© Deutsche Mugge (2007 - 2025)

Klassentreffen

der Ostmusik

Neuruppin | Hangar-312 | 27. und 28. Juni 2025

Ein Bericht mit Fotos von Bodo Kubatzki

 

Was als Experiment begann, wurde schließlich ein großer Erfolg für die Veranstalter, die Künstler und das Publikum: das erste „Klassentreffen der Ostmusik“ in Neuruppin. Hinter dem Projekt steht der Berliner Verein PopKulturOst e. V., dem unter anderem der Musikjournalist und Autor Wolfgang Martin, der letzte Amiga-Chef bei Sony Music, Jörg Stempel, sowie der Musiker Tobias Unterberg angehören. Der Verein hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Musikkultur des Ostens, die Generationen von Menschen geprägt hat, lebendig zu halten und in ihrer ganzen Vielfalt erlebbar zu machen. Aus diesem Anspruch heraus entstand die Idee eines besonderen Treffens von Musikern mit ihren Fans.

 

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Der Veranstaltungsort am Hangar-312 befindet sich auf einem ehemaligen Flugplatz der sowjetischen Streitkräfte. Auf dem Hangar thront eine farbenfroh bemalte MiG-21, die die Geschichte des Ortes lebendig werden lässt. Das Gelände beherbergt zudem zwei Bühnen, auf denen an diesem Wochenende insgesamt 17 musikalische Acts für unvergessliche Momente sorgen werden. Zwei der Bands, NO 55 und Chicorée, haben sich eigens für dieses Festival nach über dreißig Jahren wieder zusammengefunden – ein besonderes Highlight. Auch ich bin gespannt, was mich an diesen beiden Tagen erwarten wird.

Am Freitag zeigt sich das Wetter zum Festivalstart von seiner besten Seite. Auf dem Ablaufplan lese ich, dass Hans Wintoch, besser bekannt als Hans die Geige, das Festival eröffnen wird. Sein Lied „Unsere Zeit“, dessen Text aus verschiedenen Zitaten bekannter DDR-Rock-Songs zusammengesetzt ist, wird zum offiziellen Song des Festivals. Die Zeilen „Das sind die Lieder unserer Zeit, sie teilten Freude und auch Leid. ... Ich denk nur so, so was darf nicht vergehn.“, drücken das Anliegen des Festivals treffend aus. Nach einer kurzen Begrüßung durch Jürgen Karney, den die meisten noch als Moderator der DDR-Musiksendung „Bong“ kennen dürften, hat Hans die Geige noch weitere Songs im Gepäck, bei denen er vor allem mit seinem virtuosen Spiel auf der Violine überzeugen kann. Seine Version von „Bohemian Rhapsody“ oder das Stück „Future“, mit dem er an den viel zu früh verstorbenen Klaus Scharfschwerdt erinnert, zeigen schon jetzt eine der vielen Facetten der „Ostmusik“.

Die Amateurband Perl wurde 1979 gegründet und gilt für mich als ein One-Hit-Wonder. Ihr bekanntester Song „Zeit, die nie vergeht“, gesungen vom unvergessenen Michael Barakowski, galt 1985 als der erfolgreichste Rock-Song in der DDR. Es ist beeindruckend zu sehen, dass die Band um den Puhdys-Sohn Sven Hertrampf immer noch aktiv ist und ihr Publikum auch mit dem neuen Sänger Wolfgang ‚Wolle‘ Franke begeistern kann. In einem ihrer Lieder heißt es: „Peace, peace, peace...“ Und das Statement des Sängers: „Mit dem ganzen Geld, das wir für Rüstung ausgeben, könnte man viele sinnvollere Dinge tun.“ findet großen Beifall.

 

