

Ein Konzertbericht mit Fotos von Christian Reder
Für einen Sänger ist die Stimme natürlich das höchste Gut. Der eine hegt und pflegt sie deshalb, verzichtet auf alles, was ihr schaden könnte, um auch im Alter noch auftreten und das Publikum damit begeistern zu können. Der andere richtet sie dagegen auf den eigenen Aftershow-Partys und bei Feierlichkeiten im Nachtleben mit reichlich Kippen und Sprit zu Grunde. Jeder ist da eben sein eigener Glücksschmied. Dann gibt es aber auch etwas, das mit Glück weniger zu tun hat und wohl eher als das große Unglück zu bezeichnen ist. So geschehen dem Mann, der seine deutschen Fans am letzten Tag im Oktober mit einem Konzert in der Essener "Lichtburg" beglückte. PAUL YOUNG, Großbritanniens "weiße" Antwort auf all die schwarzen Soul-Größen aus Übersee, dürfte einige schlaflose Nächte durchlitten haben, als ihm in den 80ern eine Infektion des Rachenraumes ernsthafte Stimmprobleme bescherte. Sie zwangen den Sänger nicht nur immer wieder zu Pausen, sondern machten sogar eine Operation nötig. Seine Solokarriere hatte gerade erst begonnen, da drohte sie auch schon wieder zu Ende zu gehen. Ich erinnere mich noch sehr gut daran, als zwischen 1984 und 1985 Pressemeldungen die Fans in große Angst um ihren musikalischen Helden versetzten. Mich ebenfalls! Schon vor der Veröffentlichung von Pauls zweitem Solo-Album "The Secret of Association" konnte man von Zwangspausen und Stimmproblemen lesen, ebenso von Gerüchten über das Karriereende wegen Stimmverlustes. Das ist alles jetzt 30 Jahre her und wie der gut informierte Fan weiß, hat Paul dieses Unglück abwenden können. Bis heute nahm er weitere Alben auf und gab Konzerte. Und dass der heute 60-jährige Vokalakrobat immer noch die schönsten Töne in die Welt zwitschern kann, bewies er seinem Publikum in diesem Jahr nicht nur mit einem neuen Album, sondern auch auf seiner Europa-Tournee.
Nach Chemnitz (30.10.) folgte in Essen am Montagabend die zweite Deutschland-Mugge. Warum auch immer, es gab auf dieser Tour hierzulande nur zwei Termine. Da hieß es, sich schnell um Tickets zu bemühen, wenn man dabei sein wollte. Und so war für mich schon bei der Ankündigung der Tournee klar, dass ich mir die Mugge in Essen nicht entgehen lassen würde. Egal, was auch immer sein würde ... Das Ziel war die "Lichtburg" in Essen, ein Kino, das die Tore auch für Konzerte öffnet. Während es sich das Publikum bereits ab 19:00 Uhr im mit bequemen roten Sesseln ausgestatteten Saal der "Lichtburg" bequem machen konnte, wartete der mit neuem Album ("Good Thing") und fünf-köpfiger Live-Band im Gepäck angereiste Mr. Young auf den Konzertbeginn und seinen Auftritt um 21:00 Uhr.
Doch bevor es soweit war, durfte sich ab 20:00 Uhr ein junger Mann aus der Schweiz vor dem eigens für Paul Young erschienenen Publikum ausprobieren. BASTIAN BAKER ist 25 Jahre alt und kommt aus Lausanne. Auch wenn er dem französisch-sprachigen Teil der Schweiz entstammt, hatte er überhaupt keine Probleme, seine Ansagen und Gags auf Deutsch und mit französischem Dialekt zu machen. Seit 2011 hat BAKER bereits drei Solo-Alben veröffentlicht, die in seiner Heimat durchweg auf den ersten drei Plätzen der Album-Charts landeten, und sogar in Frankreich und Belgien für Aufmerksamkeit sorgten. Aus diesen drei Silberlingen präsentierte er in Essen eine Auswahl von fünf Titeln, bei denen er sich selbst auf der Gitarre begleitete. So sympathisch und locker der Singer-Songwriter auch auftrat, so schnell nutzte sich seine Musik innerhalb des nur 25-minütigen Sets auch ab. Was anfangs noch frisch wirkte, wurde auf Dauer eher langatmig und langweilig. Auf mich wirkte der Vortrag insgesamt wie der eines Wanderklampfe spielenden Betreuers einer Jugendfreizeit am abendlichen Lagerfeuer. Junge Mädels lassen sich davon gern anzünden, aber wir Jungs bevorzugen dann doch lieber etwas Kernigeres. Das war ganz nett, aber dann doch nicht so gut, dass man ihn auch auf seiner Geburtstagsparty spielen haben möchte. Überzeugen konnte Baker dafür aber mit einer wirklich guten Stimme, die er geschickt einzusetzen wusste. Um kurz vor halb neun war sein Auftritt auch schon wieder beendet und die Vorbereitungen für das Hauptprogramm konnten beginnen.
