Count Jaye: Jet Garbage Can (Album)

Ausschließlich digital und nicht physisch auf CD oder Platte veröffentlicht.
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Rezension:
Bevor wir uns dem neuen Album widmen, lohnt sich ein Blick darauf, wer eigentlich hinter Count Jaye steckt. Count Jaye heißt mit bürgerlichem Namen Jens Müller und kann auf eine ungewöhnliche Karriere zurückblicken. Seine musikalischen Anfänge liegen in der DDR. Zunächst spielte er bei KLEINKARIERT aus Ost-Berlin, ehe er sich 1987 den begehrten Schlagzeugerposten bei DIE ANDEREN sicherte. Die Band gehörte zur neuen und gleichzeitig letzten Generation der DDR-Rockszene und konnte sich schnell eine beachtliche Fangemeinde erspielen. Im Mai 1989 führte sie sogar ein Gastspiel zu einem Festival nach West-Berlin, bei dem unter anderem auch FEELING B auftrat.
Eine entscheidende Rolle für Müllers weiteren Weg spielte der amerikanische Produzent und frühere BEACH-BOYS-Manager Jack Rieley. Er ermunterte Müller zu einer Solokarriere und handelte mit AMIGA einen Plattenvertrag aus. Unter dem schlichten Künstlernamen J. erschien 1989 das gleichnamige Soloalbum. Die Aufnahmen entstanden in London. Müller spielte laut LP-Cover nahezu alle Instrumente selbst ein; lediglich die Gitarrenparts steuerte Vico Wildanger bei. Die erhoffte internationale Karriere blieb allerdings aus - nicht zuletzt, weil das Album ausgerechnet in jener Zeit erschien, in der die DDR politisch auseinanderbrach. Müller zog später nach Paris und nahm 1992 erneut mit Rieley das Album "We Are The Majority" auf, das unter anderem in Frankreich, den USA und Japan veröffentlicht wurde. Mitte der 1990er-Jahre ging er in die USA und schlug dort zusätzlich eine erfolgreiche unternehmerische Laufbahn ein.
Musikalisch meldete er sich Anfang des neuen Jahrtausends als Jaye Muller zurück, arbeitete später mit Ben Patton als MULLER AND PATTON und veröffentlichte seit 2016 wieder eigene Alben unter dem Namen Count Jaye bzw. Count Jaye & the Hard Beats. Auf "Bandages Cover the Looting" folgten 2019 "Hippo Russian Pickle Giant Blue Disguise", 2022 "You Belong To You" und 2025 "Two States Of Mind". Im Sommer 2026 ist nun bei Flasher Factory das neue Album "Jet Garbage Can" erschienen. Elf Titel umfasst das Werk - und wer aufgrund von Jens Müllers langer musikalischer Vergangenheit ein nostalgisches Alterswerk erwartet, liegt ziemlich daneben.
"Jet Garbage Can" ist zunächst einmal ein ausgesprochen handgemachtes Rockalbum. Gitarren, Bass und Schlagzeug bilden fast durchgehend das Fundament. Elektronische Spielereien oder eine übermäßig auf Hochglanz getrimmte Produktion spielen keine entscheidende Rolle. Stattdessen hört man eine Band, die ihre Songs über Riffs, Melodien, Rhythmus und eine Stimme transportiert, die längst nicht mehr versucht, besonders schön zu klingen. Count Jayes rauer, teilweise spröder Gesang gehört zu den wichtigsten Erkennungsmerkmalen dieser Platte.
Dabei ist das Album stilistisch breiter aufgestellt, als der erste Eindruck vermuten lässt. Klassischer Rock und Bluesrock bilden zwar das Zentrum, doch Folkrock, Alternative Rock, gelegentliche Grunge-Anklänge und große Rockballaden finden ebenfalls ihren Platz. Besonders auffällig ist die Gitarrenarbeit. Immer wieder dürfen die elektrischen Gitarren aus den Songstrukturen ausbrechen und mit melodischen Soli eine zweite Stimme übernehmen. Diese Soli dienen nur selten der technischen Selbstdarstellung. Sie erzählen weiter, was die Stimme zuvor begonnen hat.
