BERLUC: " Fliegen vor der
Zeit - Live 1984" (Doppel-LP)
VÖ: 09.10.2026; Label: ROKKfilm Records; Katalognummer: n.n.b., Musiker: Manfred Kähler (voc, g), Detlef Brauer (g, voc), Wolfgang Hoffmann (b), Alexander Stehr (key), Dietmar Ränker (dr); Bemerkung: Es gibt insgesamt 500 Exemplare dieser Doppel LP: Eine Sonderpressung in einer Auflage von hundert Exemplaren mit farbigem Vinyl und eine weitere Auflage von 400 Platten in schwarzem Vinyl. Allen Ausgaben liegt jeweils ein 20-seitiges Booklet mit Bandgeschichte und Hintergrundinformationen zu der Aufnahme und ein Din-A-2-Poster bei;Titel: Seite A "Vorspiel", "Sind wir allein", "Hunderttausend Urgewalten", "Alles happy", "Bermuda-Dreieck" Seite B "Fieber", "Bernsteinlegende", "Blaue Stunde", "Dass in hundert Jahren" Seite C "Fliegen vor der Zeit", "Hallo Erde, hier ist Alpha", "Feuer in der Welt" Seite D "No Bomb", "Glaube an dich", "Flügel", "Die Erde lebt" |
Ach, liebe Leute, was habe ich mich mit dieser Rezension schwergetan. Ich hätte mich so gerne mal kurz gefasst und mit wenigen Sätzen begründet, warum das Album "Fliegen vor der Zeit - Live 1984" unbedingt in jede eurer Plattensammlungen gehört. Ich kann jetzt schon sagen, dass mir das nicht gelungen ist, und es verbietet sich schlicht und ergreifend auch von selbst, das Ding mit nur wenigen Sätzen abzuhandeln. Denn je öfter man sich diese Doppel-LP anhört, umso mehr Neues entdeckt man. Viel zu lange haben Fans dieser Gruppe auf ein Live-Album warten müssen. Gerade Anfang bis Mitte der 80er befand sich BERLUC auf ihrem absoluten Höhepunkt - kreativ im Studio wie auch live auf der Bühne. Was sie im Studio geleistet haben, kann man sich jederzeit auf ihren LPs und CDs anhören. Aber was da in den Konzertsälen abgegangen ist, davon konnte man sich bisher immer nur noch erzählen und von den Leuten berichten lassen, die dies damals erleben konnten. Das Label ROKKfilm schließt nun einmal wieder einen Kreis. Aus den Tiefen des Archivs wurde ein Live-Mitschnitt von 1984 gehoben, der restauriert wurde und schließlich den Weg auf ein Doppelalbum gefunden hat. Und wir steigen hiermit umgehend in die Besprechung dieses Albums ein.
Es beginnt mit tiefen, verfremdeten Stimmen, geheimnisvollen Keyboardflächen und einer spürbar gespannten Erwartung im Saal. Noch bevor der erste eigentliche Song erklingt, wird deutlich, dass BERLUC ihr Konzert im Mai 1984 in Prenzlau nicht einfach mit ein paar Akkorden eröffnen, sondern regelrecht inszenieren wollen. Das kurze "Vorspiel" öffnet die Tür zu einem Abend, an dem sich kraftvoller Hardrock, melodische Refrains, futuristische Klangfarben und nachdenkliche Texte miteinander verbinden. Mehr als vier Jahrzehnte später liegt dieser Mitschnitt nun unter dem Titel "Fliegen vor der Zeit" als Doppel-LP vor.
Zu hören ist die Band in der Besetzung Manfred Kähler an Gesang und Gitarre, Detlef Brauer an Gitarre und Gesang, Wolfgang Hoffmann am Bass, Alexander Stehr an den Keyboards und Dietmar Ränker am Schlagzeug. Gemeinsam präsentieren die fünf Musiker eine Band, die hörbar eingespielt ist und ihre Stücke nicht lediglich reproduziert. BERLUC nutzen die Bühne, dehnen einzelne Passagen aus, lassen Gitarren und Keyboards miteinander kommunizieren und beziehen das Publikum immer wieder unmittelbar in das Geschehen ein.