Bei einem Blick in den Saal fiel auf, dass das Publikum insgesamt etwas älter war. Männer und Frauen, die die 60 vom Alter her schon überschritten hatten, und Herrschaften um die 50 waren in der Überzahl. Nur hier und da sah man die eine oder andere junge Dame um die 30, die den Altersdurchschnitt etwas senkte. Das war ebenso seltsam wie die Tatsache, dass im Saal noch reichlich Plätze frei waren. Hat dieser Halloween-Mist wirklich so eine Anziehungskraft auf die Menschen in meinem Alter, dass sie einem solchen Konzert-Höhepunkt fern bleiben und lieber "feiern" gehen? Oder lag es möglicherweise am Preis für die Tickets, die zwischen 49,00 und 64,00 EUR lagen, dass es fast nur die Älteren hierher zog? Aber das war nicht das Einzige, was am Essener Publikum "auffällig" war - doch dazu später mehr.
Früher als angekündigt, nämlich um 20:50 Uhr, betraten die fünf Musiker von Pauls Live-Band die Bühne. Der britische Sänger hat sich vorher wohl in Skandinavien nach geeigneten Musikern umgeschaut, denn "very british" klingen die Namen der Damen und Herren Instrumentalisten nicht: Christian Dalsgaard Warburg (Gitarre), Mikkel Risum (Bass), Peter Dencker Andersen (Keyboards),
Annika Miehe-Renard Askman (Percussion) und Jesper Mortensen (Schlagzeug) hatten ihre Plätze bereits eingenommen und die ersten Takte des Songs "Love Of The Common People" gespielt, als der Star des Abends, PAUL YOUNG, zum bereits musizierenden Ensemble dazu stieß. Ein erster großer Beifall strömte dem Sänger dabei entgegen und ein erster Eindruck machte sich auch sofort breit: Paul ist irgendwie nicht gut bei Stimme ... Dies war aber zum Glück nur eine temporäre Störung, denn schon während des Openers hatte sich der Sänger "freigehustet" und lief zur Höchstform auf. Wer weiß, was das war ... Die ersten fünf Lieder des Sets waren allesamt Hits aus der erfolgreichsten Phase seines Schaffens in den 80ern. Jeder einzelne Song hatte in den Live-Versionen 2016 nichts von seinem Reiz aus der Zeit vor 30 Jahren verloren. Obwohl man ganz nah am Original operierte, wurden reichlich Momente in die Songs eingewoben, die man dort nicht vermutet und so auch noch nicht gehört hatte. So hatte insbesondere Gitarrist Christian immer wieder die Möglichkeit, kleinere und große Soli zu spielen und den Titeln so völlig neue Nuancen zu verleihen. Allgemeines Staunen darüber, was der Mann aus seinen sechs Saiten so alles herauszuholen vermochte, wenn er sich immer wieder mal vorn an die Bühnenkante platzierte und in seinem Spiel verloren in die Saiten griff. Auch die einzige Dame im Verbund, Annika Miehe-Renard Askman, sorgte für ordentlich Dampf und Rhythmus, wenn sie auf ihren Geräuscherzeugern dem Affen Zucker gab. Nicht ganz so elegant brachte Bassist Mikkel seinen Part rüber. Die von Pino Palladino in den 80ern so wunderbar gespielten Bass-Parts vermochte der derzeitige Bassist leider gar nicht so umzusetzen. Gleich bei der ersten Gelegenheit, dieser herrlichen Eröffnungssequenz von "Love Will Tear Us Apart", stieß Risum an seine Grenzen und ließ Palladinos Anwesenheit und Mitwirken stark vermissen.