Schon "Please Take Me Now" macht dieses Konzept deutlich. Eine Akustikgitarre eröffnet das Album beinahe freundlich, ehe Bass, Schlagzeug und elektrische Gitarren das Klangbild verbreitern. Hinter der melodischen Oberfläche verbirgt sich allerdings ein wesentlich düstererer Text. Kreisende Geier werden zum Sinnbild für Opportunisten, Betrüger und Menschen, die auf die Schwäche anderer warten. Treibsand zieht den Erzähler gleichzeitig nach unten. Der Wunsch, endlich nach Hause gebracht zu werden, entwickelt sich so zum Wunsch nach einem sicheren Ort in einer zunehmend feindselig empfundenen Umgebung.
Der Titelsong "Jet Garbage Can" schaltet anschließend einen Gang höher. Garage Rock, Punk und schnörkelloser Hard Rock treffen auf ein wunderbar absurdes Bild: Nach Lawinen, Hurrikans, Erdbeben und anderen Katastrophen steigt der Erzähler immer wieder in seine düsengetriebene Mülltonne und fährt weiter. Genau diese "Jet Garbage Can" wird zum Symbol des gesamten Stückes. Man benötigt offensichtlich kein perfektes Gefährt, um wieder auf die Beine zu kommen. Man nimmt, was vorhanden ist, startet den Motor und macht weiter. Hinter dem Humor steckt damit ein ziemlich handfestes Lied über Widerstandskraft.
Wesentlich unbequemer wird es mit "Guy with the Human Rights Awards". Schwer und schleppend bewegen sich die Gitarren durch einen Song, dessen Protagonist sich mit Menschenrechtspreisen, Beziehungen zu Mächtigen und gesellschaftlicher Anerkennung schmückt, während er selbst zunehmend als frauenverachtender und gewalttätiger Charakter sichtbar wird. Der Titel ist bitterer Sarkasmus. Hier steht ein Mann vor uns, der öffentlich Moral verkörpert und privat genau jene Rechte missachtet, für deren Verteidigung er angeblich ausgezeichnet wurde. Es ist der verstörendste Titel der Platte und eine drastische Rollenrede über Doppelmoral und Machtmissbrauch. Und wie nahe wir damit an der Realität sind, kann man den Nachrichten der letzten Jahre ganz leicht entnehmen.
"Let Your Freedom Flow" bildet dazu beinahe das Gegenstück. Klavier und Streicher eröffnen eine getragene Rockballade, die den Hörer auffordert, sich nicht in fremde Formen pressen zu lassen. John Lennon lässt unüberhörbar grüßen … Menschen werden kommen, Menschen werden gehen - entscheidend ist, sich dabei nicht selbst zu verlieren. "Just be yourself and let your freedom flow" bringt die Botschaft auf eine denkbar einfache Formel. Count Jayes raue Stimme verhindert dabei, dass die Nummer nach weichgespültem Motivationspop klingt. Hier singt jemand über Freiheit, der durchaus weiß, dass sie erkämpft und verteidigt werden muss.
Mit "One Day Soon" wird es anschließend sehr persönlich. Eine langsame Bluesrock-Ballade erzählt von einem Menschen, der nachts allein in einem leeren Zimmer sitzt, auf einen leeren Stuhl schaut und die Erinnerung an einen vergangenen Kuss nicht loswird. Kalter Kaffee, Regen, eine sich quälend langsam bewegende Uhr und ein Licht im Fenster sind die kleinen Bilder, aus denen der Song seine große Einsamkeit zusammensetzt. Die Gitarre darf dabei immer wieder das aussprechen, wofür der Erzähler offenbar keine Worte mehr findet. Am Ende bleibt nur ein vorsichtiges "maybe": Vielleicht kommt der andere Mensch eines Tages zurück - oder vielleicht gelingt irgendwann das Loslassen.
