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Ein Beitrag von Christian Reder (27.04.2014) | Alle Fotos: Pressematerial (ZTT, Island)
INFO: Die Videoclips zu den Songs aus dem Album sind am Ende der Seite zu finden ...


Es war 1984 - das sogenannte "Orwell Jahr". Bereits am Neujahrstag 1984 stand fest, dass das "Wort des Jahres" eigentlich nur "1984" sein konnte. Schriftsteller George Orwell hatte den gleichnamigen Roman bereits im Jahre 1948 geschrieben, und nun war es soweit: 1984 war da und die Menschen fragten sich, wie weit man noch von den "Big Brother-Verhältnissen" aus Orwells erschreckendem Zukunftsroman entfernt sei oder ob man diese nicht schon längst erreicht hatte. Damals nicht wissend, dass es noch ein paar Jährchen dauern würde, bis der gläserne Bürger Realität werden würde, lebte man im "Orwell Jahr" sein Leben weiter und beschäftigte sich nur etwas intensiver mit dem Thema, als man es in den Jahren davor tat. Der damals 36 Jahre alte Roman war in aller Munde, und in den Kinos lief dessen Verfilmung von Regisseur Michael Radford an. Die britische Gruppe EURYTHMICS hatte mit "Sexcrime (1984)" sogar einen passenden Song in die Runde geworfen, der im Film Verwendung fand und die Charts eroberte.001 20140427 1544472410 Aber weder Orwell, der Film "1984" noch die EURYTHMICS waren in diesem Jahr DAS Gesprächsthema Nummer eins ... Zum absoluten Topthema avancierten nämlich fünf Briten, die den Grundstein für ihren Erfolg im Jahre 1984 schon ein halbes Jahr vorher, nämlich im Oktober 1983, legten. Im Herbstmonat '83 veröffentlichte die Gruppe FRANKIE GOES TO HOLLYWOOD, bestehend aus Sänger Holly Johnson, Vortänzer und Chorsänger Paul Rutherford, Schlagzeuger Peter Gill, Gitarrist Brian "Nasher" Nash und Bassist Mark O'Toole, nämlich in England ihre erste Single "Relax". Ein geschichtsträchtiges Ereignis, denn die anschließende Welle erfasste (fast) jeden Musikfreund auf der Welt!

Es dauerte etwas, bis der Song die Spitze der britischen Single-Charts eroberte, aber am 12. November 1983 war es soweit. Dies war der Anfang einer bis dahin beispiellosen Karriere und die Band schaffte etwas, das noch nicht einmal den großen Beatles aus ihrer Heimatstadt Liverpool gelang. Vielleicht lag dieser Erfolg auch an dem Medienrummel, der um ihren ersten Song gemacht wurde. Der britische Sender BBC, der die Single wegen des anzüglichen Covers und des homoerotischen Textinhalts mal eben auf den Index setzte und damit ein Radio- und TV-Boykott auslöste, war am Erfolg der Nummer ganz sicher nicht unbeteiligt. Dieser Boykott machte weltweit in den Medien natürlich die Runde und bewirkte prompt das Gegenteil von dem, was die Hüter des guten Geschmacks bewirken wollten. Die Band selbst machte sich daraus einen Spaß und genoss die kostenlose Werbung für sich. Radiomoderator Mike Read bezeichnete die Single "Relax" am 11. Januar 1984 in seiner Sendung "1 Breakfast Show" als "absolut obszön" und weigerte sich, die Platte noch einmal in seiner Sendung zu spielen. Dies entwickelte sich zum Eigentor für den Radiomann: Seine Moderation mit der Ansage, die Nummer sei so obszön, dass er sie nicht mehr spielen wolle, ließ die Band kurz darauf von Schauspieler Chris Barrie noch einmal einsprechen und nutzte die Aufnahme als Introduktion für die Maxi-Version ihrer dritten Single "The Power Of Love". Der Song "Relax" jedoch setzte zum Siegeszug in Europa und Amerika an. Am 6. Februar 1984 platzierte sich die Band mit "Relax" auch in Deutschland an der Chart-Spitze. Knapp zwei Wochen hatten sie auch die Schweiz fest in der Hand, Frankreich folgte ebenfalls mit einem Platz 1, und am 7. April landete der Song auf Platz 10 der US-Billboard-Charts und hielt sich dort insgesamt 23 Wochen (!) in den Hitparaden. Der Bannstrahl der BBC wurde übrigens im Dezember 1984 wieder aufgehoben, aber da war die Band schon weltweit erfolgreich und konnte sich auf die Entscheidung der BBC ein Ei pellen!

