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Ein Beitrag von Christian Reder. Fotos: Jim Rakete
 


001 20221119 1939718444Wir schreiben das Jahr 1982. Es ist Januar, und das Wetter ist - wie der Rheinländer sagen würde - ziemlich usselig. Es ist eben Winter, und genau in diesen trüben Tagen stellten Reinhold Heil (Gesang, Keyboard), Herwig Mitteregger (Gesang, Schlagzeug), Manfred "Manne" Praeker (Gesang, Bass) und Bernhard "Potsch" Potschka (Gesang, Gitarre) mit SPLIFF, das erstmals in einer Quartett-Besetzung operierte, ein neues Album in die Verkaufsregale der Plattenläden. Dieses sollte nach seiner Veröffentlichung unter dem Titel "85555" Maßstäbe setzen und wegweisend für die deutsche Musikszene werden. Und es war der Startschuss für ein vollgepacktes und erfolgreiches Jahr für die Berliner Band, in dem mit "Herzlichen Glückwunsch" noch ein zweites Album nachgelegt wurde. Doch der Reihe nach …

Erfindungsreich in Sachen Sound, Arrangement und Inhalten waren die vier Herren schon lange Zeit bevor sie unter dem Namen SPLIFF aktiv waren. Mit Potschka, Praeker und Mitteregger waren drei SPLIFFer bereits bei LOK KREUZBERG im Bereich des Politrock unterwegs, während Heil sein Heil im Jazzrock bei der Gruppe BAKMAK suchte. Zusammen kamen sie dann alle, als eine junge Frau, die gerade aus der DDR nach Westberlin "umgezogen" war, eine Band suchte. Als NINA HAGEN BAND mit eben der jungen Nina Hagen als Sängerin veröffentlichten die eben namentlich genannten vier Musikanten schließlich zwei LPs. Im Jahre 1980 und nach der Trennung von Hagen folgte - erstmals unter dem Namen SPLIFF - dann die englischsprachige Rock-Oper "The Spliff Radio Show" mit Alf Klimek (später mit THE OTHER ONES erfolgreich) und Rik De Lisle vorn am Mikro. Ein Jahr später, und nach Aufführungen dieses Spektakels u.a. in Berlin, Paris, Zürich, Amsterdam, Stockholm und London, schloss man sich nunmehr zu viert ins eigene "Spliff Studio" ein, verzichtete auf eine neue Sängerin oder Sänger, und begann - diese Aufgabe auf die vier verbliebenen Köpfe verteilt - mit den Arbeiten an einem neuen Album.

Mitten in die Hochphase der Neuen Deutschen Welle erschien dann dieses neun Lieder umfassende und nach seiner CBS-Katalognummer benannte Werk "85555", das eigentlich so gar nichts mit der NDW zu tun hatte und auch nichts damit zu tun haben wollte. Fälschlicher Weise wird es aber gern zum Output dieser Bewegung dazu gezählt. Vielmehr nennen es Journalisten und Kritiker später sogar einen "frühen deutschen Vertreter des Indie-Rock", womit sie der Sache viel näher kommen als die Mitarbeiter von Plattenfirmen, die über all die Jahre Kopplungen mit Songs der Neuen Deutsche Welle zusammen geklöppelt und SPLIFF mit darauf verwurstet haben. Statt einfacher Songstrukturen wie bei vielen anderen Produktionen dieser "Welle" ließen die SPLIFFer ihrer Lust auf Frickeliges und Reichhaltiges in Sachen Musik freien Lauf, verwendeten Einflüsse aus dem Krautrock, elektronischer Musik und Funk, und verbanden sie mit Pop, Rock und sogar Reggae. Ihre Klang-Kunstwerke koppelten sie schließlich an inhaltsreiche, anspruchsvolle und immer wieder überraschende Texte. Titel wie z.B. das kryptische "Deja Vu" mit seinem finsteren und doch so packenden Sound, oder das ebenso düster anmutende "Damals" bieten Platz für Interpretationen und gehören heute eigentlich in den Musik- und Deutschunterricht von Schulen. Das treibende "Kill" und das vor elektronischen Spielereien nur so übersprudelnde "Computer sind doof" behandeln aktuelle Themen der Zeit,002 20221119 1769075062 und mit der spaßigen Spaghetti-Hymne "Carbonara" hat man sogar einen Titel ohne große oder kleine Botschaften für das Mainstream-Publikum im Programm, um damit für die deutschen Partykeller der frühen 80er und andere Festivitäten die passende Musik zu liefern. Und obwohl gerade die Texte mehr bieten als anderswo, den Kopf fordern und eigentlich doch mehr was für Erwachsene sind, erreichte die Gruppe damals besonders auch die Jugend. Die Scheibe kam bis auf Platz 1 der Album-Charts, hielt sich satte 56 Wochen in den Top 100 und ließ junge wie alte Fans in die Konzerte strömen. Die Platte wurde inzwischen mit Platin ausgezeichnet.