"How's It Done?" gehört zu den hintergründigsten Songs der Platte. Zunächst klingt alles beinahe verspielt. Akustikgitarre, Folkrock und scheinbar naive Fragen bestimmen das Bild: Wie funktioniert Liebe eigentlich? Wie bekommt man Honig aus einem Baum? Wie ging noch einmal diese alte Melodie? Doch die freundliche Oberfläche bekommt plötzlich einen tiefen Riss. Der Erzähler möchte seine Partnerin sagen hören, dass sie ihn liebt - und droht ihr Konsequenzen an, sollte diese Antwort ausbleiben. Aus dem etwas verschrobenen Romantiker wird für einen Moment eine bedrohliche Figur. Danach klingt selbst der zuvor so harmlose Refrain anders. Das ist clever konstruiert, weil die Musik ihre freundliche Fassade weitgehend behält.
"Tear Pond" gehört dagegen zu den emotionalsten Momenten des Albums. Count Jaye & the Hard Beats machen daraus eine klassische Rockballade, in der erstmals eine Frauenstimme eine entscheidende Rolle übernimmt. Aus dem zunächst männlichen Blick auf eine schwierige Beziehung entwickelt sich ein Duett. Der titelgebende "Tränenteich" wird zum Bild für all jene Verletzungen und Krisen, die sich im Laufe einer gemeinsamen Geschichte ansammeln können. Entscheidend ist, dass das rettende Ufer erreichbar bleibt. Gerade der Übergang vom männlichen Solovortrag zum gemeinsamen Gesang macht die Botschaft glaubwürdig: Aus "Ich" und "Du" entsteht wieder ein "Wir".
Einen ganz anderen Abgrund öffnet "Welcome to the Dark". Bildschirme werden zu Propheten, Zahlen zu Königen, Komfort wird mit silbernen Fäden verschnürt und selbst die Ketten kommen in Gold und Samt daher. Der Song beschreibt eine Gesellschaft, in der Kontrolle nicht mehr unbedingt durch offene Gewalt ausgeübt werden muss. Sie wird angenehm verpackt und als Sicherheit, Bequemlichkeit oder Fortschritt verkauft. Besonders stark ist das Bild vom süßesten Gift, das die tiefsten Spuren hinterlässt. Die Dunkelheit kommt nicht mit einem Warnschild - sie begrüßt uns freundlich.
"Running Away" führt anschließend zurück auf die persönliche Ebene. Der Erzähler will gehen, seine Verkleidung abwerfen und endlich wieder seinen eigenen Rhythmus finden. Gleichzeitig denkt er darüber nach, zurückzukehren und mit dem Menschen, den er gerade verlässt, noch einmal neu anzufangen. Genau dieser Widerspruch macht den Song interessant. Die Beine laufen bereits davon, während der Kopf noch über Versöhnung nachdenkt. Das knapp gehaltene Arrangement unterstützt diese permanente Bewegung.
Mit "To Be Honest" nimmt sich die Band anschließend deutlich mehr Zeit. Der über fünf Minuten lange Titel wächst aus einem ruhigen, fast vertraulichen Beginn allmählich zu einer großen Rockballade heran. Ehrlichkeit erscheint dabei gleichzeitig als Befreiung und Gefahr. Irgendwann müssen Dinge ausgesprochen werden, auch wenn danach möglicherweise nichts mehr so ist wie vorher. Besonders das ausgedehnte Gitarrenspiel übernimmt hier die Rolle einer zweiten Stimme. Wo die Worte nicht mehr reichen, erzählt das Instrument weiter.
"We Go Tonight" setzt schließlich einen wesentlich unmittelbareren Schlusspunkt. Der Song benötigt keine komplizierte Botschaft. Ein gutes Riff, ein stabiler Groove, Count Jayes raue Stimme und eine Leadgitarre mit reichlich Freiraum reichen vollkommen aus. Das ist schnörkelloser Bluesrock für eine nächtliche Fahrt, bei der die Entscheidung längst gefallen ist: Wir fahren heute. Morgen können wir uns immer noch überlegen, was das eigentlich alles zu bedeuten hatte.
