Reinhold Heil: "The Electric Heidiland" (Album)
VÖ: 03.07.2026; Label: Künstlerhafen/Kontor; Katalognummer: 4260486641159, Musiker: Reinhold Heil (Gesang, Backing Vocals, alle Instrumente außer), Peter Weihe (Gitarre), Curt Cress (Drums, Percussion), Jocrlyn B. Smith (Gesang), Wale Bakare, Danny Bruder (beide Haupt- und Chorgesang), Hardy Eix (Chorgesang), Michaela Simpson, Kim Seligsohn, Johnny Klimek, Nina Franoczek, Gareth Jones, Rosa Precht (alle Chorgesang und Spoken Word), Lyndon Connor & Potsch Potschka (Ping Pong-Spieler in "Ping-Pong Diplomacy"); Bemerkung: Eigentlich sollte dieses Album Reinholds Debüt werden. Allerdings wollte es die Plattenfirma Sony Music im Jahre 1996 aus marktstrategischen Gründen nicht veröffentlichen, so dass es erst jetzt - als zweite Solo-Veröffentlichung von Reinhold Heil nach "Freiheit, Geilheit, Männlichkeit" im Jahre 2025 - erscheint. CD im aufklappbaren Pappcover, mit Booklet inklusiver Abdruck aller Songtexte;Titel: "Asshole Beemer", "My Machine Died", "Ping-Pong Diplomacy", "Four-Letter Words", "Testosterone", "Bad Girl Bad", "Yes!", "The First Time", "The Streets Of San Francisco", "The Electric Heidiland", "Slow Motion" |
30 Jahre alt und doch so knackig
Es gibt Alben, die erscheinen, wenn sie noch ofenwarm sind, und solche, die ihrer Zeit weit voraus sind, aber erst weit nach ihrer Fertigstellung zum Fan gelangen. Zu letzteren gehört zweifellos Reinhold Heils erstes Soloalbum "The Electric Heidiland", das nun, fast drei Jahrzehnte nach seiner Produktion, am 3. Juli endlich offiziell veröffentlicht wird.
Die Wurzeln dieses außergewöhnlichen Werks reichen bis ins Jahr 1991 zurück. Nach dem frühen Krebstod seiner Lebensgefährtin Rosa Precht, mit der Reinhold Heil in den 80er Jahren die Band Cosa Rosa gegründet und drei Alben veröffentlicht hatte, zog sich der Musiker in sein Berliner Homestudio ("The Electric Heidiland") zurück. Dort entstand über mehrere Jahre hinweg ein Album, das weniger als Verarbeitung der Trauer gedacht war, sondern vielmehr als kreativer Zufluchtsort. Heil perfektionierte jede Idee bis ins kleinste Detail und schuf ein Werk, das elektronische Popmusik, Funk, Spoken Word und experimentelle Klangwelten miteinander verband - frei von stilistischen Grenzen und fernab gängiger Trends.
Im Jahre 1996 schien die Veröffentlichung bereits zum Greifen nah. Mit einer DAT-Kassette unter dem Arm stellte Heil das fertige Album bei Sony Music vor, jenem Label, bei dem er zuvor als Musiker der Nina Hagen Band, von Spliff und als Produzent unter anderem für Nena große Erfolge gefeiert hatte. Doch statt Begeisterung folgte Ernüchterung. Die entscheidende Frage der A&R-Managerin lautete: "Wie sollen wir das denn vermarkten?" Eine Antwort darauf fand damals niemand. Kurz darauf führten private Veränderungen und der Beginn seiner erfolgreichen Karriere als Filmkomponist - unter anderem für Tom Tykwers "Lola rennt" - dazu, dass "The Electric Heidiland" für fast dreißig Jahre in der Schublade verschwand. Umso bemerkenswerter ist es, dass dieses musikalische Zeitdokument heute endlich das Licht der Öffentlichkeit erblickt. Ein Album, das Mitte der Neunzigerjahre als kaum vermarktbar galt, kann nun genau das Publikum finden, das seiner Experimentierfreude und stilistischen Offenheit mit neugierigen Ohren begegnet.
Es gibt Alben, die erscheinen, wenn sie noch ofenwarm sind, und solche, die ihrer Zeit weit voraus sind, aber erst weit nach ihrer Fertigstellung zum Fan gelangen. Zu letzteren gehört zweifellos Reinhold Heils erstes Soloalbum "The Electric Heidiland", das nun, fast drei Jahrzehnte nach seiner Produktion, am 3. Juli endlich offiziell veröffentlicht wird.
