobil, Lübben City und Oma Krüger darf schließlich auch noch ein Monster auftauchen.

Nimmt man die Texte zusammen, entsteht beinahe ein kleines MONOKEL-Universum. Seine Bewohner heißen nicht Johnny B. Goode und wohnen auch nicht irgendwo in Mississippi. Sie heißen Paule Glotzmann oder Oma Krüger, kommen vom Land, fahren nach Lübben, träumen, spinnen Geschichten und begegnen gelegentlich sogar einem Monster am Schilkinsee. Genau hier liegt eine wesentliche Qualität dieser Platte. MONOKEL übernehmen die musikalische Sprache des Blues, aber sie übernehmen nicht einfach dessen amerikanische Geschichten. Sie holen diese Musik in ihre eigene Umgebung. Aus Mississippi wird Brandenburg, aus der Route 66 wird irgendwann die Straße nach Lübben und aus den klassischen Figuren des Blues werden Menschen, denen man theoretisch auch vor der eigenen Haustür begegnen könnte.

Damit bekommt „Fünf nette, junge Herren, die 1a Kraft-Blues machen“ neben seiner musikalischen auch eine kulturgeschichtliche Qualität. Die LP erzählt etwas über eine Szene, über Humor und Alltag und darüber, wie sich eine ursprünglich amerikanische Musikform unter völlig anderen gesellschaftlichen Bedingungen eine eigene Sprache suchte. Das ist vermutlich mit das Spannendste an dieser Platte: MONOKEL spielten nicht einfach Blues in der DDR. Sie machten daraus ihren eigenen.

Musikalisch liefert MONOKEL auf ihrem Debüt-Album genau jene Mischung, für die die Band bekannt geworden ist: erdigen Bluesrock, druckvollen Boogie und schnörkellosen Rock ’n’ Roll. Die Gitarren bekommen viel Raum, Bass und Schlagzeug sorgen für einen schwer rollenden Groove, und immer wieder blitzt die enorme Live-Erfahrung der Musiker auf. Dabei klingt keineswegs alles gleich: Neben ausgedehnten, sich langsam entwickelnden Nummern stehen kompakte Rocker, humorvolle Stücke und Songs mit beinahe uriger Kneipenatmosphäre. Trotz der teilweise drei Jahre auseinanderliegenden Aufnahmesessions wirkt das Album erstaunlich geschlossen – rau, direkt, ungekünstelt und mit jener gehörigen Portion Vorwärtsdrang, die den Begriff „Kraftblues“ bei MONOKEL wie auch schon bei den Song-Inhalten ziemlich treffend auf den Punkt bringt.

Ich fasse mal zusammen: „Fünf nette, junge Herren, die 1a Kraft-Blues machen“ ist heute weit mehr als ein Dokument aus der DDR-Rockgeschichte. Die Platte funktioniert noch immer als Album, weil MONOKEL nicht versucht haben, irgendeinem internationalen Vorbild möglichst ähnlich zu klingen. Natürlich hört man, wo diese Musik herkommt: Blues, Boogie, Rhythm & Blues und harter Rock bilden das Fundament. Aber darauf errichtete die Band längst ihr eigenes Haus. Michael Linke und Bernd Kühnert liefern die Gitarrenarbeit, die dem Begriff „Kraftblues“ seine Berechtigung gibt. Jörg Schütze und Bernd Damitz sorgen dafür, dass darunter nichts ins Wanken gerät, während Bernd Buchholz mit Gesang und Mundharmonika zusätzlich jene raue Bluesfarbe hineinbringt, die diese Musik braucht.


monokel02 1 20260808 1239593281Gundolf „Kundi“ Zimmermann (Mitte) mit Michael
Linke und Bernd Kühnert (Öll auf Leinwand, 2026)



Dabei ist die Platte keineswegs nur laut. Ihre Stärke liegt im Zusammenspiel von Kraft und Lockerheit. MONOKEL können drücken, rollen, schleppen und boogien. Sie können Geschichten erzählen, ohne daraus Kunstprojekte zu machen, und sie besitzen etwas, das sich im Studio nur schwer künstlich herstellen lässt: Glaubwürdigkeit. Vielleicht ist genau das der Grund, weshalb diese neun Titel vier Jahrzehnte später kaum museal wirken. Man hört keine Musiker, die beweisen wollen, dass sie Blues spielen können. Man hört fünf Männer, für die diese Musik offenbar längst zur eigenen Sprache geworden war.

Und der Titel? „Fünf nette, junge Herren, die 1a Kraft-Blues machen“ war natürlich mit einem kräftigen Augenzwinkern versehen. Das mit den „netten, jungen Herren“ durfte man vermutlich schon 1986 nicht allzu wörtlich nehmen. Beim zweiten Teil hingegen gibt es wenig zu diskutieren. „1a Kraftblues“ steht schließlich drauf – und ist auch drin.

Diese doch sehr ausführlich gewordene Plattenrezension widme ich dem lieben Gundolf „Kundi“ Zimmermann, der viele Beiträge für unser Magazin geschrieben hat und ein großer Fan dieser Band war. Manchmal war er innerhalb kürzester Zeit bei mehreren Muggen dieser Kapelle. Leute, die diese Platte kennen, wissen ganz genau, warum sie ihn magisch anzog. Die, die sie jetzt hier kennenlernen, werden es dann auch tun. Damit geht ein Gruß nach oben.
(Christian Reder)



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Seh- und Hör-Bar.












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