Nach dem atmosphärischen Auftakt eröffnet "Sind wir allein" das eigentliche Konzert mit einem wuchtigen Einsatz. Kantige Gitarren, ein treibender Bass und ein kraftvolles Schlagzeug treffen auf jene futuristischen Keyboardklänge, die den Sound der Band an diesem Abend immer wieder prägen. Der Song stellt die Frage nach außerirdischem Leben, richtet den Blick aber zugleich auf den Menschen selbst. Solange niemand von einem anderen Stern erscheint, sollte die Menschheit begreifen, welchen Wert sie besitzt und welche Verantwortung sie für sich selbst trägt.
Auch "Hunderttausend Urgewalten" beschäftigt sich mit Kräften, die größer sind als der Einzelne. Die Erde erscheint hier nicht als starre Masse, sondern als lebendiger Organismus, in dessen Innerem gewaltige Energien schlummern. Musikalisch wird daraus ein kompakter Hardrock-Titel mit markantem Riff, kraftvoller Rhythmusgruppe und einem abwechslungsreichen instrumentalen Mittelteil. Gitarren und Keyboards ergänzen einander, ohne dass der Song seine geradlinige Wirkung verliert.
Dass BERLUC nicht allein von Härte und Geschwindigkeit leben, zeigt "Alles happy". Hinter dem scheinbar fröhlichen Titel verbirgt sich ein ernstes Lied über Verdrängung, Isolation und den Versuch, einen nahestehenden Menschen in die Wirklichkeit zurückzuholen. Die Band nimmt das Tempo zurück und lässt Manfred Kählers Stimme mehr Raum. Erst im Refrain öffnet sich das Arrangement und gewinnt an Kraft. Der Wunsch, nicht in einer erfundenen Welt, sondern hier auf dieser Erde zu leben, wird zum entschlossenen Bekenntnis.
Mit "Bermuda-Dreieck" taucht BERLUC anschließend tief in eine geheimnisvolle Klangwelt ein. Glockenähnliche Keyboard-Töne, elektronische Effekte und ruhige Passagen stehen schweren Gitarrenakkorden und einem großen Refrain gegenüber. Die Band illustriert das rätselhafte Thema nicht nur durch den Text, sondern übersetzt es konsequent in Musik. Funksignale, schwebende Flächen und ein melodisches Gitarrensolo machen den Titel zu einer kleinen Science-Fiction-Erzählung.
Und schon befinden wir uns auf der zweiten Seite der ersten LP, die mit einem der unmittelbarsten Songs des Konzerts eröffnet wird: "Fieber". Der Titel, den Manfred Kähler als Stück von BERLUCs damals neusten Single ankündigt, wird vom Publikum bereits vor dem ersten Ton begeistert gefeiert. Ein pulsierendes Keyboardmotiv, schwere Gitarren und ein sofort einprägsamer Refrain formen einen der geschlossensten Rocksongs des Abends. Der Text verbindet einen persönlichen Albtraum mit der Sorge um eine Welt, die bereits halb zerstört erscheint. Trotz aller Bedrohung bleibt am Ende die Hoffnung, dass es noch nicht zu spät ist.
Mit der rund zehnminütigen "Bernsteinlegende" erreicht das Konzert einen ersten großen Höhepunkt. BERLUC verlassen hier das kompakte Songformat und entfalten ein regelrechtes Rock-Epos. Ruhige, erzählerische Passagen, schwebende Keyboards und zurückhaltende Gitarren bauen langsam eine sagenhafte Atmosphäre auf. Nach und nach gewinnt das Stück an Kraft, bis sich ein langer instrumentaler Mittelteil entwickelt. Die Gitarre wechselt zwischen lyrischen und härteren Passagen, während Bass, Schlagzeug und Keyboards die Spannung über viele Minuten aufrechterhalten. Die "Bernsteinlegende" zeigt eine progressive Seite der Band und stellt deutlich heraus, dass BERLUC auch größere musikalische Formen überzeugend tragen können.
Einen deutlichen Ruhepunkt setzt "Blaue Stunde". Klavier und Stimme stehen zunächst nahezu allein im Raum. Das Lied beschreibt jene kurze Zeit zwischen Tag und Nacht, in der sich Konturen auflösen und die Welt für einen Moment märchenhaft erscheint. Aus der Beobachtung der Dämmerung wird schließlich die Hoffnung auf Trost und Heilung. Flächige Keyboards und chorähnliche Klänge erweitern das zurückhaltende Arrangement erst zum Ende hin. Gerade weil BERLUC hier weitgehend auf ihre sonstige Rockwucht verzichten, entwickelt das Stück eine besondere emotionale Wirkung.