Gerade diese Mischung macht "Jet Garbage Can" interessant. Das Album besitzt keinen einheitlichen erzählerischen Handlungsbogen, aber sehr wohl wiederkehrende Gedanken. Freiheit und Kontrolle, Aufbruch und Festhalten, Wahrheit und Täuschung, Selbstbehauptung und Abhängigkeit tauchen in unterschiedlichen Formen immer wieder auf. Mehrere Protagonisten wollen weg: aus einer Beziehung, aus gesellschaftlichen Zwängen, aus einer manipulierten Wirklichkeit oder schlicht aus einer Situation, die nicht mehr auszuhalten ist. Dabei sind die Figuren selten eindeutig. Menschen wollen gehen und gleichzeitig zurückkommen. Sie verlangen Freiheit und sehnen sich dennoch nach Bindung. Sie suchen Ehrlichkeit, obwohl sie wissen, dass Wahrheit schmerzen kann. Und manchmal verbirgt sich hinter einer freundlichen Oberfläche etwas ausgesprochen Hässliches. Count Jaye liefert keine elf Gebrauchsanweisungen dafür, wie man richtig zu leben hat. Er beschreibt vielmehr elf Situationen, in denen Menschen versuchen herauszufinden, wie sie mit sich selbst und ihrer Umgebung klarkommen.
Musikalisch hält die Platte diese unterschiedlichen Geschichten durch ihre konsequent organische Rocksprache zusammen. Die Gitarren dürfen knurren, singen und gelegentlich auch richtig aufdrehen. Der Bass steht stabil darunter, das Schlagzeug hält die Stücke auf Kurs, und über allem liegt diese unverwechselbar raue Stimme. Gerade weil hier nicht jeder Ton glattgebügelt wird, besitzt das Album Persönlichkeit. Und vielleicht ist ausgerechnet die absurd klingende "Jet Garbage Can" das passende Bild für die ganze Platte. Jens Müller blickt inzwischen auf mehrere Jahrzehnte Musikerleben zurück, hat Bands, Länder, musikalische Stile und sogar berufliche Welten gewechselt. Auf diesem Album klingt er nicht wie jemand, der beweisen müsste, dass er noch dazugehört. Er steigt einfach in seine musikalische düsengetriebene Mülltonne, dreht den Schlüssel um und fährt weiter. Das Gefährt hat ein paar Kratzer. Der Motor ist laut. Aus dem Auspuff kommt vermutlich mehr Qualm, als irgendeine Umweltbehörde erlauben würde. Aber das Ding fährt. Und genau deshalb macht es Spaß, einzusteigen.
(Christian Reder)
Eine entscheidende Rolle für Müllers weiteren Weg spielte der amerikanische Produzent und frühere BEACH-BOYS-Manager Jack Rieley. Er ermunterte Müller zu einer Solokarriere und handelte mit AMIGA einen Plattenvertrag aus. Unter dem schlichten Künstlernamen J. erschien 1989 das gleichnamige Soloalbum. Die Aufnahmen entstanden in London. Müller spielte laut LP-Cover nahezu alle Instrumente selbst ein; lediglich die Gitarrenparts steuerte Vico Wildanger bei. Die erhoffte internationale Karriere blieb allerdings aus - nicht zuletzt, weil das Album ausgerechnet in jener Zeit erschien, in der die DDR politisch auseinanderbrach. Müller zog später nach Paris und nahm 1992 erneut mit Rieley das Album "We Are The Majority" auf, das unter anderem in Frankreich, den USA und Japan veröffentlicht wurde. Mitte der 1990er-Jahre ging er in die USA und schlug dort zusätzlich eine erfolgreiche unternehmerische Laufbahn ein.
Musikalisch meldete er sich Anfang des neuen Jahrtausends als Jaye Muller zurück, arbeitete später mit Ben Patton als MULLER AND PATTON und veröffentlichte seit 2016 wieder eigene Alben unter dem Namen Count Jaye bzw. Count Jaye & the Hard Beats. Auf "Bandages Cover the Looting" folgten 2019 "Hippo Russian Pickle Giant Blue Disguise", 2022 "You Belong To You" und 2025 "Two States Of Mind". Im Sommer 2026 ist nun bei Flasher Factory das neue Album "Jet Garbage Can" erschienen. Elf Titel umfasst das Werk - und wer aufgrund von Jens Müllers langer musikalischer Vergangenheit ein nostalgisches Alterswerk erwartet, liegt ziemlich daneben.