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Nach geradlinigem Rock erwartet uns ein Wechsel in die Welt des Jazz, Soul und Blues. Die großartige Sängerin Angelika Weiz sitzt in der Mitte der etwas kleineren zweiten Bühne. Begleitet wird sie von einer Band, zu der auch der bekannte Jazz-Gitarrist Charlie Eitner gehört. Gemeinsam zelebrieren sie zunächst zeitlose Standards wie „Route 66“ von Nat King Cole und „Georgia on My Mind“ von Ray Charles. Bei „My Baby Just Cares for Me“ dürfen die Zuschauer aktiv mitwirken. Nach einer kurzen Anleitung entsteht ein lebendiger Chor, der die Worte „dimpe, dimpe, dimpe, dimpe ...“ aneinanderreiht und so die charakteristische Basslinie des Songs von Nina Simone intoniert. Bei seiner Komposition „Afrika“ beweist Charlie Eitner seine Virtuosität auf der Gitarre und entführt das Publikum in eine musikalische Welt fremdartiger Klänge und Rhythmen. Das Quintett widmet sich auch der „bösen Beatmusik“ der späten 1960er Jahre. Angelika Weiz verleiht den Beatles-Klassikern „Come Together“ und „Get Back“ mit ihrer einzigartigen Stimme und ihrer Interpretation ein unverwechselbares Gesicht. Noch zweimal lädt sie das Publikum zum Mitsingen ein. Besonders der gemeinsam gesungene Gospel-Song „Oh Happy Day“ scheint das Motto des heutigen Tages perfekt zu treffen. Und natürlich darf das Lied „Unsre Heimat“ nicht fehlen, das wohl viele der Anwesenden bereits während ihrer Schulzeit gesungen haben. Angelika Weizs kritische Neugestaltung des Textes zu diesem Kinderlied sorgte 1989 für Aufregung bei den Kulturfunktionären. In der Folge wurde die bereits fertig produzierte Langspielplatte Heimat damals nicht veröffentlicht. An diesem Abend erklingt das Lied aus hunderten Kehlen und bildet den emotionalen Abschluss des beeindruckenden Konzerts.

Die Jazzsängerin Pascal von Wroblewsky und den Gitarristen Jürgen Heckel verbindet nicht nur eine langjährige Freundschaft, sondern auch eine Zusammenarbeit, die bereits über 30 Jahre andauert. Jürgen Heckel, Bandleader der Jazz-Rock-Formation Bajazzo, hat schon immer eine Leidenschaft dafür gehabt, Klassiker des Rock und Blues zu covern. In Pascal von Wroblewsky fand er die perfekte Interpretin für seine Versionen von Welthits aus den goldenen Zeiten der Rockmusik. Heute erleben wir die beiden mit ihrer Band. Auf dem Programm stehen Songs aus den 1960/70er Jahren. Dabei geht es schon mal recht rockig zu, wie bei Led ZeppelinsBlack Dog“. Die Band überzeugt durch hochkarätige Musiker, ihren großartigen Gitarristen und vor allem durch Pascals gigantischen Stimmumfang.

Um ehrlich zu sein, mit Punk hatte ich bisher noch nie viel am Hut. Dem Moderator Jürgen Karney geht es ebenso, wie er berichtet. Eine Einladung einer Punkband in die Sendung „Bong“ wäre für ihn undenkbar gewesen. Doch Punk gehört zur DDR-Rockgeschichte einfach dazu. Was uns die Berliner Band Zerfall anschließend auf der kleinen Bühne präsentiert, macht einfach nur Spaß. Die Band agierte ab 1984 im Umfeld der Ostberliner Galiläa-Kirche und avancierte durch ihre kultig-chaotischen und trinkfesten Auftritte zum Mittelpunkt einer Punk-Clique in ihrem Kiez. Unter dem Druck der Stasi, die sie stets beäugte und bedrängte, ohne dass sie jemals eine offizielle Spielerlaubnis erhielt, sowie aufgrund unterschiedlicher Auffassungen unter den Musikern, löste sich die Band bereits nach wenigen Jahren auf. Heute steht sie als Quartett wieder auf der Bühne und beschwört die alten Zeiten. Das Konzert beginnt kultig, indem erstmal kleine Fläschchen Pfeffi im Publikum verteilt werden. Songs wie „Was soll ich bloß machen?“, „Geld muss her“ oder „Dieser Staat“ erzählen von der Geschichte der Jugendlichen in der ehemaligen DDR, die unangepasst leben wollten. Sänger Dirk ‚Kalle‘ Kalinowski springt dabei wild über die Bühne und auch mal ins Publikum. Und vor der Bühne wird tatsächlich Pogo getanzt. Besser geht’s nicht.

