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Ein Nachruf von Christian Reder mit Unterstützung von Bernd Aust
und Gerd Fritzsche und mit Fotos von Tina Hut und Olaf Telle



Manchmal sorgt der Zufall dafür, dass wir in den Genuss ganz besonderer Dinge kommen. Besondere Dinge wie z. B. die einzigartige Stimme eines Sängers oder das große Talent eines Musikers an seinem Instrument. In den Genuss der Talente eines Peter "Mampe" Ludewig wären wir z. B. nie gekommen, hätte es da in den 60ern des letzten Jahrhunderts nicht einen anderen Sänger gegeben, der dem jungen Peter Ludewig ob seiner grandiosen Stimme anriet, sich ordentlich ausbilden zu lassen. "Mampe" kam eigentlich vom Bau und verdiente dort als Fliesenleger seine Brötchen. Schließlich absolvierte er dann eine Chorsänger-Ausbildung und kam über den Umweg am Görlitzer Theater schließlich an der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber in Dresden an,001 20211227 1118281685 wo er seinem Können - allerdings dem an einem Instrument - den Feinschliff gab. Außer mit seiner Stimme wusste "Mampe" nämlich auch sehr gut mit dem Schlagzeug umzugehen, weshalb er sich um einen Studienplatz als Trommler bewarb. Er wurde angenommen und plötzlich war der junge Mann auf einer ganz anderen Baustelle tätig, die sich Kunst nannte …

Dort, an der Hochschule in Dresden, verfeinerte er nicht nur sein Können, sondern hatte auch eine wichtige und sämtliche Lebenspläne verändernde Begegnung: Er traf auf Bernd Aust. Die beiden Jungs waren dort in einer Klasse. Darin waren insgesamt sieben Tanzmusiker, aber interessanterweise handelte es sich da um eine "Gesangsklasse". Das lag daran, dass diese sieben Musikanten nicht mit den anderen aus dem klassischen Bereich kommenden Instrumentalisten zusammen studieren durften, und deshalb in der Klasse für Sänger landeten. Warum das so war, lässt sich heute nicht mehr rekonstruieren, zum Nachteil gereichte es den Studenten aber nicht. Im Gegenteil, denn in der "kleinen" Gruppe fand man schneller zusammen, und wenn die Tür nach dem Unterricht zu ging, musizierte man abseits des Studiums noch weiter. "Mampe" und Aust wurden sehr schnell die besten Freunde. Bernd Aust erinnert sich noch heute: "Das war nicht nur eine enge Freundschaft, wir haben förmlich aufeinander gehangen. Die Musik war unser Ein und Alles." Über die Zeit wuchs in beiden dann auch eine Idee und man heckte schließlich gemeinsam den Plan aus, eine Rockband zu gründen. Die beiden Freunde fanden mit Helmut Rinn, Karl-Heinz Ringel und Ekkehard Berger weitere Rock'n'Roll-interessierte in ihrer "Gesangsklasse", und die Gruppe electra war geboren. Statt Mörtelstein und Kelle waren nun Schlagzeug und Stimme die neuen Werkzeuge von "Mampe", und die Montage sollte bald schon Tournee heißen.

In der Anfangszeit, so erinnert sich Bernd Aust heute noch, war "Mampe" ein sehr einfallsreicher Musiker, der viele gute Ideen in die noch junge Band electra einbrachte. Er und der damalige Keyboarder Karl-Heinz Ringel steckten oft die Köpfe zusammen und probierten kompositorisch einiges aus, das immer ein bisschen neben dem Strom her lief. Das machte die Musik der Band anders und unterschied sie von den anderen Kapellen dieser Zeit deutlich. Das war nur ein besonderes Markenzeichen des Peter "Mampe" Ludewig, dessen Spitzname ihm einst ein lustiger Zeitgenosse verpasst hat und der seinen Ursprung im gleichnamigen Likör hat. Ein weiteres unverkennbares Markenzeichen war natürlich seine eingangs dieses Beitrags schon hervor gehobene Stimme. Selbst abseits der Bühne sorgte er damit für offen stehende Kinnladen. Für Song-Aufnahmen ging die Band nicht selten ins Leipziger Funkhaus. Bei einer dieser Termine schnappte sich "Mampe" eine der bandeigenen Equipment-Kisten, in der sich Echogeräte und Verstärker befanden und die hundsschwer gewesen sein muss, hob sie sich auf die Schulter und trug sie den langen Flur zum Aufnahmeraum hinunter. Dabei sang er das hohe C ohne aufzuhören, während er den Gang samt Kiste auf der Schulter entlang lief. Zeitgleich hatten die Chor-Sänger im Rundfunksaal ihre Probe und staunten nicht schlecht über das was der kleine pummelige Mann da aufführte. Eine Erinnerung, die seinem Kumpel Bernd auch in diesen traurigen Momenten direkt nach "Mampes" Tod ein Lächeln ins Gesicht zaubert.



