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Text: Hartmut Helms (21.11.2011)
Fotos: Hartmut Helms, Pressematerial

In den Zeiten der Pop-Kultur, in denen wir seit ein paar Dekaden leben, werden junge Menschen Musiker, um sich zu zeigen, erfolgreich und bekannt zu sein und vielleicht auch, um viel Geld auf dem Weg zum "Superstar" zu verdienen. Wie sonst wäre der Plattenverkauf und die Chartposition als quasi alleiniger Maßstab für Erfolg, Qualität oder eine mögliche Aussage zu bewerten. Wenn es aber Musiker gibt, die sich von Beginn an diesen "Maßstäben" verweigern, sich bewusst nicht in Schubladen zuordnen lassen wollen, gar auf textliche Komponenten verzichten, um den Hörer in seiner Fantasie nicht einzuengen oder zu beeinflussen, dann muss dahinter schon eine sehr ausgefallene Idee oder eine Riesenportion Selbstbewusstsein, Energie und Können stecken. Vielleicht auch all das zusammen. Eine Konstellation, die leider viel zu selten zu finden ist.
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Als CHRISTOPH THEUSNER im Jahre 1971 die Amateurband GARAGE PLAYERS neben seinem Studium der Architektur gründete, geschah dies eher mit einem Hintergrund aus Blues & Rock, denn mit der Idee, fernöstliche Klänge und klassische Strukturen frei miteinander zu verschmelzen und sich entfalten zu lassen. Als in jener Zeit ihre ersten eigenen Lieder entstanden, waren das vom Blues und liedhaften Strukturen geprägte Kompositionen, was auch bei den ersten Aufnahmen von BAYON, wie etwa "Ich blicke mit Augen" oder "Blues vom Gras" noch deutlich zu hören ist. In jener Zeit, Mitte der 70er Jahre, lernte ich die Musik dieser etwas anderen Gruppe dank DT64 lieben und schätzen. Auch an den Spitzenplätzen in Wertungssendungen war die wachsende Popularität - hier ging es ja nicht um Verkaufszahlen, solcher Lieder wie "Als ich noch ein Baum war" - gut ablesbar. Selbst AMIGA konnte sich diesem Trend nicht entziehen. Deshalb erschien im Jahre 1977 zunächst eine Single mit der "Lautensuite" und "Haus der Kindheit" (siehe Cover unten rechts), von der nur eine sehr geringe Stückzahl gepresst wurde. Danach kam noch im gleichen Jahr die erste Langspielplatte "Bayon" in die Läden. Vorher war im Rahmen der "HALLO-Serie" auf deren legendären zweiten LP die "Bayon-Suite", neben einer Songkollektion von Halinka Fanckowiak, veröffentlicht worden. Ich war begeistert und da Bayon in der Provinz so gut wie gar nicht zu erleben war, wuchs in mir der Wunsch, ein Konzert mit den Weimarern selbst zu organisieren.

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Das Konzert fand an einem verdammt kalten Winterabend des Jahres 1977 statt. Diesen 12. Dezember im Gesellschaftshaus "Hoppenz" von Elsterwerda werde ich niemals vergessen, denn es war das einzige Konzert, bei dem wir alle, trotz aller Bemühungen die große Hütte warm zu heizen, gemeinsam in der Kälte frohren und Bayon dennoch für uns musizierte. In der Besetzung Christoph Theusner (git, perc, voc), Sonny Thet (cello, perc), Sam Ay Neou (violine, perc) und Reinhard Pätzold (bass) spielte die Band Musik, die schon nichts mehr mit reinem Blues oder Rock zu tun hatte, sondern beinahe vollständig von den "Suiten" geprägt war. Es ist auch eines der wenigen Konzerte, von dem heute keine Fotos mehr existieren. Nur die Eintrittskarte, ein paar Autogrammkarten und die Signaturen der vier Musiker auf meinem LP-Cover künden von diesem Ereignis im kalten Winter 1977.

Während Sonny Thet, der im Auftrag von Prinz Sihanouk in der DDR ein Studium klassischer Musik absolvieren sollte, sich nach dem Umsturz in seiner Heimat entschied, in der DDR zu bleiben, ging Sam Ay Neou zurück zu seiner Familie und wurde dort, wie tausende seiner Landsleute, von den Roten Kmern ermordet.

Ab 1979 musizierte BAYON als Trio weiter und holte sich für einzelne Projekte oder ihre Konzerte Gäste hinzu. Von nun an zogen sich die verschiedenen "Suiten", in denen sich der reichhaltige Erfahrungsschatz unterschiedlicher kultureller Traditionen auf vielfältige Weise widerspiegelt, wie ein Leitfaden durch das weitere Schaffen der Musiker. Immer dann, wenn Musiker die Band verließen und dadurch der Klang eines Instrumentes im Sound der Band scheinbar fehlte, wurde die Musik konzentrierter und kompakter. Was bei anderen Bandprojekten zum Aus geführt hätte, führte bei Bayon zu immer wieder neuen Nuancierungen und Konzentration auf das Wesentliche. Vielleicht ist dies und die Möglichkeit, dass sich sowohl Theusner als auch Sonny Thet immer wieder solistische Ambitionen, wie die Mitwirkung an Theaterprojekten, leisteten, auch das "Geheimnis" des seit vier Jahrzehnten währenden Erfolges.