"Jet Garbage Can" ist zunächst einmal ein ausgesprochen handgemachtes Rockalbum. Gitarren, Bass und Schlagzeug bilden fast durchgehend das Fundament. Elektronische Spielereien oder eine übermäßig auf Hochglanz getrimmte Produktion spielen keine entscheidende Rolle. Stattdessen hört man eine Band, die ihre Songs über Riffs, Melodien, Rhythmus und eine Stimme transportiert, die längst nicht mehr versucht, besonders schön zu klingen. Count Jayes rauer, teilweise spröder Gesang gehört zu den wichtigsten Erkennungsmerkmalen dieser Platte.
Dabei ist das Album stilistisch breiter aufgestellt, als der erste Eindruck vermuten lässt. Klassischer Rock und Bluesrock bilden zwar das Zentrum, doch Folkrock, Alternative Rock, gelegentliche Grunge-Anklänge und große Rockballaden finden ebenfalls ihren Platz. Besonders auffällig ist die Gitarrenarbeit. Immer wieder dürfen die elektrischen Gitarren aus den Songstrukturen ausbrechen und mit melodischen Soli eine zweite Stimme übernehmen. Diese Soli dienen nur selten der technischen Selbstdarstellung. Sie erzählen weiter, was die Stimme zuvor begonnen hat.
Schon "Please Take Me Now" macht dieses Konzept deutlich. Eine Akustikgitarre eröffnet das Album beinahe freundlich, ehe Bass, Schlagzeug und elektrische Gitarren das Klangbild verbreitern. Hinter der melodischen Oberfläche verbirgt sich allerdings ein wesentlich düstererer Text. Kreisende Geier werden zum Sinnbild für Opportunisten, Betrüger und Menschen, die auf die Schwäche anderer warten. Treibsand zieht den Erzähler gleichzeitig nach unten. Der Wunsch, endlich nach Hause gebracht zu werden, entwickelt sich so zum Wunsch nach einem sicheren Ort in einer zunehmend feindselig empfundenen Umgebung.
Der Titelsong "Jet Garbage Can" schaltet anschließend einen Gang höher. Garage Rock, Punk und schnörkelloser Hard Rock treffen auf ein wunderbar absurdes Bild: Nach Lawinen, Hurrikans, Erdbeben und anderen Katastrophen steigt der Erzähler immer wieder in seine düsengetriebene Mülltonne und fährt weiter. Genau diese "Jet Garbage Can" wird zum Symbol des gesamten Stückes. Man benötigt offensichtlich kein perfektes Gefährt, um wieder auf die Beine zu kommen. Man nimmt, was vorhanden ist, startet den Motor und macht weiter. Hinter dem Humor steckt damit ein ziemlich handfestes Lied über Widerstandskraft.
Wesentlich unbequemer wird es mit "Guy with the Human Rights Awards". Schwer und schleppend bewegen sich die Gitarren durch einen Song, dessen Protagonist sich mit Menschenrechtspreisen, Beziehungen zu Mächtigen und gesellschaftlicher Anerkennung schmückt, während er selbst zunehmend als frauenverachtender und gewalttätiger Charakter sichtbar wird. Der Titel ist bitterer Sarkasmus. Hier steht ein Mann vor uns, der öffentlich Moral verkörpert und privat genau jene Rechte missachtet, für deren Verteidigung er angeblich ausgezeichnet wurde. Es ist der verstörendste Titel der Platte und eine drastische Rollenrede über Doppelmoral und Machtmissbrauch. Und wie nahe wir damit an der Realität sind, kann man den Nachrichten der letzten Jahre ganz leicht entnehmen.