Nun könnte man ja den Erfolg genießen, sich auf diesem ausruhen und erst mal drei oder vier Jahre davon zehren. Nicht so die Brigarde SPLIFF, die noch im gleichen Jahr und während des ganzen Tamtams zu "85555" im Sommer schon wieder ins bandeigene Studio ging, und gegen Ende des Jahres 1982 eine weitere LP hinterher schob. "Herzlichen Glückwunsch" möchte man sagen, aber das sagten die Jungs mit ihrer Platte doch selbst. Noch während der Tour zu "85555" entstanden neue Lieder, die den Weg nach draußen suchten. Auch das neue Album erschien in trüben Tagen des Jahres, nämlich im November, und unterscheidet sich von seinem Vorgänger in so manchen Dingen. Der typische Sound von SPLIFF ist auch hier deutlich wahrnehmbar, aber insgesamt scheint die Platte auf der einen Seite rockiger, auf der anderen aber auch einen Zacken elektronischer als sein Vorgänger ausgefallen zu sein. Der Opener "Herzlichen Glückwunsch" lässt eine viel härtere Musik als bisher erklingen. Potsch ließ hier seine sechs Saiten ordentlich schreien und operierte schon fast im Heavy Metal-Bereich, während Mitteregger mit seinem damals ganz neuen Simmons SDS-V E-Schlagzeug hämmernde Beats und Sounds kreierte und Praeker auf den vier dicken Saiten seines Yamaha-Basses slappte und schlug was das Zeug hielt. Mit "Das Blech" trugt sich die Band außerdem in die Geschichtsbücher ein, lieferte sie doch - zusammen mit Falco und seinem im gleichen Jahr veröffentlichten "Kommissar" - einen der ersten deutschsprachigen Rap-Songs ab, der dazu mit einem längeren tanzbaren Instrumentalteil, Wortwitz und lustiger Story aufwartet. Weitere überraschende Highlights dieser Platte sind u.a. die mit elektronischen Spielereien angereicherten Songs "Tag für Tag" und "Augen zu", letzteres von Manne Praeker gesungen und das zweite von eben diesem mit geilen Slap-Bass-Orgien zu einem Feuerwerk ausgestaltet, oder die mit Reggae-Klängen, aus dem Hintergrund hinein schreienden Gitarren und dezenten KRAFTWERK-Anleihen arrangierte Nummer "Die Mauer". Aber auch das experimentell anmutende "S.O.S." mit seinen futuristisch-verzerrten Vokal-Passagen, der funky Gitarre Potschkas sowie einmal mehr Praekers geilem Bassspiel, und das ebenfalls sehr KRAFTWERK'esk klingende und tanzbare "Herr Kennedy", das gleich von allen vier SPLIFFern gesungen wird, sind herausstechende Songs, die die gesamten Scheibe sehr abwechslungsreich machen und ihrer Zeit weit voraus waren. Das persönliche Highlight des Autors dieser Zeilen ist jedoch "Glaspalast" mit seinen hypnotischen Synthie-Teppich, Mittereggers schwebendem Gesang und dem explosiven Ausbruch im zweiten Teil.

003 20221119 1686166245Auch diese LP spülte das Unternehmen SPLIFF wieder weit nach oben in die Album-Charts, wenn auch "nur" auf Platz 4. "Herzlichen Glückwunsch" bescherte den vier Musikern 26 Wochen "Standzeit" in den Top 100 und brachte ihnen den Gold-Status ein. Die dazu veranstaltete Tour lief nicht weniger erfolgreich. SPLIFF war damit die einzige deutsche Band, der das Kunststück gelungen ist, gleich zwei Alben in einem Jahr herauszubringen und damit einen dermaßen großen Erfolg zu haben. Mehr noch … sich damit innerhalb so kurzer Zeit einen Ruf zu erarbeiten, der bis heute nachhallt. SPLIFF ist schon seit diesem besonderen Jahr eine Legende.

Im Jahre 1985 folgten mit "Schwarz auf Weiß" ein viertes und letztes Album sowie eine Tournee mit Curt Cress als zweitem Drummer. Danach gingen die Musiker andere Wege und die Band war Geschichte. Unter dem Namen FROON taten sich Potschka, Praeker und Heil mit Lyndon Connah als Sänger zusammen und gingen ab Mitte der 80er nochmals auf die Bühne und ins Tonstudio, aber erreichten damit nicht den Erfolg, den sie mit SPLIFF hatten. Ob man als Fan die 1990 erschienene und unter dem Namen SPLIFF als "Remix-Album" veröffentlichte Platte als fünftes Album zählen möchte oder nicht, bleibt jedem selbst überlassen. Neues brachte es jedenfalls nicht, schwamm nur auf der damals grassierenden Remix- und Bum-Bum-Welle mit, bei der alte Hits im End-80er-Disco-Sound neu gemischt wurden und an der sich auch andere Künstler wie Joachim Witt und Peter Schilling beteiligten, und war das letzte Mal, dass SPLIFF - schon längst aufgelöst - mit einer neuen Publikation von sich Reden machte.

Wir schreiben inzwischen das Jahr 2022 und die Veröffentlichung von "Herzlichen Glückwunsch" jährt sich nun zum 40. Male. Es gibt nach wie vor eine große Zahl an SPLIFF-Fans und das - wie wir hier lesen konnten - völlig zu Recht. Nach Mannes Tod im Jahre 2012 ist eine Reunion der Band aber relativ unwahrscheinlich geworden und das ist - mal ehrlich - auch gut so. Es darf bezweifelt werden, dass in der heutigen Zeit ein solcher Erfolg wie 1982 nochmal zu toppen oder in gleicher Größenordnung zu erreichen wäre. Viel zu viel hat sich in der Szene und beim Publikum verändert, das in der Masse ziemlich anspruchslos schon mit weichgespültem Einheitsbrei aus dem Musiklabor der immer gleichen "Produzenten" zufrieden ist und mit Inhalten in der Musik nur noch wenig anzufangen weiß. So kommen die noch lebenden drei Herren nicht in die Verlegenheit, ihren eigenen Mythos zu zerstören und die Band bleibt uns in guter Erinnerung, so wie heute zum 40. Geburtstag zweier legendärer Alben ...

 

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