Naunhof | Altes Kranwerk | 24. Oktober 2025
Es war Ende der siebziger Jahre, als ich die Gruppe Lift in einem Leipziger Kulturhaus in einem Viertel im Osten der Stadt, das heute ironisch "Kleinistanbul" genannt wird, das erste Mal erlebt habe. Da mir die Band und ihre Musik von Anfang an gefielen folgten weitere Konzertbesuche in inzwischen geschlossenen oder abgerissenen Kulturstätten. Es war die Zeit, als sich nach dem Weggang von Stephan Trepte und Franz Bartzsch Henry Pacholski und der noch trommelnde Werther Lohse den Platz am Mikro teilten. Das Programm bestand damals aus den Songs für die erste LP, die 1979 bei Amiga erschien und meine erste selbst gekaufte Schallplatte war.

Weiterhin im Programm waren perfekt nachgespielte Versionen von Songs von Rick Wakemann, Genesis und Stevie Wonder, die recht gut rüberkamen. Eigentlich lief alles super, aber leider erlebte ein Teil der Band den Erfolg - vor allem der zweiten LP "Meeresfahrt" - nicht mehr. Bandleader Gerhard Zachar, der am 8. Oktober 2025 achtzig geworden wäre, und Sänger Henry Pacholski verunglückten auf der nächtlichen Heimfahrt von einem Konzert in Polen tödlich. Der Keyboarder Michael Heubach überlebte schwer verletzt. Mit dem Titel "Am Abend mancher Tage", mit dem Text von Joachim Krause, wurde das auch für Familien und Band traumatische Erlebnis verarbeitet. Gleichzeitig war es auch für die Fans das Signal, dass Lift weitermachen würde. Ganz nebenbei landete Lohse mit seiner neu formierten Band 1980 und mit dem Song einen "Hit des Jahres" in der DDR.
Natürlich hatte die Band den Song beim Konzert am 24. Oktober 2025 im gut gefüllten Naunhofer Kranwerk auch im Programm. Das Set bestand wie im Hallenser Steintor-Varieté, wo Lift im Rahmen des "Sachsendreiers" auftrat, aus Liedern der ersten vier Alben, die einen reichlichen Fundus bieten. Neben Werther Lohse waren an diesem Abend Andreas Leuschner, bekannt von der in die Rockerrente gegangenen Band electra, an den Tasten, Markus Christ am Schlagzeug, Jacob Müller am Bass und Cello, sowie die vier Kruzianer Alexander Rau, Moritz Schlenstedt, Lucas Reis und Elias Riemenschneider als Gesangsverstärkung und Backgroundsänger mit auf der Bühne.
Pünktlich um 20.30 Uhr startete das Programm in der mit gutgelaunten Besuchern der Kategorie Ü 50 gefüllten ehemaligen Werkhalle. Eine kleine Umfrage vom Leiter des unabhängigen Kulturhauses, Heiko Guther, ergab, dass die meisten Besucher Lift schon zu DDR-Zeiten gesehen haben. Leider gehört die Gruppe nicht zu dem auserwählten Kreis derer, die in unserem mit Zwangsgebühren finanzierten TV auftreten dürfen. Ich könnte mir die tolle Musik zwischen all dem Schlagermüll auch nicht wirklich vorstellen. Gestartet wurde mit dem Klassiker "Wasser und Wein". Passend zur Jahreszeit folgte "… fällt der erste Reif" von der ersten LP, gefolgt von "Jeden Abend", ebenfalls vom Erstling. Ab diesem Titel betraten die vier Kruzianer die Bühne und gaben den Songs mit ihrem Gesang eine völlig neue Klangfülle, was vor allem bei der "Falschen Schönen" gut klang.

