Zum 60. von Peter Gabriel...
Vor 35 Jahren legte Peter Gabriel das Paradiesvogel-Kostüm ab, kehrte seiner Band Genesis den Rücken und startete eine erfolgreiche Solokarriere. Dafür kletterte er auf eine Anhöhe hinter seinem Haus und machte diese über Nacht weltweit bekannt. "Solsbury Hill" war geboren, wurde veröffentlicht und bescherte ihm einen ersten Hit (Deutschland Platz 16, England Platz 13). Was dann folgte, war eine Bilderbuchkarriere ohne Skandale und ohne großes Getöse. Sowas brauchte und braucht der Mann aus England nicht, er konnte schon immer mit seiner Kunst überzeugen. Was er den Musikfreunden in all den Jahren auf schwarzem Gold (später auch auf CD) bescherte, war stets kantig, innovativ und anders als das, was gerade in den Hitparaden war. Niemals glatt gebügelt oder angepasst. Gabriel scherte sich einen feuchten Schmutz um den Zeitgeist. Er bestimmte, was Zeitgeist zu sein hatte. Während andere Musiker sich und ihre aktuellen Platten noch feierten, war er schon immer einen Schritt voraus. Musikalisch wie technisch. Dabei schaute er auch stets über den Tellerrand hinaus. Seine dritte und vierte Platte veröffentlichte er - neben der "handelsüblichen" englischen Version - zusätzlich noch auf Deutsch. Eigentlich sollten die beiden Platten auch auf Spanisch, Französisch und in anderen Sprachen veröffentlicht werden... Überall dort, wo seine Plattenfirma Virgin eine Zweigstelle hatte, sollte ein Album in der Landessprache erscheinen. Außer der deutschen Filiale hatte daran aber keiner der Firmenableger Interesse. Schön blöd, denn die deutschen Fassungen haben ihren Reiz und gehören unbedingt zur englischen Ausgabe dazu gestellt. Dieses "Aha"-Erlebnis, das wir durch die Veröffentlichung der beiden "Deutschen Alben" hatten, fehlt unseren Freunden im europäischen Ausland jetzt... Doch das waren bei weitem noch nicht alle Besonderheiten in der über 30 Jahre währenden Karriere Gabriels. Er tüftelte mit Technik, erfand eigene Beats, eigene Sounds, machte Musik für Artrock-Fans, bediente den Mainstream mit Popperlen der Extraklasse, machte Ausflüge in die Klassik ("Ovo") und experimentierte mit Weltmusik. Überhaupt ist Gabriel einer der größten Förderer dieser sog. "Weltmusik" und hat dafür sogar ein eigenes Label gegründet. Egal, was Gabriel angepackt hat, es hatte seinen Reiz und war nicht selten auch sehr erfolgreich. Es gibt viele kleine Rekorde, die er dabei aufgestellt hat, von denen aber kaum jemand etwas weiß. Oder wußtet Ihr, dass sein Video zur Single "Sledgehammer" das am meisten gespielte Pop-Video aller Zeiten ist?
Heute wird er - wie schon erwähnt - 60 Jahre alt, und das Schöne ist, dass Gabriel noch immer aktiv ist. Die Pausen zwischen seinen Albumveröffentlichungen werden zwar immer größer, aber sie kommen nach wie vor. Gestern ist sein neuestes Werk erschienen. Es trägt den Namen "Scratch My Back" und beinhaltet Coverversionen von Songs, die Gabriel wohl als seine Lieblingsstücke ausgemacht hat. So hört man z.B. „Heroes“ von David Bowie, „The Boy In The Bubble“ von Paul Simon, „Listening Wind“ von den Talking Heads, „The Power Of The Heart“ von Lou Reed oder „I Think It’s Going To Rain Today” von Randy Newman. Dabei sind Coverversionen doch eigentlich gar nicht so Gabriels Ding. Dieses Album machte er sich selbst zu seinem 60. zum Geschenk, und es sei ihm gegönnt. Und es ist zu hören, dass demnächst ein Album erscheinen soll, auf dem die hier gecoverten Künstler aus Gabriels Fundus ihre Favoriten auswählen und covern werden. Man darf gespannt sein. Füllen wir also unser Glas, egal ob mit Sekt, Bier, Limo oder Wasser, und stoßen auf den genialen Musiker Peter Gabriel an, der nicht nur die Band Genesis mit ausgefeilten Bühnenshows und seiner markanten Art zu singen zu einer Weltkarriere verhalf, sondern der auch sich selbst ganz weit oben im Pop- und Rock-Olymp platzieren konnte. All diese Pete Dohertys, Amy Winehouses und Arctic Monkeys sind noch Lichtjahre von der Genialität eines Peter Gabriel entfernt, und werden diese auch niemals erreichen. Bleibt die Frage, ob es jemals wieder Musiker geben wird, die so genial und beständig arbeiten werden (bzw. können)... Die Hoffnung stirbt zuletzt. |