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Ein Beitrag von Hartmut Helms. Fotos: Pressematerial





Es gibt nicht mehr so viele Typen, die wie Rock'n'Roll aussehen, so reden, so kompromisslos leben, so gnadenlos wild drauflos spielen, vielleicht sich auch so anfühlen wie Rock'n'Roll, könnte man ihnen die Hand reichen. Jetzt ist einer gegangen, dem glaubte ich jedes Wort, wenn er von seiner Musik sprach, weil der Rock'n'Roll rotzig, dreckig, aber auch ehrlich über seine Lippen kam. Er war MOTÖRHEAD und er spielte den Rock'n'Roll wie kaum ein Zweiter, unheimlich laut und wahnsinnig schnell. LEMMY war personifizierte Rockmusik, ohne wenn und aber.001 20151229 1414444716 Als die britische Band HAWKWIND zu Beginn der 1970er Jahre mit "Silvermachine" weltweit die Charts stürmten und damit dem Space-Rock einen kräftigen Schub verpassten, ahnte wohl noch keiner, dass LEMMY KILMISTER, deren Bassist er von 1972 bis 1975 war, wenige Jahre später mit seiner eigenen Band wie Donnergott Thor in die heile Rock'n'Roll-Welt dreinschlagen würde. Die explosive Mischung aus Punk, Rock'n'Roll und Speed Metal der Alben "Overkill" (1976), "Bomber" (1976) und auch "Ace Of Spades" (1980) waren frei von jeglichen Schnörkeln und Verzierungen, die sich Rockmusik im Laufe der Jahre zugelegt hatte. MOTÖRHEAD knallten einem ihren dreckig-lauten Speed-Rock'n'Roll direkt in die Fresse, um im Bilde zu bleiben. Zarte Lieblichkeiten waren nicht das Ding von LEMMY - der wollte es direkt und schlug dabei auch oft genug über die Stränge.


Meine Lieblingsplatte ist "No Sleep 'til Hammersmith" (1981), seit sie sich Mitte der 1980er Jahre, als Geschenk, auf meinem Plattenteller drehen durfte. Mich hat diese urbane kompromisslose Art, in die Saiten zu greifen, Schlagzeuglärm zu fabrizieren und mit rau-versoffener Stimme ins Mikro zu röhren, kopfschüttelnd einfach fasziniert. Ich war hingerissen und begeistert einerseits, aber irgendwie auch distanziert, weil mein Musikverständnis ins Wanken geraten war. Gegen MOTÖRHEADs brachiales Urgewitter von "Ace Of Spades" und "No Sleep" war die "Rock'n'Roll Music" der Puhdys nichts weiter als ein lahmer Volkstanz auf Krücken.

LEMMYs Spiel mit den Saiten seines Instrumentes kann man nicht kunstvoll nennen, aber er spielte es innovativ auf seine Weise, indem der Bass, was für eine Hammer-Idee, die Rolle der Rhythmusgitarre übernahm. Mit seinem Bass erzeugte LEMMY, der ursprünglich als Gitarrist durchstarten wollte, den typischen MOTÖRHEAD-Sound. Er ließ durchgehend eine Leersaite metallisch mitschwingen, während er in die verbleibenden Saiten gitarrenbundähnliche Griffbilder drückte und sie rhythmisch anschlug. Der Bass wird auf diese Weise zum treibenden Rhythmusinstrument, so wie es Chuck Berry mit seiner Gitarre vorgemacht hatte. Dabei steht LEMMY, seinen Kopf im Nacken, am Mikrofonständer und brüllt seine gesanglichen Versatzstücke den Massen vor ihm ins Gehirn. Auch wenn man das Bild nicht vor Augen hat, der Live-Sound von "No Sleep 'til Hammersmith" fegt jeden beim ersten Mal vom Sessel!

002 20151229 2058700129In ihrer inzwischen fast 40-jährigen Karriere spielten MOTÖRHEAD über zwanzig Alben ein und waren quasi fast ständig auf Tour. LEMMY kompensierte diesen Tour-Stress, die internen Band-Streitigkeiten und das ständige Auf und Ab seines Rocker-Lebens mit jeder Menge Alkohol. Am Ende dieses Weges standen absehbare gesundheitliche Probleme, die Konzerte ausfallen oder - wie beim Open-Air 2013 in Wacken - nach nur 30 Minuten Kurzauftritt abbrechen ließen. IAN FRASER "LEMMY" KILMISTER, so sein vollständiger Name, litt an Diabetes, hatte Herzprobleme und klagte öfter über Atemnot. Unter diesen Umständen vierzig Jahre im Rock'n'Roll-Zirkus nicht nur zu bestehen, sondern ihm auch noch innovative Impulse zu verleihen und damit jüngeren Musikern eine Blaupause für ihr eigenes Schaffen zu liefern, ist die eigentliche Lebensleistung dieses Typen. Der hat nichts ausgelassen, was irgendwie in die Schablone vom Leben als Rock'n'Roller passt und wahrscheinlich hat er uns davon auch nur die Hälfte erzählt. Im kommenden Frühjahr, so hatte ich es mir vorgenommen, siehst du dir den Typen endlich auch live an und lässt dir die Ohren durchspülen. Das müssen jetzt Black Sabbath erledigen.

LEMMY hat wohl am wenigsten auf sich selbst Rücksicht genommen. Am Heiligen Abend dieses Jahres beging er seinen 70. Geburtstag. Nur zwei Tag später, am 2. Weihnachtsfeiertag, überraschte ihn die Diagnose Krebs und nach nur zwei weiteren Tagen stirbt LEMMY am 28. Dezember 2015. So hastig, wie sein Leben war, und so schnell, wie seine Musik, so plötzlich hat ihn der Gevatter zu sich geholt. Ich denke, der Gevatter wird es noch bereuen, denn ab sofort gilt: No Sleep 'til Heaven Or Hell!



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Videoclips:

"When The Sky Comes Looking For You"


"Electricity"


"Overkill"


ZDF-aspekte-Beitrag vom 20.11.2015 zur Tour 2015/2016:



   
   
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