© Deutsche Mugge (2007 - 2026)
000 20160420 1291916290






uesc0416 20160420 1046279159
Ein Konzertbericht von Grit Bugasch mit Fotos von Sandy Reichel



Der Club der toten Dichter und der Kornspeicher Neumühle sind seit Jahren schon freundschaftlich miteinander verbunden. Das gilt wohl nicht nur für Reinhardt "Maxs" Repke (den Gründer des Clubs) und Manfred "Manni" Neumann (den Inhaber des Kornspeichers), denn die freundschaftlichen Bande wurden offenbar durch die Bandmitglieder und das Publikum übernommen. Wie sonst sollte es zu erklären sein, dass der Club der toten Dichter immer wieder gern ins beschauliche Alt Ruppin zurückkehrt, um hier sein Probenquartier zu beziehen und das eine oder andere Konzert zu spielen.a 20160420 1780472568 Diesmal kann ich dabei sein, um die Premiere des Bukowski-Programms mitzuerleben und die Vorliebe für die Location bald nachvollziehen. Der Kornspeicher Neumühle ist ein geschichtsträchtiges, sorgsam restauriertes Gebäude und die Szenerie unterm Dach wirkt einladend und gemütlich. Die Bewirtschaftung der Veranstaltungen erfolgt durch engagierte Vereinsmitglieder, was gerade in ländlichen Gegenden oft die einzige Möglichkeit ist, anspruchsvolle kulturelle Angebote am Leben zu erhalten. Schön für Publikum und Musiker, dass es so umtriebige Menschen auch heutzutage noch hier und da gibt.

Die persönliche Atmosphäre gibt mir irgendwie das Gefühl, mitten in einem großen Wohnzimmer gelandet zu sein. Kein Wunder, denn der überwiegende Teil der Gäste kennt sich offensichtlich. Sei es als Mitstreiter des Vereins, als wiederkehrende Besucher, Freunde, Familie oder Bekannte von Musikern oder Veranstalter. In angeregten Gesprächen ringsum sind Vorfreude und Neugier auf das neue Programm deutlich spürbar. Natürlich liegt eine gewisse Spannung in der Luft, die am Premierenabend nicht verwunderlich ist. Als ich ganz nebenbei aufschnappe, dass einer der Musiker künftig lieber wieder als Tischler arbeiten möchte, um der Nervosität zu entgehen, muss ich schmunzeln und denke: Hoffentlich nicht!

So langsam zieht es die Besucher auf ihre Plätze und derweil fällt mir auf, dass sich die Musiker mit warmem Licht und passender Buchstabendekoration auf der Bühne bereits ein gemütliches Arbeitszimmer hergerichtet haben. Das Programm beginnt wie das Album mit den Geräuschen einer heutzutage eher antik anmutenden Schreibmaschine. Wir hören das schnarrende Einziehen eines Blattes in die Maschine und das mechanische Klackern der Schrifttypen. Dabei kommen die Musiker nach und nach auf die Bühne, greifen sich ihre Instrumente und legen los. Peter Lohmeyer gibt den Rhythmus vor, er tippt einen imaginären Text, zieht irgendwann den Bogen aus der Maschine, faltet einen Papierflieger daraus und lässt ihn ins Publikum fliegen, wo er direkt bei meiner Nachbarin landet. Bei genauerer Betrachtung in der Pause fällt ihr die getippte Botschaft ins Auge: "Ich liebe mich trotzdem." Das könnte mit Bezug auf Bukowski oder die Musik gelten - beides wäre treffend.

b long 20160420 1699218122


Was wir heute erleben, sind nicht nur die auf dem Album enthaltenen 14 Songs, denn wie in den Vorjahren wurde das Live-Programm auch diesmal um etliche Stücke ergänzt. Es ist ein Zusammenspiel aus gesungenem und gesprochenem Wort, das sie mit mal dezenter und mal vordergründiger Musik, kombiniert mit wirkungsvoller Mimik und Gestik und passenden Requisiten einfach wunderbar in Szene gesetzt haben. Von einem Stück zum nächsten spielen sie sich warm und aufeinander ein, so dass die anfangs greifbare Nervosität bald dem einen oder anderen Lächeln untereinander und später immer breiterem Grinsen weicht.

