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Crystal: "Alles Lüge" (LP)

crystal2026 0 20260424 1955826917VÖ: 20.03.2026; Label: ROKKfilm Records; Katalognummer: RFLP013, Musiker: Joachim "Funki" Funk (Gesang, Gitarre), Thomas Preißler (Gitarre), Jörg-Rainer Friede (Gitarre); Frank Maertin (Bass), Detlef Flade (Schlagzeug); Mastering: Jörg-Rainer Friede; Bemerkung: Diese Schallplatte ist als imitierte Deluxe Edition (300 Stück) zu haben. Schwarzes Vinyl mit 12-seitigem Booklet, A2-Poster (bei den ersten 100 Exemplaren ist dies sogar handsigniert) sowie einer Autogrammkarte im Retrostil. Die Platte ist u.a. im Shop von ROKKfilm erhältlich;
 
Titel:
Seite 1: "Alles Lüge (Live 1988)", "Mann im Rausch (Live 1988)", "Gitarrengewichse (Live 1988)", "Kopf oder Zahl (Live 1988)"
Seite 1: "Bergringrennen" (Studioproduktion 1988), "Alles Lüge" (Studioproduktion 1988), "Wilde Zeiten" (Neuer Song), "Wilde Jahre" (Neuer Song)


Rezension:


Stell dir vor, du spielst 10 Jahre in einer Band, und fast 40 Jahre danach existiert fast die ganze Arbeit nur noch in den Köpfen der Beteiligten. Es gibt bis auf alte Fotos so gut wie keine Erinnerungsstücke. Lediglich zwei Rundfunk-Produktionen sind auf einigen wenigen Kopplungen (u.a. bei German Democratic Recordings) erschienen, aber nicht in den nun hier zu hörenden Versionen. Und dann plötzlich taucht eine Kassette mit einem Konzertmitschnitt aus den letzten Jahren dieser Band auf. Dies ist Jörg-Rainer Friede jetzt passiert. Einer seiner ehemaligen Bandkollegen, Frank Maertin, hatte eine alte Kassette, auf der ein Mitschnitt eines Konzerts der Gruppe CRYSTAL in Rostock aus dem Jahre 1988 enthalten ist. Und bei eben jenem Jörg-Rainer Friede ist diese Kassette gleich in den richtigen Händen gelandet.

Wenn man in den 80ern nun nicht gerade Fan der Gruppe CRYSTAL war und einem der Name Jörg-Rainer Friede aus dieser Zeit noch bekannt ist, kennt man ihn aber vielleicht als den "Cesare Brandi der Musikrestauration". Als solchen möchte ich ihn nämlich gerne mal bezeichnen. Denn was er so aus wirklich alten und kaum verwertbaren Tondokumenten herauszuholen in der Lage ist, ist absolut bemerkenswert. Seit fast drei Jahren ist er für das Label ROKKfilm tätig und hat hier schon so einige Archivfunde auf Tonband für heutige Ohren anhörbar gemacht. Da waren - so erzählte er uns in unserem Interview mit ihm - auch richtig kaputte Bänder dabei, die er eigentlich schon wegwerfen wollte.

Nun also gelangte diese Kassette mit der Aufnahme eines CRYSTAL-Konzertes auf seinen Tisch. Chef des Labels ROKKfilm, Jens-Uwe Berndt, ist ein Fan von CRYSTAL aus dieser Zeit und war natürlich sofort ganz heiß auf dieses Material. "Das muss veröffentlicht werden", war seine Idee. Und auch Jörg-Rainer Friede fand diesen Plan charmant, also setzte er sich ran und bearbeitete diesen Live-Mitschnitt und restaurierte vier der damals gespielten Songs, die sich nun auf der A-Seite der LP "Alles Lüge" wiederfinden.

Und weil eine LP zwei Seiten hat, hat man sich für die B-Seite etwas Besonderes einfallen lassen. In den Achtzigern produzierte man mit tatkräftiger Unterstützung von Jürgen Matkowitz (Gruppe Prinzip) zwei Songs für den Rundfunk: "Alles Lüge", seinerzeit Platz 1 der Beatkiste, und "Bergringrennen", das auf Platz 2 der gleichen Sendereihe landen konnte. Da diese bislang unveröffentlicht waren, nehmen sie jetzt die erste Hälfte der zweiten Langspielplattenseite zusammen mit zwei Neuproduktionen ein: "Wilde Zeiten" und "Wilde Jahre", der erste 2025 von "Schelle" alias Thomas Preißler komponiert, der andere im gleichen Jahr von Joachim "Funki" Funk getextet und von der Band zu Musik gemacht.