An sechster Stelle in der Setlist war dann der erste neue Titel vom aktuellen Album platziert. "L.O.V.E." heißt die Nummer, die Paul und seine Band im Vergleich zur Album-Version mit wesentlich mehr Druck und Kraft in den Saal stellten. Die Probleme von Gitarrist Christian mit seinem Arbeitsgerät überspielten sowohl Paul als auch seine Bandkollegen geschickt. "Slipped, Tripped and Fell In Love" war etwas später der zweite Song vom aktuellen Album, den wir in einer Live-Fassung präsentiert bekamen. Diese mit ordentlich viel Funk geladene Nummer bestach insbesondere durch die Orgel-Parts von Peter Dencker Andersen, der mit seinem Instrument nicht nur im Vordergrund stand, sondern auch mit einem tollen Solo aufwartete. Die neuen Stücke passten sich übrigens sehr gut den Klassikern an, woran die Band scheinbar extrem hart gearbeitet hat, um das passend zu machen.
Paul merkte in einer seiner Zwischenmoderationen an, dass er musikalisch inzwischen ja wieder bei seinen Wurzeln angekommen sei, nämlich dem Soul. Und zu seinen Anfängen gehört natürlich auch die Gruppe Q-TIPS, mit der er zwischen 1979 und 1982 aktiv war. Was liegt da also näher, als auch aus dieser Phase ein Lied zu präsentieren? Den ersten Titel, den Paul mit dieser Band überhaupt veröffentlicht hat, hatte er für sein Live-Programm wieder hervorgekramt, und so bekam das Essener Publikum das Lied "SYSLJFM (The Letter Song)" in einer flott arrangierten und ebenfalls von der Orgel getragenen Fassung zu hören. Weitere Highlights aus fast 40 Jahren Karriere, die der Brite in sein Live-Programm einbaute, waren der 1990 mit dem Italiener Zucchero im Duett gesungene Hit "Senza una donna", bei dem die Percussionistin Annika die zweite Stimme übernahm und für das sich Paul bei seinem Vortrag direkt vor sein Publikum auf die Bühnenkante setzte, sowie das '93er Stück "Now I Know What Made Otis Blue", das die Band mit einem kraftvollen Vortrag und mit intensivem Druck spielte. Auch hier hatte wieder Keyboarder Peter einige Momente für sich, als er nicht nur ein Orgel-Intro spielte, sondern im Verlauf auch ein Moog-Solo einstreute. Nach einem "Band-Intermezzo", für das Paul Young die Bühne kurzzeitig verließ und seine Kapelle eine bluesig-soulige Instrumentalnummer spielte, zeigte sich der Bass beim folgenden Stück ein weiteres Mal als Schwachpunkt im Gefüge. "I'm Gonna Tear Your Playhouse Down" lebt - ebenso wie viele andere Stücke - im Original von den prägnanten Bass-Läufen, die in der Live-Fassung eher schwammig und viel zu leise waren. Zwar machten sowohl Gitarrist Christian mit einem weiteren fulminanten Gitarren-Solo und Paul, der beim exzellenten Vortrag keine Sekunde auf der Bühne still stand und sich sogar einmal mehr ein Tänzchen mit dem Mikrofon-Ständer (incl. Arschwackler) erlaubte, diesen Schwachpunkt mehr als wett, aber der Makel bleibt leider.