"Let Your Freedom Flow" bildet dazu beinahe das Gegenstück. Klavier und Streicher eröffnen eine getragene Rockballade, die den Hörer auffordert, sich nicht in fremde Formen pressen zu lassen. John Lennon lässt unüberhörbar grüßen … Menschen werden kommen, Menschen werden gehen - entscheidend ist, sich dabei nicht selbst zu verlieren. "Just be yourself and let your freedom flow" bringt die Botschaft auf eine denkbar einfache Formel. Count Jayes raue Stimme verhindert dabei, dass die Nummer nach weichgespültem Motivationspop klingt. Hier singt jemand über Freiheit, der durchaus weiß, dass sie erkämpft und verteidigt werden muss.
Mit "One Day Soon" wird es anschließend sehr persönlich. Eine langsame Bluesrock-Ballade erzählt von einem Menschen, der nachts allein in einem leeren Zimmer sitzt, auf einen leeren Stuhl schaut und die Erinnerung an einen vergangenen Kuss nicht loswird. Kalter Kaffee, Regen, eine sich quälend langsam bewegende Uhr und ein Licht im Fenster sind die kleinen Bilder, aus denen der Song seine große Einsamkeit zusammensetzt. Die Gitarre darf dabei immer wieder das aussprechen, wofür der Erzähler offenbar keine Worte mehr findet. Am Ende bleibt nur ein vorsichtiges "maybe": Vielleicht kommt der andere Mensch eines Tages zurück - oder vielleicht gelingt irgendwann das Loslassen.
"How's It Done?" gehört zu den hintergründigsten Songs der Platte. Zunächst klingt alles beinahe verspielt. Akustikgitarre, Folkrock und scheinbar naive Fragen bestimmen das Bild: Wie funktioniert Liebe eigentlich? Wie bekommt man Honig aus einem Baum? Wie ging noch einmal diese alte Melodie? Doch die freundliche Oberfläche bekommt plötzlich einen tiefen Riss. Der Erzähler möchte seine Partnerin sagen hören, dass sie ihn liebt - und droht ihr Konsequenzen an, sollte diese Antwort ausbleiben. Aus dem etwas verschrobenen Romantiker wird für einen Moment eine bedrohliche Figur. Danach klingt selbst der zuvor so harmlose Refrain anders. Das ist clever konstruiert, weil die Musik ihre freundliche Fassade weitgehend behält.
"Tear Pond" gehört dagegen zu den emotionalsten Momenten des Albums. Count Jaye & the Hard Beats machen daraus eine klassische Rockballade, in der erstmals eine Frauenstimme eine entscheidende Rolle übernimmt. Aus dem zunächst männlichen Blick auf eine schwierige Beziehung entwickelt sich ein Duett. Der titelgebende "Tränenteich" wird zum Bild für all jene Verletzungen und Krisen, die sich im Laufe einer gemeinsamen Geschichte ansammeln können. Entscheidend ist, dass das rettende Ufer erreichbar bleibt. Gerade der Übergang vom männlichen Solovortrag zum gemeinsamen Gesang macht die Botschaft glaubwürdig: Aus "Ich" und "Du" entsteht wieder ein "Wir".
Einen ganz anderen Abgrund öffnet "Welcome to the Dark". Bildschirme werden zu Propheten, Zahlen zu Königen, Komfort wird mit silbernen Fäden verschnürt und selbst die Ketten kommen in Gold und Samt daher. Der Song beschreibt eine Gesellschaft, in der Kontrolle nicht mehr unbedingt durch offene Gewalt ausgeübt werden muss. Sie wird angenehm verpackt und als Sicherheit, Bequemlichkeit oder Fortschritt verkauft. Besonders stark ist das Bild vom süßesten Gift, das die tiefsten Spuren hinterlässt. Die Dunkelheit kommt nicht mit einem Warnschild - sie begrüßt uns freundlich.
"Running Away" führt anschließend zurück auf die persönliche Ebene. Der Erzähler will gehen, seine Verkleidung abwerfen und endlich wieder seinen eigenen Rhythmus finden. Gleichzeitig denkt er darüber nach, zurückzukehren und mit dem Menschen, den er gerade verlässt, noch einmal neu anzufangen. Genau dieser Widerspruch macht den Song interessant. Die Beine laufen bereits davon, während der Kopf noch über Versöhnung nachdenkt. Das knapp gehaltene Arrangement unterstützt diese permanente Bewegung.
