Beatles-Revival Made in Hungaria by "Hungaria"

 

Autor Reinhard Baer

 

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Der Fall des eisernen Vorhangs brachte uns DDR'lern nicht nur die Möglichkeit, Dinge zu kaufen von denen man vorher nur träumen konnte, auch in der Welt der Unterhaltung stand uns jetzt die Welt offen. Nachdem ich nun fünf Mal die Rolling Stones erlebt habe, bei Pink Floyd, AC/DC, Deep Purple, aber auch bei Harry Belafonte und Udo Jürgens und vielen anderen Künstlern mehr bei einem Live-Konzert zu Gast war, überlege ich manchmal, "Wen würdest Du denn noch gerne erleben?". Da stehen noch Van Halen und Aerosmith auf meiner Liste, aber an erster Stelle standen immer die Beatles. Da man diese aber aus uns allen bekannten Gründen nicht mehr erleben kann, sollte es eben Paul McCartney sein. Allerdings hatte ich einen McCartney-Konzertbesuch schon fast für unmöglich gehalten. Schließlich ist der Ex-Beatle inzwischen 67 Jahre alt und es war auch schon die Rede davon, er gehe langsam in den Ruhestand und Konzerte finden nur noch ganz selten statt. Diese werden dann sicherlich für einen Normalo kaum bezahlbar sein. Nun ergab es sich, daß Paul McCartney am 3. Dezember 2009 in der O²-World in Berlin spielte, und meine Frau und meine Kinder mir zum Geburtstag eine (nicht ganz billige) Karte schenkten. Ich durfte also am 3.12.2009 Paul McCartney live erleben. Es war eines der tollsten Konzerte, das ich je erlebt habe. McCartney war super drauf und von seinen 67 Lenzen war nichts zu merken. 2 ½ Stunden stand der Ex-Beatle auf der Bühne und spielte seine alten und neuen Hits. Eigentlich wollte ich über dieses Konzert für die Rubrik "Live-Berichte" schreiben und hatte auch schon einiges zu Papier gebracht, als ich den Bericht von Christian Reder über das Konzert in Köln las. So etwa hätte mein Bericht auch ausgesehen und ich legte mein Papier beiseite.
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Als die Beatles in den 60er Jahren die Bühnen der Welt eroberten hatte man sich schon gewünscht, diese Band mal live erleben zu können. Die Beatles waren ja im Gegensatz zu den Rolling Stones in der DDR durchaus salonfähig. Es gab bekanntlich eine Amiga-LP, aber an einen Auftritt in der DDR war schon aus Kostengründen nicht zu denken und ich glaube auch, niemand hatte vor die Beatles einzuladen. In den 70er Jahren haben die DDR-Oberen auch die Kulturszene hinsichtlich Rockmusik gelockert. In dieser Zeit wurden Bands wie die Puhdys, Renft, Panta Rhei bekannt, und zahlreiche Gruppen aus anderen östlichen Ländern, den sog. sozialistischen Bruderländern, kamen zu Konzerten ins Land, bzw. ihre Musik wurde gespielt. Aus Ungarn kam neben Omega, Illes und Locomotiv GT auch die Band Hungaria.

Hungaria wurde bereits 1967 gegründet, die Musiker wechselten aber mehrfach. So haben der spätere Locomotiv GT-Gitarrist Tamas Barta und der Skorpio-Gitarrist Gabor-Antal Szcusz (Bruder der Sängerin Judith Szucz) mal bei Hungaria gespielt. Hungaria veröffentlichte in Ungarn mehrere LPs, so z.B. „Konzert auf dem Mars“ u.a.

In der 2. Hälfte der 70er Jahre, als es in (West-)Deutschland schon eine Beatles-Revival-Bands gab, die original die Beatles-Klassiker nachspielten, kam auch Hungaria auf die Idee, neben ihren eigenen ungarischen Klassikern auch die Titel der Fab Four in ihr Repatoire mit aufzunehmen. In ihren Konzerten sah es so aus, daß in der ersten Hälfte eigene Titel gespielt wurden, und die zweite Hälfte - nach einer Pause - dann voll den Beatles gewidmet war. Hierzu hatten sich die Musiker auch umgezogen. Sie trugen Anzüge, weißes Hemd und Krawatte, so wie die Beatles zu der Zeit, als sie noch live auftraten. Der Sänger und Gitarrist Miklos Fenyö übernahm den Part von John Lennon, Bassist und Sänger Peter Sipos war Paul McCartney, die Leadgitarre spielte Zoltan Kekes und er hatte somit den Part von George Harrison inne. Last but not least am Schlagzeug, im Original von Ringo Starr gespielt, saß Attila Csurgai. Von September 1975 bis Dezember 1977 wohnte ich in der Nähe der mecklenburgischen Kreisstadt Parchim. Irgendwann 1976 war Hungaria in Parchim angekündigt. Eine Karte war schnell beschafft, und so stand dem Konzertbesuch nichts mehr im Wege.

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Parchim hatte ein Kulturhaus, aber dieses wurde zu diesem Zeitpunkt gerade renoviert. Man wich in einen Saal auf dem Gelände der sowjetischen Garnision in Parchim aus. An Hammer und Sichel sowie einen überlebensgroßen Lenin an den Wänden hatte man sich schnell gewöhnt, und so ging das Konzert los. Hungaria spielte harten Rock, mehrere Titel kannte man aus dem Rundfünk, z.B. die „Nacht der 3 Schönen“ oder „Komm Steffi“, „Der Platz neben mir“ und "Wenn du wartest" wurden sogar auf deutsch gesungen. Bassist Sibos sprach perfekt deutsch und machte die Ansagen, auch Fenyö konnte einiges auf deutsch sagen. Nach einer Pause hatte sich die Band Beatles-mäßig umgezogen, und der zweite Teil konnte beginnen. Hits wie „Please Please Me“ oder „From Me To You“, „She Loves You“, „I Want To Hold Your Hand“ und „Help“ rissen die Leute sofort von den harten Klappstühlen und alles klatschte mit. Hungaria spielte eine ganze Stunde Beatles-Hits und auch bei den Zugaben wurden Beatles-Songs gespielt. Nach dem Konzert gingen alle zufrieden nach Hause.

Etwa ein Jahr später war Hungaria wieder in Parchim, diesmal im inzwischen renovierten Kulturhaus. Im Prinzip war es ein zweiter Aufguß des Konzertes von vor einem Jahr. Ich fand die Titel - sowohl die eigenen als auch die der Beatles - wurden ziemlich lieblos runter gespielt. Es war längst nicht so eine Stimmung wie beim ersten Konzert. Die Mundharmonika, welche bei einigen eigenen und auch Beatles-Titeln eingesetzt war, wurde eingespart und man spielte den Part einfach auf der Gitarre. Als Zugabe bekamen wir dann auch noch „Are You Lonesome Tonight“ zu hören; Elvis Pressley war gerade gestorben. In den Folgejahren war dann von Hungaria nicht mehr viel zu hören. Es gab Umbesetzungen in der Band, man spielte eine Art Rockabilly mit einer Sängerin im Petticoat und männlichen Musikern mit Tolle und Hüftschwung. Soweit ich weiß, gibt es Hungaria als Band nicht mehr. Einzelne ehemalige Bandmitglieder machen aber noch weiter Musik, z.B. Hungaria-Sänger Miklos Fenyö.

Die unten eingefügten Fotos entstanden 1977 beim Konzert im Kulturhaus Parchim.

Foto Impressionen:

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