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"Relax"
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"Two Tribes"
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"The Power Of Love"

Ich kann heute gar nicht mehr genau sagen, wo und wann ich "Relax" das erste Mal gehört habe. Ich glaube aber, dass es an einem Mittwochabend in "Mal Sondock's Hitparade" beim WDR2 im Radio war. Der FRANKIE GOES TO HOLLYWOOD-Virus traf punktgenau mein Geschmackszentrum und infizierte mich komplett und unheilbar. "Relax" war sofort mein favorisierter Song und verdrängte Paul Young und seine Lieder von Platz eins meiner persönlichen Top-Liste dieser Zeit. Es war der spezielle Sound, den die Band hatte und der ihr von Produzent Trevor Horn auf den Leib geschneidert wurde. Charakteristisch für die Musik von FRANKIE waren die E-Bass-Figuren Mark O'Tools und der Einsatz von Samples und Sprachsequenzen. Dazu dieser enorme Druck, den die Musik inne hatte. So etwas hatte ich vorher noch nicht gehört und der Song nutzte sich auch - im Gegensatz zu manch anderen Produktionen dieser Dekade - nicht ab. Das hat er für mich bis heute nicht! Die 80er waren eine Zeit, in der es noch keinen so aufgeblähten Boulevard-Journalismus und auch kein Internet gab. So erfuhr man nur wenig über die Geschehnisse hinter den Kulissen. Was mich als Fan damals begeisterte, war aber ein hinter verschlossenen Türen von Band, Produzent und anderen Kreativen geplanter und gestalteter Ablauf. Somit auch der Beweis dafür, dass Erfolg damals sehr wohl planbar war.002 20140427 1333118729 Nach der Vertragsunterzeichnung von FRANKIE GOES TO HOLLYWOOD beim Plattenlabel ZTT wurde nämlich genau dieser Erfolg geplant. Mitinhaber von ZTT, Paul Morley, organisierte eine bis dahin noch nie dagewesene und provokante Werbekampagne, die er als "strategischen Angriff auf den Pop" bezeichnete. Die Single "Relax" war der Auftakt einer Single-Trilogie, die die Themen Sex ("Relax"), Krieg ("Two Tribes") und Religion ("The Power Of Love") beinhalten sollten (und ja auch tun). Erst kurz vor der Veröffentlichung der dritten Single "The Power Of Love" am 19. November 1984, und über ein Jahr nach Veröffentlichung der ersten Single "Relax", wurde das Album "Welcome To The Pleasuredome" in die Läden gebracht.

Der Song "Relax" wurde bereits im Juli 1983 aufgenommen, und die Geschichte dahinter ist so interessant und schräg, wie die Bandgeschichte der FRANKIEs selbst auch. Produzent Trevor Horn war damals schon bekannt für seinen Hang zum Perfektionismus und seine konkreten Vorstellungen, wie was zu klingen und zu funktionieren hat. Daher war es für die damals gerade mal 20 Jahre alten Musiker kaum umsetzbar, was Horn von ihnen forderte, zumal die Arrangements und die musikalische Umsetzung nicht gerade ohne Anspruch waren. Horn empfand die ersten Aufnahmen, die die jungen Musiker einspielten, als unbefriedigend und ließ den instrumentalen Part des Songs "Relax" von einer Schatten-Band einspielen. Der Song entstand so vollständig in Horns eigenem Studio in London und mit anderen Musikern. O'Toole, Nash und Gill blieben daheim und Holly Johnson sang seinen Part später auf die fertige Instrumentalversion des Stücks. Wie viel Trevor Horn an dem Lied und die für ihn perfekte Umsetzung lag, lässt sich an den Produktionskosten ablesen. Allein "Relax" kostete 70.000 Britische Pfund! Und der Plan ging - wie wir inzwischen wissen - auf. Dass die Band den Song perfekt spielen konnte, bewiesen die fünf Briten übrigens auf unzähligen Konzerten ihrer erfolgreichen Tournee im Jahre 1985.