Nach der sentimentalen Nummer "Everytime You Go Away", zu der der Sänger einen Ausflug von der Bühne runter in den Publikumsbereich unternahm, wollten sich PAUL YOUNG und seine Musiker dann schon von ihrem Publikum verabschieden. Ein erster verwirrter Blick auf die Uhr an diesem Abend zeigte, dass erst 70 Minuten gespielt waren und längst nicht alles aus dem Fundus dabei war, auf das man gewartet hat. Nun mag der größte Teil des Publikums schon ein gewisses Alter erreicht haben, aber 70 Minuten waren dann doch zu wenig ... VIEL ZU WENIG!!! Das übliche "runter-von-der-Bühne-rauf-auf-die-Bühne"-Spielchen wurde dann auch recht kurz gehalten und die Musiker standen schnell wieder dort, wo man sie auch weiterhin haben wollte. Für die erste Zugabe hatte Paul nun eine Akustikgitarre um den Hals. Er sagte, dass er in diesem Jahr bereits viele Freunde und Kollegen verloren habe. So viele wie noch nie in so kurzer Zeit. GLENN FREY nannte er da ebenso wie Colin Vearncombe alias BLACK und auch PRINCE. Und natürlich DAVID BOWIE, dessen "Starman" er nun mit seiner Band live als Hommage an all die, die in den letzten Monaten vorausgegangen sind, spielte und sang. Hatte man bis dahin noch nicht das Vergnügen, mit einer Gänsehaut bedacht worden zu sein, hatte man sie spätestens in diesem Moment. Es folgte eine etwas längere Fassung des TEMPTATION-Klassikers "Can't Get Next To You" mit einem zwischen Paul und dem Publikum ausgehandelten "Eye"-Spielchen, bevor es mit "Come Back And Stay", auf das nicht nur ich schon sehnsüchtig wartete, zum finalen Höhepunkt der Live-Show kam. Hier überzeugte dann auch Bassist Mikkel Risum, der bei der Nummer erstmals aus sich heraus kam. Er slappte und zupfte sein Instrument, als hätte man ihn gerade im Moment von der Kette gelassen. Der Ton war sauber und klar, als hätte man die dicke Wolldecke von den Boxen genommen. Fantastisch! Ich habe keine Ahnung, was ihn vorher da gehemmt oder gebremst hat, aber auf den letzten Metern kam er dann doch noch. Auch im Saal ließ man jetzt alle Hemmungen fallen, stand auf und feierte den Song und die Musiker gleichermaßen. Eine kurze Bandvorstellung, eine Verbeugung und das 2016er Konzert von PAUL YOUNG in Essen war Geschichte. Nach nur 90 Minuten, die einem wie ein Wimpernschlag vorkamen!
Etwas irritiert war man vom Essener Publikum. Nicht nur, dass es - wie schon erwähnt - noch freie Plätze gab, was bei einem Kaliber wie PAUL YOUNG schon mehr als seltsam ist, machten sich Teile des Publikums bereits während des Konzerts auf den Weg nach draußen. Weitere Herrschaften folgten direkt nach dem regulären Set und warteten die Zugaben gar nicht erst ab. War es die "senile Sesselflucht" oder das Nachlassen der Wirkung von Granufink? Ich weiß es nicht genau, kann das allerdings auch überhaupt nicht nachvollziehen. Gerade der Truppe, die beim "Band Intermezzo" das Weite suchte und dabei ziemlich störte, fehlte wohl komplett der Anstand. Das ist respektlos! Ebenso wenig nachzuvollziehen war der Fakt, dass sich im Saal bis zum allerletzten Song (wohlgemerkt bis zum Ende der Zugaben) keiner von den Sitzen erhob oder sowas wie Stimmung aufkommen ließ. Pauls Aktion, das Publikum bei einem Song - ziemlich am Anfang des Konzerts - zum Mitsingen zu animieren, ging nahezu in die Hose. Man saß wie gebannt in den - zugegeben - sehr bequemen roten Sesseln und ließ das Treiben auf der Bühne einfach so über sich ergehen.
Bequeme Sessel müssen nicht gleich bedeuten, dass man in einen komatösen Zustand verfällt. Dabei gaben sowohl die Band als auch der nimmer müde PAUL YOUNG reichlich Gelegenheit, mal völlig aus sich raus zu gehen und die Luci abgehen zu lassen. Er selbst tat das über die 90 Minuten schließlich auch, was den Einsatz eines Handtuches bei seiner schweißtreibenden Höchstleistung immer wieder erforderlich machte. Ich habe selten so eine seltsame Stimmung bei einem Konzert erlebt und wer die Musik von PAUL YOUNG kennt weiß, dass man dabei nur schwerlich seine Gliedmaßen ruhig halten kann. Trotzdem war das Konzert in Essen ein wunderbares Erlebnis, das gut und gerne noch 30 Minuten länger vertragen hätte.
