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TRANSIT & KARUSSELL

Berlin am 14. Mai 2011

Bericht: Andreas Hähle

Fotos: Patricia Heidrich
            Pressematerial


 

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MEHR WASSER ALS GEWÜNSCHT - TRANSIT & KARUSSELL IM DOPPELPACK
Richtiggehend voll war es nicht mit den geschätzten 200 Menschen auf der Parkbühne Berlin-Biesdorf am Grand-Prix-Final-Abend des 14. Mai 2011. Leider. Zu Unrecht. Was vielleicht auch daran gelegen haben mag, dass dieses Konzert auf der Homepage des Veranstalters gar nicht auftauchte und einige Menschen tatsächlich deshalb davon ausgingen, dass diese Veranstaltung nicht stattfände, wie wir später von Weggebliebenen erfuhren. Zwei Bands als Vertreter des liedhaften Rocks deutschen Sprachgebrauchs, so kündeten die Plakate, nämlich TRANSIT und KARUSSELL waren angesagt. Beide Formationen haben sich nach der Wende aufgelöst. Beide Formationen sind in jüngster Zeit, kurz nacheinander (erst KARUSSELL, dann TRANSIT) wieder auferstanden. Beide zu Recht. Und so sang Egon Linde, mit seiner Band der Erst-Starter an diesem Abend, "Wir sind wieder on the road" zum Konzertauftakt. Fast hätten wir diesen verpasst, weil wir ein kurzes Interview mit Joe Raschke von KARUSSELL führten, um die neuesten Infos zur kurz vor der Veröffentlichung stehenden neuen CD dieser Band zu erhalten. Und ein ganz kurzes Gespräch mit Oschek musste natürlich auch sein, zumal wir ja einen recht regen Kontakt bezüglich eines Konzertberichts von mir auf www.deutsche-mugge.de über dessen Band hatten. Natürlich ist alles okay zwischen KARUSSELL und uns, auch wenn andere gerne anderes vermuten wollten.

Unnötig war der Regen, der erst mählich dann immer heftiger auf uns niederprasselte. Gleich nach dem Konzertbeginn. Da war mehr Wasser als gewünscht. Jenes in den Textpassagen der Gruppe TRANSIT hätte vollends gereicht. Aber wer kann schon etwas für das Wetter. Tapfer blieben natürlich die Gäste auf dem Gelände. Das war auch nicht anders zu erwarten. Und die Konzerte liefen weiter. Rockfans lassen sich nicht von schlechtem Wetter abschrecken, ebenso wenig wie von unnötig cholerischen Veranstaltern. Sie sind alle "Rock´n Roll-Zigeuner", wie TRANSIT sie ihnen zu Ehren besang.
TRANSIT war auch zu Ostzeiten eine Band, die sehr intensiv dem Meer verhaftet war. Wie auch - Nomen est Omen - dem Unterwegssein. So klingen auch ihre neuen Lieder. Die Titel der aktuellen CD "Übers Meer" sind konzeptionell wie ein Segeltörn gestaltet, aber eben auch wie eine Fahrt durch's Leben. "Wie ein Sandkorn", das Gefühl dieser Generation, die sich nicht verloren geben will. Und wohl auch nicht wird. Natürlich lässt sich das auf jede Generation übertragen, aber auf diese und auf deren Vertreter aus der mitteldeutschen Gegend besonders (Ostdeutschland wurde ja noch nicht wieder "heim ins Reich" geholt, wie der Kabarettist Uwe Steimle jüngst einmal treffend bemerkte).

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TRANSIT steht nicht nur für einen bestimmten Themenkreis, welchen die Band jedoch mit der nächsten Produktion durchbrechen wird (wie mir Egon Linde in einem Interview in der Sendung "Wahl-Lokal" auf rockradio.de verriet); TRANSIT steht auch für einen bestimmten Sound. Ich würde diesen als soliden Rock bezeichnen. Solide im Sinne von fundamentiert. Das Handwerk stimmt, die Ideen auch. Geniestreiche waren und sind bei TRANSIT nicht nötig. Vielleicht wären sie bei dieser Band sogar abträglich. Gefühlt sind sie die Handwerker unter den Rockern, viel mehr und viel eher und auch wesentlich solider als die PUHDYS, für welche Dieter "Maschine" Birr gerne eine solche Behauptung in Anspruch nimmt. TRANSIT fährt auf gefährlichen Wassern, das Boot jedoch verlassen sie nie.