Die Wurzeln dieses außergewöhnlichen Werks reichen bis ins Jahr 1991 zurück. Nach dem frühen Krebstod seiner Lebensgefährtin Rosa Precht, mit der Reinhold Heil in den 80er Jahren die Band Cosa Rosa gegründet und drei Alben veröffentlicht hatte, zog sich der Musiker in sein Berliner Homestudio ("The Electric Heidiland") zurück. Dort entstand über mehrere Jahre hinweg ein Album, das weniger als Verarbeitung der Trauer gedacht war, sondern vielmehr als kreativer Zufluchtsort. Heil perfektionierte jede Idee bis ins kleinste Detail und schuf ein Werk, das elektronische Popmusik, Funk, Spoken Word und experimentelle Klangwelten miteinander verband - frei von stilistischen Grenzen und fernab gängiger Trends.
Im Jahre 1996 schien die Veröffentlichung bereits zum Greifen nah. Mit einer DAT-Kassette unter dem Arm stellte Heil das fertige Album bei Sony Music vor, jenem Label, bei dem er zuvor als Musiker der Nina Hagen Band, von Spliff und als Produzent unter anderem für Nena große Erfolge gefeiert hatte. Doch statt Begeisterung folgte Ernüchterung. Die entscheidende Frage der A&R-Managerin lautete: "Wie sollen wir das denn vermarkten?" Eine Antwort darauf fand damals niemand. Kurz darauf führten private Veränderungen und der Beginn seiner erfolgreichen Karriere als Filmkomponist - unter anderem für Tom Tykwers "Lola rennt" - dazu, dass "The Electric Heidiland" für fast dreißig Jahre in der Schublade verschwand. Umso bemerkenswerter ist es, dass dieses musikalische Zeitdokument heute endlich das Licht der Öffentlichkeit erblickt. Ein Album, das Mitte der Neunzigerjahre als kaum vermarktbar galt, kann nun genau das Publikum finden, das seiner Experimentierfreude und stilistischen Offenheit mit neugierigen Ohren begegnet.
Zum Inhalt …
"Asshole Beemer"
The Beastie Boys treffen auf YELLO. So könnte man kurz und knackig das erste Hörerlebnis von "Asshole Beemer" beschreiben, aber das wäre zu kurz gegriffen. Der Opener macht sofort deutlich, dass Reinhold Heil hier keinen klassischen Pop präsentieren möchte. Das Stück verbindet elektronische Klangflächen mit einem markanten Groove und einer auf die Zwölf treffenden Rhythmik. Dazu kommen E-Gitarre und Hip-Hop-Gesang. Die Produktion wirkt ausgesprochen detailverliebt - ständig tauchen kleine Klangereignisse auf, die dem Song zusätzliche Tiefe verleihen. Trotz seiner experimentellen Ausrichtung verliert das Stück nie den roten Faden. Die Melodie bleibt zugänglich, während die Arrangements immer wieder mit ungewöhnlichen Einfällen überraschen. Der US-Slangbegriff "Asshole Beemer" lässt sich umgangssprachlich als "Arschloch im BMW" oder "BMW-Idiot" übersetzen. Der Ausdruck dient als abfällige Bezeichnung für BMW-Fahrer, die durch rücksichtsloses oder aggressives Fahrverhalten im Straßenverkehr auffallen.
"My Machine Died"
Der zweite Titel schlägt eine etwas ruhigere Richtung ein und lebt vor allem von seiner Atmosphäre. Elektronische Sounds und organische Elemente gehen fließend ineinander über, wodurch ein beinahe cineastischer Eindruck entsteht. Die Rhythmik bleibt zurückhaltend, während sich die verschiedenen Klangschichten langsam entfalten. Gerade diese Gelassenheit verleiht dem Stück seinen Reiz. Die Aussage "My Machine Died" klingt in dem Stück wie ein Sample aus dem Mitschnitt eines Telefonats, das sich immer und immer wiederholt, während dazu eine Art weiblicher Operngesang eingespielt wird, der wie aus einer anderen Welt herüberweht. Man merkt, dass Heil den Songs Zeit gibt, sich zu entwickeln, anstatt auf schnelle Effekte oder eingängige Refrains zu setzen. Dadurch entsteht eine angenehm entspannte, fast schwebende Stimmung.