Ich war jedenfalls gerade erst warm und vermisste weitere Klassiker aus PAUL YOUNGs umfangreichen Fundus, wie z.B. "Iron Out the Rough Spots", "Tomb Of Memories" oder "Softly Whispering I Love You". Auch zwei oder drei Nummern aus dem neuen Album hätten hinterher sicher nicht schwer im Magen gelegen. Aber es ist wie es ist, und Mr. Young war jeden Cent des Eintrittspreises wert. Der Mann ist fit wie ein Turnschuh und stimmlich voll auf der Höhe. Gerade hier scheint er nichts an seiner Klasse verloren zu haben. Von den Problemen mit der Stimme, die ich eingangs beschrieb, ist jedenfalls nix zu hören und zu spüren. Selbst die Ausflüge in die stimmlichen Höhen unternimmt der Soulman noch mit Leichtigkeit. Bleibt zu hoffen, dass es nicht der letzte Besuch von ihm hier in Deutschland war und er nochmal wiederkommt. Vielleicht nicht gerade an Halloween oder einem anderen Tag, an dem der Deutsche die Prioritäten falsch setzt und lieber irgendwelchen eingeschleppten Unsinn aus den Staaten feiert.
Nach Chemnitz (30.10.) folgte in Essen am Montagabend die zweite Deutschland-Mugge. Warum auch immer, es gab auf dieser Tour hierzulande nur zwei Termine. Da hieß es, sich schnell um Tickets zu bemühen, wenn man dabei sein wollte. Und so war für mich schon bei der Ankündigung der Tournee klar, dass ich mir die Mugge in Essen nicht entgehen lassen würde. Egal, was auch immer sein würde ... Das Ziel war die "Lichtburg" in Essen, ein Kino, das die Tore auch für Konzerte öffnet. Während es sich das Publikum bereits ab 19:00 Uhr im mit bequemen roten Sesseln ausgestatteten Saal der "Lichtburg" bequem machen konnte, wartete der mit neuem Album ("Good Thing") und fünf-köpfiger Live-Band im Gepäck angereiste Mr. Young auf den Konzertbeginn und seinen Auftritt um 21:00 Uhr.
Doch bevor es soweit war, durfte sich ab 20:00 Uhr ein junger Mann aus der Schweiz vor dem eigens für Paul Young erschienenen Publikum ausprobieren. BASTIAN BAKER ist 25 Jahre alt und kommt aus Lausanne. Auch wenn er dem französisch-sprachigen Teil der Schweiz entstammt, hatte er überhaupt keine Probleme, seine Ansagen und Gags auf Deutsch und mit französischem Dialekt zu machen. Seit 2011 hat BAKER bereits drei Solo-Alben veröffentlicht, die in seiner Heimat durchweg auf den ersten drei Plätzen der Album-Charts landeten, und sogar in Frankreich und Belgien für Aufmerksamkeit sorgten. Aus diesen drei Silberlingen präsentierte er in Essen eine Auswahl von fünf Titeln, bei denen er sich selbst auf der Gitarre begleitete. So sympathisch und locker der Singer-Songwriter auch auftrat, so schnell nutzte sich seine Musik innerhalb des nur 25-minütigen Sets auch ab. Was anfangs noch frisch wirkte, wurde auf Dauer eher langatmig und langweilig. Auf mich wirkte der Vortrag insgesamt wie der eines Wanderklampfe spielenden Betreuers einer Jugendfreizeit am abendlichen Lagerfeuer. Junge Mädels lassen sich davon gern anzünden, aber wir Jungs bevorzugen dann doch lieber etwas Kernigeres. Das war ganz nett, aber dann doch nicht so gut, dass man ihn auch auf seiner Geburtstagsparty spielen haben möchte. Überzeugen konnte Baker dafür aber mit einer wirklich guten Stimme, die er geschickt einzusetzen wusste. Um kurz vor halb neun war sein Auftritt auch schon wieder beendet und die Vorbereitungen für das Hauptprogramm konnten beginnen.Bei einem Blick in den Saal fiel auf, dass das Publikum insgesamt etwas älter war. Männer und Frauen, die die 60 vom Alter her schon überschritten hatten, und Herrschaften um die 50 waren in der Überzahl. Nur hier und da sah man die eine oder andere junge Dame um die 30, die den Altersdurchschnitt etwas senkte. Das war ebenso seltsam wie die Tatsache, dass im Saal noch reichlich Plätze frei waren. Hat dieser Halloween-Mist wirklich so eine Anziehungskraft auf die Menschen in meinem Alter, dass sie einem solchen Konzert-Höhepunkt fern bleiben und lieber "feiern" gehen? Oder lag es möglicherweise am Preis für die Tickets, die zwischen 49,00 und 64,00 EUR lagen, dass es fast nur die Älteren hierher zog? Aber das war nicht das Einzige, was am Essener Publikum "auffällig" war - doch dazu später mehr.
