Bei den Dreharbeiten zu den Videos der Band "Heilig"
(Regisseur Hanns Christian Müller)

 

 

(Astrid Dornbrach)

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Was ist das für ein Papst, der mit Lagerfeldzöpfchen unter der Mitra seiner E-Gitarre schrille Töne entlockt und gleich von mehreren Evas mit roten Äpfeln betört wird? Und was will er auf der Bühne der Geretsrieder Kleinkunstkneipe "Hinterhalt"? Diese Fragen sind schnell beantwortet: Hier dreht die Münchner Band "Heilig" Musikvideos zu ihrer neuesten CD - unter Federführung des bekannten Regisseurs Hanns Christian Müller ("Kehraus" und "Man spricht Deutsch") Und der "Papst", alias Ron Evans, ist einer der Akteure.

Nicht gerade zaghaft geht Müller in dem Video zu "Apfelbam" mit der Geistlichkeit um: "Gott" löst sich sang- und klanglos in Rauch auf, sobald er nach seiner Existenz gefragt wird, und der "Papst" hat zwar keinen Pferdefuß aber dafür rote Stilettos unter seinem Gewand. "Kann es wirklich sein, dass Gott so kleinlich war, Adam und Eva nur wegen des einen Apfels aus dem Paradies zu vertreiben?", so der Text. "Apfelbam" ist eines der fünf Videos, das Müller mit der Band in und um München gedreht hat. Die Musiker und der Regisseur sind füreinander keine Unbekannten: Vor einigen Jahren produzierte Müller bereits das buchstäblich bissige Video zu "Pit", einem sarkastischen Song über Kampfhunde und ihre Besitzer. Jetzt geht es um fünf Titel der neuen CD, "Kapitel drei". Unterschiedlicher könnten die gar nicht sein - behandelt werden existenzielle Fragen, rasende Eifersucht, der ganz normale Wahnsinn und der "Herz-Schmerz", wenn man sich sehnsüchtig nach dem geliebten Objekt verzehrt.

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Die Musiker der bayerisch-österreichischen Melange Pauli Paulitsch (Gesang), Wiggi Raab (Gitarre), Walter Schmid (Bass), Winnie Thoma (Melodie-Gitarre), Paul Tolloy (Schlagzeug) - er trommelt auch bei Hansi Hinterseer - und Renate Dienersberger (Piano) machen sich als Darsteller ausgesprochen gut. Sie mimen Nonnen und Mönche oder groteske Gestalten, die mit rabenschwarzen Augenringen, bleichen Gesichtern und toupierten Haaren an die Addams Family erinnern, oder tauchen mit absurd-kleinen Instrumenten plötzlich in einer geschlossenen Garage auf. Regisseur Müller sagt den Akteuren vor jeder Kamera-Einstellung detailliert, was er haben will: "Großstadt-Punk" lautet etwa eine Anweisung für die Atmosphäre im "Hinterhalt", den Blick sollen die Musiker gen Sibirien richten, wo immer das in diesem Fall liegen mag. Er ist aber spontan und flexibel genug, auch mal eine selbst gegebene Anweisung fallen zu lassen. "Das ist versehentlich jetzt richtig gut geworden", kommentiert er und die Einstellung bleibt, wie sie ist.
Beim Drehen hat Hanns Christian Müller die Sprunghaftigkeit eines Schachtelteufels. Er sitzt oder steht keine Minute still, geht mal mitten in die Szene hinein, zeigt dem "Papst" - Gast-Musiker Ron Evans - wie er die Gitarre halten soll oder in welcher Formation die Band-Mitglieder auf der Bühne stehen müssen. Ein anderes Mal betrachtet er die Szenerie, wie in Großaufnahme von weitem, um sich ihr dann im Laufschritt und wild gestikulierend wieder zu nähern. Durch die Kamera schauen so profilierte Fachmänner wie James Jacobs und Wolfgang Seibert.
Falls es in einem Musikvideo so etwas wie eine Hauptrolle gibt, hat sie Sänger Pauli Paulitsch. Um ihn herum sind die Geschichten aufgebaut, er ist Mittelpunkt sämtlicher Clips. Schon nach ein paar Minuten staunt man, wie gefühlvoll der Österreicher aus der Steiermark die Texte darstellerisch umsetzt. Bei "Wos host g'macht", einem Song über einen betrogenen Liebhaber, möchte man ihm lieber nicht als die Schuldige gegenüber stehen: Die Augen funkeln wie einem blind-wütigen Dämon, man hat den Eindruck, er explodiere gleich. Ganz anders wirkt Paulitsch in dem Liebessong "Herzschmerz". Mit traurig-verlorenem Blick irrt er durch Schwabinger Kneipen, leere Parks und in U-Bahn-Schächte - immer auf der Suche nach der Geliebten, deren Namen er nicht einmal kennt. Und bei "Des liegt net an mir", einem ironischen Stück über einen selbstmitleidigen Typ, der ständig zu spät kommt und den deshalb das Leben bestraft, überkommt ihn auf Regie-Anweisung ganz einfach der Wahnsinn - er wird in eine Zwangsjacke gesteckt.

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Regisseur Müller ist von den Songs der österreichisch-bayerischen Combo schlicht begeistert: "Mir gefällt der sarkastische Humor der Texte, und manche der Stücke sind ganz einfach schön schräg", sagt er. Besonders gut habe ihm daher "Apfelbam" gefallen. Die Zwiesprache, die Sänger Pauli darin mit Gott führt, inspirierte Müller, selbst Musiker und Komponist, zu allerlei ungewöhnlichen Bildern: "Gott" - dargestellt von einem älteren Architekten - sitzt in einer dämmerigen Schloßhalle und isst Weißwurst. Oder der "Papst" erwehrt sich der unzüchtigen Evas mit dem Segensstab. Müller hatte sich im Vorfeld sämtliche 20 Songs der neuen "Heilig"-CD angehört. "Und dann entschied ich mich für die, die sich visuell am besten umsetzen ließen", erzählt er. Mit Musikvideos hat der 60-jährige, der mit Frau und Kind am Ammersee lebt, bereits reichlich Erfahrung. Mehrere Clips drehte er unter anderem mit den "Toten Hosen", für die er "Sascha" und "10 kleine Jägermeister" schrieb. Die Bilder bei Videoclips seien - im Gegensatz zu anderen Filmen - viel schneller und konzentrierter. Dennoch sei eine kompakte Story auch hier wichtig.

Ein Happyend gibt es nicht in allen der fünf Clips: In einem braust die Freundin dem Sänger im knallroten Nobel-Sportwagen mit dem Gitarristen Wiggi davon, und in "Mama" ist die Mutter nicht gerade begeistert davon, dass der verlassene Sohnemann mit dem Koffer vor der Tür steht. Aber in "Herzschmerz" wird die Geduld und ausdauernde Suche nach der Geliebten schließlich belohnt: Sie gibt dem sehnsüchtig Wartenden ihre Telefonnummer.

Von der Band "Heilig" bisher erschienen sind die CDs "Die Erste" und "Scheinheilig". "Kapitel drei" ist kürzlich auf den Markt gekommen. Als DVD darauf zu sehen sind die fünf Video-Clips.

 

Bitte beachtet auch:
- Die offizielle Homepage der Band HIER klicken
- Plattenbesprechung zu "Kapitel III" HIER klicken.


   
   
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