000 20220811 1142108430
Ein Beitrag von Christian Reder. Fotos: Albrecht Lenk privat



002 20220811 1471159597Sammelleidenschaft
Platten- und CD-Sammler sind ein seltsames Völkchen. Wer weiß das besser als der Verfasser dieser Zeilen, dessen "Medienzimmer" aussieht wie eine Zweigstelle von WOM. Von seinen favorisierten Bands und Solisten will man alles in der Sammlung haben, von den im Laufe der Jahre erschienenen offiziellen Scheiben bis hin zu den Promos und Bootlegs. In stillen (und wenn Kumpels zu Besuch sind auch lauten) Momenten zieht man ein Highlight aus dem Regal und freut sich, dass man Eigentümer dieser kleinen Rarität ist. Es erwärmt einem das Herz, glaubt es mir. Fans der BEATLES, STONES oder ELVIS haben sich da z.B. eine Lebensaufgabe gestellt, denn der Markt ist über und über voll mit Tonträgern aller Art. Ob man da jemals vollständig wird, kann an dieser Stelle nicht beantwortet werden, denn es ist kein Sammler bekannt, der von einer dieser Kapellen wirklich alles hat. Und wer glaubt, diese Musik-Jünger seien schon die Verrücktesten, der kennt DJ Albi alias Albrecht Lenk aus dem Vogtland noch nicht, denn der sammelt keine Platten von Künstlern sondern die eines ganzen Plattenlabels: die vom VEB Deutsche Schallplatten Berlin!

DJ Albi und wie alles begann
In Plauen, genau im Drei-Länder-Eck Sachsen, Thüringen und Bayern, ist der 69-jährige Sammler zu Hause. Dort, wo die berühmte "Spitze" her kommt, lebt er. Im Berufsleben war Albrecht Lenk Bauzeichner, im EDV-Bereich und im Kulturmanagement tätig. Seine Sammelleidenschaft aber löste sein Wirken als "staatlich geprüfter" Schallplattenunterhalter aus, als der er ab 1970 Tanzveranstaltungen mit ausgewählter Musik versorgte. Seitdem landeten schon viele Platten in seiner Sammlung, die vom Rhythmus her zu seinem Vorhaben passten, den Leuten im Saal ans Tanzbein zu fassen. Den Plan, den kompletten Back-Katalog des Labels AMIGA zusammen zu bekommen, fasste er aber erst 1989. Sein Ziel war es, den gesamten kulturellen Schatz des einzigen DDR-Plattenlabels unter dem Dach der VEB Deutsche Schallplatten Berlin zusammen zu tragen - von der allerersten Platte bis zur Letzten. Dabei ließ Lenk aber die Schellack-Platten aus, die bei von der Gründung der Plattenfirma durch Ernst Busch im Jahre 1947 (damals noch als Musikverlag Lied der Zeit Schallplatten-Gesellschaft) bis etwa Ende der 50er angeboten wurden, und bei denen es mit der Platte von Kurt Reimann und den "Caprifischern" (Katalognummer 1101) gleich im Gründungsjahr los ging. Sie hätten ihm rein logistisch den Zahn gezogen, denn diese alten Scheiben sind schwer, und könnten in Massen die Statik ganzer Häuser ins Wanken bringen. Sie sind zudem sehr empfindlich. Eine ungeschickte Bewegung und die Platte ist entweder zerkratzt oder zerbrochen. Wo sollte man die lagern? Also fielen die raus, und es wurde sich seitens des Plauener Musikfreundes nur auf die Vinyl-Scheiben konzentriert, auf denen der VEB Deutsche Schallplatten Berlin ab 1952 erstmals Musik veröffentlichte. Die erste LP, die damals dort auf dem Label AMIGA erschienen ist, war 1963 der Sampler "Amiga-Express 1953/54" (siehe Abbildung rechts, Katalognummer 8 50 001).003 20220811 1292757134 Die erste Single auf Vinyl überhaupt war die von Fred Frohberg & Die Bergols mit dem Schlager "Steuermann, halte Kurs" (Katalognummer 4 50 001) und die erste mit reiner Tanzmusik die der Gruppe Die Cyprys, "Wenn die Jeanne aus Lausanne" (Katalognummer 4 50 016), beide aus dem Jahre 1958 und zu der Zeit noch parallel zur Schellack-Platte heraus gebracht. Während die Express-Platte schon in Albrecht Lenks Plattenschrank steht, ist die erwähnte erste Single noch Teil seiner Suchliste, die Ihr am Ende dieser Seite auch herunter laden könnt.