Zu "Meine Schulden" erzählte Lohse die Story vom Auftritt im "Haus der Heiteren Muse" in Leipzig aus der Zeit, als Stephan Trepte Sänger war und er selbst Schlagzeug spielte. Mit "Vincent van Gogh" vom 1981er Album "Spiegelbild", der auf Anregung von Jacob Müller ins Set genommen wurde und vor allem die Artrockfans beglückt, zu denen ich mich auch zähle, ging es im Programm weiter, bevor die Kruzianer das "Liebeslied" in einer a-capella Version präsentierten. Zu "Abendstunde, stille Stunde" wechselte Lohse an sein Stamminstrument, das Schlagzeug. Mit "Nach Süden" vom Album "Meeresfahrt" , bei dem ordentlich mitgeklatscht und gesungen wurde, ging es in eine halbstündige Pause.
Mit einer Improvisation am Keyboard startete Andreas Leuschner den zweiten Teil des Konzerts. Am Anfang klang es nach "Tritt ein in den Dom" und variierte zu "Vincent van Gogh". Das nächste Stück "Die gelben Wiesen" steuerte Lohse aus seinem Solofundus bei. Danach erinnerte er an den verstorbenen Kollegen Stephan Trepte, mit dem er beim "Sachsendreier" noch aktiv war, als dieser Teil der Gruppe electra war, und sang schließlich dessen Song "Mein Herz soll ein Wasser sein". Mit "Leb Deinen Traum" vom Album Nr. 4, gefolgt von einem grandiosen Solo der Rhythmusgruppe an Bass und Schlagzeug, gab es ordentlich was auf die Ohren und im Anschluss Applaus.
Für "Nach Hause", dem Titelsong der gleichnamigen vierten LP, griff Lohse zur Mundharmonika und ließ diese ordentlich röhren. Für "Scherbenglas" von der zweiten LP, im Original noch von Henry Pacholski eingesungen, wechselte Bassist Jacob Müller wiederum zum Cello. Die vom selben Album stammende "Sommernacht" präsentierten die Kruzianer wieder a-capella. Der schon erwähnte Comeback-Song, "Am Abend mancher Tage", folgte. Aber da fehlte doch noch was … Der größte Hit der Band, nämlich "Die Tagesreise", den Michael Heubach komponierte und gewissermaßen zu Lift mitbrachte, war bis dahin noch nicht gespielt worden. Das wurde nun nachgeholt. Für mich persönlich ist das einer der besten Ostrock-Hits. Schon bei der Ankündigung des Songs durch Lohse erhob sich das gespammte Publikum wie bei einer Hymne, um mitzusingen und mitzuklatschen. Es sollte wohl der letzte Titel des Abends sein. Aber die Konzertbesucher forderten euphorisch weitere Songs, worauf Lohse nachgab.

Zur Melodie des Stücks "Mad World" der britischen Band Tears for Fears präsentierte die Band ihr neuestes Werk, das Stück "Dresden", als erste Zugabe. Nur begleitet von Bruno Leuschner am Keyboard (Piano-Sound) und vom Bassisten Jacob Müller, der dabei Cello spielte, sang Werther seinen Text zur Musik der Briten. Das Stück ist eine Verbeugung vor seiner ehemaligen Heimatstadt - und gar nicht mal schlecht. Beim dem Lift-Klassiker "Wasser und Wein" verabschiedeten sich die Fans im Stehen, singend und klatschend, von den Musikern auf der Bühne. Mit einem "Weihnachtslied", das mir unbekannt war, gaben die Kruzianer den Leuten noch ein letztes Stück mit auf den Nachhauseweg. Damit endete ein Konzertabend, den beide Seiten sicher noch längere Zeit im Gedächtnis behalten werden, schon wegen der einmaligen Location, zu der Werther Lohse gemeinsam mit der Technik schon am Vormittag angereist war und sich begeistert zeigte. Bleibt zu hoffen, dass im Alten Kranwerk künftig auch weitere Konzerte dieser Art stattfinden werden.
Vielen Dank an Werther Lohse, der uns den Besuch des Konzerts ermöglichte.