Früher als angekündigt, nämlich um 20:50 Uhr, betraten die fünf Musiker von Pauls Live-Band die Bühne. Der britische Sänger hat sich vorher wohl in Skandinavien nach geeigneten Musikern umgeschaut, denn "very british" klingen die Namen der Damen und Herren Instrumentalisten nicht: Christian Dalsgaard Warburg (Gitarre), Mikkel Risum (Bass), Peter Dencker Andersen (Keyboards),
Annika Miehe-Renard Askman (Percussion) und Jesper Mortensen (Schlagzeug) hatten ihre Plätze bereits eingenommen und die ersten Takte des Songs "Love Of The Common People" gespielt, als der Star des Abends, PAUL YOUNG, zum bereits musizierenden Ensemble dazu stieß. Ein erster großer Beifall strömte dem Sänger dabei entgegen und ein erster Eindruck machte sich auch sofort breit: Paul ist irgendwie nicht gut bei Stimme ... Dies war aber zum Glück nur eine temporäre Störung, denn schon während des Openers hatte sich der Sänger "freigehustet" und lief zur Höchstform auf. Wer weiß, was das war ... Die ersten fünf Lieder des Sets waren allesamt Hits aus der erfolgreichsten Phase seines Schaffens in den 80ern. Jeder einzelne Song hatte in den Live-Versionen 2016 nichts von seinem Reiz aus der Zeit vor 30 Jahren verloren. Obwohl man ganz nah am Original operierte, wurden reichlich Momente in die Songs eingewoben, die man dort nicht vermutet und so auch noch nicht gehört hatte. So hatte insbesondere Gitarrist Christian immer wieder die Möglichkeit, kleinere und große Soli zu spielen und den Titeln so völlig neue Nuancen zu verleihen. Allgemeines Staunen darüber, was der Mann aus seinen sechs Saiten so alles herauszuholen vermochte, wenn er sich immer wieder mal vorn an die Bühnenkante platzierte und in seinem Spiel verloren in die Saiten griff. Auch die einzige Dame im Verbund, Annika Miehe-Renard Askman, sorgte für ordentlich Dampf und Rhythmus, wenn sie auf ihren Geräuscherzeugern dem Affen Zucker gab. Nicht ganz so elegant brachte Bassist Mikkel seinen Part rüber. Die von Pino Palladino in den 80ern so wunderbar gespielten Bass-Parts vermochte der derzeitige Bassist leider gar nicht so umzusetzen. Gleich bei der ersten Gelegenheit, dieser herrlichen Eröffnungssequenz von "Love Will Tear Us Apart", stieß Risum an seine Grenzen und ließ Palladinos Anwesenheit und Mitwirken stark vermissen.An sechster Stelle in der Setlist war dann der erste neue Titel vom aktuellen Album platziert. "L.O.V.E." heißt die Nummer, die Paul und seine Band im Vergleich zur Album-Version mit wesentlich mehr Druck und Kraft in den Saal stellten. Die Probleme von Gitarrist Christian mit seinem Arbeitsgerät überspielten sowohl Paul als auch seine Bandkollegen geschickt. "Slipped, Tripped and Fell In Love" war etwas später der zweite Song vom aktuellen Album, den wir in einer Live-Fassung präsentiert bekamen. Diese mit ordentlich viel Funk geladene Nummer bestach insbesondere durch die Orgel-Parts von Peter Dencker Andersen, der mit seinem Instrument nicht nur im Vordergrund stand, sondern auch mit einem tollen Solo aufwartete. Die neuen Stücke passten sich übrigens sehr gut den Klassikern an, woran die Band scheinbar extrem hart gearbeitet hat, um das passend zu machen.
