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Text: Hartmut Helms (09.01.2014)
Fotos: Pressematerial



Nach den Tiefschlägen der letzten Tage hatte ich eine gute Nachricht dringend nötig. Eine, die mich aufbauen kann. Eine, die Energie in mich hinein pumpt. Da kommt mir eine Ode an einen meiner Gitarrenhelden, von denen es ja so viele gar nicht mehr gibt, gerade recht. Es ist wie der Donnerhall einer Heldengitarre aus den Tiefen des Rock-Universums, dem ich am heutigen Tage, da JIMMY PAGE seinen 70. Geburtstag begeht, nachlausche und das tut endlich mal wieder gut.001 20140109 1564291264 Warum ich damals in Leipzig, meiner Geburtsstadt, weilte, weiß ich heute nicht mehr. Ich stand auf einem dieser vielen Bahnsteige und wartete auf den Zug, der mich wieder in die heimatliche Provinz bringen sollte, als diese ruppigen Riffs, einem Donner gleich, sich unter dem gewaltigen Glasdach des Hauptbahnhofes ausbreitete. Irgendwo hatte einer seine Kofferheule auf volle Pulle gestellt, damit die Gitarrenschläge von "Whole Lotta Love" das Rattern der Züge übertönen konnte. Es war mein ganz persönlicher Urknall des "Lead Zeppelin", wie es KEITH MOON, der wilde Who-Drummer, nannte, das sich aufschwang die Zinnen des Hard-Rock mit geschmolzenem Blues zu errichten, und es war die Gitarre von JIMMY PAGE, die - einem Hammer gleich - das Werkzeug dazu auf einem Amboss aus purer Leidenschaft schmiedete.

Manchmal habe ich mich gefragt, was müsste man eigentlich für PAGE an die Wände schreiben, wenn man in England damals Mauern mit dem Spruch "Clapton is God" verzierte? Wie Jeff Beck und Eric Clapton stammt auch Jimmy Page aus der zunächst schwarzen Blues spielenden Band THE YARDBIRDS. Im Jahre 1966 löste er dort den Bassisten ab und wenig später dann auch Jeff Beck an der Gitarre. Das war möglich, weil er in der Londoner Szene als gefragter Studiomusiker, der sich in nahezu jede andere Stimmung versetzen konnte, gut beschäftigt war. Man höre sich unter diesem Aspekt nur einmal Donovan's "Hurdy Gurdy Man" an. Na, erkannt? Als Keith Relf die YARDBIRDS im Jahre 1968 auflöste um RENAISSANCE zu formieren, machte sich JIMMY PAGE auf, ebenfalls eine neue Band, die eigentlich New Yardbirds heißen sollte, zu gründen. Eine Bemerkung von Keith Moon (siehe oben) sorgte dann allerdings dafür, dass das "Lead Zeppelin" nicht träge am Boden blieb, sondern sich als LED ZEPPELIN hoch in die Lüfte schwang, um eine neue Ära mit den krachenden Schlägen von "Rock'n'Roll" einzuläuten.

Ohne großartige Unterstützung durch Werbung oder die Medien und eigentlich nur mit dem Mittel der Langspielplatte im künstlerischen Focus - es erschienen damals nur zwei Singles - hoben LED ZEPPELIN Ende 1968 vom Boden ab und landeten schließlich, mit vom Blues getränkten Herzen, auf dem Thron des Hard-Rock-Olymp.002 20140109 1696851208 
Das Kraftzentrum der Band war das energiegeladene Spiel von PAGE, das mit dem kraftvollen Gesang von ROBERT PLANT eine exhibitionistische Melange einging und - einem Orgasmus aus Blues, Folk und Rock gleich - über die Rock-Jünger und Fans ausgebreitet wurde. Wenn das Wimmern, Kreischen und Stöhnen von PLANT in das Tosen der Riffs und Soli von PAGE eintauchte, wenn dieser klebrige Blues von JOHN BOHAM am Schlagzeug und JOHN PAUL JONES am Bass mit brachialer Wucht eingestampft wurde, dann entstand der Treibstoff für die gerade aufkommende Heard'n'Heavy-Generation der 70er Jahre. JIMMY PAGE war derjenige, der mit seinen Saitenkünsten die Gewürze für diese laszive Mischung aufbereitet hatte. Den Rest kann man in den Geschichtsbüchern nachlesen.

