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Ein Nachruf von Dirk Zöllner



Mittwoch, 13. Oktober , gegen Mittag. Eine Whatsapp von Dirk Michaelis erreicht mich, als ich gerade mit Freundin und Kindern zu den Herbstferien in Spanien gelandet bin: "Hultzschi ist tot!"

Wie ein Lauffeuer verbreitet sich die Hiobsbotschaft im großen Freundes- und Bekanntenkreis von Frank Hultzsch. Er war am Montag und Dienstag nicht auf Arbeit erschienen, woraufhin seine Chefin die Polizei alarmierte. Es kam nie vor, dass er einfach so wegblieb, er liebte seinen Job als Musiktherapeut, war damit erfolgreich und sehr beliebt. Am Dienstag, dem 12. Oktober 2021 wurde er tot in seiner Wohnung aufgefunden. Einen letzten Kontakt zu ihm gab es am Abend des 9. Oktobers. Niemand kann genau sagen, was unseren Hultzschi mit gerade mal sechzig Jahren so plötzlich aus dem Leben gerissen hat. Krank war er nicht. Von einem Sturz mit dem Fahrrad wird gemunkelt. Er hatte sich wohl eine Rippe gebrochen und auf der Arbeit über anhaltende Schmerzen geklagt. Vielleicht wurde bei der ärztlichen Untersuchung etwas übersehen?

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Frank Hultzsch


Verdammte Scheiße, Hultzschi ist nicht mehr da! Und wie immer hinterlässt er uns sein kleines Geheimnis. Es war noch im Land vor unserer Zeit, in den Tagen der friedlichen Revolution, als er begann, eine Geschichte im Tourbus zu erzählen. Wir waren alle noch keine Dreißig und wussten nicht viel von der Welt. Er wusste alles! Und er fragte uns auf einer nächtlichen Heimfahrt vom Konzert, ob wir schon mal was von der kolumbianischen Schweinepest gehört hätten. "Nein? Na dann kommt mal ran, liebe Kinder!" Hultzschi musterte uns mit traurigem Gesicht. Lange und nacheinander. Und begann schließlich in ernstem Ton zu erzählen: Zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts waren große Teile des kolumbianischen Regenwaldes dem menschlichen Bedürfnis nach wertvollen Hölzern und Weideland zum Opfer gefallen und mit ihm verschwand auch der Lebensraum für eine vielfältige Tierwelt. Und weil nun der fruchtbare Boden keinen Halt mehr fand, wurde er von den starken Regengüssen hinfortgespült und es blieb nichts übrig, als ausgedörrte rote Tonerde. In den Regenzeiten wurde das Brachland nun aber von den großen kolumbianischen Wildschweinen heimgesucht, welche sich mit Vorliebe in den schlammigen Pfützen suhlten. Die Tiere verfügten über einen imposanten Schweif, dessen Ende in einem haarigen Puschel mündete und genau dieser Schmuck wurde der gesamten kolumbianischen Schweinerei letztendlich zum Verhängnis. Wegen des ständigen extremen Wetterumschwungs - anhaltender Regen und gleißende Trockenheit - bildete sich am puscheligen Schwanzende ein stetig wachsender Tonklumpen. Nach jedem Schlammbad wurde die Kugel von einer neuen Tonschicht überzogen und anschließend im Sonnenlicht ausgehärtet. Das gewaltige Gewicht am hinteren Ende des großen kolumbianischen Wildschweines straffte schließlich die Rückenhaut - bis hin zur Stirn - derartig, dass die Tiere irgendwann die Augenlider nicht mehr schließen konnten. Eins nach dem anderen verstarb so an Übermüdung. Als es fast die gesamte Population dahingerafft hatte, gelang es einem schottischen Wissenschaftler die letzten überlebenden kolumbianischen Wildsauen mit arabischen Hengsten zu kreuzen. Das gelungene Experiment fand auf der zu Schottland gehörenden Shetland-Insel statt und die Nachfahren der legendären kolumbianischen Schweine erfreuen sich nun als Shetland-Ponys weltweiter Beliebtheit. Aber das ist schon wieder eine andere Geschichte und die wurde uns von Hultzschi auf einer anderen Heimfahrt erzählt.