"Ping-Pong Diplomacy"
Hier zeigt sich die Experimentierfreude des Albums besonders deutlich. Der Song besitzt einen verspielten Charakter und arbeitet hörbar mit ungewöhnlichen rhythmischen Ideen. Dass Alltagsgeräusche beziehungsweise nicht klassische Instrumente Bestandteil des Arrangements sind, fügt sich erstaunlich selbstverständlich in das Gesamtbild ein. Heil verwendet hier das Geräusch eines auftickenden Ping-Pong-Balls als Rhythmus - erzeugt haben diese Geräusche keine Geringeren als seine ehemaligen Kollegen Lyndon Connor (FROON) und Potsch Potschka (Spliff, FROON). Interessantes Detail: Im Jahr 1998 - also zwei Jahre später - wurde die Idee mit dem Ping-Pong-Ball erstmals tatsächlich in der Popmusik verwendet, und zwar bei D.O.N.S. feat. Technotronic und dem Remix der 1989er-Nummer "Pump Up The Jam". Trotz dieser und anderer Spielereien wirkt das Stück nie wie ein reines Experiment, sondern behält stets seine musikalische Struktur. Funkige Elemente treffen auf elektronische Klangwelten, wodurch ein ausgesprochen eigenständiger Sound entsteht. Gerade dieser Mut, Konventionen zu verlassen und dennoch einen eingängigen Song zu gestalten, macht "Ping-Pong Diplomacy" zu einem der auffälligsten Titel im bisherigen Albumverlauf.
"Four-Letter Words"
Mit "Four-Letter Words" bewegt sich Reinhold Heil deutlich stärker in Richtung Funk und Pop. Der Song lebt von einem federnden Groove, einer markanten Gitarrenarbeit und einer ausgesprochen lockeren Atmosphäre. Die Rhythmusgruppe sorgt mit dem Klang eines Fretless-Bass' und Schlagzeug für stetigen Vortrieb, während die elektronischen Elemente eher als Farbtupfer dienen und sich harmonisch ins Klangbild einfügen. Beim Gesang wird auf weibliche Stimmen und einzelne Wortfetzen gesetzt, die aus unterschiedlichen Richtungen hereinklingen und aneinandergereiht wurden. Der Titel besitzt eine gewisse Leichtigkeit und dürfte zu den eingängigeren Momenten des Albums zählen. Vielleicht wurde er auch deshalb bereits vorab als Single veröffentlicht. Trotz seiner Zugänglichkeit bleibt genügend Raum für kleine klangliche Überraschungen, die den Song interessant halten.
"Testosterone"
"Testosterone" wirkt kantiger und energiegeladener als das vorangegangene Stück. Rhythmisch präsentiert sich das Lied druckvoll und selbstbewusst, ohne jedoch in übertriebene Härte abzudriften. Elektronische Beats, Hip-Hop-Gesang und markante Synthesizer bestimmen das Geschehen, während die Produktion durch zahlreiche Details immer wieder neue Akzente setzt. Der Song vermittelt eine gewisse Coolness und spielt gekonnt mit Dynamik und Spannung. Gleichzeitig bleibt er dem Grundgedanken des Albums treu, verschiedene musikalische Einflüsse miteinander zu verbinden, statt sich einem klaren Genre unterzuordnen.
"Bad Girl Bad"
Der sechste Titel bringt erneut eine andere Facette von Reinhold Heils musikalischer Handschrift zum Vorschein. Das Arrangement wirkt verspielt und besitzt einen angenehm entspannten Fluss. Elektronische Sounds, Popstrukturen und ein leicht funkiger Unterton greifen ineinander, ohne aufdringlich zu wirken. Besonders die Produktion fällt erneut durch ihre Sorgfalt auf: Immer wieder tauchen kleine Klangdetails auf, die sich erst beim genaueren Hinhören erschließen. Dadurch entwickelt "Bad Girl Bad" einen ganz eigenen, gechillten Charakter und fügt sich dennoch nahtlos in den bisherigen Verlauf des Albums ein. Hervorzuheben ist hier auch noch die Stimme der damals noch ganz jungen Jocelyn B. Smith.
"Yes!"
"Yes!" gehört zu den lebendigsten Stücken des Albums. Der Song strahlt Optimismus und Spielfreude aus und entwickelt bereits nach kurzer Zeit eine mitreißende Dynamik. Rhythmisch bleibt alles angenehm locker, während Synthesizer, Percussion und weitere Klangfarben ineinandergreifen und ein dichtes, aber nie überladenes Klangbild erzeugen. Besonders auffällig ist die positive Grundstimmung, die sich wie ein roter Faden durch das gesamte Stück zieht. Reinhold Heil zeigt hier, dass anspruchsvolle Arrangements und eingängige Popstrukturen durchaus miteinander harmonieren können. Wieder schimmert etwas YELLO hindurch, doch diese Eindrücke verlaufen sich stets in Heils eigener musikalischer Handschrift.