"Der Junge steht am Ufer"... und träumt... So ein bisschen Romantik eben und doch knallharte Rockmusik. "Das Meer ist ganz anders" ist ein aktuelles Beispiel dafür, dass sie auch ganz anders können und wollen. Wenn sie wollen. Obwohl sie letztlich nicht einmal bei diesem die Basis des liedhaften Rock gänzlich verlassen. Im Mittelpunkt steht immer Egon Lindes markante charismatische Stimme, obwohl sie alles andere als eine herausragende Sängerstimme ist. Ich würde seine Stimme vermutlich bei einem anonymen Test mit hundert verschiedenen Stimmen heraushören können. Die neuen Titel, welche weit nach der Wende entstanden sind, finde ich - und das ist nicht bei allen wiedererstandenen Bands so - wesentlich stärker als die früheren. Ob sie stärker sind oder ob ich das lediglich so empfinde, vermag ich nicht zu sagen. Es liegt sicherlich nicht nur am Sound, der zwangsläufig ein anderer ist als früher. Die Band erscheint mir einfach kräftiger und vielleicht sogar ein wenig experimentierfreudiger auf ihrer sich selbst geschaffenen Basis. Nicht experimentierfreudig genug, aber das liegt an meinen Intentionen und Erwartungen. Die mitunter ahnungsvoll aufkeimende Nähe zum HardRock trifft deren vorhandenen Stil und tut zumindest mir außerordentlich gut. "Vorbei an Dänemark" ist ähnlich gestrickt. Überraschungen muss man nicht erwarten. Es gibt sie aber. Sie blitzen kurzmomentig in originellen Arrangementideen auf und schon sind sie wieder entfleucht, ist die Band wieder "geerdet". Wohltuend finde ich auch, dass sie musikalische Klischees nicht scheuen dort, wo sie passend sind. Wie im Titel "Sao Vicente". Sie machen das mit einer solchen Selbstverständlichkeit und einem solchen Spaß, dass es ein rein vergnügliches Erlebnis ist. Da schwingt viel - wie ich vermute gewollte - Eigenironie mit. Rock´n Roll soll ja wohl auch Spaß machen. Da, wo Lindes Stimme nicht ganz ausreicht, um einen Titel zu tragen, fehlt mir jedoch manchmal die Verstärkung aus dem musikalischen Background. Da wirkt es mitunter unfreiwillig müde.

Einen Vorgeschmack auf das noch Kommende von TRANSIT (die ja nach eigenen Aussagen im bereits erwähnten Interview mit mir in der Sendung "Wahl-Lokal" solange weiter rocken wollen, bis sie sterben) ist der lyrische Titel "Trauminsel", eine Premiere an diesem verregneten Konzertabend. Hier könnte eventuell noch ein wenig am Satzgesang gefeilt werden, aber es war ja eben eine Premiere. Die Bandbesetzung, das ist nicht nur bei diesem Titel auffällig gewesen, ist ein absoluter Glücksgriff. Neben Sänger und Gitarrist Egon Linde arbeiten Eghard Schumann am Keyboard, Manfred Hecht am Bass (dessen schräge Instrumentenbauideen nicht nur auf der Bühne zu bewundern sind, auch auf dessen Homepage www.crazy-pike-basses.com), dessen Zwillingsbruder Hartmut Hecht an der Gitarre und auch am Keybord sowie Hans-Jürgen Beier am Schlagzeug. Sie rackern gemeinsam sehr viel Gutes zusammen.