003 20140427 1308444793Die 70.000 Pfund Produktionskosten spielte die Nummer dann auch ziemlich schnell ein. Die Eindrücke und das Neue, das "Relax" mitbrachte, ließ die Band und ihr Produzenten-Team erst mal auf die Völker der Erde wirken. Fast acht Monate nach der VÖ von "Relax" legten sie erst mit der zweiten Single "Two Tribes" nach. Und auch dieser Song und alles Drumherum hatten es in sich. Der Songtitel geht auf ein Zitat aus dem Film "Mad Max II" zurück ("When two great warrior tribes go to war" - zu Deutsch "Wenn zwei große Kriegerstämme in den Krieg ziehen"). Die Single "Two Tribes" wurde am 28. Mai 1984 veröffentlicht, als der "Kalte Krieg" zwischen Ost und West auf dem Höhepunkt war. Die Band spielte nicht nur mit Symbolen, sondern unterstrich die Angst vor einem Atomkrieg auch musikalisch. Unverwechselbar in dem Titel sind - wie auch schon bei "Relax" - ein treibender Bass, sowie die Verwendung von Orchesterarrangements, das spezielle Gitarrenriff von Nasher und die Spracheinspielungen, die aus den Teilen "Actions After Warnings" und "Casualties" der englischen Zivilschutz-Informationsfilme "Protect and Survive" stammen. All dem wurde mit dem Video die Krone aufgesetzt. Das Musikvideo zu "Two Tribes" wurde von GODLEY & CREME (10 CC) produziert und in Szene gesetzt. Im Video ist ein Wrestling-Kampf zwischen dem damaligen US-Präsidenten Ronald Reagan und dem sowjetischen Kreml-Chef Konstantin Ustinowitsch Tschernenko dargestellt (natürlich mit Doubles ;-), die sich gegenseitig an die Wäsche gehen und sich im Kampf gegeneinander nichts schenken. Die Band tritt in dem Video als Zuschauer und Holly Johnson als Reporter auf. Auch diese Single und das dazugehörige Video wurden zum Erfolg und toppten teilweise sogar noch den Überhit "Relax".