Mit "To Be Honest" nimmt sich die Band anschließend deutlich mehr Zeit. Der über fünf Minuten lange Titel wächst aus einem ruhigen, fast vertraulichen Beginn allmählich zu einer großen Rockballade heran. Ehrlichkeit erscheint dabei gleichzeitig als Befreiung und Gefahr. Irgendwann müssen Dinge ausgesprochen werden, auch wenn danach möglicherweise nichts mehr so ist wie vorher. Besonders das ausgedehnte Gitarrenspiel übernimmt hier die Rolle einer zweiten Stimme. Wo die Worte nicht mehr reichen, erzählt das Instrument weiter.
"We Go Tonight" setzt schließlich einen wesentlich unmittelbareren Schlusspunkt. Der Song benötigt keine komplizierte Botschaft. Ein gutes Riff, ein stabiler Groove, Count Jayes raue Stimme und eine Leadgitarre mit reichlich Freiraum reichen vollkommen aus. Das ist schnörkelloser Bluesrock für eine nächtliche Fahrt, bei der die Entscheidung längst gefallen ist: Wir fahren heute. Morgen können wir uns immer noch überlegen, was das eigentlich alles zu bedeuten hatte.
Gerade diese Mischung macht "Jet Garbage Can" interessant. Das Album besitzt keinen einheitlichen erzählerischen Handlungsbogen, aber sehr wohl wiederkehrende Gedanken. Freiheit und Kontrolle, Aufbruch und Festhalten, Wahrheit und Täuschung, Selbstbehauptung und Abhängigkeit tauchen in unterschiedlichen Formen immer wieder auf. Mehrere Protagonisten wollen weg: aus einer Beziehung, aus gesellschaftlichen Zwängen, aus einer manipulierten Wirklichkeit oder schlicht aus einer Situation, die nicht mehr auszuhalten ist. Dabei sind die Figuren selten eindeutig. Menschen wollen gehen und gleichzeitig zurückkommen. Sie verlangen Freiheit und sehnen sich dennoch nach Bindung. Sie suchen Ehrlichkeit, obwohl sie wissen, dass Wahrheit schmerzen kann. Und manchmal verbirgt sich hinter einer freundlichen Oberfläche etwas ausgesprochen Hässliches. Count Jaye liefert keine elf Gebrauchsanweisungen dafür, wie man richtig zu leben hat. Er beschreibt vielmehr elf Situationen, in denen Menschen versuchen herauszufinden, wie sie mit sich selbst und ihrer Umgebung klarkommen.
Musikalisch hält die Platte diese unterschiedlichen Geschichten durch ihre konsequent organische Rocksprache zusammen. Die Gitarren dürfen knurren, singen und gelegentlich auch richtig aufdrehen. Der Bass steht stabil darunter, das Schlagzeug hält die Stücke auf Kurs, und über allem liegt diese unverwechselbar raue Stimme. Gerade weil hier nicht jeder Ton glattgebügelt wird, besitzt das Album Persönlichkeit. Und vielleicht ist ausgerechnet die absurd klingende "Jet Garbage Can" das passende Bild für die ganze Platte. Jens Müller blickt inzwischen auf mehrere Jahrzehnte Musikerleben zurück, hat Bands, Länder, musikalische Stile und sogar berufliche Welten gewechselt. Auf diesem Album klingt er nicht wie jemand, der beweisen müsste, dass er noch dazugehört. Er steigt einfach in seine musikalische düsengetriebene Mülltonne, dreht den Schlüssel um und fährt weiter. Das Gefährt hat ein paar Kratzer. Der Motor ist laut. Aus dem Auspuff kommt vermutlich mehr Qualm, als irgendeine Umweltbehörde erlauben würde. Aber das Ding fährt. Und genau deshalb macht es Spaß, einzusteigen.
(Christian Reder)
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