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Ein Beitrag von Christian Reder (Fotos: Werbematerial SONY)



Ein Sattel ohne Pferd aus Langenhagen
Wer in den 80ern über die Autobahn A2 von Dortmund nach Berlin fuhr und in Hannover vorbei kam, sah in Langenhagen auf der linken Seite das Polygram-Werk. In großen Lettern war der Name des Unternehmens ans Fabrikgebäude angebracht und man wusste: "Da ist Musike drin!" In Langenhagen wurde am 17. August 1982 Geschichte geschrieben, denn mit der ersten Pressung eines damals ganz neuen Formats begann das Zeitalter der Compact Disc, kurz CD.001 20220818 1549463177 Der erste Silberling, der dort hergestellt wurde, war das Album "The Visitors" der Schwedischen Popgruppe ABBA und es war die weltweit erste industrielle Produktion des neuen Mediums. Übrigens noch bevor es überhaupt ein Abspielgerät dafür gab. Dies kam nämlich erst am 1. Oktober 1982 mit dem Sony CDP-101, dem ersten in Serie produzierten CD-Spieler, auf den Markt. Heute undenkbar, zuerst den Sattel und dann das Pferd zu haben.

Schwangerschaft und Geburt
Eigentlich ist die CD schon etwas älter als 40, denn sie wurde der Weltöffentlichkeit am 15. April 1981 in Salzburg im Rahmen einer Pressekonferenz der Entwickler-Firmen vorgestellt. Die CD ist das gemeinsame Baby von Philips/PolyGram und Sony. Philips hatte 1963 bereits die Audio-Kassette entwickelt und war nun auch am Nachfolger beteiligt. Die Unternehmen führten Anfang der 80er diesen optischen Datenträger als ersten digitalen Tonträger alternativ zu den bisher verwendeten analogen Tonträgern Kassette und Schallplatte ein. Dem Endverbraucher wurde die CD im September 1981 auf der Funkausstellung in Berlin präsentiert. Nach ihrer Markteinführung kostete eine CD zwischen 30,- und 45,- DM und es gab knapp 700 Titel, die man im Handel kaufen konnte. Die Player kosteten anfangs noch ziemlich viel Geld, so dass die Umstellung von Vinyl auf CD ein eher teures Vergnügen war.

Legenden und Fakten
Die kleine silberfarbene Scheibe hat eine Größe von 12 Zentimetern und ein "Fassungsvermögen" von 74 Minuten. Aber wie kommen diese Zahlen zustande? Warum ausgerechnet Platz für 74 Minuten? Es hält sich hartnäckig das Gerücht, dass Sonys damaliger Vizepräsidenten Norio Oga für die Größe und Spielzeit der CD verantwortlich war. Der Mann war ausgebildeter Opernsänger und nannte Beethovens Neunte als sein absolutes Lieblingsstück. Sein Wunsch war damals, diese Sinfonie zu Hause einmal ohne störendes Wechseln des Tonträgers in ganzer Länge hören zu können. Die Entwickler und Techniker bei SONY nahmen sich die damals zeitlich längste zur Verfügung stehende Aufnahme aus dem Jahre 1951, dirigiert von Wilhelm Furtwängler, zur Hand und bannten diese auf ihren optischen Datenträger. Das Ergebnis war eine Scheibe mit 12 Zentimetern Durchmesser und einer Spieldauer von exakt 74 Minuten. Eine andere Version der Entstehungsgeschichte besagt, dass es eigentlich die Ehefrau von Oga war, die den Stein ins Rollen brachte und Größe und Spieldauer vorgegeben haben soll. Aus dem Hause Philips war hingegen zu hören, dass die romantische Geschichte aus dem Land des Lächelns nur der PR diente und gar nicht stimme, da die ersten CDs aufgrund der als Datenspeicher beim Mastering-Prozess benutzten U-matic-Kassetten auf 72 Minuten festgelegt war und erst ab 1988 eine Laufzeit von 74 Minuten möglich wurde. Wer auch immer es war und wie es zustande kam: das neue Medium hatte viel Platz, einen guten Klang, war handlich und passte in jede Anzugtasche. Ab 1987 gab es noch ein weiteres, wesentlich kleineres Format, nämlich die nur acht Zentimeter große 3inch CD, die für Single-Veröffentlichungen vorgesehen war. Ganze vier Jahre versuchte man, die Mini-CD zu etablieren, stellte die Produktion aber 1991 wieder ein und veröffentlichte Maxi CDs ausschließlich im normalen 5inch-Format, sprich 12 Zentimetern. Auch das Comeback als "Pockit" Anfang des neuen Jahrtausends war nur von kurzer Dauer.

Im Fachhandel oder Intershop
Während sich der CD-Player in den 80ern in der Bundesrepublik schnell verbreitete, war er in der DDR bis zur Wende nur in Intershops und gegen harte Westwährung erhältlich. Ich erinnere mich an einen Besuch eines solchen Shops in Neubrandenburg im Sommer 1987. Dort stand ein CD-Player der Marke Philips und oben drauf eine CD von LEVEL 42 als einzige im Angebot befindliche Scheibe.002 20220818 1111453778 Es war das 1981 nach sich selbst benannte Album der Briten, auf dem sich keiner ihrer Hits befand, das hauptsächlich Vorführzwecken diente und dort stolze 70,- DM kosten sollte. Das Dreifache von dem, was im Westen in Plattenläden für das damals bereits als "Special Price" angebotene Album aufgerufen wurde. Was der Player kosten sollte, weiß ich heute nicht mehr … Ich hatte zu diesem Zeitpunkt noch kein eigenes Gerät, und so staunten mein Cousin aus der DDR und ich gleichermaßen über die Technik und den doch extrem cool aussehenden Silberling.

