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Text: Hartmut Helms (04.09.2012)
Fotos: Hartmut Helms, Pressematerial

Es ist Montag und um diese Mittagsstunde Anfang September schwül und warm, als ich in Plessa vor dem Kulturhaus meinen silbernen Blechfreund abstelle. Die Gaststätte im unteren Bereich ist schon seit einer kleinen Ewigkeit geschlossen und deshalb fallen ein Happen und ein Schluck für den Magen aus. Dafür ist es im Saal angenehm frisch. Von der Mittagshitze spürt man hier nichts. Die Fenster sind dicht und das Licht schimmert matt. Nur auf der Bühne leuchten die Spots und geben dem Geschehen einen unwirklichen Touch.
JÖRG ZINKE von SHOWCASE POTSDAM am Mixer zeigt mir den Zeigefinger vor den Mund - psst, Aufnahme. Die Mikros sind offen und die Kameras laufen. Roadmovie die vierte, fünfte oder sechste, keine Ahnung. Also setze ich mich leise auf einen der Stühle in der ersten Reihe und beobachte, was Fachleute unter "Action" verstehen.
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Irgendwie bin auch ich bisher mit einer ganz bestimmten Vorstellung vom "Aufnehmen" und "Drehen" der Musikclips durch die Gegend gelaufen. Was ich gerade erlebe, ist von all dem meilenweit entfernt.
Die Musiker auf der Bühne spielen live und als Band zusammen. Zwischen Ihnen stehen Schallwände, die vor allem Schlagzeug und Kontrabass voneinander trennen. Man steht und sitzt im Kreis, so dass alle untereinander Sichtkontakt haben. Unten rechts vor der Bühne befinden sich Mixer und PC, von denen aus der Produzent, in diesem Fall Jörg Zinke, dem Live-Sound den letzten Schliff verpasst. Die Akustik im Saal und auf der Bühne ist extrem gut, deshalb ist man ja hier, und was ich später unter den Kopfhörern zu hören bekomme, versetzt mich in Staunen. Das ist der pure Klang der Band, keine doppelten Spuren, keine Overdubs und keine digitalen Zaubereien. Da spürt man schon beim ersten Abhören, dass diese Musik wirklich durch die Musiker lebt. Kompliment!

Dann geht plötzlich die Tür auf. Es wird hell und ich höre Kinderstimmen. Die Band RUE LASCAR und das Aufnahmeteam sind mit einer Schulklasse aus Plessa verabredet. Musikunterricht einmal anders, live eben und mittendrin. Das steht zwar so nicht im Lehrplan, füllt aber so manche Wissenslücke, die vom Lehrer nicht geschlossen werde könnte. UTP schlappe 30 Jahre später, nur mit einem anderem Background, um im Kontext zu bleiben.

Die Musik ist verstummt, ungewohnte Ruhe herrscht und dann steht die ganze Rasselband im Licht der Scheinwerfer auf der Bühne zwischen all den Ständern und ausgerollten Kabeln, um sich von Jörg Zinke die einzelnen Instrumente erklären zu lassen. Und immer sind Kamera und Mikrofon dabei, denn diese Begegnung ist geplant und gewollt.
Man steht im Halbkreis um den Hocker des Sängers und Gitarristen und die Schüler erfahren, warum der Scheinwerfer direkt davor steht, warum nicht nur ein Mikrofon und wie das alles miteinander funktioniert. Am Schlagzeug, eingeklemmt zwischen den beiden schallschluckenden Elementen, sitzt LENJES "Duke" ROBINSON, der Mann aus Amerika. Auf ihn prasseln viele Fragen auf ein Mal ein. Was das da alles sei, wozu so viele Trommeln und Becken, ob man da nicht durcheinander kommt und ob er mal was von STAMPING FEET oder der BLUE MAN GROUP machen könnte. Natürlich kann er nicht wissen, wer und was sich hinter "Stamping Feet" verbirgt, aber bei den "blauen Männern" springt er sofort an und dann staunen die Kleinen nur noch.
Von da geht's weiter zum Bassmann, der ganz in der Ecke versteckt steht und gekonnt die vier dicken Saiten zupft. Letztlich dann noch zum Piano. Der Russe BORIS KONTOROWSKI ist gerade nicht am Platz und so zeigt JÖRG ZINKE, was er so nebenbei noch alles drauf hat. Der spielt mit den Tasten, animiert die ganze Klasse zum Mitsingen und demonstriert dann auch noch lebendig, wie leicht Blues geht, und dass man hinterher die Tasten sauber abwischen muss, damit sich der Pianist nicht ärgert. Alle verstehen den Spaß und so lacht man auch gemeinsam darüber. Der Mann lebt seine Musik und das kommt an.

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Im Anschluss sitzt und steht man gemeinsam an der Bühnenkante. Natürlich ist das Interesse an der digitalen Aufnahmetechnik groß und deshalb stellen sich die Techniker von MEDOK, die für die gesamten Videoaufzeichnungen zuständig sind, geduldig den Fragen und geben auch mal den langen Arm mit dem Mikrofon und den vielen Fusseln darum, aus der Hand. Selbst ausprobieren ist immer noch interessanter als zuhören und plötzlich merkt einer, dass Halten Schwerstarbeit bedeutet. Oups! Und dann ist die etwas andere Unterrichtsstunde schon wieder vorüber. "Schade", wie einer der kleinen Stepkes im Vorbeigehen bemerkt.

 

Es ist 14.00 Uhr und plötzlich wieder eigenartig still. Kein Gedanke an Mittagessen und auch keiner an Pause. Die Geräte laufen wieder und die Kamera zeichnet auf. Die Musiker nehmen wieder ihre Plätze ein und dann höre ich wieder Musik. Ein Mal, zwei Mal und beim dritten Mal klingt "Satisfy My Soul" so, dass der Mann mit der Gitarre auf dem Schoß endlich glücklich und zufrieden ist. So wird das noch weiter gehen, bis irgendwann endlich eine Musikanten liebende Seele und Hausfrau aus Plessa ein paar deftige Köstlichkeiten aus heimischer Küche bringen wird. Ich ziehe mich auf leisen Sohlen wieder zurück und versuche später, das Erlebte zu sortieren und die Gedanken zu ordnen. Dann werden im Saal des Kulturhauses noch immer die Mikrofone offen sein, bis sich Matt und Boris einig und auch wieder zufrieden sind. Erst spät in der Nacht werden die Musiker und Techniker müde in die Autos steigen und den Berg hinauf Richtung Kraupa fahren, wo sie in der Touristenstation den Rest der Nacht schlafend verbringen werden, denn lange im Bett liegen bleiben und ausschlafen, das wird in diesen Tagen nicht möglich sein.


Bitte beachtet auch:
- Einleitung zur Reise von RUE LASCAR: HIER klicken
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- Off. Facebook-Seite von RUE LASCAR: HIER klicken
- Homepage von Showcase Potsdam: www.showcasepotsdam.de


 
Fotos:
 

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