"Daß in hundert Jahren" richtet den Blick dagegen weit in die Zukunft. Felder sollen weiterhin blühen, Flüsse fließen und Wälder grün bleiben. Aus persönlichen Wünschen nach Familie und Fortbestand entsteht eine umfassendere Verantwortung für kommende Generationen. Der hymnische Refrain und die warme Melodie machen das Lied zu einem hoffnungsvollen Gegenstück zu den dunkleren Zukunftsbildern anderer Titel. Es wird Zeit, die zweite LP aufzulegen …
Der namensgebende Song "Fliegen vor der Zeit" bündelt hier viele Eigenschaften der Band. Ein markantes Riff, ein großer Refrain und futuristische Keyboardklänge begleiten den Wunsch, schneller als das Licht in die Zukunft zu reisen. Doch hinter der Neugier steckt auch Unsicherheit: Wie wird sich die Menschheit entwickeln, und wird man die Menschen nach hundert Jahren überhaupt noch wiedererkennen? In der Live-Version gewinnt das Stück vor allem durch das melodische Gitarrensolo und die starke Beteiligung des Publikums.
Es geht Schlag auf Schlag, und es folgt der nächste große Hit: "Hallo Erde, hier ist Alpha" führt diesen Zukunftsblick konsequent weiter. Eine russische Startsequenz, Sirenen und das Dröhnen eines Raketentriebwerks eröffnen den Titel, bevor das Dietmar Ränkers Schlagzeug-Spiel den Übergang zum Rock-Song herstellt. BERLUC verwandeln die Bühne für einige Minuten in eine Raumstation. Funksprüche, elektronische Effekte und ein langer instrumentaler Mittelteil lassen die Reise ins All unmittelbar entstehen. Gleichzeitig sorgt ein einfacher, wortloser Chor dafür, dass das Publikum sofort Teil der Inszenierung wird.
"Feuer in der Welt" beginnt dagegen beinahe akustisch und steigert sich erst allmählich zu einem kraftvollen Rock-Song. Der Text handelt von Lebenslust, Liebe und den Verheißungen des Glücks, lässt aber früh Zweifel an den großen Versprechen aufkommen. Im Verlauf des Liedes werden die Gitarren härter und die Musik drängender. Ein melodisches Solo und ein ausgedehnter Schlagzeug-Part von Dietmar Ränker machen die Live-Fassung zu einem eigenständigen Konzertmoment. Ränker zeigt dabei nicht nur technische Stärke, sondern versteht es, das Publikum in seinen Solo-Part einzubeziehen.
Wir befinden uns auf der Zielgeraden, den wir haben gerade die zweite Schallplatte umgedreht. Hier setzt "No Bomb" gleich zu Beginn den politisch deutlichsten Akzent. Ein aggressives Riff, schnelle Rhythmen und Kählers fast herausgeschleuderter Gesang von Detlef Brauer formen einen der härtesten Titel des Albums. Die englischen Zeilen "No Bomb", "No Radioactivity" und "Never Hiroshima" werden zu unmissverständlichen Parolen gegen atomare Aufrüstung und Zerstörung. Der Song besitzt etwas Punkiges, bleibt musikalisch aber fest im Hardrock verwurzelt. Im langen Finale wird aus dem Refrain ein gemeinsamer Sprechchor von Band und Publikum.
"Glaube an dich" führt anschließend wieder in eine melodischere Richtung. Der Titel wirkt zunächst wie ein klassischer Mut-mach-Song, ist inhaltlich jedoch differenzierter. Selbstvertrauen wird mit der Aufforderung verbunden, an die Wahrheit zu glauben und die eigenen Überzeugungen immer wieder zu überprüfen. Der große Refrain, ein gefühlvolles Gitarrensolo und der lange, vom Publikum getragene Schluss machen das Stück zu einem der gemeinschaftlichsten Momente des Konzerts.