 

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Viele Fans haben der Re-Union der Kultband NO 55 – auch Enno genannt - erwartungsvoll entgegengeblickt. Nun erleben wir auf der großen Festivalbühne vier der Originalmitglieder dieser Band: Bassist und Geiger Georgi ‚Joro‘ Gogow, Gitarrist Gisbert ‚Pitti‘ Piatkowski, Frontmann Frank ‚Gala‘ Gahler und Schlagzeuger Bernd Haucke. Thomas Schmidt sowie Georgis Sohn Nicolaj Gogow sind als Gastmusiker mit dabei. Die Band zeigt sichtbare Spielfreude bei ihren energiegeladenen Rock-Songs. Obwohl Gala scherzt: „Heute sind wir die alten Säcke!“ agieren die Musiker, als hätte es nie eine Trennung gegeben. Ihre Klassiker „Träume von gestern“ oder „Schlüsselkind“ sind zeitlos. Joro Gogow hat natürlich seine Geige dabei, die bei „Wenn du nicht da bist“ schon mal zum Einsatz kommt. Bei dem Song „Vorüber“ wirft Gala Trillerpfeifen ins Publikum, sodass bei der Zeile „Meine Zeit mit dir ist vorüber“ ein lautstarkes Pfeifkonzert entsteht. Ihren wohl größten Hit, „In der letzten Stunde des Tages“, hat einst Gitarrist Pitti eingesungen, als Gala seinen Wehrdienst ableisten musste. Auch heute singt er diesen Ohrwurm mit viel Inbrunst. Das Konzert endet mit CITYs Erfolgssong „Am Fenster“, bei dem Joro Gogow noch einmal mit seinem virtuosen Spiel auf der Geige begeistert. Die Begeisterung ist so groß, dass NO 55 nicht ohne Zugabe von der Bühne kommt. Mit einer kraftvollen Rock-Version von „Come Together“ der Beatles verabschiedet sich die Band von den Fans.

Anschließend erleben wir die Berliner Band Rockhaus auf der kleinen Bühne. In den frühen Abendstunden entfacht die Band um Sänger und Gitarrist Mike Kilian ein echtes Hit-Feuerwerk. Bereits der erste Song „Hör zu“ reißt die Fans mit, die dicht gedrängt am Bühnenrand stehen. Mike singt sich mit seiner markanten Stimme sofort in die Herzen der Fans. Für die treibenden Rhythmen sorgen Schlagzeuger Heinz Angel und Bassist Robert Protzmann. Das großartige Gitarrenspiel von Reinhard ‚Herr‘ Petereit ist bestechend. Mit den Worten „Ich habe einen Traum und ich hoffe, ihr träumt den auch – Frieden!“ moderiert Mike den Song „Träume, Träume“ an. Nach weiteren Ohrwürmern heißt es schließlich: „Ich lass euch allein“. Doch ohne ihren Mega-Hit „I.L.D.“ lässt Rockhaus die Fans nicht gehen. Am Ende dieses Liebeslieds beweist Mike Kilian erneut sein Gesangstalent, indem er seine Stimme über mehrere Oktaven in beeindruckende Höhen schraubt.

Die Anmoderation für die Stern-Combo Meißen übernimmt Schauspieler Karsten Speck, der sich als großer Fan dieser Band outet. Und die Stern-Combo ist auch im 61. Jahr ihres Bestehens immer noch eine fantastische Live-Band, wie sie eindrucksvoll unter Beweis stellt. Neben Klassikern wie „Die Sage“ oder „Der Kampf um den Südpol“ spielt sie auch zwei Songs ihrer aktuellen EP Die Himmelsscheibe von Nebra, die beide aus der Feder von Sänger und Keyboarder Manuel Schmid stammen. Mit dem zehnminütigen Titelsong dieser EP setzen die Musiker die Tradition fort, anspruchsvolle Werke im Stil des 70er-Jahre-Artrock zu komponieren. Dem gegenüber steht das ebenfalls neue Stück „In der kalten Nacht“, das mit seiner eingängigen Melodie eher radiotauglich ist. Die Band begeistert durchweg mit herausragendem Solo- und Satzgesang sowie virtuosem Spiel aller Instrumentalisten. Das einzige verbliebene Originalmitglied, Martin Schreier, moderiert gut gelaunt die Songs, singt mit und übernimmt bei „Der Kampf um den Südpol“ das Schlagzeug. Er betont, dass die Band so lange weitermachen wird, wie es möglich ist – und ich persönlich hoffe, dass das noch sehr lange so bleibt. Mit Hits aus den 80er Jahren, als Stern Meißen noch im Radio und Fernsehen lief, erreicht der erste Tag des Klassentreffens der Ostmusik seinen emotionalen Höhepunkt.