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Die Zöllner mit Frank Hultzsch (im roten Kreis)


Fünf Jahre lang, von 1988 bis 1993, spielte er als Posaunist bei den Zöllnern. Doch er erzählte nicht nur Geschichten aus der großen weiten Welt, sondern auch Unglaubliches von seinen Lehrjahren auf der Musikhochschule Hanns Eisler in Berlin. Alfons Wonneberg, der Direktor, hatte es ihm da besonders angetan. Dessen liebevoll-cholerischer Führungsstil lieferte unserem Hultzschi Stoff für unzählige Storys. Leider hat er sie nie aufgeschrieben, aber sie sind legendär und sie werden permanent weitererzählt. Und stehen der sagenhaften Geschichte um die kolumbianische Schweinepest in nichts nach! Frank Hultzsch hat seine unbändige Kreativität aber auch dafür genutzt, unzählige Bläserarrangements zu schreiben. Für die ersten drei Alben der Zöllner, für Die Ärzte, für Silly, Kerschowski, die Blankenfelder-Boogie-Band und das East-Blues-Orchester. Er spielte in Andrej Hermlins Swing-Dance-Orchester, im Orchester des Friedrich-Stadt-Palastes und leitete selbst das Modern-Swing-Orchester. Neben Dirk Michaelis, Bettina Labeau, Judy Weiß, Hendrick Bruch, Karsten Speck u.v.a., konnte auch ich dort als einer der Gastsolisten in Erscheinung treten.

Nach seinem Ausscheiden bei Die Zöllner eröffnete Frank Hultzsch "Die Tute", eine Szenekneipe neben der Kulturbrauerei am Prenzlauer Berg. Die gesamte Ostberliner Musik- und Kunstszene gab sich hier anfänglich die Klinke in die Hand. Viele Kollegen glauben, dass Hultzschi unter der Beliebigkeit des neuen Musikmarktes litt und der Ausflug in die Gastronomie ein bewusster Rückzug gewesen sei. Er konnte durchaus ein hervorragender Gastgeber sein, aber manchmal hatte Hultzschi auch keinen Bock mehr auf das Kneipengelaber. Mit den Jahren immer weniger. Der Platz, der ihm gebührte, war die Bühne. Er vergrub seine Sehnsucht immer öfter unter einer spöttischen Grummeligkeit. Damit konnte er gelegentlich den ganzen Raum ausfüllen und so fanden sich auch immer weniger Menschen in der Tute ein. Zum Schluss war ich einer der wenigen, die regelmäßig an seiner Theke strandeten. Manchmal der Einzige und an guten Tagen erfuhr ich eine der Fortsetzungen der großen Legende ohne Ende. An anderen Tagen klammerte ich mich an meinen Rotwein und hielt einen Monolog gegen die Wand.

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Für das Album "Ostende", welches ich gemeinsam mit IC Falkenberg kurz nach der Jahrtausendwende konzipierte, spielte Frank Hultzsch Posaune und arrangierte die Bläsersätze. Ebenso auf meinem Soloalbum "Wo ist der Hund?". Auch live war er immer mal wieder in meine Projekte involviert, außer bei Ostende auch in meiner Russenconnection und bei der großen Reunion von Die Zöllner auf der Freilichtbühne in Weißensee. Und dann, vor etwa zehn Jahren, sind unsere musikalischen Begegnungen versiegt. Ich glaube, es gab einen kleinen Streit, aber ich weiß nicht mehr, worum es genau ging. Ich habe ihn dann immer nur noch gesehen, wenn Die Zöllner um die Weihnachtszeit im Kesselhaus spielten. Auf dem Hof der Kulturbrauerei findet immer ein Weihnachtsmarkt statt, wo auch Hultzschi traditionell seinen Stand aufbaute. Er hat dort Glühwein und seinen legendären Elch-Gulasch angeboten. Zwischen Soundcheck und Konzert versuchte ich ihm alljährlich ein paar Worte zu entlocken. Manchmal ist es mir gelungen. Aber an eine Fortsetzung der Geschichte, war zwischen Tür und Angel nicht zu denken. Ich bin sehr traurig darüber, dass ich es nicht geschafft habe, die intensive Begegnung mit diesem besonderen Menschen zu erneuern. Ich habe ihn die letzten Jahre vermisst und ich vermisse ihn vor allem in diesem Moment in tiefer Trauer.

Du wunderbarer Spinner, Du großartiger Musiker und Arrangeur. Du alter Grummelkopp! Mein lieber alter Freund! Dein Scholle (Dirk Zöllner)
 
 




   
   
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