Auch "Flügel", im Original 1979 auf dem Debüt-Album erschienen, lebt von einer leicht verständlichen Metapher. Zwei Menschen werden als Flügel beschrieben, die nur gemeinsam tragen können. Ohne den anderen fehlt die Fähigkeit zu fliegen. Musikalisch setzt die Band auf ein schnelles, griffiges Riff und einen hymnischen Refrain. Im Mittelteil animiert Manfred Kähler das Publikum mit kurzen Rufen und Gesangspassagen, bevor der Song mit neuer Kraft zurückkehrt.
Den endgültigen Abschluss bildet "Die Erde lebt", und damit gibt es noch mal einen Klopper aus der BERLUC'schen Hit-Schmiede. Das gemäßigte Tempo, breite Gitarrenakkorde und warme Keyboardflächen schaffen einen feierlichen Rahmen für eine Botschaft, die viele Gedanken des gesamten Konzerts zusammenführt. Frieden, Glück, Natur, Zukunft und die Verantwortung gegenüber dem Planeten verdichten sich in einem einfachen Satz: "Die Erde lebt." Am Ende übernimmt das Publikum diesen Refrain vollständig. Die Band hat bereits aufgehört zu spielen, doch im Saal wird weitergesungen. Das Konzert endet nicht mit einem letzten Akkord, sondern mit den Stimmen der Menschen.
Gerade darin liegt die besondere Stärke dieses Mitschnitts. "Fliegen vor der Zeit" dokumentiert nicht nur eine Reihe von Songs, sondern das Verhältnis zwischen BERLUC und ihrem Publikum. Die Zuhörer sind keine bloßen Statisten. Sie antworten auf Zurufe, übernehmen Refrains, tragen Melodien weiter und verwandeln zahlreiche Titel in gemeinschaftliche Erlebnisse. Klanglich ist der historische Ursprung der Aufnahme selbstverständlich nicht zu überhören. Der Mitschnitt besitzt nicht die makellose Trennung und Transparenz einer modernen Studioproduktion. Dafür bewahrt er die Energie, die räumliche Atmosphäre und gelegentlich auch die Rauheit eines echten Konzertabends. Dafür dürfte auch wieder einmal das Fingerspitzengefühl von Jörg-Rainer Friede verantwortlich sein, der die Aufnahmen von damals soundtechnisch eireder ins rechte Licht gerückt hat. Die Gitarren klingen kantig und kräftig, der Bass besitzt Druck, die Keyboards sorgen für charakteristische elektronische Farben, und Dietmar Ränkers Schlagzeug hält die Band auch in den langen instrumentalen Passagen zuverlässig zusammen.
Manfred Kähler erweist sich dabei als Sänger mit großer Bühnenpräsenz. Seine Stimme ist rau, kraftvoll und unmittelbar wiedererkennbar. Er kann politische Botschaften aggressiv herausschleudern, Zukunftsvisionen hymnisch vortragen und in den ruhigeren Stücken erstaunlich verletzlich klingen. Ebenso wichtig ist seine Fähigkeit, mit dem Saal zu kommunizieren und die Zuhörer immer wieder in den Ablauf einzubeziehen. Inhaltlich wirkt vieles erstaunlich zeitlos. Die Sorge vor atomarer Zerstörung, der Schutz der Erde, die Frage nach einer lebenswerten Zukunft, persönliche Verunsicherung und die Suche nach Hoffnung haben nichts von ihrer Bedeutung verloren. Manche Texte tragen deutlich die Sprache und den Blick ihrer Entstehungszeit, doch gerade dadurch wird der Mitschnitt auch zu einem historischen Dokument.