Samstag, 28. Juni

Der zweite Tag des Festivals beginnt mit einigen Verzögerungen im Ablauf. Ein unfallbedingter Stau auf der Autobahn sorgt dafür, dass einige Musiker nicht pünktlich ankommen. So habe ich Gelegenheit, das Festivalgelände zu erkunden. Die Versorgung der Gäste ist hervorragend organisiert: Neben alkoholischen Getränken kann man bei roter Fassbrause in Erinnerungen schwelgen, und das Speisenangebot versetzt einen zurück in die Vergangenheit. Ob Soljanka, Erbsensuppe mit Bockwurst oder Nudeln mit Tomatensoße, die wie früher in der Schule schmecken, alles ist zu fairen Preisen erhältlich. Auch DDR-Softeis ist im Angebot und sorgt für eine süße Abkühlung. An den Merchandise-Ständen kann man T-Shirts und andere Fanartikel ergattern. Das Label ROKKfilm hat frisch aufgearbeitete DDR-Rock-Raritäten auf Vinyl im Angebot. In einer Ecke fühlt es sich an wie in einem DDR-Museum: Im „Ossiladen“ werden allerlei Erinnerungsstücke aus der damaligen Zeit angeboten – Dederon-Kittelschürzen, Einkaufsnetze, bunte Plaste-Eierbecher, Campingutensilien aus Plaste und vieles mehr. Diese Ostalgie finde ich etwas skurril, zumal an dem Stand auch noch eine DDR-Fahne weht.

 

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Gegen 13:00 Uhr ist es endlich so weit. Zwei Männer betreten die große Bühne und strahlen voller Mut, Tatendrang und Schönheit – MTS. Das Liedkabarett aus Berlin gibt es schon seit 1973, und MTS ist bekannt für seine Lieder und Sprüche, die mit bitterbösem Humor gespickt sind. Heute steht das Kürzel MTS für makaber, taktlos, aber sauber. Für den Ur-MTSler Thomas Schmitt und seinen musikalischen Kompagnon Frank Sültemeyer ist es an diesem frühen Nachmittag ein Kinderspiel, die vielen Fans vor der Bühne mit ihren Liedern und witzigen Sprüchen zum Lachen zu bringen. Es ist eine weitere spannende Facette der Ostmusik, die perfekt zum Klassentreffen passt.

Da die fehlenden Musiker immer noch nicht angekommen sind, ist Improvisation gefragt. Spontan erklären sich Dirk Zöllner und Manuel Schmid bereit, einzuspringen. Sie präsentieren eine kleine Auswahl von Songs aus ihrem Programm „Balladen aus einem Land vor unserer Zeit“. Die Lieder „Schnee und Erde“ und „Es gibt Momente“ fesseln das Publikum sofort. Schnell füllt sich die Fläche vor der kleinen Bühne, und die Fans hören tief bewegt den zeitlosen Songs zu. Bei „Cäsars Blues“ gesellt sich Matthias Stolpe mit seiner Mundharmonika hinzu und verleiht dem Lied das passende Blues-Feeling. Auch Ferry Grott lässt es sich nicht nehmen, die folgenden Stücke mit seiner Trompete zu begleiten. Diese spontane Programmeinlage wird so zum ersten musikalischen Höhepunkt des Tages und wird von den Fans mit frenetischem Beifall belohnt.

Der Blues hat im Osten eine bedeutende Rolle gespielt, das ist unbestreitbar. Die Berliner Jonathan Blues Band, die bereits seit 1980 besteht, ist ein lebendiges Beispiel dafür. Gitarrist und Sänger Peter Pabst sowie Bassist Hagen Dyballa sind von Anfang an dabei und haben die Band maßgeblich geprägt. Heute begeistert die Band auf der großen Festivalbühne mit einer Mischung aus Blues-Standards, eigenen Songs und mitreißendem Blues-Rock. Als Gäste dürfen wir Keyboarder Gerhard ‚Hugo‘ Laartz und Trommler Matthias Fuhrmann von der Modern Soul Band begrüßen. Und zum krönenden Abschluss kommt Matthias ‚Matze‘ Stolpe auf die Bühne, um sich mit Peter Pabst ein Battle zwischen Gitarre und Mundharmonika zu liefern – ein echtes Highlight für alle Blues-Fans!