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Die zweite Amiga-LP "Bayon Suite" (1980, siehe links) wurde mit Unterstützung von TOBIAS MORGENSTERN (acc) und NORBERT JÄGER (perc) von der Stern-Combo Meißen eingespielt und bei "El Sonido" (1968) kam es noch einmal zu einer Erweitung des beteiligten Musikerkreises. Die letzte Veröffentlichung "Echoes" im Wendejahr 1989 war gar eher eine Solo-Scheibe von Christoph Theusner, an der natürlich Sonny Thet, aber auch Tobias Morgenstern und Hermann Naehring beteiligt waren. Dies war, mal abgesehen von der "Rock aus Deutschland"-Serie, die letzte Vinyl Veröffentlichung von Bayon.

In den 90ern gab es mit "Walkin' Home" (1995) eine weitere Veröffentlichung und mit "Bayon - Die Suiten" (1996) von "Suite I" bis "V", die ultimativen Bayon-Klassiker, als Werkrückschau dreier Jahrzehnte. Zusätzlich erscheint im Jahre 2005 eine weitere CD-Zusammenstellung "Das Beste" mit unbekannten frühen Stücken wie dem "Mangobaum" und anderen selten gespielten Kompositionen.
Den bisherige Höhepunkt im Schaffen von Bayon bildet die neueste Scheibe "Tanz der Apsara" (2008). Die ganzheitlich vollständig neue zeitgemäße Einspielung in der seit einige Zeit aktuellen Besetzung, zu der nun, außer den beiden "Alten", auch DENIS STIELKE (dr, perc) und JUSTO G. PEREZ (fl, perc) gehören, komprimiert auf eindrucksvolle Weise beinahe alles, was bisher in die Musik dieser Ausnahmeband eingeflossen ist, ohne dabei an Überlastung in die Knie zu gehen.

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Dies war auch die Zeit, in der ich BAYON endlich wieder live erleben konnte. Bereits im November 2007 traf ich Theusner und Thet als Begleitmusiker von Barbara Kellerbauer bei einem Konzert im benachbarten Gut Saathain wieder. Im Mai 2009 erlebte ich mit vielen hunderten Besuchern die Performance "ZwischenTraumzeit" mit Bayon und den Gästen Reinmar Henschke (bass) sowie Hans Raths (sax) am Tagebaurand von Gut Geisendorf. Das einmalige Projekt und wunderschöne Konzert wurde vollständig mitgeschnitten und danach als Promotion-DVD des Konzerns Vattenfall, der das Ereignis finanzierte und auch technisch umsetzen ließ, mit nur sechs Liedern von Bayon veröffentlicht. Schade, denn die Konstellation von Band, Abraumbagger, Natur und Mensch wird so nicht zu wiederholen sein, und aus meiner bescheidenen Sicht war eine einmalige Chance, einen Moment Zeit- und Kulturgeschichte mit ganz unterschiedlichen und scheinbar auch gegensätzlichen Fascetten festzuhalten, für immer vertan. Ein Jahr später wurde das Wirken und Schaffen von Bayon beim Tanzfest in Rudolstadt mit der Übergabe des deutschen Weltmusikpreises 2010, dem Ehren-Ruth für das Gesamtwerk der Band über 40 Jahre hinweg, gewürdigt. Das Konzert, das die Gruppe Bayon zu diesem Anlass spielte, wurde vollständig für eine Live-DVD mitgeschnitten, die Ende des Jahres 2011 veröffentlicht werden soll. Darauf freue ich mich.

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Für mich ist BAYON eine der wenigen Bands, die abseits vom musikalischen Mainstream und dem, was sich dafür hält, weit weg von staatlichen und kommerziellen Zwängen, mit hoher künstlerischer Eigenständigkeit und Virtuosität einen ganz unspektakulären eigenen Weg gegangen sind. Auf diesem Weg blieb die Musik stets unverwechselbar, so dass man schon bei den ersten Tönen weiß, diesen Sound und diese Spielweise gibt es nur dieses eine Mal und sonst nirgends. Das kann man nur von wenigen Gruppen und Künstlern sagen. Mit ein wenig Stolz darf ich feststellen, dies alles mehr oder weniger bewusst verfolgt und erlebt zu haben. Manches einfach nur so und manches sehr bewusst und intensiv genießend. Dabei auf nunmehr vier erfolgreiche Jahrzehnte zurückblicken zu können, sollte die Musiker der Band mit Freude und berechtigtem Stolz erfüllen. Dass es keine Riesenparty zu geben scheint, kein groß aufgemachtes Jubiläumskonzert und keine Lobpreisungen, mag man der seltenen Bescheidenheit von ein paar ehrlichen Musikanten zuschreiben.

Herzlichen Glückwunsch und danke für diese 40 Jahre faszinierender Musik! Leute wie ich hoffen, der Weg möge noch lang sein und außerdem noch einige musikalische Überraschungen bereit halten.

 

Erinnerungen im Bild

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