AMIGA war nicht das einzige Label in der DDR!
Der VEB Deutsche Schallplatten hatte neben AMIGA für die Tanz- und Unterhaltungsmusik auch noch weitere Label wie ETERNA für die klassische Musik, SCHOLA für Schul- und Ausbildungszwecke, NOVA für zeitgenössische Musik (u.a. Platten von Hanns Eisler, Paul Dessau, etc.) und LITERA für das gesprochene Wort (z.B. Hörspiele). Auch diese Platten werden von Albrecht Lenk gesucht und gesammelt, ebenso wie INTERSHOP-Pressungen (Weissmuster-Promos und AWA-Ausgaben) und die Musicando-, Kleeblatt-, ZONG-, GALA, GALA klassik- und DSB-Ausgaben, die nach der Wende als Nachfolger des AMIGA-Labels, aber weiter mit dem AMIGA-Labelcode erschienen. Darüber hinaus gab es in der DDR noch viele Sonderpressungen, die es nicht im normalen Fachhandel gab, z.B. von Betrieben, die Platten mit Musik zum Verteilen an ihre Mitarbeiter in Auftrag gaben, oder solche, die beim Versandhaus Leipzig auf deren Phono-Label, aber mit dem AMIGA-Labelcode, erschienen sind. Hier gibt es z.B. eine heute sehr gesuchte LP von Bob Dylan, die nur an die Mitglieder des Versandhauses Leipzig abgegeben wurde, und danach nie wieder neu aufgelegt wurde.




Ein Einkauf im INTERSHOP
Bis heute weiß niemand, auch Albrecht Lenk nicht, wie viele und welche Platten für die INTERSHOPS hergestellt wurden. Jeder Shop hatte ein anderes Angebot. Die Platten erschienen unter dem Label AWA, aber mit AMIGA-Labelcode, wurden in Potsdam mit originalem Cover der Westplattenfirma als Verkaufsexemplare, Weißmuster- und GEMA/BIEM-Pressungen hergestellt, und kamen dann in die Läden. Es sollen 800 verschiedene Titel erschienen sein, von denen Lenk bis jetzt 600 in seiner Sammlung hat. Es fehlen also noch knapp 200, von denen er nicht weiß, welche das sind. Er hofft, dass ihm weitere durch Zufall in die Hände fallen und die Sammlung Stück für Stück komplettieren werden. Diese und alle anderen ihm bekannten Veröffentlichungen "Made in GDR" listet er feinsäuberlich auf und lässt damit die erste Übersicht aller bei VEB Deutsche Schallplatten erschienenen Scheiben entstehen.

Irrtümer und "Fehlnummern"
Das ist auch gut so, denn auf laufende Katalognummern kann man sich als Sammler von AMIGA-Platten nämlich nicht verlassen. Es gibt dort viele "Fehlnummern", z.B. die Single "Satisfaction" der THEO SCHUMANN COMBO. Sie war Mitte der 60er bei AMIGA geplant, bekam mit 4 50 526 sogar schon eine Katalognummer, wurde letztlich aber nicht gepresst. Die Nummer wurde dann aber auch nicht für die nächste Plattenpressung vergeben, sondern blieb offen. Das macht es für den Sammler richtig schwer und abenteuerlich, denn wenn er davon nichts weiß, sucht er die fehlende Platte vergeblich.

004 20220811 1284792636Achtung Raubkopien
Eine weitere Schwierigkeit für den Sammler sind nach der Wende plötzlich aufgetauchte "Fake-Pressungen", die nicht offiziell sind und trotzdem mit dem AMIGA-Label (oder dem Code) erschienen sind. Die weiter oben schon erwähnte Bob Dylan-LP vom Versandhaus Leipzig ist z.B. so ein Ding. Die tauchte Anfang der 90er plötzlich mehrfach auf. Die "Raubkopierer" haben sich dabei richtig viel Mühe gegeben, und sowohl Cover und Plattenaufdruck 1:1 nachgemacht, so dass der Sammler schon genau hinschauen muss, ob es das Original oder die 90er Fälschung ist. Ebenso sind vier verschiedene Platten von Elvis Presley im Umlauf, die überwiegend in Australien, Neuseeland und den USA aufgetaucht sind. Auch sie haben das AMIGA-Label und Bestellnummern, die aber nicht passen. Vermutlich wollte man eine Platte aus dem sozialistischen Ausland herstellen, auf der ein US-Musiker drauf ist, weil sich sowas gerade bei den Amis in Sammlerkreisen als Kuriosität gut verkaufen lässt. Wer die Dinger aber damals gepresst und unter das Volk gebracht hat, lässt sich nicht mehr nachvollziehen. Ein offenes Auge ist hier also ratsam.