Die Mär von der Selbstzerstörung
Meinen ersten Player bekam ich 1988, bis dahin hatte ich noch voll auf die Schallplatte und Kassetten gesetzt. Bei einem Kumpel hatte ich aber die Vorzüge der CD kennen und schätzen gelernt. Beim Computerspielen legte er CDs ein und wenn mal ein Lied nicht passte, wurde weiter "geskippt". Ohne Nadeln weiter führen oder Kassetten vorspulen zu müssen, einfach nur auf eine Taste gedrückt. Praktisch! Und der Klang war tatsächlich gut, da weder Rauschen noch Knistern zu hören war. Gründe, sich auch so ein feines Teil zuzulegen. Mein Erster war ein Modell der Firma SONY und die erste Silberscheibe entweder die "Best of" von OMD oder "Flag" von YELLO. Ganz genau kann ich das gar nicht mehr sagen, weil ich am Anfang beide CDs hatte aber nicht mehr weiß, welche eher da war… Immer mehr löste der kleine Silberling nun die großen schwarzen Scheiben ab. Alben wurden nunmehr auf CD und nicht mehr auf Vinyl gekauft und der Plattenspieler blieb immer öfter aus, weil der CD-Player im Einsatz war. Seit dieser Zeit sammle ich CDs und schätze ihre Vorzüge sehr. Entgegen aller dummen Behauptungen, CDs würden mit der Zeit (es hieß, nach etwa 20 Jahren) nicht mehr abspielbar sein, habe ich zahlreiche Exemplare aus der Anfangszeit 1983 in der Sammlung von denen noch keine irgendwelche Anzeichen von Müdigkeit aufweist. Dieses Gerücht wurde von der Industrie gestreut, damit sich der naive Kunde sein Lieblingsalbum nochmal digital kaufen geht. Hat beim Video-Format ja auch prima geklappt, wurde hier dann übernommen …

ABBA, Karajan und Arrau
Doch was waren überhaupt die ersten CDs, die man kaufen konnte? "The Visitors" von ABBA wurde ja schon genannt. Dazu gab es "Eine Alpensinfonie" von Richard Strauss, gespielt von den Berliner Philharmonikern unter der Leitung von Herbert von Karajan sowie "Walzer von Frédéric Chopin für Klavier", gespielt von Claudio Arrau. Wie schon erwähnt, gab es in Europa zu dieser Zeit noch keine CD-Spieler, weshalb die ersten Pressungen aus Langenhagen statt hierzulande ab Ende Oktober 1982 in Japan verkauft wurden, wo man schon Geräte kaufen konnte. Die erste veröffentlichte Audio-CD der Geschichte ist allerdings das Album "52nd Street" von BILLY JOEL, das SONY am 1. Oktober 1982 zusammen mit dem oben schon genannten Player CDP-101 in Japan auf den Markt brachte.003 20220818 1482291844 Sie gilt als seltenes Sammlerstück und wird gerade im Netz zum Kauf angeboten. Nur ein Anbieter hat sie und möchte für dieses Exemplar "mit Gebrauchsspuren" 350 Britische Pfund haben.

Der Konsument tötet das Produkt
Heute, 40 Jahre nach der ersten Pressung, hat sich die Welt verändert. Wer in diesen Tagen über die Autobahn A2 von Dortmund nach Berlin fährt und in Hannover vorbei kommt weiß zwar, dass dort mal "Musike drin war", wird bei Langenhagen auf der linken Seite aber das Gebäude mit den großen Lettern "Polygram" vergeblich suchen. Hier ist nun die Firma EDC ansässig und unter dem Dach befindet sich das CD-Museum. Die CD selbst liegt im Sterben. Nicht etwa, weil es inzwischen ein viel besseres Format gibt, sondern weil der Großteil der Menschen insgesamt ziemlich oberflächlich geworden ist. Auf Qualität und darauf, für sein Geld etwas in Händen halten zu können, wird nicht mehr allzu viel Wert gelegt. Die Leute ziehen sich Musik heute aus dem Netz, streamen und laden sich was sie hören wollen auf das Smartphone runter. Dass der Künstler dabei kaum noch was verdient, ist ebenso uninteressant wie der minderwertige Klang (und eigentlich auch der Inhalt) des Streams oder der MP3-Datei. Der Sound ist bescheiden, dafür werden die Kopfhörer wieder größer. Das sagt eigentlich schon alles darüber aus, woran so einiges hier im Argen liegt. Für viele Leute ist es wichtiger geworden, bequem auf der Couch sitzen bleiben und sich das lästige Wechseln von CDs sparen zu können. Gäbe es zum Entsorgen der Stoffwechselendprodukte eine App, würde der Mensch dies wahrscheinlich auch mit dem Smartphone erledigen.

Herzlichen Glückwunsch
An den Vorzügen der CD hat sich auch 40 Jahre nach ihrer Einführung eigentlich nichts geändert. Sie ist immer noch handlich, auf ihr ist immer noch genug Platz und sie klingt mit einer guten Anlage immer noch ausgezeichnet. Die Schallplatte hat es geschafft, von den Toten wieder aufzuerstehen. Ich hoffe, dass die CD erst gar nicht komplett sterben muss und auch bald wieder eine Renaissance erleben wird. Trotz schwerer Zeiten: Herzlichen Glückwunsch, Compact Disc. Danke für gute Dienste und massig Platz für heiße Töne.





   
   
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