"The First Time"
Nach dem energiegeladenen Vorgänger nimmt "The First Time" das Tempo etwas zurück. Der Titel entfaltet sich ruhiger und lebt vor allem von seiner atmosphärischen Dichte. Die Melodie erhält viel Raum zur Entfaltung, während die elektronischen Klangflächen das Geschehen unaufdringlich untermalen. Das Arrangement wirkt ausgesprochen sorgfältig aufgebaut und entwickelt sich Schritt für Schritt, anstatt alle musikalischen Ideen sofort preiszugeben. Gerade diese Zurückhaltung verleiht dem Stück eine besondere Eleganz und macht es zu einem der nachdenklicheren Momente des Albums. Die ganze Nummer wäre auch ideal zur Verwendung in einem Filmsoundtrack. Aber dahin verschlug es Reinhold Heil kurze Zeit später ja ohnehin.
"The Streets Of San Francisco"
Apropos Filmmusik: Mit "The Streets Of San Francisco" öffnet sich das Album erneut einer anderen musikalischen Richtung. Das Stück besitzt aufgrund seiner Grundidee filmische Qualitäten und erzeugt beim Hören zahlreiche Bilder im Kopf. Die elektronischen Elemente treten dabei keineswegs kühl oder technisch in Erscheinung, sondern schaffen gemeinsam mit den übrigen Instrumenten eine warme, beinahe urbane Klanglandschaft. Der Song entwickelt sich kontinuierlich weiter und lebt von seinen vielen kleinen Details, die erst nach und nach ihre Wirkung entfalten. Gerade dadurch gewinnt er an Tiefe und lädt dazu ein, ihn mehrfach zu hören. Die Älteren unter uns werden die Musik noch aus der gleichnamigen Fernsehserie kennen, die hierzulande "Die Straßen von San Francisco" hieß. Diese Version hier ist Reinhold Heils Interpretation des 70er-Jahre-Klassikers aus dem Bereich der Serienmusik. Der Musiker hat der in die Jahre gekommenen Nummer den Staub von der Oberfläche gepustet, und sie nach seinen Vorstellungen wesentlich knackiger klingen lassen.
"The Electric Heidiland"
Der Titelsong bündelt noch einmal viele der musikalischen Ideen, die das gesamte Album prägen. Elektronische Klanglandschaften treffen auf eingängige melodische Motive und werden von einer ausgesprochen detailreichen Produktion zusammengehalten. Das Stück wirkt dabei wie eine musikalische Visitenkarte des Albums: experimentierfreudig, aber nie beliebig, verspielt, ohne sich in technischen Spielereien zu verlieren. Immer wieder verändern kleine rhythmische und klangliche Nuancen den Charakter des Songs und sorgen dafür, dass er auch nach mehreren Durchläufen neue Facetten offenbart. Gerade diese Balance zwischen Zugänglichkeit und Experiment macht den Titel zu einem passenden Namensgeber für das gesamte Werk - und passender Weise bekam von einem Kollegen auch sein Aufnahmestudio diesen Namen verpasst.
"Slow Motion"
Den Abschluss bildet mit "Slow Motion" ein Stück, das den Hörer ruhig aus dem Album entlässt. Die Atmosphäre ist entspannt und beinahe schwebend, ohne dabei an Spannung einzubüßen. Reinhold Heil verzichtet auf große Gesten und setzt stattdessen auf eine behutsame Entwicklung der musikalischen Ideen. Die einzelnen Klangschichten greifen harmonisch ineinander und erzeugen einen angenehm warmen Gesamteindruck. Als Schlusspunkt funktioniert "Slow Motion" ausgezeichnet, weil der Titel nicht abrupt endet, sondern das Album sanft ausklingen lässt und dem Hörer Zeit gibt, die vielen musikalischen Eindrücke nachwirken zu lassen. "Slow Motion" erinnert vom Klangbild her ein Stück weit an die Musik von Jan Hammer. Allerdings ist Heils Verständnis von Musik und Arrangement ein völlig anderes. Hier gibt es weit mehr zu entdecken, und auch der Sound bewegt sich in Tiefen, in die Hammer trotz aller Erfolge nie vorgedrungen ist.