Doch warum gehört "Fliegen vor der Zeit" denn nun unbedingt in jede Plattensammlung? Ihr erinnert euch: diese Frage habe ich vor gefühlt zwei Stunden am Anfang dieser Rezension gestellt. Ganz einfach. Diese Doppel-LP zeigt BERLUC als vielseitige und hervorragend eingespielte Liveband. Wenn man so will: auf dem Höhepunkt ihres Schaffens. Harte, riffbetonte Rocksongs stehen neben ruhigen Klavierstücken, langen instrumentalen Erzählungen und hymnischen Publikumsnummern. Nicht jeder Titel besitzt die gleiche Intensität, und manche Wiederholung ist erkennbar ganz auf die Wirkung im Konzertsaal zugeschnitten. Im Zusammenhang des kompletten Auftritts ergibt sich daraus jedoch ein stimmiges Bild. Diese Doppel-LP konserviert einen Abend, an dem BERLUC nicht nur ihre musikalische Kraft, sondern auch ihre thematische Bandbreite demonstrieren. Das Album ist deshalb mehr als eine nachträgliche Ergänzung der Diskografie. Es ist ein lebendiges Zeitdokument, eine Erinnerung an die besondere Energie eines Rockkonzerts im Jahr 1984 und zugleich der Beweis, dass viele der damals gestellten Fragen bis heute unbeantwortet geblieben sind. Und nach fast 60 Jahren Bandgeschichte ist es so ganz nebenbei das erste Live-Album von BERLUC. Wie sehnlichst dieses erwartet wurde zeigt der Fakt, dass die limitierte Sonderauflage von hundert farbig gepressten Vinyl-Exemplaren innerhalb von Stunden vergriffen war.
(Christian Reder)
Es beginnt mit tiefen, verfremdeten Stimmen, geheimnisvollen Keyboardflächen und einer spürbar gespannten Erwartung im Saal. Noch bevor der erste eigentliche Song erklingt, wird deutlich, dass BERLUC ihr Konzert im Mai 1984 in Prenzlau nicht einfach mit ein paar Akkorden eröffnen, sondern regelrecht inszenieren wollen. Das kurze "Vorspiel" öffnet die Tür zu einem Abend, an dem sich kraftvoller Hardrock, melodische Refrains, futuristische Klangfarben und nachdenkliche Texte miteinander verbinden. Mehr als vier Jahrzehnte später liegt dieser Mitschnitt nun unter dem Titel "Fliegen vor der Zeit" als Doppel-LP vor.
Zu hören ist die Band in der Besetzung Manfred Kähler an Gesang und Gitarre, Detlef Brauer an Gitarre und Gesang, Wolfgang Hoffmann am Bass, Alexander Stehr an den Keyboards und Dietmar Ränker am Schlagzeug. Gemeinsam präsentieren die fünf Musiker eine Band, die hörbar eingespielt ist und ihre Stücke nicht lediglich reproduziert. BERLUC nutzen die Bühne, dehnen einzelne Passagen aus, lassen Gitarren und Keyboards miteinander kommunizieren und beziehen das Publikum immer wieder unmittelbar in das Geschehen ein.
Nach dem atmosphärischen Auftakt eröffnet "Sind wir allein" das eigentliche Konzert mit einem wuchtigen Einsatz. Kantige Gitarren, ein treibender Bass und ein kraftvolles Schlagzeug treffen auf jene futuristischen Keyboardklänge, die den Sound der Band an diesem Abend immer wieder prägen. Der Song stellt die Frage nach außerirdischem Leben, richtet den Blick aber zugleich auf den Menschen selbst. Solange niemand von einem anderen Stern erscheint, sollte die Menschheit begreifen, welchen Wert sie besitzt und welche Verantwortung sie für sich selbst trägt.
Auch "Hunderttausend Urgewalten" beschäftigt sich mit Kräften, die größer sind als der Einzelne. Die Erde erscheint hier nicht als starre Masse, sondern als lebendiger Organismus, in dessen Innerem gewaltige Energien schlummern. Musikalisch wird daraus ein kompakter Hardrock-Titel mit markantem Riff, kraftvoller Rhythmusgruppe und einem abwechslungsreichen instrumentalen Mittelteil. Gitarren und Keyboards ergänzen einander, ohne dass der Song seine geradlinige Wirkung verliert.
Dass BERLUC nicht allein von Härte und Geschwindigkeit leben, zeigt "Alles happy". Hinter dem scheinbar fröhlichen Titel verbirgt sich ein ernstes Lied über Verdrängung, Isolation und den Versuch, einen nahestehenden Menschen in die Wirklichkeit zurückzuholen. Die Band nimmt das Tempo zurück und lässt Manfred Kählers Stimme mehr Raum. Erst im Refrain öffnet sich das Arrangement und gewinnt an Kraft. Der Wunsch, nicht in einer erfundenen Welt, sondern hier auf dieser Erde zu leben, wird zum entschlossenen Bekenntnis.