Mit etwas New-Wave-Punk-Sound präsentierte TRANSIT nun die Alt-Song-Legende "Vineta". Egon Linde verkündete nicht zum ersten Mal an dieser Stelle mit Stolz, dass er gebürtiger Barther ist, Vineta nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen in der Nähe von Barth lag und deshalb Barth nun auch "Vineta-Stadt Barth" heißt. Was den Titel betrifft: Das eben ist die solide Rock-Basis der Band. In früheren Zeiten wie bei diesem Lied hat sich die Gruppe ja auch mit historischen Themen beschäftigt, nicht nur in der berühmt gewordenen "Störtebeker-Suite". Leider auch nicht nur mit immer geglückten Titeln aus diesem Fundus. Stark verfehlt empfand ich zu Ostzeiten "Goethe und Tischbein" wie auch den mir zu infantil bearbeiteten "Ritter Kahlbutz". Ob sie sich diesem Bereich thematisch wieder annähern werden, weiß ich nicht. Die "Sturmflut" könnte, obschon maritim thematisiert, ein wenig in diese Richtung weisen. Der Aufbau dieses Titels ist balladesk, der Sound satt wenn auch nicht trocken - geht ja nicht, ist ja 'ne Sturmflut - und alle Instrumente weisen leicht in die gleiche Richtung. Bis sich das alles im tremolierenden Gitarrensound zur Flut erhebt. Eine handwerkliche Flut ist auch immer von Hans-Jürgen Beier zu erwarten. Ein unglaublich guter und - da haben wir es wieder - solider Schlagzeuger, der ob dieser Solidität zu TRANSIT wohl passt wie kein anderer. Einer, weswegen manche Band auf TRANSIT wohl neidisch sein dürfte.
"Ich fahr´ an die Küste", ein ostdeutscher Pubertäts- und Aussteigersong. Die langen Haare trägt Egon Linde immer noch und sicherlich in sich noch den ungestümen Drang nach Freiheit. Dass die anderen Musiker - mit Ausnahme von Hans-Jürgen Beier - etwas kürzere Haare haben, hat rein natürliche Ursachen und ist wohl keine Einstellungsfrage. Der Lauf der Zeit eben.

Ein überaus gelungener Titel aus dem Historienarchiv ist mit Sicherheit "Die Bernsteinhexe". Wohl auch einer der beeindruckendsten Titel von TRANSIT dazumal. Diesen trug die Band uns nun vor. Es ist ein einfach scheinender Titel mit einer Schwere, die der Thematik und der Zeit, von der es uns erzählt, angemessen ist. Die Sage selbst ist in mehreren Publikationen veröffentlicht worden und wird hauptsächlich - wohl auch nachweislich - der Halbinsel Usedom als Handlungsort zugeschrieben. Die nächste Geschichte lässt sich schon weniger nachweisen. Es ist die von Jonas und den kleinen Mädchen von Niniveh (auch Ninive geschrieben). Im übertragenen Sinne ist es eine Geschichte über die spießige Toleranzlosigkeit der Alten gegenüber der Lebenslust der Jungen. Was '89 sicherlich ein Mitauslöser der friedlichen Demonstrationen war. Und mit noch größerer Sicherheit ein ewig gültiges und sich wiederholendes Thema ist. Für die Jugend von heute ist größtenteils unsere Kanzlerin eine spießige toleranzlose Oma, die junge Menschen hasst, weswegen sie diese auch in den Krieg schickt und selber keine Kinder haben mag, weil sie vermutlich keine leiden kann. Sie wird als jugendfeindlich empfunden. Aber das wurden andere auch. Lustig fand ich, dass die Band hintergründig einen 70er-Jahre-Disco-Sound abfeierten. "Und wenn sie blöd sind, sind sie doch gesund" ist meine absolute Lieblingszeile in diesem Titel.

Es regnete nun in Strömen. Warum die Veranstalter auf die Idee kamen, das Wasser aus den Planen zu kippen ohne die Umbaupause abzuwarten und die Menschen am Lauschen und Genießen hinderten, indem sie diese zum Aufstehen nötigten, wird mir ewig ein Rätsel bleiben. Zu lauschen war ein paar Sekunden auf den Text bezogen wenig, das Mikrofon machte kurz schlapp. Das etwas modernere "Hildebrandlied" erklang. Zwar hat das auch schon ein paar Jahre auf dem Buckel, aber moderner als das "Original" ist es allemal.
Fast psychedelisch daher kam mit "Burn Out" eine weitere Premiere. Und tatsächlich ob der Schwere dieses Themas ein Verweis auf das Versprechen der Band, den Themenkreis zu erweitern. Die Tiefe ist TRANSIT von 2011 durchaus mehr als angemessen. Es ist gut, dass sie sich daran wagt, die etwas anders und stärker gewordene Band mit den vielen Lebenslinien. Die Texte selbst sind mir teilweise zu aufgesetzt und holzschnittartig, aber zu TRANSIT mag es passen. Die "Wanderdünen" wandern weiter, hinterlassen ihre Spuren kaum, aber TRANSIT selbst wird wohl, wenn sie so weiter wandern wie sie wandern, in ein paar Jahren eine der führenden Bands im Spektrum des liedhaften deutschsprachigen Rock sein. Selbst dann, wenn sie sich mit Reggae-Klängen an ihre "Schulzeit" erinnern. Ab und an kann man bei TRANSIT auch ein wenig Vorbilder heraushören. Da wird bei "Aus meiner Haut kann ich nur selten raus" ein wenig von Jethro Tull herüber gewunken. Meisterhaft ist TRANSIT auch beim Weben ihrer Klangteppiche, wie mir nicht erst bei diesem Titel auffiel. "Das ist unser Leben" heißt ein weiterer Song. Und irgendwie schien es mir auch so. Sie schaffen den Soundtrack ihres Lebens und den ihrer wieder zahlreich gewordenen Fans. Auch einer von den neuen Titeln. Besinnlich, im Text mehr prosaisch als lyrisch. Das gehört, wie mir scheint, zur Charakteristik. Auch hier schien mir Egon Linde beim holzhammerartig klischeebehaftetem Refrain "Wer nie geirrt, hat nicht gelebt" gesanglich noch ein wenig überfordert zu sein. Mit "Wandlungen" wieder ein Titel von der aktuellen CD "Übers Meer". Eine sehr schöne Mischung, die uns TRANSIT da bot. Übers Leben singend wie auch über das Meer hin durch alle Gezeiten.

