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Text: Hartmut Helms (02.09.2012)
Fotos: Hartmut Helms, Pressematerial

Wenn Musiker auf Reise gehen, kann es interessant werden, denn die machen in aller Regel nicht einfach mal so einen Ausflug. Jedenfalls kenne ich bis heute keinen solchen Fall. Entweder sind Musiker irgendwo auf den Straßen unterwegs zu einer Mugge, oder sie kommen von einer solchen. Das ist Alltag, zumindest an den Wochenenden. Wenn aber Musiker in der Woche unterwegs sind, gar zu ausgefallenen Orten fahren, dann muss das einen besonderen Grund haben.

In der kleinen Schradengemeinde Plessa, mit dem großen Kulturhaus an der Hauptstraße, treffe ich auf eine bunt gewürfelte Truppe Menschen. Darunter Filmemacher, Produzenten, Techniker und auch Musiker der Band RUE LASCAR, die sich alle hier treffen, um ein gemeinsames Projekt zu realisieren. RUE LASCAR wird im großen Saal des Kulturhauses ihre nächste CD einspielen und im zeitlichen Umfeld der Session verschiedene Orte der Umgebung besuchen, Menschen in ihrem Umfeld treffen und mit ihnen ins Gespräch kommen. Zusätzlich wird die Band an ganz unterschiedlichen Orten musizieren.

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Das alles wird ein Filmteam festhalten und am Ende aller Mühen soll ein Film entstanden sein, der mit individuellen und liebevollen Blicken auf die Region im Süden Brandenburgs sieht und Menschen, die hier zu Hause sind, in ihrem Lebensumfeld zeigen soll. Der Film wird die Reise von RUE LASCAR dokumentieren und ihre Musik vorstellen. So etwas nennt sich im modernen Sprachgebrauch Interaktion und meint eigentlich nur, gemeinsam etwas tun, um etwas zu bewegen. In diesem Fall die Köpfe von Entscheidungsträgern, welch' zackige Wortschöpfung, um sie auf unsere Region zu beiden Seiten der Schwarzen Elster noch mehr aufmerksam zu machen. Aber auch die Menschen hier im Elbe-Elster-Land sollen angesprochen sein, und das Kulturhaus in Plessa soll ebenfalls wieder mehr in den Focus des öffentlichen Bewusstseins gerückt werden. Genau deshalb bin ich hier dabei, denn dieses Haus liegt mir wieder am Herzen.

Das Seniorenhaus Plessa befindet sich versteckt in einer kleinen Senke nah der Bahnlinie, hinter der das ehemalige Kraftwerk zu entdecken ist. Ich gehe durch den Eingangsbereich der neuen Einrichtung und dann stehe ich plötzlich in einem vom Sonnenlicht überfluteten Innenhof. Viel Grün, viel Platz und rings herum Sitzmöglichkeiten. Auf mich wirkt das wie eine kleine Urlaubsinsel, zumal ich aus einer offenen Tür Klarinetten- und Gitarrenklänge vernehme. Eine stimmungsvolle Atmosphäre an einem beschaulichen Flecken, an dem ich bisher stets nur vorbei gefahren bin. Die Gedanken an das Altern wische ich gern weg, weil es nicht sein kann, was man nicht möchte, und doch ist es so. Ich ertappe mich bei der selbstverständlichen Vorstellung, natürlich auch sehr alt werden zu wollen, und dann aber bitte auf gar keinen Fall auf Musik verzichten zu müssen ...

Als RUE LASCAR dann im Innenhof zu musizieren beginnen, lächelt nicht nur die Sonne, sondern auch viele ältere Menschen lächeln den drei Musikern der Band glücklich zu. Statt eines Volksliedes im Stile von "Heideröslein", blitzen die Augen der Damen und Herren bei "Can't Give You Anything But Love" und ich meine, Erinnerungen darin erkennen zu können. Es scheint auch niemanden zu stören, dass ein Kameramann und ein Tontechniker den Auftritt begleiten. So etwas sieht man als Konzertgänger schon nicht jeden Tag, die Menschen, die hier ihr Zuhause haben, gleich gar nicht. Es kommt mir wie eine Mischung aus Neugier, Interesse und Dankbarkeit vor, was ich in diesem Minuten beobachten kann.

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Die drei Musiker pendeln flockig irgendwo zwischen Swing, Country und ein wenig Jazz. Man bedient sich populärer Melodien, die ich schon mal von Frank Sinatra oder Serge Gainsbourg gehört hatte und die hier im schlichten Sound von Gitarre (MATTHIEU de HARP), Bass (DIETMAR ROTH) und Saxophon (WITEK NIEDZIEJKO) zu hören sind. Zwar fehlen noch zwei Bandmitglieder, es klingt dennoch wie authentische Straßenmusik auf einem Hinterhof, und genau dafür scheinen all diese Songs erdacht zu sein. Hier und da wiegen sich Köpfe im Takt, einige klatschen zaghaft mit und einer der Senioren versucht sogar ein Tänzchen mit einer der Damen. Ich sehe glückliche Menschen stehen, an Tischen sitzen und im Rollstuhl. Nach einer knappen Stunde fordert die Seniorenrunde noch eine Zugabe und dann kehrt auch schon wieder die Routine und der Alltag ein. Leider, möchte ich sagen, traue mich aber nicht. Als ich den Innenhof wieder verlasse, tu' ich es mit gemischten Gefühlen und mir fehlen die Worte, sie auszudrücken. Das Lächeln der Gesichter im Zauber der Musik nehme ich mit in meine, eine andere Welt. Ein wenig fürchte ich mich auch vor dieser Grenze, die man wahrscheinlich nur fühlen kann, wenn es an der Zeit ist.

Abends im Kulturhaus Plessa treffe ich die Männer sowie eine Lady wieder. Jetzt und hier wird der Nachweis erbracht, dass Musik auch verdammt schwer und schweißtreibend sein kann. Gemeinsam bugsieren wir einen Teil der Studiotechnik in den ersten Stock. Einige wenige Blicke genügen und man legt fest, die Bühne zum Aufnahmeort zu machen. Eine Stunde lang werden Tische, Stühle, Gestänge, Dekorationen, der Bühnenhintergrund sowie ein Flügel bewegt, ehe die Technik genügend Platz hat. Dabei geben die Vorhänge so manches Stück frei, das an andere Zeiten erinnert und mir ein Lächeln der Erinnerungen beschert. Das ist jetzt 30 Jahre her, wie der Bürgermeister von Plessa, Gottfried Heinicke, staunend feststellt.
Von all dem werden die Konzertbesucher oder späteren Käufer der CD nichts mitbekommen. Aber notwendig sind all die Tausende von Handgriffen trotzdem, lange bevor die ersten Töne und analogen Schwingungen den Raum füllen und digital abgespeichert werden können. Es bleibt also spannend.


Bitte beachtet auch:
- Einleitung zur Reise von RUE LASCAR: HIER klicken
- Off. Facebook-Seite von RUE LASCAR: HIER klicken
- Homepage von Showcase Potsdam: www.showcasepotsdam.de


 
Fotos:
 

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