Den Anfang des Programms bildet die Live-Version ihres Nummer-1-Hits "Alles Lüge", nachdem auch das Album benannt worden ist. Schon hier ist deutlich zu hören, wo die Wurzeln dieser Kapelle liegen, nämlich im Heavy Metal der 80er Jahre. Herausragendstes Merkmal ist für meine Ohren die großartige Gesangsstimme von Joachim Funk, der wie gemacht für diese Musikrichtung ist. Aber auch musikalisch gibt's hier sachgerecht voll eins auf die Zwölf, denn das Quintett lässt es ordentlich scheppern: messerscharfe Gitarren, ein satter Bums von der Rhythmusabteilung und - wie schon erwähnt - die sich wunderbar ins Gesamtbild einfügende Stimme des Frontmanns. Bei den Ansagen (zu hören beim Stück "Mann im Rausch") wirkt er ein wenig wie der Ansager der Petersburger Schlittenfahrt auf der Kirmes ("und die nächste Fahrt ist rückwärts"), aber als Sänger ist er eine Bombe.
Das ist natürlich auch in dem in der letzten Klammer genannten Titel so, der als nächstes kommt, nämlich "Mann im Rausch". Der Bass wühlt angenehm in der Magengegend, die Gitarren wimmern, schreien und schmachten nach dem nächsten Akkord, und der Beat geht straff voran. Eine weitere Heavy-Metal-Perle im Sound der 80er Jahre. Ich bin kein großer Fan von direkten Vergleichen mit anderen Metal-Bands, aber Iron Maiden und Twisted Sister winken von der Insel und von weit über den großen Teich herüber.
Es folgt ein Song mit dem Titel "Gitarrengewichse", und hier wird schon im Namen gar kein großes Geheimnis daraus gemacht, was man da wohl erwarten kann. Hier konnten die Herren mit den sechssaitigen Instrumenten zeigen, was in ihnen steckt, und in knapp sechseinhalb Minuten taten sie dies auch. Die Band nennt ihr Tun hier selbst etwas despektierlich "Gewichse". Zu hören ist aber eine äußerst attraktive Kaskade verschiedener Spielarten auf den unter Strom gesetzten Harfen, angetrieben von Schlagzeuger Detlef Flade, die dem Publikum in sachgerechter Lautstärke gereicht wurde. Auch wenn das noch Minuten so weitergegangen wäre: Es würde wohl nicht langweilig werden.
Der vierte und letzte Song auf der A-Seite ist das Stück "Kopf oder Zahl", das beim ersten Hören stark an die Musik der Gruppe Prinzip erinnert. Auch hier werden keine Wünsche für die für Heavy Metal schlagenden Herzen offengelassen.