"Ein Mädchen wie du für mich warst", ein sehr bekannter TRANSIT-Klassiker, an den ich mich immer erinnern werde, weil mein Deutschlehrer ihn sehr gerne und nicht selten als Beispiel benutzte, um aufzuzeigen, was dabei herauskommen kann, wenn man die deutsche Grammatik einfach negiert. Danach, die Gezeiten des Lebens halt darstellend, "Unser Dorf", womit die DDR gemeint ist. Der Massenchor "Wir sind das Volk" wurde eingespielt. Ein Ruf, den ich heute gern wieder so lautstark und massiv hören würde wie '89 und natürlich nicht aus der Konserve. Der Titel ein natürlich solider HardRock mit einem aus meiner Sicht absolut verunglückten Text. Irgendwie soll es wohl lustig sein, ist aber dann doch eher farblos. So farblos war die DDR gar nicht. Auch lässt dieser Titel ein wenig an Kraft vermissen und so wirkt er eher wie eine Entschuldigung für sich selbst. Gibt es überhaupt einen Titel, der dieses Thema wirklich angemessen bearbeitet hat? Spontan fällt mir keiner ein. Man könnte ja sagen, der Versuch alleine ehrt. Aber ich bin da leider vehement. Ein schlechter Versuch ist schlimmer als gar keiner. Das Publikum hat das jedoch nicht gestört und auf dieses kommt es immerhin an. Sie forderten eine Zugabe. Und die kam, trotz eines knapp abgesteckten Zeitplans, auch stehenden wenn auch nicht trockenen Fußes. Mit der Adaption von "Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt". Ein klein wenig hawaiianisch kam diese Rocketüde auch daher, das war originell. Da kam auch ein klein wenig Lindenberg durch, aber das ist eine ganz andere Bandgeschichte...

Nach einer notwendigen Umbaupause erschien die Band KARUSSELL. Die ja leider nicht sehr zahlreichen Gäste blieben standhaft und tapfer, und das war gut so. Ich war, ehrlich gesagt, absolut gespannt. Ein kurzes Anspiel, welches an Dirk Michaelis´ "Seelenverwandt" erinnerte. So ganz Unrecht hatte ich wohl nicht, denn da ertönte schon "Als ich fortging", ursprünglich schon ein originaler KARUSSELL-Titel. Es blieb (vorerst) beim Anspiel. Ursprünglich blieb es auch. "Der Gitarrist", wie viele Jahre der wohl auf dem Buckel hat? Ich musste ihn dringend hören, denn auf meiner KARUSSELL-CD ist ausgerechnet bei diesem Titel ein Loch von einigen Sekunden, vermutlich ein Pressfehler, das war schon beim ersten Abspielen da, so dass ich diesen Titel nicht vollständig besitze. Was ein Gitarrist ist, das bewies und zwar scheinbar mühelos Hans Graf. So präsentierte sich KARUSSELL von Anfang an rockig, aber nicht altbacken. Die gesamte Mannschaft wirkte wesentlich munterer, frischer und klarer als bei einem Konzert, welches ich von ihnen vor einiger Zeit im "Neu-Helgoland" sah und über das ich auch berichtete. Sie zelebrierten ihre "alten" Titel als muntere Party. "McDonald" - nicht zu verwechseln mit einer ähnlichnamigen Fressanstalt - brachte irisch folkloristisch angehaucht immer noch seine Schafe zur Schur. Ein antikapitalistisches Lied aus sozialistischen Zeiten. Und heute wohl aktueller denn je. Wo das Geld regiert, stirbt halt die Liebe. Heutzutage und hierzulande scheint stets und überall das Geld zu regieren, obwohl gefühlt gar keines da zu sein scheint, jedenfalls nicht für die ganz normalen Menschen. Nur die Schafe dürfen sie noch immer und jederzeit auf die Weide treiben, nur müssen sie eher aufpassen, ob sie dabei nicht selbst geschlachtet werden. Obwohl... müssen sie eigentlich, sie werden es sowieso.