Paul merkte in einer seiner Zwischenmoderationen an, dass er musikalisch inzwischen ja wieder bei seinen Wurzeln angekommen sei, nämlich dem Soul. Und zu seinen Anfängen gehört natürlich auch die Gruppe Q-TIPS, mit der er zwischen 1979 und 1982 aktiv war. Was liegt da also näher, als auch aus dieser Phase ein Lied zu präsentieren? Den ersten Titel, den Paul mit dieser Band überhaupt veröffentlicht hat, hatte er für sein Live-Programm wieder hervorgekramt, und so bekam das Essener Publikum das Lied "SYSLJFM (The Letter Song)" in einer flott arrangierten und ebenfalls von der Orgel getragenen Fassung zu hören. Weitere Highlights aus fast 40 Jahren Karriere, die der Brite in sein Live-Programm einbaute, waren der 1990 mit dem Italiener Zucchero im Duett gesungene Hit "Senza una donna", bei dem die Percussionistin Annika die zweite Stimme übernahm und für das sich Paul bei seinem Vortrag direkt vor sein Publikum auf die Bühnenkante setzte, sowie das '93er Stück "Now I Know What Made Otis Blue", das die Band mit einem kraftvollen Vortrag und mit intensivem Druck spielte. Auch hier hatte wieder Keyboarder Peter einige Momente für sich, als er nicht nur ein Orgel-Intro spielte, sondern im Verlauf auch ein Moog-Solo einstreute. Nach einem "Band-Intermezzo", für das Paul Young die Bühne kurzzeitig verließ und seine Kapelle eine bluesig-soulige Instrumentalnummer spielte, zeigte sich der Bass beim folgenden Stück ein weiteres Mal als Schwachpunkt im Gefüge. "I'm Gonna Tear Your Playhouse Down" lebt - ebenso wie viele andere Stücke - im Original von den prägnanten Bass-Läufen, die in der Live-Fassung eher schwammig und viel zu leise waren. Zwar machten sowohl Gitarrist Christian mit einem weiteren fulminanten Gitarren-Solo und Paul, der beim exzellenten Vortrag keine Sekunde auf der Bühne still stand und sich sogar einmal mehr ein Tänzchen mit dem Mikrofon-Ständer (incl. Arschwackler) erlaubte, diesen Schwachpunkt mehr als wett, aber der Makel bleibt leider.Nach der sentimentalen Nummer "Everytime You Go Away", zu der der Sänger einen Ausflug von der Bühne runter in den Publikumsbereich unternahm, wollten sich PAUL YOUNG und seine Musiker dann schon von ihrem Publikum verabschieden. Ein erster verwirrter Blick auf die Uhr an diesem Abend zeigte, dass erst 70 Minuten gespielt waren und längst nicht alles aus dem Fundus dabei war, auf das man gewartet hat. Nun mag der größte Teil des Publikums schon ein gewisses Alter erreicht haben, aber 70 Minuten waren dann doch zu wenig ... VIEL ZU WENIG!!! Das übliche "runter-von-der-Bühne-rauf-auf-die-Bühne"-Spielchen wurde dann auch recht kurz gehalten und die Musiker standen schnell wieder dort, wo man sie auch weiterhin haben wollte. Für die erste Zugabe hatte Paul nun eine Akustikgitarre um den Hals. Er sagte, dass er in diesem Jahr bereits viele Freunde und Kollegen verloren habe. So viele wie noch nie in so kurzer Zeit. GLENN FREY nannte er da ebenso wie Colin Vearncombe alias BLACK und auch PRINCE. Und natürlich DAVID BOWIE, dessen "Starman" er nun mit seiner Band live als Hommage an all die, die in den letzten Monaten vorausgegangen sind, spielte und sang. Hatte man bis dahin noch nicht das Vergnügen, mit einer Gänsehaut bedacht worden zu sein, hatte man sie spätestens in diesem Moment. Es folgte eine etwas längere Fassung des TEMPTATION-Klassikers "Can't Get Next To You" mit einem zwischen Paul und dem Publikum ausgehandelten "Eye"-Spielchen, bevor es mit "Come Back And Stay", auf das nicht nur ich schon sehnsüchtig wartete, zum finalen Höhepunkt der Live-Show kam. Hier überzeugte dann auch Bassist Mikkel Risum, der bei der Nummer erstmals aus sich heraus kam. Er slappte und zupfte sein Instrument, als hätte man ihn gerade im Moment von der Kette gelassen. Der Ton war sauber und klar, als hätte man die dicke Wolldecke von den Boxen genommen. Fantastisch! Ich habe keine Ahnung, was ihn vorher da gehemmt oder gebremst hat, aber auf den letzten Metern kam er dann doch noch. Auch im Saal ließ man jetzt alle Hemmungen fallen, stand auf und feierte den Song und die Musiker gleichermaßen. Eine kurze Bandvorstellung, eine Verbeugung und das 2016er Konzert von PAUL YOUNG in Essen war Geschichte. Nach nur 90 Minuten, die einem wie ein Wimpernschlag vorkamen!