Verschiedene Bezugsquellen
Seit 1990 ist der Plauener für sein Archiv viel auf Trödelmärkten unterwegs, tauscht mit anderen Sammlern oder durchforstet das Internet. "Aber im Internet gibt es nicht mehr viel Neues", erzählt Lenk. "Was dort angeboten wird ist Massenware und Platten, die es in großer Auflage gab." Die wirklich seltenen Exemplare findet man dort eher weniger. Die schlummern sicher noch in irgendwelchen Schränken bei Oma und Opa oder sind nach der Wende in Müllcontainern gelandet. Manch einer ging mit der Musik aus seiner "alten Heimat" nach 1989 bekanntermaßen nicht sehr fein um. Aber wenn Albrecht Lenk mal eine echte Rarität gefunden hat, die noch fehlte und in sammelwürdigem Zustand war, hat er auch schon tief in die Tasche gegriffen. Sein teuerstes Stück in der Sammlung ist eine Scheibe, für die er 500,00 EUR ausgegeben hat. Auch die vorhin erwähnten Fake-Scheiben von Elvis stehen im Schrank und haben ihn damals pro Platte 249,00 EUR gekostet.


005 20220811 1441266951


"AMIGA-Professor" mit viel Sachkenntnis
Albrecht Lenk hat Spaß an seinem Hobby, auch Jahrzehnte nachdem er mit dem Sammeln angefangen hat. Wenn er über das Thema spricht merkt man richtig, wieviel Leidenschaft da drin steckt. Mehr noch …. Sachkenntnis und Hintergrundwissen hat er sich angeeignet, so dass er den Spitznamen "AMIGA-Professor" zu recht trägt. Eigentlich wäre er neben Jörg Stempel von Sechzehnzehn der richtige Mann für den Posten im Münchener SONY-Haus, um den Nachlass des Labels zu pflegen, denn in ihm steckt die Leidenschaft, die bei "installierten" Verwaltern leider fehlt. Und das Thema ist abendfüllend! In diesem Beitrag kann leider nur ein Bruchteil des Abenteuers gezeigt werden, das der Plauener "AMIGA-Professor" tagtäglich erlebt, denn sonst würde dies hier schnell zu einem Buch anwachsen. Vielleicht wird es demnächst weitere Beiträge über ihn und sein Archiv geben. Wahrscheinlich sogar, denn außer den Erzeugnissen des VEB Deutsche Schallplatten Berlin sammelt er auch die Lizenzpressungen aus dem sozialistischen Ausland von Supraphon (CSSR), Melodija (UdSSR), Balkanton (Bulgarien), Pepita (Ungarn) u.a. Langweilig wird es ihm und uns also nicht …

Letzte Töne
Übrigens: Die letzte AMIGA-Platte, die 1989 direkt nach der Wende gepresst wurde, kam schon auf dem DSB-Label raus. Es war das Album "Foreign Affairs" von Tina Turner (Katalognummer 8 56 574).


006 20220811 2051675861


Der hat sie doch nicht alle …
Stimmt, denn trotz jahrelanger Sammelleidenschaft fehlen dem "AMIGA-Professor" Albrecht Lenk noch diverse Platten aus dem Hause AMIGA. Vielleicht kann ja der eine oder andere Leser dabei helfen, dass er sie bald "alle hat". Eine PDF-Datei mit den noch fehlenden Platten kann HIER jetzt herunter geladen werden. Du kannst helfen, Albrechts Archiv zu vervollständigen? Dann melde Dich bitte bei uns. Wir leiten Deine Post an den Archivar direkt weiter ... Entweder per Post an Musik aus Deutschland e.V., Bochumer Str. 144, 44575 Castrop-Rauxel, oder per Mail an .






   
   
© Deutsche Mugge (2007 - 2022)

Wir nutzen Cookies auf unserer Website. Einige von ihnen sind essenziell für den Betrieb der Seite, während andere uns helfen, diese Website und die Nutzererfahrung zu verbessern (Tracking Cookies). Sie können selbst entscheiden, ob Sie die Cookies zulassen möchten. Bitte beachten Sie, dass bei einer Ablehnung womöglich nicht mehr alle Funktionalitäten der Seite zur Verfügung stehen.