Mit "Bermuda-Dreieck" taucht BERLUC anschließend tief in eine geheimnisvolle Klangwelt ein. Glockenähnliche Keyboard-Töne, elektronische Effekte und ruhige Passagen stehen schweren Gitarrenakkorden und einem großen Refrain gegenüber. Die Band illustriert das rätselhafte Thema nicht nur durch den Text, sondern übersetzt es konsequent in Musik. Funksignale, schwebende Flächen und ein melodisches Gitarrensolo machen den Titel zu einer kleinen Science-Fiction-Erzählung.
Und schon befinden wir uns auf der zweiten Seite der ersten LP, die mit einem der unmittelbarsten Songs des Konzerts eröffnet wird: "Fieber". Der Titel, den Manfred Kähler als Stück von BERLUCs damals neusten Single ankündigt, wird vom Publikum bereits vor dem ersten Ton begeistert gefeiert. Ein pulsierendes Keyboardmotiv, schwere Gitarren und ein sofort einprägsamer Refrain formen einen der geschlossensten Rocksongs des Abends. Der Text verbindet einen persönlichen Albtraum mit der Sorge um eine Welt, die bereits halb zerstört erscheint. Trotz aller Bedrohung bleibt am Ende die Hoffnung, dass es noch nicht zu spät ist.
Mit der rund zehnminütigen "Bernsteinlegende" erreicht das Konzert einen ersten großen Höhepunkt. BERLUC verlassen hier das kompakte Songformat und entfalten ein regelrechtes Rock-Epos. Ruhige, erzählerische Passagen, schwebende Keyboards und zurückhaltende Gitarren bauen langsam eine sagenhafte Atmosphäre auf. Nach und nach gewinnt das Stück an Kraft, bis sich ein langer instrumentaler Mittelteil entwickelt. Die Gitarre wechselt zwischen lyrischen und härteren Passagen, während Bass, Schlagzeug und Keyboards die Spannung über viele Minuten aufrechterhalten. Die "Bernsteinlegende" zeigt eine progressive Seite der Band und stellt deutlich heraus, dass BERLUC auch größere musikalische Formen überzeugend tragen können.
Einen deutlichen Ruhepunkt setzt "Blaue Stunde". Klavier und Stimme stehen zunächst nahezu allein im Raum. Das Lied beschreibt jene kurze Zeit zwischen Tag und Nacht, in der sich Konturen auflösen und die Welt für einen Moment märchenhaft erscheint. Aus der Beobachtung der Dämmerung wird schließlich die Hoffnung auf Trost und Heilung. Flächige Keyboards und chorähnliche Klänge erweitern das zurückhaltende Arrangement erst zum Ende hin. Gerade weil BERLUC hier weitgehend auf ihre sonstige Rockwucht verzichten, entwickelt das Stück eine besondere emotionale Wirkung.
"Daß in hundert Jahren" richtet den Blick dagegen weit in die Zukunft. Felder sollen weiterhin blühen, Flüsse fließen und Wälder grün bleiben. Aus persönlichen Wünschen nach Familie und Fortbestand entsteht eine umfassendere Verantwortung für kommende Generationen. Der hymnische Refrain und die warme Melodie machen das Lied zu einem hoffnungsvollen Gegenstück zu den dunkleren Zukunftsbildern anderer Titel. Es wird Zeit, die zweite LP aufzulegen …
Der namensgebende Song "Fliegen vor der Zeit" bündelt hier viele Eigenschaften der Band. Ein markantes Riff, ein großer Refrain und futuristische Keyboardklänge begleiten den Wunsch, schneller als das Licht in die Zukunft zu reisen. Doch hinter der Neugier steckt auch Unsicherheit: Wie wird sich die Menschheit entwickeln, und wird man die Menschen nach hundert Jahren überhaupt noch wiedererkennen? In der Live-Version gewinnt das Stück vor allem durch das melodische Gitarrensolo und die starke Beteiligung des Publikums.