Etwas irritiert war man vom Essener Publikum. Nicht nur, dass es - wie schon erwähnt - noch freie Plätze gab, was bei einem Kaliber wie PAUL YOUNG schon mehr als seltsam ist, machten sich Teile des Publikums bereits während des Konzerts auf den Weg nach draußen. Weitere Herrschaften folgten direkt nach dem regulären Set und warteten die Zugaben gar nicht erst ab. War es die "senile Sesselflucht" oder das Nachlassen der Wirkung von Granufink? Ich weiß es nicht genau, kann das allerdings auch überhaupt nicht nachvollziehen. Gerade der Truppe, die beim "Band Intermezzo" das Weite suchte und dabei ziemlich störte, fehlte wohl komplett der Anstand. Das ist respektlos! Ebenso wenig nachzuvollziehen war der Fakt, dass sich im Saal bis zum allerletzten Song (wohlgemerkt bis zum Ende der Zugaben) keiner von den Sitzen erhob oder sowas wie Stimmung aufkommen ließ. Pauls Aktion, das Publikum bei einem Song - ziemlich am Anfang des Konzerts - zum Mitsingen zu animieren, ging nahezu in die Hose. Man saß wie gebannt in den - zugegeben - sehr bequemen roten Sesseln und ließ das Treiben auf der Bühne einfach so über sich ergehen.

Bequeme Sessel müssen nicht gleich bedeuten, dass man in einen komatösen Zustand verfällt. Dabei gaben sowohl die Band als auch der nimmer müde PAUL YOUNG reichlich Gelegenheit, mal völlig aus sich raus zu gehen und die Luci abgehen zu lassen. Er selbst tat das über die 90 Minuten schließlich auch, was den Einsatz eines Handtuches bei seiner schweißtreibenden Höchstleistung immer wieder erforderlich machte. Ich habe selten so eine seltsame Stimmung bei einem Konzert erlebt und wer die Musik von PAUL YOUNG kennt weiß, dass man dabei nur schwerlich seine Gliedmaßen ruhig halten kann. Trotzdem war das Konzert in Essen ein wunderbares Erlebnis, das gut und gerne noch 30 Minuten länger vertragen hätte.
Ich war jedenfalls gerade erst warm und vermisste weitere Klassiker aus PAUL YOUNGs umfangreichen Fundus, wie z.B. "Iron Out the Rough Spots", "Tomb Of Memories" oder "Softly Whispering I Love You". Auch zwei oder drei Nummern aus dem neuen Album hätten hinterher sicher nicht schwer im Magen gelegen. Aber es ist wie es ist, und Mr. Young war jeden Cent des Eintrittspreises wert. Der Mann ist fit wie ein Turnschuh und stimmlich voll auf der Höhe. Gerade hier scheint er nichts an seiner Klasse verloren zu haben. Von den Problemen mit der Stimme, die ich eingangs beschrieb, ist jedenfalls nix zu hören und zu spüren. Selbst die Ausflüge in die stimmlichen Höhen unternimmt der Soulman noch mit Leichtigkeit. Bleibt zu hoffen, dass es nicht der letzte Besuch von ihm hier in Deutschland war und er nochmal wiederkommt. Vielleicht nicht gerade an Halloween oder einem anderen Tag, an dem der Deutsche die Prioritäten falsch setzt und lieber irgendwelchen eingeschleppten Unsinn aus den Staaten feiert.Setlist:
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Bitte beachtet auch:
• Off. Homepage von Paul Young: www.paul-young.com
• Off. Homepage von Bastian Baker: www.bastianbaker.com
• Homepage des Veranstalters a.s.s. concerts: www.assconcerts.com
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Fotostrecke:
Vorprogramm: Bastian Baker
Hauptprogramm: Paul Young
