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Ein Beitrag von Christian Reder. Bei den eingebundenen Bildern handelt
es sich um Screenshots aus Clips der Polizei, der Helios Klinik und der BVG

 

001 20210220 1307791506Master KG. Noch nie gehört? Nicht schlimm. Hinter diesem Namen steckt der 25-jährige Südafrikaner Kgaogelo Moagi, der in Bezug auf berufliche Tätigkeiten die Angaben "Sänger, DJ und Musikproduzent" macht. Er hat bisher noch keine bleibenden Spuren hinterlassen, außer mit dem Song "Jerusalema" einen kleinen Hit zu landen. Wie dem auch sei … Dieser Master KG hat unlängst besagtes Lied gemacht, das uns allen wahrscheinlich gar nicht aufgefallen wäre, hätte es nicht jemand als Titelmelodie für eine "Challenge" ausgewählt. Eine Challenge, die die Gemeinsamkeit in Corona-Zeiten stärken, und die für die mental schwächelnden Mitglieder unserer Gesellschaft der stärkende digitale Löffel Lebertran sein soll. Das Lied wurde als Grundlage für einen Tanz ausgewählt, den viele Menschen tanzten, sich dabei filmten und das Ergebnis dann ins Netz stellten. Ein Gute-Laune-Verbreiter in Kurzfilm-Form, in denen Polizisten, Krankenschwestern, Ärzte, Postboten, Verkäufer, Handwerker, Privatpersonen und andere Mitmenschen, die man nicht unbedingt in Truppengröße auf einem Flur, Parkplatz, Park oder Hinterhof hüpfend anzutreffen vermutet hätte, zu sehen sind. Das macht es ja zusätzlich interessant, wenn Leute, die beruflich sonst eher stocksteif wirken, plötzlich abgehen wie ein Eichhörnchen auf eine koffeinhaltige Brause aus Österreich. Die Idee kann man doof, albern und überflüssig finden, man sollte aber auch akzeptieren, dass es vielen Leuten Freude bringt, sich das im Internet anzuschauen oder es vielleicht sogar nachzumachen. Wir haben ja gerade auch sonst nüscht.

Alles gut, soweit. Könnte man denken. Doch vor ein paar Tagen machte eine Meldung die Runde, die mal wieder so typisch für dieses Land ist. Es gibt Abmahnungen für die, die das Lied in Verbindung mit den selbstgefilmten Tanzeinlagen nutzten und als Clip veröffentlicht haben.002 20210220 1141992146 Zum Stress auf der Arbeit und im Leben nun also auch noch finanzielle Sorgen. Da kriegt der Tag gleich Struktur. Nun war mein erster Gedanke, dass da mal wieder die Brigade von der GEMA eine zusätzliche Einnahmequelle gewittert hat. Die waren in der Vergangenheit ja schon damit aufgefallen, Kindern die Gesangsbücher mit Kinderliedern aus den kleinen Händen zu reißen, weil ihr Gitarre spielender Onkel in der "Brombeer-Gruppe" nicht die nötigen Gebühren dafür abgedrückt hat, damit traditionelles Liedgut an die nächste Generation weitergegeben werden kann. Aber die waren es (dieses Mal) nicht. Vielmehr war das Hamburger Plattenlabel Warner Music auf den Plan getreten, um die Rechte seines Schützlings Master KG zu verteidigen. Warner, einer der letzten verbliebenen Dinos aus der Plattenlabel-Steinzeit, die derzeit nur noch Massen an Musikrechten (darunter fast alle Klassiker) und ein gut funktionierendes Vertriebsnetz als Faustpfand haben, sonst aber eigentlich komplett überflüssig geworden sind. Sicher nur aus Gründen der Ökonomie hat der zuständige Haus-Jurist in dieser äußert delikaten Angelegenheit gar nicht erst die Abteilungen "Kommunikation" und "Zwischenmenschliches" in ihren Home-Offices damit belästigt und gleich die Kollegen von der Abmahn-Verteilerstelle gebeten, neue Akten anzulegen und Grußbotschaften mit Zahlungshinweisen im ganzen Land zu verteilen. Hier wurde sich an urheberrechtlich geschütztem Material aus dem Hause Warner vergriffen. Massenhaft, ungefragt, womöglich mit Gewinnerzielungsabsicht. Gewinnerzielungsabsicht? Ja sicher! Immerhin könnte die Gesamtsumme aller Zugriffe des Tanzvideos bei einem Streaming-Portal so viel abwerfen, dass sich das tanzende Ensemble am Ende des Jahres zur Weihnachtsfeier eine Runde Glühwein gönnen könnte. Glühwein, der aber eigentlich Master KG zusteht, und den dieser sicher auch gern trinken würde, wären da nicht diese plündernden Horden! Und weil das nicht geht, grummelt der alte Dino Warner laut, speit Feuer und macht selbiges jetzt all denen unterm Hintern, die sich seiner Sachen bedient haben. Da muss er intervenieren, denn die Rechte seiner Künstler sind dem alten Dino ganz wichtig.