Es geht Schlag auf Schlag, und es folgt der nächste große Hit: "Hallo Erde, hier ist Alpha" führt diesen Zukunftsblick konsequent weiter. Eine russische Startsequenz, Sirenen und das Dröhnen eines Raketentriebwerks eröffnen den Titel, bevor das Dietmar Ränkers Schlagzeug-Spiel den Übergang zum Rock-Song herstellt. BERLUC verwandeln die Bühne für einige Minuten in eine Raumstation. Funksprüche, elektronische Effekte und ein langer instrumentaler Mittelteil lassen die Reise ins All unmittelbar entstehen. Gleichzeitig sorgt ein einfacher, wortloser Chor dafür, dass das Publikum sofort Teil der Inszenierung wird.
"Feuer in der Welt" beginnt dagegen beinahe akustisch und steigert sich erst allmählich zu einem kraftvollen Rock-Song. Der Text handelt von Lebenslust, Liebe und den Verheißungen des Glücks, lässt aber früh Zweifel an den großen Versprechen aufkommen. Im Verlauf des Liedes werden die Gitarren härter und die Musik drängender. Ein melodisches Solo und ein ausgedehnter Schlagzeug-Part von Dietmar Ränker machen die Live-Fassung zu einem eigenständigen Konzertmoment. Ränker zeigt dabei nicht nur technische Stärke, sondern versteht es, das Publikum in seinen Solo-Part einzubeziehen.
Wir befinden uns auf der Zielgeraden, den wir haben gerade die zweite Schallplatte umgedreht. Hier setzt "No Bomb" gleich zu Beginn den politisch deutlichsten Akzent. Ein aggressives Riff, schnelle Rhythmen und Kählers fast herausgeschleuderter Gesang von Detlef Brauer formen einen der härtesten Titel des Albums. Die englischen Zeilen "No Bomb", "No Radioactivity" und "Never Hiroshima" werden zu unmissverständlichen Parolen gegen atomare Aufrüstung und Zerstörung. Der Song besitzt etwas Punkiges, bleibt musikalisch aber fest im Hardrock verwurzelt. Im langen Finale wird aus dem Refrain ein gemeinsamer Sprechchor von Band und Publikum.
"Glaube an dich" führt anschließend wieder in eine melodischere Richtung. Der Titel wirkt zunächst wie ein klassischer Mut-mach-Song, ist inhaltlich jedoch differenzierter. Selbstvertrauen wird mit der Aufforderung verbunden, an die Wahrheit zu glauben und die eigenen Überzeugungen immer wieder zu überprüfen. Der große Refrain, ein gefühlvolles Gitarrensolo und der lange, vom Publikum getragene Schluss machen das Stück zu einem der gemeinschaftlichsten Momente des Konzerts.
Auch "Flügel", im Original 1979 auf dem Debüt-Album erschienen, lebt von einer leicht verständlichen Metapher. Zwei Menschen werden als Flügel beschrieben, die nur gemeinsam tragen können. Ohne den anderen fehlt die Fähigkeit zu fliegen. Musikalisch setzt die Band auf ein schnelles, griffiges Riff und einen hymnischen Refrain. Im Mittelteil animiert Manfred Kähler das Publikum mit kurzen Rufen und Gesangspassagen, bevor der Song mit neuer Kraft zurückkehrt.
Den endgültigen Abschluss bildet "Die Erde lebt", und damit gibt es noch mal einen Klopper aus der BERLUC'schen Hit-Schmiede. Das gemäßigte Tempo, breite Gitarrenakkorde und warme Keyboardflächen schaffen einen feierlichen Rahmen für eine Botschaft, die viele Gedanken des gesamten Konzerts zusammenführt. Frieden, Glück, Natur, Zukunft und die Verantwortung gegenüber dem Planeten verdichten sich in einem einfachen Satz: "Die Erde lebt." Am Ende übernimmt das Publikum diesen Refrain vollständig. Die Band hat bereits aufgehört zu spielen, doch im Saal wird weitergesungen. Das Konzert endet nicht mit einem letzten Akkord, sondern mit den Stimmen der Menschen.