Die erste Plattenveröffentlichung hatte die Band übrigens im Jahre 1971. Das Lied "Der neue Tag" wurde beim Label AMIGA in der Reihe "DT64 Musikstudio" als Single veröffentlicht. Der Text zu der von electra vertonten koreanischen Folklore stammt dann auch aus "Mampes" Feder. So hinterließ der singende Drummer außer am Mikro und hinter dem Schlagzeug auch mit Texten und Kompositionen ("Der grüne Esel", "Weiter weiter") seine Spuren in der Band-Historie.

Bis 1984 war "Mampe" bei electra, dann folgte sein Ausstieg. Grund dafür war ein Verkehrsunfall, den die Band damals hatte. Die Musiker saßen alle in einem Auto - "Mampe" neben Bernd Aust, der das Fahrzeug lenkte - als sie einem anderen Fahrzeug hinten auffuhren. "Mampe" brach sich durch den Aufprall ganz unglücklich den Arm, und diese Verletzung setzte seinem weiteren Wirken bei electra ein Ende. Zum großen Bedauern seiner Kollegen und der Fans verließ er die Band. Nach einem Intermezzo bei der Gruppe SIMPLE SONG, suchte er ab 1985 mit einer Mischung aus Rock und Satire sein Glück im Start einer Solo-Karriere. Ein Programm mit dem Namen "Mampe in spe" brachte ihn im In- und Ausland nicht nur auf die Bühnen zurück, sondern Rundfunkproduktionen wie "Der Tenor" und "Hilfe, ich platze" auch ins Radio und Fernsehen.

Wie sehr "Mampe" den electra-Fans fehlte, erfuhr er bei einem Gastauftritt bei seiner ehemaligen Kapelle im Jahre 1996 am eigenen Leib. Die Band spielte damals in Freital, er betrat die Bühne und noch bevor ein Ton erklungen war, rastete das Publikum schier aus. Aus dem Gastauftritt wurde schließlich ein Dauer-Abonnement und "Mampe" gehörte wieder fest zum Ensemble. Bis ins Jahr 2014 brachte er den Leuten den "Grünen Esel" wieder regelmäßig zu Gehör und das Gefühl, "Wenn deine Seele brennt", in die Herzen. Dann setzte ein erneuter gesundheitlicher Rückschlag den Schlusspunkt hinter seine musikalische Karriere.002 20211227 1201741589 Ein erlittener Schlaganfall ließ ein Weitermachen nicht zu, denn nach dem Schlag blieb eine Hälfte des Körpers gelähmt und er war körperlich unten. Die Ärzte stellten ihm damals keine gute Prognose aus. Als einer der Weißkittel seiner Frau die Mitteilung machte, dass da nur wenig Hoffnung sei und "Mampe" wohl ein Pflegefall bleiben würde, bekam er das mit und in ihm wurde der Wille geweckt, diese Prognose nicht wahr werden zu lassen. Das wollte er nicht, er wollte leben, und dafür begann er zu kämpfen. "Mampe" kam nach längerem Krankenhausaufenthalt heim, machte fleißig Übungen und arbeitete sich so Stück für Stück ins Leben zurück. Wie einst nach dem Verkehrsunfall, nur auf einer anderen, weitaus schwereren Ebene. Die Lähmung aber blieb …