Erste Gedanken nach dem Hören
Nach allen elf Stücken entsteht das Bild eines Albums, das sich konsequent jeder stilistischen Schublade entzieht. Reinhold Heil verbindet elektronische Popmusik, Funk, Ambient, Spoken Word und experimentelle Klangideen zu einem Werk, das auch Jahrzehnte nach seiner Entstehung bemerkenswert frisch wirkt. Statt einem klaren kommerziellen Konzept zu folgen, scheint hier allein die Freude am Ausprobieren und Gestalten im Mittelpunkt zu stehen. Damit führt Heil konsequent ein Konzept weiter, das man unter anderem auch bei Spliff und dem Cosa-Rosa-Projekt deutlich heraushören kann: Er ist seiner Zeit mit seiner Musik stets ein Stück voraus. Neue und frische Ideen treffen hier auf Bewährtes und bereits Ausprobiertes.
Bemerkenswert ist auch die Produktion. Jeder Song besitzt eine eigene Identität, dennoch wirkt das Album wie aus einem Guss. Die Arrangements sind vielschichtig, ohne überladen zu sein, und offenbaren bei wiederholtem Hören immer neue Details. Gleichzeitig bleibt der melodische Gedanke stets erhalten, sodass die Experimentierfreude nie auf Kosten der Musikalität geht. Gerade dieser Spagat zwischen Pop-Appeal und künstlerischer Freiheit macht "The Electric Heidiland" zu einem außergewöhnlichen Soloalbum. Es verlangt zwar etwas Aufmerksamkeit und erschließt sich nicht unbedingt beim ersten Hören vollständig. Gleichzeitig hört man sofort, weshalb "The Electric Heidiland" Mitte der 1990er Jahre kaum in ein klassisches Vermarktungsschema gepasst hätte.
Damals wars …
Während uns Mr. President mit "Coco Jambo", Fool's Garden mit "Lemon Tree" oder Captain Jack im Bereich des Mainstreams von Tag zu Tag mehr auf den Sack gingen, hätte Reinhold Heil mit seiner Kunst, die wenige Jahre zuvor noch für Hits gesorgt hatte, in den Neunzigern wahrscheinlich nur gestört - und mit Qualität sowie musikalischem Tiefgang vom Zeitgeist abgelenkt. Immerhin steht kaum eine Dekade so sehr für musikalischen Schrott wie diese.
Vielen Dank an das Label Künstlerhafen, dass wir nun 30 Jahre später doch noch in den Genuss dieser Scheibe kommen dürfen - und besonders an den Künstler selbst, der hier in Zeiten tiefer Trauer etwas Großes geschaffen hat, für das studierte Köpfe und marktsichere Experten damals noch nicht bereit waren. Achtung: Kann leichte Spuren von SPLIFF, Cosa Rosa und sogar Bakmak beinhalten!
(Christian Reder)
"Asshole Beemer"
The Beastie Boys treffen auf YELLO. So könnte man kurz und knackig das erste Hörerlebnis von "Asshole Beemer" beschreiben, aber das wäre zu kurz gegriffen. Der Opener macht sofort deutlich, dass Reinhold Heil hier keinen klassischen Pop präsentieren möchte. Das Stück verbindet elektronische Klangflächen mit einem markanten Groove und einer auf die Zwölf treffenden Rhythmik. Dazu kommen E-Gitarre und Hip-Hop-Gesang. Die Produktion wirkt ausgesprochen detailverliebt - ständig tauchen kleine Klangereignisse auf, die dem Song zusätzliche Tiefe verleihen. Trotz seiner experimentellen Ausrichtung verliert das Stück nie den roten Faden. Die Melodie bleibt zugänglich, während die Arrangements immer wieder mit ungewöhnlichen Einfällen überraschen. Der US-Slangbegriff "Asshole Beemer" lässt sich umgangssprachlich als "Arschloch im BMW" oder "BMW-Idiot" übersetzen. Der Ausdruck dient als abfällige Bezeichnung für BMW-Fahrer, die durch rücksichtsloses oder aggressives Fahrverhalten im Straßenverkehr auffallen.
"My Machine Died"
Der zweite Titel schlägt eine etwas ruhigere Richtung ein und lebt vor allem von seiner Atmosphäre. Elektronische Sounds und organische Elemente gehen fließend ineinander über, wodurch ein beinahe cineastischer Eindruck entsteht. Die Rhythmik bleibt zurückhaltend, während sich die verschiedenen Klangschichten langsam entfalten. Gerade diese Gelassenheit verleiht dem Stück seinen Reiz. Die Aussage "My Machine Died" klingt in dem Stück wie ein Sample aus dem Mitschnitt eines Telefonats, das sich immer und immer wiederholt, während dazu eine Art weiblicher Operngesang eingespielt wird, der wie aus einer anderen Welt herüberweht. Man merkt, dass Heil den Songs Zeit gibt, sich zu entwickeln, anstatt auf schnelle Effekte oder eingängige Refrains zu setzen. Dadurch entsteht eine angenehm entspannte, fast schwebende Stimmung.