"Mein Bruder Blues", intoniert von einem selbstbewussten Joe Raschke, der auch noch mehr als "zünftig" eine geile Mundharmonika dazu spielte. Gefühlt war es für mich einer der längsten Titel, der es in der DDR in eine Wertungssendung, in diesem speziellen Falle "DT64-Metronom", schaffte. Auch damals wurden längere Titel schon nicht so gerne genommen. Hans Graf, Jan Kirsten und Reinhard "Oschek" Huth bauten daraus ein Gitarreros-Festival und ich war spätestens ab diesem Zeitpunkt baff und doch nicht auf dem falschen Konzert. Doch schon auf einem anderen als einstmals. Nur der Voice-Coder-Einsatz hat mir auch diesmal nicht behagt bei diesem Titel. Hach, schon wieder so ein Hähle-Genöle. Irgendwas ist ja immer. Obwohl die musikalische Idee, die dahintersteckt, nicht unschön ist. Aber vielleicht kann man die auch anders umsetzen?

Der 14. Mai 2011 war auf der Parkbühne Biesdorf wohl der Tag der Premieren. KARUSSELL brachte einen kleinen aber feinen Ausschnitt aus ihrer aktuellen CD "Loslassen", welche am 17.6. in den Handel gelangen wird (eine Rezension von mir zu dieser wird rechtzeitig hier auf www.deutsche-mugge.de veröffentlicht werden). Joe Raschke nannte dies ein "Berlin-Preview". Die richtige Preview wird es, so erzählte er mir, natürlich in Leipzig geben. Der kleine Ausschnitt an diesem Tag in Berlin ließ aber bereits ahnen, dass sich auf der aktuellen Produktion die KARUSSELL-Tradition mit dem Sound und den Themen von heute zu verbinden suchen wird. Was schwer genug ist, gerade bei dieser Band mit der doch so prägnanten Geschichte. Beim ersten Kontakt mit wenigen ausgewählten neuen Titeln erschien mir vieles, aber auch wieder nicht alles gelungen. Doch werde ich mir die CD lieber erst in Ruhe anhören und mir dann ein Bild machen. "Loslassen" wird eine CD werden, in welche alle Bandmitglieder ihre Ideen haben einfließen lassen. Eben mit jenem Anspruch, die Handschrift von KARUSSELL zu bewahren und dennoch zeitgemäß zu sein. Für die Erstellung wurde viel ausprobiert, ausgetüftelt, verworfen, neu entschieden. Ganz einfach war es nicht in jedem Falle, doch war auch live zu spüren, dass sich die Band bei dieser Arbeit mehr als gefunden hat. Und das war erfrischend und wohltuend. Ich hatte sie ja leider schon anders erleben müssen, glaube aber nicht, dass sich mein erstes Erlebnis wiederholen wird. Dafür ruhte die Band viel zu sehr in sich als Gesamt-Team. Da ist etwas gewachsen und geworden. Vermutlich spielen dabei auch die vielen Live-Auftritte eine Rolle. Joe Raschke war ja quasi etwas "neu im Geschäft" und konnte sich auf den Muggen erst einmal finden. Neben dem zweiten Frontmann Oschek ist er nun ein adäquater zweiter Frontmann und in diesem Satz steckt kein Fehler, sondern ein zitiertes sprachliches Beschreibungsschmäckerchen von Joe Raschke und Oschek. Am schwierigsten war wohl die Arbeit an den Texten. Demmler schuf einst für KARUSSELL lebendige sowohl zeitgemäße als auch zeitlos gültige Texte, ein Pendant dazu ließ sich nicht finden. So arbeitete die Band mit vielen Ko-Autoren zusammen, was vielleicht nicht in jedem Falle eine günstige Entscheidung war. Doch gab es keine andere Entscheidungsmöglichkeit und es wird sich ohnehin erst finden, ob es nicht doch am Ende gut so ist wie es erst einmal ist. Auf jeden Fall arbeitet sie wieder, diese Traditionsband des Deutschrock. Die meisten Kompositionen stammen von Joe Raschke, nicht alle, versteht sich. Und auch hier wird sich der junge Frontmann der Band in diese Band ein Stückchen mehr einschreiben und das sollte er auch.