Überhaupt sei "Mampe" ein fröhlicher Mensch gewesen, der trotz seines Handicaps Spaß am Leben hatte. In seiner Wohnung hatte er ein eigenes Zimmer in dem er seine Platten, CDs und Bücher aufbewahrte, sortierte, archivierte und in aller Ruhe anhören konnte. Als er nach dem Schlaganfall auf einen Rollstuhl angewiesen war, richtete er es sich neu ein, damit er in der sitzenden Position auch gut an seine Musik heran kam. Diese Freude am Leben hatte er bis zum Schluss und hätte sie wahrscheinlich immer noch, wäre der vergangene Oktober nicht gewesen. Seine Frau musste sich einer Rücken-OP unterziehen und damit seine Versorgung während dieser Zeit sichergestellt war, begab er sich deshalb in eine Kurzzeitpflege. Dort zog er sich eine Lungenentzündung zu, die zuerst als solche aber nicht erkannt wurde. Seine Frau und seine Kinder konnten ihn wegen der OP und wegen der Corona-Hygieneregeln nicht in dem vorübergehend bezogenen Zimmer im Heim besuchen, so dass sie von seiner Erkrankung zuerst nichts mitbekamen und auch nicht entsprechend reagieren konnten. Das Personal im Heim erkannte sie trotz direktem Kontakt mit ihm erst gar nicht. Erst als er keine Stimme mehr hatte und es ihm richtig mies ging, kam "Mampe" ins Hospital, wo schnell festgestellt wurde, dass er eine schwere Lungenentzündung hatte. Auch in dieser Situation gab es für ihn kein Aufgeben. Sein Ziel war es, die Lungenentzündung zu überstehen und schnell wieder nach Hause zur Familie und seiner Musik zu kommen. Dies gelang ihm leider nicht. "Mampe" starb einen Tag vor Heiligabend. Er wurde 80 Jahre alt …



Dieser typische Rockmusiker war Peter "Mampe" Ludewig irgendwie nie. Weder vom äußeren Erscheinungsbild noch von seiner Art her. Nicht nur seine Kollegen aus der Musikszene beschreiben ihn als Kumpel von nebenan, der das Leben genoss, stets lustig drauf und gut gelaunt war, und dem man als Dresdener auch mal beim entspannten Einkaufen begegnen konnte. Ein Mitglied des Sachsendreiers erzählte z. B. vom Catering bei einer Mugge, als es halbe belegte Brötchen gab. "Mampe" schaffte davon elf Stück und ging anschließend gestärkt auf die Bühne, um das Publikum mit seiner Stimme umzuhauen. An solch lustige Anekdoten und schöne gemeinsame Stunden erinnert sich heute auch sein Kumpel Gerd, der vom "einfachen" electra-Fan in den 70ern zum später engen Freund "Mampes" wurde. Anfangs traf man sich bei Konzerten oder in Dresden auf der Straße, später wurde der Kontakt enger, besonders durch die "IG Rock" (Interessengemeinschaft für Rockmusik) aus Dresden, Anfang der 1980er von Frank-Endrik Moll gegründet, in der Gerd Mitglied und "Mampe" als Teil von electra gelegentlich zu Gast war. Diese "IG Rock" organisierte viele Abende für die Hardcore-Fans, zu denen Bands aus der Region, z. B. Zwei Wege, Simple Song, Generator oder eben auch electra eingeladen wurden. Es gab einen Auftritt und anschließend konnten die Besucher mit den Musikern ins Gespräch kommen. So lernte Gerd viele Musiker kennen, "Mampe" aber näher und besser. Der Kontakt blieb auch trotz eines Umzugs und der damit einher gehenden räumlichen Trennung bestehen. Man traf sich bei Heimatbesuchen immer mal wieder bei "Mampe" zu Hause oder im Schrebergarten, tauschte Musik und sprach über die Neuigkeiten aus der Szene. Gerd mochte an "Mampe" besonders seinen feinen Humor und seine positive Lebenseinstellung. Befragt, wie er sich diese bei den schlechten Nachrichten in der Welt bewahren könne, meinte er nur, "Och weeßte was? Ich will mich ja nicht ärgern. Es gibt da an dem Gerät so'n Knopp, da drehste dran und dann ist das Ding aus!" Diese lustigen Sprüche hatte er auch in Momenten parat, wenn es mal nicht so rosig lief. Ein Vorbild an Optimismus. Von diesen Menschen wünscht man sich gerade jetzt in diesen Zeiten viel mehr. Einen Großen dieser Art haben wir nun verloren. Was bleibt ist neben der Traurigkeit über den Verlust aber vor allem die Dankbarkeit dafür, dass er den Fliesenkleber einst zur Seite legte, den Beruf wechselte und uns viele tolle Momente in der Musik schenkte, die wir teilweise heute noch aus der Konserve genießen können. Danke "Mampe" und komm gut rüber …





   
   
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