JOE COCKER in Berlin am 1. Juni 1988

Die alte Seelenbinder-Halle in Berlin
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Joe Cocker in Berlin- Weissensee
Hartmut Helms hat ja in einem Beitrag unter "Zeitzeugen" seine Erlebnisse beim Auftritt Joe Cockers 1988 in der DDR - in seinem Fall in Dresden - geschildert. Ich habe Joe Cocker bei seinem legendären Konzert in Berlin-Weissensee sehen und erleben dürfen. 1986 war ich von der Prignitz in den damaligen Kreis Königs-Wusterhausen gezogen. Der Grund für meinen Umzug war die Verbesserung meiner Wohnsituation, aber die jetzige Berlinnähe war auch durchaus von Vorteil. Mit der Bahn oder dem Kfz war man schnell in der Hauptstadt. Im Mai 1988 las ich zufällig in der Jungen Welt, daß Joe Cocker am 1. Juni 1988 auf dem Gelände der Radrennbahn Weissensee ein Konzert gibt. Zuvor hatte ich Cocker mal bei einer Liveaufzeichnung eines Konzertes im Fernsehen (ich glaube, es war Rockpalast) gesehen. Wenn du den auch mal live erleben könntest, dachte ich damals so bei mir. Dieser Wunsch rückte plötzlich in greifbare Nähe. Bereits am folgenden Sonnabend fuhr ich nach Berlin, um mir eine Karte für 15 Mark der DDR zu kaufen. Der Verkauf erfolgte in den Kassenhäusern vor der alten Werner-Seelenbinder-Halle und es ging alles ohne Anstehen und Hektik. Es schienen genug Karten vorhanden zu sein. Auch vor dem Konzert gab es an der Kasse der Radrennbahn noch Karten.
Der 1. Juni war dann da und ich fuhr mit meinem Moped SR 50 (Simson-Roller 50, der Nachfolger der Schwalbe) auf der Autobahn in Richtung Berlin (das durfte man damals noch mit dem Moped). Nahe dem S-Bahnhof Schönefeld stellte ich mein Fahrzeug auf einen Parkplatz und dann ging es mit der S-Bahn weiter bis zur Prenzlauer Allee. Den Rest (Gustav-Adolf-Straße) erledigte ich zu Fuß, ich war ja zeitig da. Auf dem Gelände der Radrennbahn umrundete man von außen teilweise die Zuschauertribüne und gelangte auf einen großen Platz.
Hier war die Bühne aufgebaut, daneben riesige Lautsprecherwände und auf der Bühne jede Menge an Instrumentarium. Auf dem Platz waren schon einige Leute, aber noch konnte man seinen Stehplatz frei wählen. Ich stellte mich nicht allzu weit von der Bühne weg, man wollte ja möglichst nah dabei sein. Unmittelbar vor der Bühne saßen ein paar verwegene Typen und Rauchschwaden stiegen auf. Wer weiß, was da geraucht wurde. Ein schon älterer Mann mit Hut und mehreren Zahnlücken tanzte wild vor der Bühne nach der Musik, die aus den Lautsprechern schallte. Der Typ sah aus wie der (West-)berliner Kabarettist Wolfgang Neuss, möglicherweise war er es sogar. Ich hatte mir was zum Lesen mitgebracht und so verging die Zeit. Bald stand man dichtgedrängt zwischen lauter Menschen und wenn man nach hinten schaute, waren nur Menschen zu sehen. Auf der Bühne wurde jetzt auch noch gebaut und gerückt. Immer wieder standen irgendwelche Leute an der Bühnenrampe, schauten und staunten offenbar, wie viele Menschen da gekommen waren. Plötzlich wurden die ohnehin schon eng stehenden Zuschauer noch weiter zusammengedrängt, weil irgendwo eine Gasse für eventuelle Notfälle gebildet werden musste. Umfallen ging nicht mehr, man war vollkommen eingekeilt. Auf der Bühne stand vor dem Equipment der Cocker-Band eine weitere Ausrüstung. Auf dem Schlagzeug trommelte jemand und arbeitete sich offenbar warm. Das war der Drummer der angekündigten Vorband "No 55". Dann trat der No 55-Sänger Frank Gahler vor das Mikro und stimmte seine Akustik-Gitarre, bzw. spielte sich darauf warm. Nun war es soweit und No 55 begann mit dem Vorprogramm. Zur Erinnerung: No 55 war die Band, die der frühere (und jetzt wieder) City-Bassist und -Geiger Georgi Gogow gegründet hatte, nachdem er bei City ausgestiegen war. Die Band war damals in der DDR durchaus erfolgreich und beliebt, existierte aber nur bis zur Wende. Heute hatten die Mannen um Bassist Georgi Gogow und Gitarrist Gisbert (Pitti) Piatkowski (kam damals auch von City, spielt heute bei Renft und Modern Soul) es nicht leicht. Sie waren nur die Vorband für einen Weltstar, einer Woodstock-Legende. Nicht ihretwegen waren die vielen Leute gekommen und das bekamen sie auch zu spüren. Es gab Buh-Rufe, eine trockene Semmel flog auf die Bühne und dann hielten alle ihre Eintrittskarte mit dem Bildnis Joe Cockers nach oben, was so viel bedeutete wie: "Macht, daß ihr fertig werdet!" Ohne nennenswerten Beifall und ohne Zugabe ging No 55 nach ca. 30 Minuten von der Bühne. Die Instrumente und Verstärker von No 55 waren schnell von der Bühne geräumt und es konnte losgehen.