Mit am stärksten beeindruckt hat mich der Titelsong der CD "Loslassen", welchen Joe Raschke selbst als nicht stärksten Titel der CD bezeichnete, eher als Motto für's Loslassen und Weitergehen der Band. Da bin ich aber mal echt gespannt, was da auf mich und auf euch alle noch zukommen möchte. Nicht immer empfand ich Joe Raschke als so stark wie in der Präsentation von "Mein Bruder Blues", aber solches haben Premieren wie auch bei den Titeln von TRANSIT an diesem Abend eben an sich. Lieder wachsen mit jedem Spielen derselben. Das ist nicht neu.

Die Arbeitsteilung der beiden Frontmänner Oschek und Joe entspricht einer gewohnten KARUSSELL-Tradition. Das war bereits zu Cäsars Zeiten so und es hatte der Band nie geschadet, eher im Gegenteil. Auch bei der neuen KARUSSELL-Formation hat es einen Sinn, der sich hören und gerne erleben lässt. Die Themen der neuen Titel sind auf jeden Fall stimmig und entsprechen dem, was man von KARUSSELL thematisch auch erwartet. Die Bandbreite wird mit Sicherheit größer sein als an diesem Abend gehört, aber eine "Richtung" ließ sich, denke ich, schon heraushören. Ich vermute, da kommt etwas Großartiges auf uns zu und ich weiß, dass ich wohl einer der Letzten bin, der dies vorher vermutet hätte. Vielleicht liegt dieser Schattenriss auch am Schlagzeuger. Benno Jähnert, so sein Name. Er erschien mir zwar in Ansätzen mitunter noch ein wenig zaghaft, aber im Vergleich zum Konzert im "Neu-Helgoland" war es schon ein ganz weiter Schritt nach vorne. Natürlich ein Konzert mit sehr vielen KARUSSELL-Klassikern. "Wie ein Fischlein unterm Eis". Abgelöst von einer Neukomposition von Jan Kirsten, die ich bereits schon einmal hörte und die mir damals schon ausgesprochen gut gefiel: "Verrückter Vormittag". Ein Titel, der auch einen tollen Text hat. Und überhaupt... Was Hans Graf, in den ich mich schon ein wenig musikalisch im "Neu-Helgoland" verknallt hatte, auf seiner Gitarre zauberte, das kann man nur selbst erlebt haben. Beschreiben lässt es sich schwerlich.

"Ehrlich will ich bleiben", mit "Der Gitarrist" einer der ersten KARUSSELL-Titel. Und "Zweifel", ein toller Song mit einem tollen Text, bei dem ich mich schon zu DDR-Zeiten gefragt habe, warum er nie wirklich ein Hit geworden ist. Doch wer weiß, vielleicht ist er ja bald einer. "Schlaraffenberg", das fast surrealistisch anmutende "Boot in Not", "Autostop", wieder aus der Frühwerkekiste und... "Als ich fortging", diesmal voll ausgespielt. Eine Feier eben. Ganz viele Zugaben. Zu Recht. Und... wer hätte das gedacht, dass ich das schreibe und sogar mit einem Lächeln während des Schreibens... mehr als verdient. Jetzt möchte ich KARUSSELL gerne noch einmal wiedersehen, nicht um mich, wozu der Besuch diesmal dienen mochte, eines Besseren zu belehren, sondern um sie zu genießen. Ohne Schreibstift und Schreibbuch. Einfach so... als Mensch und Publikum...

 


 

Fotoimpressionen:


Vor der Show: Gespräch mit Joe Raschke

 

 

Auftritt: TRANSIT

 

Auftritt: KARUSSELL

 

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