"Ping-Pong Diplomacy"
Hier zeigt sich die Experimentierfreude des Albums besonders deutlich. Der Song besitzt einen verspielten Charakter und arbeitet hörbar mit ungewöhnlichen rhythmischen Ideen. Dass Alltagsgeräusche beziehungsweise nicht klassische Instrumente Bestandteil des Arrangements sind, fügt sich erstaunlich selbstverständlich in das Gesamtbild ein. Heil verwendet hier das Geräusch eines auftickenden Ping-Pong-Balls als Rhythmus - erzeugt haben diese Geräusche keine Geringeren als seine ehemaligen Kollegen Lyndon Connor (FROON) und Potsch Potschka (Spliff, FROON). Interessantes Detail: Im Jahr 1998 - also zwei Jahre später - wurde die Idee mit dem Ping-Pong-Ball erstmals tatsächlich in der Popmusik verwendet, und zwar bei D.O.N.S. feat. Technotronic und dem Remix der 1989er-Nummer "Pump Up The Jam". Trotz dieser und anderer Spielereien wirkt das Stück nie wie ein reines Experiment, sondern behält stets seine musikalische Struktur. Funkige Elemente treffen auf elektronische Klangwelten, wodurch ein ausgesprochen eigenständiger Sound entsteht. Gerade dieser Mut, Konventionen zu verlassen und dennoch einen eingängigen Song zu gestalten, macht "Ping-Pong Diplomacy" zu einem der auffälligsten Titel im bisherigen Albumverlauf.
"Four-Letter Words"
Mit "Four-Letter Words" bewegt sich Reinhold Heil deutlich stärker in Richtung Funk und Pop. Der Song lebt von einem federnden Groove, einer markanten Gitarrenarbeit und einer ausgesprochen lockeren Atmosphäre. Die Rhythmusgruppe sorgt mit dem Klang eines Fretless-Bass' und Schlagzeug für stetigen Vortrieb, während die elektronischen Elemente eher als Farbtupfer dienen und sich harmonisch ins Klangbild einfügen. Beim Gesang wird auf weibliche Stimmen und einzelne Wortfetzen gesetzt, die aus unterschiedlichen Richtungen hereinklingen und aneinandergereiht wurden. Der Titel besitzt eine gewisse Leichtigkeit und dürfte zu den eingängigeren Momenten des Albums zählen. Vielleicht wurde er auch deshalb bereits vorab als Single veröffentlicht. Trotz seiner Zugänglichkeit bleibt genügend Raum für kleine klangliche Überraschungen, die den Song interessant halten.
"Testosterone"
"Testosterone" wirkt kantiger und energiegeladener als das vorangegangene Stück. Rhythmisch präsentiert sich das Lied druckvoll und selbstbewusst, ohne jedoch in übertriebene Härte abzudriften. Elektronische Beats, Hip-Hop-Gesang und markante Synthesizer bestimmen das Geschehen, während die Produktion durch zahlreiche Details immer wieder neue Akzente setzt. Der Song vermittelt eine gewisse Coolness und spielt gekonnt mit Dynamik und Spannung. Gleichzeitig bleibt er dem Grundgedanken des Albums treu, verschiedene musikalische Einflüsse miteinander zu verbinden, statt sich einem klaren Genre unterzuordnen.
"Bad Girl Bad"
Der sechste Titel bringt erneut eine andere Facette von Reinhold Heils musikalischer Handschrift zum Vorschein. Das Arrangement wirkt verspielt und besitzt einen angenehm entspannten Fluss. Elektronische Sounds, Popstrukturen und ein leicht funkiger Unterton greifen ineinander, ohne aufdringlich zu wirken. Besonders die Produktion fällt erneut durch ihre Sorgfalt auf: Immer wieder tauchen kleine Klangdetails auf, die sich erst beim genaueren Hinhören erschließen. Dadurch entwickelt "Bad Girl Bad" einen ganz eigenen, gechillten Charakter und fügt sich dennoch nahtlos in den bisherigen Verlauf des Albums ein. Hervorzuheben ist hier auch noch die Stimme der damals noch ganz jungen Jocelyn B. Smith.