Wer es nicht besser wüsste, könnte auf die Idee kommen, dass Peter Lohmeyer (voc, harm), Maxs Repke (voc, git, bj), Markus Runzheimer (bg), Andreas "Spatz" Sperling (keyb) und Tim Lorenz (dr, perc) nichts anderes tun, als gemeinsam Musik zu machen. Hier sind ganz klar Menschen am Werk, die nicht nur professionell, sondern vor allem mit viel Begeisterung und Liebe zum Detail agieren.c 20160420 1217190957 Dies ist nicht einfach ein Konzert, das aus Texten und Musik besteht - es ist wahrlich ein besonderes Schauspiel, das sie hier bieten. Der Spaß, den sie selbst dabei haben, ist deutlich spürbar und überträgt sich schnell auf das Publikum. Dieses wiederum ist begeistert über so viel Engagement und künstlerische Vielfalt und dankt es den Musikern mit lautstarkem Applaus und Begeisterungsrufen.

Das Erlebnis ist intensiv für Auge und Ohr, denn es gilt jede Menge feine Details zu entdecken. Sei es der spöttische Chorgesang bei "Stilles Viertel", das Spiel mit der Mini-Drehleier bei "Ein Genie", die Blickwechsel zwischen Maxs Repke und seinen Bandmitgliedern, der sich von der Bühne ins Publikum tanzende Peter Lohmeyer, die Stories über Bukowskis Leben oder sein spezielles Mülltrennungssystem ("Er hatte zwei Tonnen. Eine für Flaschen und eine für Dosen."), der feixend mitsingende und über seinen Keyboards swingende Andreas Sperling oder der in sein Bassspiel vertiefte Markus Runzheimer, der mitunter fast hinter der Deko verschwindet und im nächsten Moment wieder aufrecht am Mikro steht, als wäre nichts gewesen.

Die Eindrücke des Abends bleiben mir als Bilder und Filme im Kopf, die beim nächsten Hören des Albums fast automatisch wieder aktiviert werden. So zum Beispiel der Moment, als Peter Lohmeyer sein Pult und sein Mikrofon umbaut und dem Publikum den Rücken zudreht, um das folgende Stück zu dirigieren. Unisono und mit sichtbarem Spaß trägt die Band den Text zu "16-bit Intel 8088 Chip" vor. Ich habe selten erlebt, dass eine technische Abhandlung das Publikum zu so viel Heiterkeit hinreißt. Eines meiner persönlichen Highlights ist der grandios umgesetzte "Uhu" - dabei blitzt der Schalk im Nacken der Beteiligten ganz deutlich hervor und den vergnügten Chorgesang "Uh-hu-huu..." habe ich noch auf der Heimfahrt im Ohr.

Auch die Bandvorstellung ist eine Attraktion für sich. Maxs Repke gibt amüsante Geschichten über die Musiker zum Besten, denen sie selbst gespannt und sichtlich amüsiert lauschen. Er erzählt von Markus, der aufgrund seiner üblichen Spielweise während der Proben dreimal vom Stuhl gefallen sei und nun besser wieder im Stehen spielt.d 20160420 1493031805 Er verrät, dass Tim mit dem Hinweis auf seine intensive Vorbereitung die Kollegen verblüfft habe, obwohl er eigentlich nur das Tempo des jeweiligen Songs checkt und dann spontan, aber intensiv einsteigt. Er berichtet von der Arbeit und der Atmosphäre während der Albumproduktion und dass Spatz in seinem "Käsestudio" einen ganz hervorragenden Kaviarsound gezaubert hat. Und er erzählt, wie er Peter Lohmeyer als Protagonisten für dieses Programm gesucht, kontaktiert und letztlich gefunden hat. Selbstverständlich bekommen wir auch zu hören, wie sich die Kennenlerngeschichte aus Peter Lohmeyers Perspektive entwickelt hat und dass ihm die Idee, "Bukowski, dem alten Saufsack ein Gesicht zu geben", gleich gefallen hat. "Er hat mich gesucht und ich hab ihn gefunden." So einfach bringt er auf den Punkt, was sich ganz offenbar als glückliche Fügung für alle Beteiligten entpuppt hat. Auch Peter Lohmeyer hat während der Probenwoche von Maxs viel gelernt, so zum Beispiel, dass sie nicht rauchen, sondern "eene ballern jehn" und dass er hinsichtlich des Programms sicher war, "dit zündet". Und genau das tut es auch, wie nicht nur der ausgiebige Applaus bei der Bandvorstellung zeigt.