Vom Live-Mitschnitt nun auf die B-Seite, auf der sich ausschließlich Studioproduktionen befinden. Die ersten beiden Songs sind, wie oben schon erwähnt, die Lieder, die 1988 für den Rundfunk der DDR im Studio produziert worden sind. Beide Texte sind seinerzeit von Sänger Joachim Funk geschrieben worden. Die Musik hat die Band wohl im Ganzen im Proberaum entstehen lassen. Den Anfang macht der Song "Bergringrennen". Musikalisch geht es straff nach vorne. Auch hier bei der Studioarbeit spielt sich die Band - wie im Konzert - regelrecht in einen Rausch. Es ist Musik, die das hier besungene Motorradrennen vor dem inneren Auge lebendig werden lässt. Entweder fühlt man sich beim Hören der Nummer wie auf einer rasanten Fahrt auf zwei Rädern, oder aber man bekommt Bock drauf. Der Soundtrack für die nächste Ausfahrt mit dem Feuerstuhl.
Das folgende Stück, "Alles Lüge", war auf der anderen Seite ja schon als Live-Fassung zu hören, und beide Versionen unterscheiden sich beim ersten Hören nur um Nuancen voneinander. Das mag der interessierte Hörer aber bitte für sich selbst entscheiden, ob dem so ist. Eins steht fest: Beide Versionen sorgen für eine Menge Frohsinn, und wie auch schon bei der Live-Version liefert auch die Studioversion die gleiche Spielfreude und Dynamik.
Und dann ist es soweit, und man bekommt den direkten Vergleich des CRYSTAL-Sounds aus den 80ern mit dem knapp 40 Jahre später. "Wilde Zeiten" ist ein Instrumentalstück geworden, das ohne eine erzählte Geschichte auskommt. Diese kann man sich bei geschlossenen Augen selbst ausdenken. Nimmt man alle bisher gehörten Lieder auf dieser Platte her, so ist diese Nummer dahingehend herausstechend, dass sie eben nicht die lauten Töne bedient, sondern eher als ruhige Ballade um die Ecke kommt. Dies ist aber definitiv kein Kritikpunkt, denn hier steht die feine Klinge im Vordergrund. Feine und filigran gespielte Gitarren tanzen luftig leicht auf einem ruhig angelegten Rhythmusfundament. Kein Kuschelrock - eher Genussrock. Ein ruhiger Moment, der einem auch mal die Gelegenheit gibt, an den verstorbenen Kollegen am Schlagzeug zu denken.
Bei "Wilde Jahre" geht's dann wieder etwas lauter zur Sache, ohne aber den Dampfhammer rauszuholen. Auch bei diesem Lied zeigt sich die Formation gereifter und nicht mehr so jugendlich ungestüm, wie man sie bei den Aufnahmen von 1988 erleben konnte. Auch dies bitte ich nicht als negative Wertung zu verstehen: Musiker werden älter und ruhiger. Dies spiegelt sich dann auch in der Musik wider, so wie hier. Trotzdem besticht dieser Song mit einer angenehmen Verspieltheit und ordentlich Druck im Kessel. Unweigerlich stellt sich einem die Frage: Ist das noch Heavy Metal oder schon Artrock?

Es war wirklich eine gute Idee, die Gruppe CRYSTAL mit dieser Platte fast 40 Jahre nach ihrem Aus noch in den Fokus zu rücken. Wohl nur Insider hatten sie noch auf dem Schirm, die große Masse der Musikfreunde wohl eher nicht. Aber dafür, dass diese Musik einfach weiter im Archiv liegt, ist sie einfach viel zu gut. Die Platte bedient den Geschmack von Heavy-Metal-Fans gleichermaßen wie den von Deutschrock-Fans. Wir hören hier keine überproduzierten Studiotricksereien oder einen Mischmasch aus Heavy Metal und anderen nicht zum Gesamtbild passen wollenden Elementen. Das ist der pure Rock'n'Roll, der echte Metal aus der Glanzzeit dieses Genres. Darum sei die Platte auch jedem empfohlen, der nicht unbedingt mit dem Namen etwas anfangen kann, wohl aber immer auf der Suche nach neuer Musik aus dieser Richtung ist, auch wenn sie schon ein paar Jahre mehr auf dem Buckel hat. Hier jedenfalls wird er voll bedient.

Auch mit der Verpackung wurde dem Feinschmecker mal wieder genügend Sättigungsbeilage auf den Teller gelegt. Die runde Scheibe ist definitiv das Entrecôte, aber das schmückende Beiwerk hat es - wie bei den anderen Publikationen aus dem Hause ROKKfilm auch - wieder mal in sich. Die Schallplatte steckt in einem Gatefold mit zahlreichen Bildern (im Mittelteil ein großformatiges Live-Foto) und allen wichtigen Infos zum Programm. In der Hülle steckt neben der Platte ein großes Begleitheft mit dem Bandlogo vorne drauf, weiteren Bildern im Innenteil und ausführlicher Bandhistorie, dem Abdruck der Texte von beiden Rundfunkproduktionen und allen Besetzungen der Band von der Gründung an bis zu ihrer Auflösung, so dass man beim Hören der Musik in die Geschichte von CRYSTAL eintauchen kann und wohl wirklich jede sich stellende Frage beantwortet bekommt. Der Schreiber dieser Zeilen hatte viel Spaß beim Hören der Musik einer Heavy-Metal-Band, die er bis dahin nicht kannte, und wurde am Ende des Tages zum Fan. Vielleicht wird es dir, lieber Leser, ja genauso gehen.
(Christian Reder)





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