"Yes!"
"Yes!" gehört zu den lebendigsten Stücken des Albums. Der Song strahlt Optimismus und Spielfreude aus und entwickelt bereits nach kurzer Zeit eine mitreißende Dynamik. Rhythmisch bleibt alles angenehm locker, während Synthesizer, Percussion und weitere Klangfarben ineinandergreifen und ein dichtes, aber nie überladenes Klangbild erzeugen. Besonders auffällig ist die positive Grundstimmung, die sich wie ein roter Faden durch das gesamte Stück zieht. Reinhold Heil zeigt hier, dass anspruchsvolle Arrangements und eingängige Popstrukturen durchaus miteinander harmonieren können. Wieder schimmert etwas YELLO hindurch, doch diese Eindrücke verlaufen sich stets in Heils eigener musikalischer Handschrift.
"The First Time"
Nach dem energiegeladenen Vorgänger nimmt "The First Time" das Tempo etwas zurück. Der Titel entfaltet sich ruhiger und lebt vor allem von seiner atmosphärischen Dichte. Die Melodie erhält viel Raum zur Entfaltung, während die elektronischen Klangflächen das Geschehen unaufdringlich untermalen. Das Arrangement wirkt ausgesprochen sorgfältig aufgebaut und entwickelt sich Schritt für Schritt, anstatt alle musikalischen Ideen sofort preiszugeben. Gerade diese Zurückhaltung verleiht dem Stück eine besondere Eleganz und macht es zu einem der nachdenklicheren Momente des Albums. Die ganze Nummer wäre auch ideal zur Verwendung in einem Filmsoundtrack. Aber dahin verschlug es Reinhold Heil kurze Zeit später ja ohnehin.
"The Streets Of San Francisco"
Apropos Filmmusik: Mit "The Streets Of San Francisco" öffnet sich das Album erneut einer anderen musikalischen Richtung. Das Stück besitzt aufgrund seiner Grundidee filmische Qualitäten und erzeugt beim Hören zahlreiche Bilder im Kopf. Die elektronischen Elemente treten dabei keineswegs kühl oder technisch in Erscheinung, sondern schaffen gemeinsam mit den übrigen Instrumenten eine warme, beinahe urbane Klanglandschaft. Der Song entwickelt sich kontinuierlich weiter und lebt von seinen vielen kleinen Details, die erst nach und nach ihre Wirkung entfalten. Gerade dadurch gewinnt er an Tiefe und lädt dazu ein, ihn mehrfach zu hören. Die Älteren unter uns werden die Musik noch aus der gleichnamigen Fernsehserie kennen, die hierzulande "Die Straßen von San Francisco" hieß. Diese Version hier ist Reinhold Heils Interpretation des 70er-Jahre-Klassikers aus dem Bereich der Serienmusik. Der Musiker hat der in die Jahre gekommenen Nummer den Staub von der Oberfläche gepustet, und sie nach seinen Vorstellungen wesentlich knackiger klingen lassen.
"The Electric Heidiland"
Der Titelsong bündelt noch einmal viele der musikalischen Ideen, die das gesamte Album prägen. Elektronische Klanglandschaften treffen auf eingängige melodische Motive und werden von einer ausgesprochen detailreichen Produktion zusammengehalten. Das Stück wirkt dabei wie eine musikalische Visitenkarte des Albums: experimentierfreudig, aber nie beliebig, verspielt, ohne sich in technischen Spielereien zu verlieren. Immer wieder verändern kleine rhythmische und klangliche Nuancen den Charakter des Songs und sorgen dafür, dass er auch nach mehreren Durchläufen neue Facetten offenbart. Gerade diese Balance zwischen Zugänglichkeit und Experiment macht den Titel zu einem passenden Namensgeber für das gesamte Werk - und passender Weise bekam von einem Kollegen auch sein Aufnahmestudio diesen Namen verpasst.