Tief eingetaucht in die vom Club der toten Dichter meisterhaft präsentierte Welt, die Gedanken und Betrachtungen von Charles Bukowski merken wir kaum, wie die Zeit vergeht. Eben noch andächtig lauschend, sind wir überrascht, als plötzlich das Ende des Programms gekommen scheint. Aber ganz so einfach geht die Verabschiedung dann doch nicht vonstatten, denn ihrem begeisterten Publikum entkommen sie nicht so schnell. Die lautstark eingeforderten Zugaben geben sie gern, bis schließlich beim wirklich letzten Titel des Abends der spezielle "Spatzway" zum Einsatz kommt, der Eingeweihten schon aus vorangegangenen Konzerten des Clubs der toten Dichter bestens bekannt ist. "Manchmal, wenn man glaubt, schlimmer kann's nicht mehr werden, wenn sich alles gegen einen verschworen hat, an einem nagt, und die Stunden, Tage, Wochen, Jahre offenbar umsonst waren - liege ich in der Dunkelheit, ausgestreckt auf meinem Bett, starre an die Decke, und dann kommt mir der für manche vielleicht verrückte Gedanke:e 20160420 1680743232 Es ist immer noch schön, Bukowski zu sein." Mit derart versöhnlichen Gedanken verabschieden sich die Musiker endgültig. Allerdings nicht, ohne im Anschluss noch ausgiebig CDs und Plakate zu signieren, die sie zum Glück dabei haben.

Es gäbe noch jede Menge von diesem Abend zu erzählen, aber das will ich nicht ... Das aktuelle Programm präsentiert spannende und unterhaltsame Sichtweisen auf Bukowski und das Leben. Seht und hört euch Peter Lohmeyer und den Club der toten Dichter also besser live an - es lohnt sich auf jeden Fall.


Setlist:
Zum Vergrößern bitte anklicken

set0416


Termine:
• 29.04.2016 - Zwickau - Alter Gasometer
• 30.04.2016 - Bernau - Audimax Bauhausdenkmal (ausverkauft)
• 02.05.2016 - Braunschweig - Staatstheater
• 09.05.2016 - Berlin - Dussmann (Kurzauftritt 30 Min. + Signierstunde)
• 19.05.2016 - Chemnitz - Schauspielhaus
• 20.05.2016 - Erfurt - DasDie live
• 21.05.2016 - Dresden - Filmtheater Schauburg
• 22.05.2016 - Neuhardenberg - Schinkelkirche
• 27.05.2016 - Prenzlau - Dominikanerkloster
• 28.05.2016 - Parchim - Stadthalle
• 29.05.2016 - Greifswald - Stadthalle-Kaisersaal

Alle Angaben ohne Gewähr. Tour wird fortgesetzt! Nähere Infos auf der bandeigenen Homepage



Bitte beachtet auch:
• Off. Homepage vom Club der toten Dichter: www.club-der-toten-dichter.de
• Portrait über den Club der toten Dichter bei Deutsche Mugge: HIER klicken




Fotostrecke:


 
 
 


Wir nutzen Cookies auf unserer Website. Einige von ihnen sind essenziell für den Betrieb der Seite, während andere uns helfen, diese Website und die Nutzererfahrung zu verbessern (Tracking Cookies). Sie können selbst entscheiden, ob Sie die Cookies zulassen möchten. Bitte beachten Sie, dass bei einer Ablehnung womöglich nicht mehr alle Funktionalitäten der Seite zur Verfügung stehen.