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Ein Bericht von Christian Reder. Foto-Quellen: "Museum
im Steintor" Anklam (1) und Werbematerial DEFA (2)



 

 

001 20220715 1916056755Hans ist Jahrgang 1951 und er kommt aus dem Mecklenburg-Vorpommerschen Ducherow. Als Teenager verbrachte er viel Zeit mit seinem Kumpel Siggi, der aus dem wenige Kilometer entfernten Anklam kam, und wenn die beiden etwas unternahmen, dann taten sie dies auch dort. Oft waren die Badeanstalt an der Peene, der Stadtpark oder das Anklamer Kino in der Pasewalker Straße 16 Ziele ihrer Freizeitgestaltung. Man holte nachmittags die Mädels ab, fuhr mit dem Moped auf ein Eis oder in die Badeanstalt, und besuchte am Abend das Lichtspielhaus. An die plüschig roten Klappsitze erinnert sich Hans heute noch und ebenso daran, dass man dort für ein paar Pfennige in die bunte Welt des Films entfliehen konnte. Ende der 60er unternahmen Hans und Siggi mit den Mädels auch einen cineastischen Ausflug an die von Anklam nur einen Steinwurf entfernte Ostsee, und zwar mit dem Film "Heißer Sommer" mit Chris Doerk und Frank Schöbel in den Hauptrollen. Das ist inzwischen 54 Jahre her, aber noch gut in Erinnerung geblieben.

Der Sommer des Jahres 1968 war tatsächlich ein heißer, und der besagte Film passte so richtig zu den Rahmenbedingungen. Trotz der hohen Temperaturen lockte besagter Film die Massen in die Kinosäle. Seine Premiere feierte der Streifen am 21. Juni 1968 auf der Rostocker Freilichtbühne und kam am 28. Juni 1968 in die DDR-Kinos. Innerhalb der ersten Wochen waren bereits über 100.000 Zuschauer in die Kinos geströmt, um sich das von Regisseur Joachim Hasler in Szene gesetzte Filmmusical anzusehen. Er war sozusagen als Programm für die Jugend gedacht und sprach besonders Menschen zwischen 15 bis 2O Jahren an. Hasler wollte für sein Zielpublikum einen frischen und direkt an sie adressierten Musikfilm in die Kinos bringen, der zwar ein Stück "Heimatfilm" aber keinesfalls so kitschig und schwülstig wie die für die "Großen" sein sollte. Dafür war der Regisseur auch von Anfang an in Kontakt mit den Komponisten Gerd und Thomas Natschinski, die mit ihren Kompositionen einen ganz wichtigen Teil des Films schaffen sollten, sowie mit vielen Jugendlichen, um in Erfahrung zu bringen, was sie wirklich interessiert und auch bewegt.




Als Produzenten trat damals die "Gruppe Johannisthal" in Erscheinung, die zuvor schon mit "Reise ins Ehebett" und "Hochzeitsnacht im Regen" zwei Filme in die Kinos brachte, damit aber eher ein älteres Publikum ansprach. Als Hauptdarsteller konnte man die bei der Jugend schwer angesagten Chris Doerk und Frank Schöbel gewinnen, wobei "Heißer Sommer" für die junge Sängerin Doerk ihr Debüt als Schauspielerin darstellte. In weiteren Rollen sind Regine Albrecht, Hanns-Michael Schmidt, Madeleine Lierck und Hans Mietzner zu sehen, die übrigen jungen Leute wurden vor dem Dreh von Joachim Hasler in Laienspiel- und Tanzgruppen entdeckt und haben ihre wesentlichen Aufgaben mehr in den choreographischen Arrangements und den Tanzeinlagen.