"Slow Motion"
Den Abschluss bildet mit "Slow Motion" ein Stück, das den Hörer ruhig aus dem Album entlässt. Die Atmosphäre ist entspannt und beinahe schwebend, ohne dabei an Spannung einzubüßen. Reinhold Heil verzichtet auf große Gesten und setzt stattdessen auf eine behutsame Entwicklung der musikalischen Ideen. Die einzelnen Klangschichten greifen harmonisch ineinander und erzeugen einen angenehm warmen Gesamteindruck. Als Schlusspunkt funktioniert "Slow Motion" ausgezeichnet, weil der Titel nicht abrupt endet, sondern das Album sanft ausklingen lässt und dem Hörer Zeit gibt, die vielen musikalischen Eindrücke nachwirken zu lassen. "Slow Motion" erinnert vom Klangbild her ein Stück weit an die Musik von Jan Hammer. Allerdings ist Heils Verständnis von Musik und Arrangement ein völlig anderes. Hier gibt es weit mehr zu entdecken, und auch der Sound bewegt sich in Tiefen, in die Hammer trotz aller Erfolge nie vorgedrungen ist.
Erste Gedanken nach dem Hören
Nach allen elf Stücken entsteht das Bild eines Albums, das sich konsequent jeder stilistischen Schublade entzieht. Reinhold Heil verbindet elektronische Popmusik, Funk, Ambient, Spoken Word und experimentelle Klangideen zu einem Werk, das auch Jahrzehnte nach seiner Entstehung bemerkenswert frisch wirkt. Statt einem klaren kommerziellen Konzept zu folgen, scheint hier allein die Freude am Ausprobieren und Gestalten im Mittelpunkt zu stehen. Damit führt Heil konsequent ein Konzept weiter, das man unter anderem auch bei Spliff und dem Cosa-Rosa-Projekt deutlich heraushören kann: Er ist seiner Zeit mit seiner Musik stets ein Stück voraus. Neue und frische Ideen treffen hier auf Bewährtes und bereits Ausprobiertes.
Bemerkenswert ist auch die Produktion. Jeder Song besitzt eine eigene Identität, dennoch wirkt das Album wie aus einem Guss. Die Arrangements sind vielschichtig, ohne überladen zu sein, und offenbaren bei wiederholtem Hören immer neue Details. Gleichzeitig bleibt der melodische Gedanke stets erhalten, sodass die Experimentierfreude nie auf Kosten der Musikalität geht. Gerade dieser Spagat zwischen Pop-Appeal und künstlerischer Freiheit macht "The Electric Heidiland" zu einem außergewöhnlichen Soloalbum. Es verlangt zwar etwas Aufmerksamkeit und erschließt sich nicht unbedingt beim ersten Hören vollständig. Gleichzeitig hört man sofort, weshalb "The Electric Heidiland" Mitte der 1990er Jahre kaum in ein klassisches Vermarktungsschema gepasst hätte.
Damals wars …
Während uns Mr. President mit "Coco Jambo", Fool's Garden mit "Lemon Tree" oder Captain Jack im Bereich des Mainstreams von Tag zu Tag mehr auf den Sack gingen, hätte Reinhold Heil mit seiner Kunst, die wenige Jahre zuvor noch für Hits gesorgt hatte, in den Neunzigern wahrscheinlich nur gestört - und mit Qualität sowie musikalischem Tiefgang vom Zeitgeist abgelenkt. Immerhin steht kaum eine Dekade so sehr für musikalischen Schrott wie diese.
Vielen Dank an das Label Künstlerhafen, dass wir nun 30 Jahre später doch noch in den Genuss dieser Scheibe kommen dürfen - und besonders an den Künstler selbst, der hier in Zeiten tiefer Trauer etwas Großes geschaffen hat, für das studierte Köpfe und marktsichere Experten damals noch nicht bereit waren. Achtung: Kann leichte Spuren von SPLIFF, Cosa Rosa und sogar Bakmak beinhalten!
(Christian Reder)
Seh- und Hör-Bar:

VÖ: 03.07.2026; Label: Künstlerhafen/Kontor; Katalognummer: 4260486641159, Musiker: Reinhold Heil (Gesang, Backing Vocals, alle Instrumente außer), Peter Weihe (Gitarre), Curt Cress (Drums, Percussion), Jocrlyn B. Smith (Gesang), Wale Bakare, Danny Bruder (beide Haupt- und Chorgesang), Hardy Eix (Chorgesang), Michaela Simpson, Kim Seligsohn, Johnny Klimek, Nina Franoczek, Gareth Jones, Rosa Precht (alle Chorgesang und Spoken Word), Lyndon Connor & Potsch Potschka (Ping Pong-Spieler in "Ping-Pong Diplomacy"); Bemerkung: Eigentlich sollte dieses Album Reinholds Debüt werden. Allerdings wollte es die Plattenfirma Sony Music im Jahre 1996 aus marktstrategischen Gründen nicht veröffentlichen, so dass es erst jetzt - als zweite Solo-Veröffentlichung von Reinhold Heil nach