Im Dezember 1984 - pünktlich zur Weihnachtszeit - brachte FGTH die dritte Single "The Power of Love" heraus. Die Band um Holly Johnson war nach Gerry & the Pacemakers im Jahr 1963 die erste Band, die in England mit ihren ersten drei Singles den ersten Platz der Single-Charts belegten - wie weiter oben schon erwähnt, war das etwas, das selbst die BEATLES nicht schafften.004 20140427 1972384962 In Deutschland erreichte der Song Platz 4 der Single-Charts. "The Power Of Love" war im Dezember '84 einer der Lieder, die bei mir am häufigsten liefen. An meinem Geburtstag, den 21. Dezember, bekam ich von drei meiner Freunde das Doppel-Album "Welcome To The Pleasuredome" geschenkt. Brian, Christian und Stoffie wussten damals wohl nicht, dass mich die Platte bis heute begleiten würde. Diese Doppel LP begeisterte mich durch seine Abwechslung. Neben den bereits als Singles veröffentlichten Hits war auf der ersten Seite der Song, der dem Album seinen Namen gab. Dieses fast 15 Minuten lange Stück mit seinen Wendungen, verschachtelten Sounds und großartigen Arrangements gehört noch heute zu den Stücken, die ich mir immer und immer wieder anhören kann. Das Lied hat nichts von seinem Reiz verloren und ist für meinen Geschmack eher dem Genre "Artrock" zuzuordnen, als der Schublade "Pop". Dazu befinden sich auf der Doppel LP FRANKIE-eigene Versionen fremder Kompositionen wie z.B. "War". Das Lied entstand 1969 aus Protest gegen den Vietnamkrieg, wurde von den Temptations als erstes veröffentlicht und später auch von Bruce Springsteen gecovert. Trotzdem es schon 15 Jahre alt war, hatte es auch 1984 nichts an seiner Aktualität verloren. Ebenso den Titeln "Ferry 'cross the mersey", im Original von Gerry & the Pacemakers, sowie "Born To Run", im Original von Bruce Springsteen, verpassten die fünf Briten einen neuen musikalischen Anstrich und machten sie zu ihren eigenen Liedern. Die Platte ist in seiner Gesamtheit wie aus einem Guss, und der Sound ist der Band eindeutig zuzuordnen. Dieses Geschenk meiner Freunde rundete "mein" Jahr 1984 mit FRANKIE GOES TO HOLLYWOOD ab. Seit Februar und der Single "Relax" begleitete mich die Band schon, nun hatte ich noch vor Weihnachten das komplette Album. Davor beherrschten zu den Singles auch zig verschiedene Maxi- und Remix-Versionen der drei Singles das Geschehen. Auch das war neu und vorher noch von keinem anderen Künstler so praktiziert worden: Von einem Song brachte die Band mehrere Versionen raus und statt einer Maxi Single gab es gleich mehrere mit unterschiedlichen Mixen. Das strapazierte zwar das Taschengeld-Konto, sorgte aber für noch mehr Tiefe und Spaß, den man an der Musik einfach nicht verlieren konnte.

005 20140427 1901032705Heute - 30 Jahre später - ist "1984" von George Orwell längst keine Zukunftsvision und bedrückende Science Fiction mehr. Gerade bei einem Blick über den großen Teich stellt man fest, dass diese Überwachung längst Realität ist. Und der Blick (und der Arm) des "großen Bruders" reicht weit. Sogar hierher. Auf diesem Gebiet hat es unerfreuliche Weiterentwicklungen und Veränderungen gegeben. Was sich dagegen nicht verändert hat, ist die Musik von FRANKIE GOES TO HOLLYWOOD, auch wenn sie ihre Hits in den Jahren danach mehrfach "remaked" haben. Das Album "Welcome To The Pleasuredome" ist heute noch immer so großartig wie vor 30 Jahren. Das Geschenk meiner Freunde halte ich in Ehren, es hat einen dauerhaften Platz in meinem Plattenschrank. Und ich trenne mich auch nicht davon, auch wenn ich mit verschiedenen CD Versionen weitere Exemplare dieses Albums mein Eigen nenne. Einzig der Mythos aus dem Jahr 1984 wird nicht mehr reproduzierbar sein. Ihn kann man heute nicht mehr einfangen und nur noch auf den bisher veröffentlichten Platten und DVDs genießen. Es gab 2004 ein Comeback der Band, allerdings ohne Nasher und Holly. So gut der Auftritt der neu formierten Band auch war, es ist nicht annähernd das, was wir 1984 kennen und lieben gelernt haben. Das Jahr 1984 war für uns Fans ein sehr ereignisreiches Jahr. Ob es meinen Eltern auch so gut gefiel, denen ich über eine längere Zeit praktisch eine Dauerberieselung mit FRANKIE GOES TO HOLLYWOOD zukommen ließ, kann ich an dieser Stelle nicht beantworten ...



Videoclips:


"Relax" (Off. Video)


"Two Tribes" (Off. Video)


"The Power Of Love" (Off. Video)


"Welcome To The Pleasuredome" (Video-Edit)





   
   
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