Was mich stets an JIMMY PAGE fasziniert hat, ist die Feinfühligkeit, die er mit seinen Fingern auf den Saiten der Mandoline oder Gitarre entstehen ließ. Auch wenn sie als wuchtige Akkorde wie bei "Kashmir" daher kommt, steckt dahinter immer das filigrane Spiel mit dem Ursprünglichen. Sei es nun uralter Blues aus Amerika oder ursprüngliche und fremde Folklore aus dem Fernen Osten, die verarbeitet wurden. Diese Einflüsse so umzustricken, dass sie völlig neu waren, aber noch immer erkennbar blieben, macht die Vielfalt der Songs aus, die mit ihm bei LED ZEP entstanden. Wenn ich folglich ein einziges Album auswählen sollte, dann wäre dies vermutlich "Physical Graffity" (1975), das wie ein Extrakt all dessen wie eine kompakte Einheit aus zahllosen Puzzleteilen wirkt, auch wenn ich mir in müden Stunden viel lieber "Presence" (1976) in die Bauchhöhle rammen lasse, um wieder wach zu werden.

Doch JIMMY PAGE ist noch ein wenig mehr, als LED ZEPPELIN. Sein erstes Solo-Album nach dem Ende der Band erschien 1988 und das nicht einmal bei Atlantic, sondern bei Geffen. Das Album "Outrider" offenbart dem Hörer seine große Liebe zu schweren und erdigen Bluesklängen und fühlt sich in seiner Gesamtheit, ganz anders als bei LED ZEP, beinahe mystisch und sogar traurig an. Hier spürt man förmlich, wie sehr es den Gitarristen schmerzt, seine Wurzeln bei seiner eigentlichen Band gekappt zu wissen.003 20140109 1720214376 
Unterstützt wird dieser Eindruck vor allem dann, wenn er wie beim "Prison Blues" (Gefängnis-Blues) von Gästen unterstützt wird. CHRIS FARLOW verzaubert diesen Blues mit seinem wirklich berauschend eindringlichem Gesangsstil und JIMMY's Gitarrensolo jammert dazu, dass einem das Herz schmerzt. In Anbetracht der Wucht des ZEPPELIN-Kataloges ist diese Platte leider, trotz ihrer Klasse, im Bewusstsein der Herde untergegangen.

Diese großartige Band wenigstens ein einziges Mal live zu erleben, hätte ich mir sehr gewünscht. Doch im September 1980 ging dieser Wunsch eines DDR-Geborenen in den Ewigkeiten unter. JOHN BONHAM war gestorben und LED ZEPPELIN verkündeten, niemals wieder ohne ihr verstorbenes Bandmitglied gemeinsam auf einer Bühne stehen zu wollen. Aus und vorbei und zwar für alle und immer. Auch wenn PAGE & PLANT Mitte der 1990er Jahre mit dem Material von "No Quarter" auf Tour gingen, war dies weit entfernt davon, eine Re-Union zu sein.

Erst am 10. Dezember 2007 gaben LED ZEPPELIN, mit Boham's Sohn Jason an den Drums, zwei Shows zu Ehren des verstorbenen Gründers von Atlantic Records, die als "Celebration Day" in die Kinos und auf DVD kamen. Im Kino von Riesa hab' ich den Film staunend genossen und vor der großen Leinwand eine Ahnung davon bekommen, was mir da durch die Lappen gegangen sein muss. Wenn ich allein zu Hause bin, dann lege ich mir manchmal die DVD von diesem Konzert ein, lasse den Regler weit nach oben gleiten, um kurz darauf die Wucht noch einmal und immer wieder in mich aufzusaugen. Dann kann ich es genießen, den schweißnassen Gitarristen mit seinem Schmollmund beim Schmieden der Funken und Böller zu beobachten und dem Nachhall der Akkorde im imaginären Stadionrund hinterher zu lauschen und auf das Echo aus "Kashmir" zu lauern. Und dieser Typ da vor mir, mit dem verklebten Hemd auf dem Oberkörper und den grauen Locken darüber, soll jetzt 70 geworden sein?? Wie schön, dass ich das noch erleben darf, denn jeder Tag mit solchen Nachrichten ist auch für mich ein "Celebration Day".


Videoclips:


Jimmy Page's Chopin Prelude Nr. 4


"Stairways To Heaven" (mit Eric Clapton & Jeff Beck)


"Emerald Eyes" (1988, solo)


"Hummingbird" (1988, solo)




   
   
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