Der Film selbst würde heute wohl als "Road Movie" bezeichnet werden, denn er beschreibt die Reise von elf Oberschülerinnen aus Leipzig und zehn Oberschülern aus Karl-Marx-Stadt, deren Wege sich beim Trampen an die Ostsee immer wieder kreuzen. Die Geschichte beginnt auch damit, wie sich die beiden Gruppen zum ersten Mal begegnen und erzählt dann den Wettlauf zum Meer per Anhalter. Darin eingebettet ist eine Dreiecksgeschichte und natürlich das Thema Liebe. Dem Film gelingt es sehr gut, die Spannung vom Beginn der Reise bis zur Ankunft am Ziel mit seinen "Nebengeschichten" gleichbleibend hoch zu halten, auch wenn dies manche Kritiker anders sahen und ihn nicht nur wohlwollend bewerteten ("Doch leider geht dann im Ostsee-Komplex dem Drehbuchautor und seinem Dramaturgen die Puste aus"). Aber "Heißer Sommer" wurde von dem überwiegend jungen Publikum geliebt, womit er das von Regisseur Hasler gesteckte Ziel erreichte und weshalb er heute auch ein Klassiker ist, der gut und gerne noch im Abendprogramm laufen könnte.




Großartige Arbeit lieferten auch die schon erwähnten Komponisten Gerd und Thomas Natschinski ab, denn es gab bis dahin keinen DEFA-Film, in dem die Musik so wirkungsvoll und auch für die Handlung von Bedeutung war, wie bei "Heißer Sommer". Den Verdienst dafür dürfen sich die Natschinskis und mit ihnen auch die Textautoren Jürgen Degenhardt und Hartmut König einstreichen, die sich eine spritzige, eingängige und abwechslungsreiche Musik und ebenso originelle Texte haben einfallen lassen.-002 20220715 1432072291 Startend mit dem einleitenden Fox von den "Männern, die noch keine sind", der auch abseits des Films in den Hitparaden zum Erfolg wurde, über die flott arrangierte Beat-Nummer "Woher willst du wissen, wer ich bin?", bis zum dem Film seinen Namen gebenden Hitze-Hit, bei dem die hohen Temperaturen aus jeder Note heraus dampfen, ist "Heißer Sommer" durchzogen mit erstklassigen und stilistisch abwechslungsreichen Songs, die in Ohr und Bein gehen.

Am Ende wurde der Film auch ins sozialistische Ausland, u.a. nach Bulgarien, die CSSR und Ungarn, verkauft und hatte in den DDR-Kinos über 3,4 Millionen Besucher. Vier davon waren Hans, Siggi und ihre Freundinnen. Der Film ist für Hans noch immer eine schöne Jugenderinnerung, denn er rundete damals vor über 50 Jahren einen perfekten Tag ab. Denkt er heute an den Film, kommen ihm auch die Erinnerungen an die Badeanstaltm an der Peene wieder in den Sinn, in der der "Heiße Sommer" auf ganz kleiner Ebene "nacherlebt" wurde, und auch an das Eis, das es in einer Gaststätte an der Demminer Straße gab und für das sich eine Reise in die Nachbarstadt lohnte. Aber natürlich erinnert er sich auch noch gut an die Mädels, von denen er Illona heute ab und an noch beim Einkaufen trifft. Hans lebt noch immer in Ducherow, aber vieles hat sich mit den Jahren verändert. Die Badeanstalt in Anklam ist schon lange geschlossen, das Kino in der Pasewalker Straße fiel vor ein paar Jahren der Abrissbirne zum Opfer und auch sein Kumpel Siggi ist nicht mehr da. "Wo der abgeblieben ist, weiß niemand", erzählt Hans und hofft, "dass es ihm da wo er steckt auch gut geht". Dieses Lebensgefühl der späten 60er und frühen 70er, das er in der DDR hatte, iost komplett weg und nur noch in seiner Erinnerung vorhanden. "Die Menschen von damals sind alle weg, die Uhren haben sich einfach weiter gedreht", sagt er. Zu Hause hat er die DVD mit dem Film "Heißer Sommer" und einmal im Jahr wird er auch geschaut. Immer im Sommer, immer im Juli und immer in der Ferienzeit. So wie damals eben. Gern würde er diees auch mal wieder im Kino tun, aber Kinos wie das in der Pasewalker Straße mit den plüschig roten Klappsitzen und dem Hauch der alten Zeit gibt es heute nicht mehr. Ob der Film in einem der neuen Lichtspielhäuser funktionieren würde, glaubt Hans eher nicht







   
   
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