Gerade darin liegt die besondere Stärke dieses Mitschnitts. "Fliegen vor der Zeit" dokumentiert nicht nur eine Reihe von Songs, sondern das Verhältnis zwischen BERLUC und ihrem Publikum. Die Zuhörer sind keine bloßen Statisten. Sie antworten auf Zurufe, übernehmen Refrains, tragen Melodien weiter und verwandeln zahlreiche Titel in gemeinschaftliche Erlebnisse. Klanglich ist der historische Ursprung der Aufnahme selbstverständlich nicht zu überhören. Der Mitschnitt besitzt nicht die makellose Trennung und Transparenz einer modernen Studioproduktion. Dafür bewahrt er die Energie, die räumliche Atmosphäre und gelegentlich auch die Rauheit eines echten Konzertabends. Dafür dürfte auch wieder einmal das Fingerspitzengefühl von Jörg-Rainer Friede verantwortlich sein, der die Aufnahmen von damals soundtechnisch eireder ins rechte Licht gerückt hat. Die Gitarren klingen kantig und kräftig, der Bass besitzt Druck, die Keyboards sorgen für charakteristische elektronische Farben, und Dietmar Ränkers Schlagzeug hält die Band auch in den langen instrumentalen Passagen zuverlässig zusammen.
Manfred Kähler erweist sich dabei als Sänger mit großer Bühnenpräsenz. Seine Stimme ist rau, kraftvoll und unmittelbar wiedererkennbar. Er kann politische Botschaften aggressiv herausschleudern, Zukunftsvisionen hymnisch vortragen und in den ruhigeren Stücken erstaunlich verletzlich klingen. Ebenso wichtig ist seine Fähigkeit, mit dem Saal zu kommunizieren und die Zuhörer immer wieder in den Ablauf einzubeziehen. Inhaltlich wirkt vieles erstaunlich zeitlos. Die Sorge vor atomarer Zerstörung, der Schutz der Erde, die Frage nach einer lebenswerten Zukunft, persönliche Verunsicherung und die Suche nach Hoffnung haben nichts von ihrer Bedeutung verloren. Manche Texte tragen deutlich die Sprache und den Blick ihrer Entstehungszeit, doch gerade dadurch wird der Mitschnitt auch zu einem historischen Dokument.
Doch warum gehört "Fliegen vor der Zeit" denn nun unbedingt in jede Plattensammlung? Ihr erinnert euch: diese Frage habe ich vor gefühlt zwei Stunden am Anfang dieser Rezension gestellt. Ganz einfach. Diese Doppel-LP zeigt BERLUC als vielseitige und hervorragend eingespielte Liveband. Wenn man so will: auf dem Höhepunkt ihres Schaffens. Harte, riffbetonte Rocksongs stehen neben ruhigen Klavierstücken, langen instrumentalen Erzählungen und hymnischen Publikumsnummern. Nicht jeder Titel besitzt die gleiche Intensität, und manche Wiederholung ist erkennbar ganz auf die Wirkung im Konzertsaal zugeschnitten. Im Zusammenhang des kompletten Auftritts ergibt sich daraus jedoch ein stimmiges Bild. Diese Doppel-LP konserviert einen Abend, an dem BERLUC nicht nur ihre musikalische Kraft, sondern auch ihre thematische Bandbreite demonstrieren. Das Album ist deshalb mehr als eine nachträgliche Ergänzung der Diskografie. Es ist ein lebendiges Zeitdokument, eine Erinnerung an die besondere Energie eines Rockkonzerts im Jahr 1984 und zugleich der Beweis, dass viele der damals gestellten Fragen bis heute unbeantwortet geblieben sind. Und nach fast 60 Jahren Bandgeschichte ist es so ganz nebenbei das erste Live-Album von BERLUC. Wie sehnlichst dieses erwartet wurde zeigt der Fakt, dass die limitierte Sonderauflage von hundert farbig gepressten Vinyl-Exemplaren innerhalb von Stunden vergriffen war.
(Christian Reder)

VÖ: 09.10.2026; Label: ROKKfilm Records; Katalognummer: n.n.b., Musiker: Manfred Kähler (voc, g), Detlef Brauer (g, voc), Wolfgang Hoffmann (b), Alexander Stehr (key), Dietmar Ränker (dr); Bemerkung: Es gibt insgesamt 500 Exemplare dieser Doppel LP: Eine Sonderpressung in einer Auflage von hundert Exemplaren mit farbigem Vinyl und eine weitere Auflage von 400 Platten in schwarzem Vinyl. Allen Ausgaben liegt jeweils ein 20-seitiges Booklet mit Bandgeschichte und Hintergrundinformationen zu der Aufnahme und ein Din-A-2-Poster bei;