 

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Wir sind ’ne weitgereiste Band“, heißt es im ersten Song der Modern Soul Band, die jetzt die große Bühne betreten hat. Tatsächlich reist die Berliner Band um Gründer Gerhard ‚Hugo‘ Laartz bereits seit 57 Jahren durch die Welt. Ihr Markenzeichen ist ein fetter Bläsersatz, mit dem sie auch heute wieder das Publikum begeistert. Der Song „Chicago“ enthält diverse Bläser-Zitate der gleichnamigen US-amerikanischen Band, an der sich die Modern Soul Band einst orientiert hat. Klassiker wie „Himmel und Hölle“, „Berliner Song“ oder „Mr. Wonder" sind den Kennern der Band vertraut. Ihr charismatischer Sänger Dirk Lorenz singt und performt die Songs mit großer Hingabe – man kann ihn durchaus als „Rampensau“ bezeichnen. Trompeter Ferry Grott begeistert mit seiner instrumentalen und gerappten Version des CITY-Klassikers „Casablanca“. Insgesamt ist viel Spaß und Bewegung auf der Bühne zu erleben, bis hin zu Dirk Lorenz‘ Luftsprüngen am Ende des Konzerts. Für mich ist das Konzert der Modern Soul Band ein weiteres Highlight des Tages.

Endlich sind dann auch die Klosterbrüder komplett. Ursprünglich in den 1970er Jahren zu einer der angesagtesten DDR-Rockbands gewachsen, hat die Band eine wechselvolle Geschichte mit Stasi-Repressalien, Namensänderung, Verbot und Knast hinter sich, die den Fans des Ost-Rock bekannt sein dürfte. Seit dem Jahr 2000 tourt Dietrich Kessler wieder mit einer Band unter dem ursprünglichen Namen Klosterbrüder. Bekannte Songs stehen auf dem Programm. Darunter die Stücke „Lied einer alten Stadt“, „Was wird morgen sein“, „Kalt und Heiß“ oder das Instrumentalstück „Orient X-Press“. Der Sound der Band wird maßgeblich von Kesslers Saxophon- und Flötenspiel geprägt. Die Klosterbrüder orientierten sich in ihren Anfangsjahren an Bands wie Colosseum oder Frumpy. Heute hören wir „How the Gipsy was born“ von letztgenannter Band, genial interpretiert von Gastsängerin Steffi Breiting.

Einst trugen sie den Beinamen „Die Rocker von der Küste“, weil ihr Bandgründer und Schlagzeuger Dietmar Ränker in Rostock lebt. Gemeint ist die Band Berluc. Mit ihren Songs entführen sie uns bei „Hallo Erde, hier ist Alpha“ zu den Sternen – oder lassen uns in einer wilden Achterbahn der Gefühle schaukeln. Alles bei gradlinigem Hardrock, der durch Melodien besticht, die sich im Nu mitsingen lassen. Das kommt bei den Fans vor der Bühne richtig gut an. Auch ihr rockiger Antikriegs-Song „No Bomb“ darf natürlich nicht fehlen. Mit der eingängigen Ballade „Blaue Stunde“ verabschieden sich die fünf Rocker nach knapp einer Stunde von ihren begeisterten Zuhörern.

 

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Mit der Band Karussell bin ich nie so richtig warm geworden. Sie wurde 1976 als Ableger der kurz zuvor verbotenen Band Renft gegründet. Peter ‚Cäsar‘ Gläser und Jochen Hohl musizierten bei Karussell weiter. Musikalisch trat die neue Band das Erbe von Renft an, was für mich nicht passen wollte. Doch Karussell wurde im Laufe der Jahre immer erfolgreicher und hatte mit „Als ich fortging“ schließlich einen Mega-Hit. Dass die Band heute eine riesige Fanbase besitzt, ist auf dem Festival anhand vieler T-Shirts nicht zu übersehen. Karussell präsentiert uns heute bekannte Songs wie „Entweder oder“, „Wie ein Fischlein unterm Eis“ oder „McDonald“ sowie Stücke ihres aktuellen Albums Unter den Sternen. Natürlich fehlen auch die Renft-Klassiker nicht. Den Gesang teilen sich Musiker aus zwei Generationen, Gründungsmitglied Reinhard ‚Oschek‘ Huth und Joe Raschke, Sohn des Keyboarders Wolf-Rüdiger Raschke.