003 20210220 1304092735Was der alte Dino Warner aber so gar nicht bedacht hat ist, dass KEINEM (!) der dort mitwirkenden Gruppen von ganz normalen und systemrelevanten Menschen (also die, die was für die Allgemeinheit leisten, liebe Warners) in den Sinn gekommen war, sich durch die Nutzung des Liedes zu bereichern oder gar so viel Kohle damit zu machen, um sich ein Ferienhaus in Südfrankreich zusammenzusparen. Es war auch nie die Absicht, den Künstler durch die Verwendung seines Liedes ins Armenrecht zu treiben. Es ging um das Verbreiten von Freude und darum, solche selbst zu erleben. Darum, anderen etwas Gutes zu tun und Spaß zu machen in Zeiten, die alles andere als spaßig sind. Und dafür bedienten sich die Menschen eines Instruments, das von Natur aus dafür am besten geeignet ist, nämlich der Musik. Dummerweise taten die Menschen dies, ohne die urheberrechtlichen Aspekte dabei zu beachten, denn vor dem Spaß kommt immer erst die rechtliche Seite. Auch wenn niemand das Lied letztlich als sein eigenes angegeben und sich damit womöglich schon für den Eurovision Song Contest angemeldet hat, wurden da Rechte verletzt. Das streitet ja auch niemand ab. Kacke passiert eben. Aber auf der anderen Seite kennt man sich als Polizist, Arzt oder Pflegekraft rechtlich nicht so gut aus und in der wenigen verbleibenden Zeit zwischen Leben retten, für Ordnung sorgen, für andere da sein und der Freizeit, in der diese Videos gemacht wurden, gab es sicher kein Fenster mehr um vor dem Drehen eines "Homevideos" noch schnell ein rechtswissenschaftliches Fachseminar im Bereich Wirtschaftskriminalität zu besuchen. Mensch, die Leute wollten sich und anderen was Gutes tun ohne jemandem zu schaden. Punkt! Hier wären dann wieder die Leute aus den schon genannten Abteilungen "Kommunikation" und "Zwischenmenschliches" gefragt gewesen. Die hätten lenken, aufklären, Kontakt suchen oder einfach mal den Lieben Gott einen guten Mann sein lassen können, wenn es sich um eine Aktion wie diese handelt. Recht haben ist nämlich nicht immer Recht haben.

004 20210220 1552270142Und hier hätte man echt als großer Gewinner rausgehen können, wäre einem auf den letzten Metern nicht noch der Genügensack geplatzt. Dabei ist niemand zu Schaden gekommen, die Welt dreht sich immer noch und ein Lied namens "Jerusalema" hat mehr Menschen erreicht, als es das ohne diese Challenge je getan hätte. Dafür braucht es aber Weitblick, Fingerspitzengefühl und Empathie. Bereiche, die in den für diesen Job benötigten Studiengängen aber ganz offenbar nicht behandelt werden, was nicht nur schade sondern - wie wir hier ja sehen können - auch äußerst gefährlich ist. Ein Kollege wie der, der das beschriebene Szenario angezettelt hat, hätte sich in meiner Firma die längste Zeit an meinen ledernen Büromöbeln wunde Stellen gesessen und die Hände an der Kaffeetasse gewärmt. Aber vermutlich hat er im Sinne des Konzerns alles richtig gemacht und nur deren Philosophie vertreten, denn um das Eigentliche ... die Musik ... die Seele ... das Menschliche ... Geht es bei den Dinos der Musikindustrie doch schon lange nicht mehr. Und weil Größe zeigen in diesem Geschäft seit Jahren auf dem Rückzug ist, muss man heute auch nicht mehr mit plötzlich auftretendem Gegenverkehr rechnen.

Heinz Rudolf Kunze sagte mal in einem unserer Interviews, er würde den Niedergang der Musikindustrie selbst noch erleben. Das war keine kühne Prognose, denn das läuft schon. Hier haben ein paar Mitmenschen zu dicht an der Höhle des Dino eine Blumenwiese angepflanzt, nur um die Umwelt etwas schöner und erträglicher zu machen. Diese zerrt er sich nun schnaufend und dampfend mit beiden Pranken in seinen Unterschlupf. Futterneid? Panik? Überlebenskampf? Die Dino-Welt löst sich schon auf und vermissen wird sie keiner.
 
Pssst ... leise ... da stirbt einer!






   
   
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