Die Musiker der Cocker-Band spielten auf, und Joe Cocker kam auf die Bühne und sang. Ein Raunen ging durch die Menge und Beifall gab's schon mal als Vorschuß. Welchen Titel er zuerst sang weiß ich nicht mehr. Cocker, der ja mit richtigen Namen John Robert heißt, stand vor dem Mikrofon, die Beine etwas gespreizt und der Oberkörper ging nach vorne, hinten und zur Seite. Dazu kamen die Bewegungen der Arme, eine Art Zappeln oder auch Luftgitarre. So bewegt sich eben nur Joe Cocker. Als Titel folgten „Feelin' Allrigth" und „You Can Leave Your Hat On" (geschrieben von Randy Newman). Die Tour damals hieß „Unchain My Heart", und natürlich bekamen wir auch den besagten Titelsong zu hören. Weitere Songsl waren „Shelter Me", „Hitchcoock Railway", Leon Russels „Delta Lady", „Up Where We Beiong" (den Part von Jenifer Warnes im Original übernahm Maxine Green, eine der beiden Backgroundsängerinnen), „You Are So Beautyfull" (von Billy Preston) und noch viele mehr. Joe wurde begleitet von einer Band mit hervorragenden Musikern. Auf dem Drums trommelte Steve Holley, die Gitarren spielten Phil Grande und Keith Mark, Deric Dyer blies das Tenorsaxofon und spielte Keyboard und Percussion, Piano und Hammondorgel wurde von Jeff Levine bedient und den Bass zupfte T. M. Stevens.

Foto aus der "NBI", Nr. 26/1988)
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Die beiden Backgroundsängerinnen hießen Maxine Green und Carla Vougt (zu sehen mit Joe Cocker auf dem Foto aus der NBI Nr. 26/88). Sowohl Joe Cocker als auch seine Crew gaben vor ca. 80000 Zuschauern (und -hören) ihr Bestes und so versteht es sich, daß nach dem angeblich letzten Titel noch nicht Schluß sein kann. Außerdem fehlte ja noch ein Lied. Wie kann man Joe Cocker von der Bühne lassen, ohne daß er den Song, der ihn mal berühmt gemacht hat, gesungen hat. Aus dem Titel „With A Little Heip From My Friends", den die Beatles auf Ihrem "Sgt Pepper"-Album zwischen dem Titelsong und „Lucy In The Sky With Diamonds" platziert hatten, und der wohl für die vier Pilzköpfe aus Liverpool nie als ein großer Hit angedacht war, hat Joe Cocker einen Welthit gemacht. Bei der ersten Zugabe erkannte man schon am Orgel-Intro, daß nun der Moment gekommen war und auch bald Cockers Urschrei zu hören sein würde. Joe sang diesen Titel mit voller Inbrunst, und die Leute dankten es mit tosenden Beifall, was so viel bedeutete wie "noch eine Zugabe bitte". Das Konzert hatte bei Tageslicht begonnen und inzwischen war es dunkel. Joe Cocker strich sich über seine Unterarme und sagte,"It's cold here". Damit meinte er aber sicherlich nicht die Stimmung im Publikum, sondern tatsächlich war es frisch geworden. Vielleicht etwas ungewohnt für jemanden, der damals im sonnigen Kalifornien lebte. Insgesamt gab Joe Cocker vier Zugaben, bevor auf dem Platz dann das Licht anging. Bei der vierten Zugabe hatte ich mich schon langsam Richtung Ausgang begeben, schließlich hatte ich noch einen weiten Weg vor mir.
Kurz nachdem ich das Gelände verlassen hatte, sprach mich ein uniformierter Mitarbeiter der (Ost)Berliner Verkehrsbetriebe an und sagte, daß in der Nebenstraße ein Bus steht, der kostenlos die Leute zum S-Bahnhof "Prenzlauer Allee" bringen würde und den ich nutzen könne. Eine halbe Stunde Fußmarsch waren gespart und die S-Bahn brachte mich nach Schönefeld. Mit meinem Moped fuhr ich die Autobahn in Richtung Heimat. Es war merklich kühl geworden und zu nieseln begann es auch. Zu Hause war glücklicherweise noch etwas warmes Wasser in der Leitung, so daß man noch eine Dusche zum Aufwärmen nehmen konnte. Als ich zu Bett ging, wurde meine Frau kurz wach: "Na, da bist Du ja wieder, wie war es denn?" "Es war ganz toll, sowas hatte ich vorher noch nicht erlebt", war meine Antwort. Mit dem Gedanken, Du hast heute eine Woodstock-Legende erlebt, schlief ich bald ein. Das Berliner Joe Cocker-Konzert wurde vom DDR-Fernsehen aufgezeichnet und etwas später gesendet. Nach Joe Cocker fanden bis zur Wende auf besagten Gelände der Radrennbahn noch mehrere Konzerte statt. Bruce Springsteen, Status Quo, Barcley James Harvest, Tina Turner, Uriah Heep, Ten Years After, Golden Earing, Brian Adams, James Brown seien hier zu nennen . Am 13. und 14. August 1990 gaben die Rolling Stones hier im Rahmen ihrer "Steel Wheels"-Tour zwei Konzerte. Was heute auf diesem Gelände ist? Keine Ahnung! Auf jeden Fall finden hier keine Rockevents mehr statt.
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