Ich habe mir längst einen günstigen Platz zum Fotografieren vor der kleinen Bühne ergattert, während Karussell noch eine letzte Zugabe spielt. Die Berliner Band Chicorée erlebte ich 1987 zum ersten Mal bei einem gemeinsamen Konzert im Neubrandenburger BAZ (Berufsausbildungszentrum). Damals war ich Bassist der Amateurband Porto. Unser Soundcheck war längst erledigt, als die Musiker aus Berlin eintrafen. Es hieß, ihr LKW sei liegen geblieben, und sie würden gern über unsere Anlage spielen. Kein Problem für uns. Während unseres Konzerts saßen die fünf Musiker mit ihren stylischen Frisuren am Bühnenrand und applaudierten brav bei jedem Song. Doch als sie selbst auf die Bühne gingen, fing die Luft plötzlich Feuer. Eine so explosiv agierende Band, die solch einen energiegeladenen Funk-Rock spielte, hatte ich bis dahin noch nie erlebt.

Chicorée existierte bekanntlich nur eine kurze Zeit. Dass Dirk Zöllner zwei seiner ehemaligen Kollegen zu einer Re-Union der Band bewegen konnte, weckte nicht nur bei mir große Erwartungen. Nun ist die Stunde der Wahrheit gekommen. Keyboarder André Kuntze, Bassist Frank Brennecke und Dirk Zöllner betreten unter frenetischem Beifall die Bühne. An ihrer Seite haben sie Ilir Mulaj am Schlagzeug und den Gitarristen Norman Dassler. Das Licht verdunkelt sich, die Bühne wird in dichten Nebel gehüllt, und dezente Keyboardklänge erfüllen den Raum. Dann kommt „Der Ausbruch“. „Ich muss jetzt tanzen, alle soll’n jetzt tanzen“, singt Dirk Zöllner. Und tatsächlich bewegen sich die Fans sofort im Rhythmus dieses Songs und lassen sich von dessen Energie mitreißen. Norman Dassler, der gut in die reformierte Band passt, brilliert bei seinem Gitarrensolo. Die Performance von Chicorée ist nicht mehr so wild wie in alten Zeiten, doch die Faszination ist ungebrochen. Mit der funkigen Nummer „Hör mich“ senden sie eine klare Botschaft: „Wir sind wieder da.“ Gemeinsam mit Gästen wie Steffi Breiting, die bei „Bock auf Berlin“ und „Angela“ mitsingt, sowie dem schrillen Jörg Menge, der bei dem Song über Angela Davis und die DDR kräftig in sein Saxophon bläst, feiern sie ihre Rückkehr. Mit dem bewegenden, zeitlosen „Käfer auf’m Blatt“ verabschiedet Chicorée sich von den glücklichen Fans. Wohl alle hoffen auf ein Fortbestehen dieser legendären Band.

 

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Spielt Silly in einer anderen Liga, frage ich mich angesichts der muskelbepackten Männer von der Security, die sich plötzlich im Fotograben aufhalten? Doch alles ist gut, wir dürfen ungehindert fotografieren. Dass Silly nicht nur in den Medien präsent ist, sondern auch live begeistern kann, beweist die Band eindrucksvoll mit ihrem heutigen Konzert. Die Bühne ist in blaues Licht getaucht, als die Band ihr Programm mit dem düsteren „Unterm Asphalt“ eröffnet. Als Sängerin agiert seit einigen Jahren die großartige Julia Neigel, die den alten Songs ihren eigenen Stempel aufdrückt, jedoch respektvoll nah an den Originalen bleibt. Ob „Alles wird besser“ oder „Verlorne Kinder“, ob „Bataillon d’Amour“ oder „Asyl im Paradies“, es sind Songs, die uns im Gedächtnis geblieben sind. Sie heute live erleben zu können, ist eine große Freude. Sehr beeindruckend ist die Zugabe „Mein Vaterland“, dessen Text aktueller denn je ist. Das Konzert von Silly ist nicht nur musikalisch herausragend, sondern bildet auch den emotionalen und würdigen Höhepunkt dieses Festivals.

Die beiden Tage mit den vielfältigen Konzerten fühlen sich für mich wie eine Zeitreise durch große Teile meiner kulturellen Identität an. Diese Erlebnisse möchte ich auf keinen Fall missen und freue mich bereits jetzt auf das zweite Klassentreffen der Ostmusik am 20. und 21. Juni 2026.

 


 

Fotostrecken:

 

Hans die Geige

Perl

Angelika Weiz

Bajazzo

Zerfall

NO55

Rockhaus

Stern Meißen

MTS

Dirk Zöllner und Manuel Schmid

Jonathan Blues Band

Modern Soul Band

Klosterbrüder

Berluc

Karussell

Chicorée

Silly

 

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