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Bericht: Hartmut Helms | Fotos: Hartmut Helms, Band

 

 

 

Eine knappe Woche lang durfte ich die Berliner Band RUE LASCAR sowie ein Aufnahmeteam von SHOWCASE POTSDAM und MEHDOK beim Videodreh für eine Dokumentation begleiten. Wir trafen uns in einem Seniorenhaus, und bei den Ton- und Videoaufnahmen im Kulturhaus Plessa war ich stiller Beobachter. Ich erlebte eine aufgeweckte und neugierig fragende Schülergruppe am gleichen Ort und fuhr nach Rothstein zum Felsen. Hier war ich tagsüber und auch nachts dabei, als verschiedene Clips am Rothsteiner Felsen gedreht wurden, und ich begeisterte mich an den nächtlichen Schattenspielen der Scheinwerfer. Auch beim Dreh an der mächtigen Förderbrücke F60 bei Lichterfeld durfte ich das Team besuchen und dessen Arbeit schätzen lernen. Es waren viele erlebnis- und abwechslungsreiche Stunden, die mich seither einige Dinge rund um meine geliebte Musik wieder einmal mit sachlichen Augen sehen lassen. Der Blick an der Kamera vorbei ist ein anderer, als der eines Konzertbesuchers auf die Bühne. Das wusste ich zwar schon vorher, aber das eigene Erleben verschärft diesen Eindruck noch einmal um einiges. Diese Wahrnehmungen werde ich sicher auch in zukünftige Unternehmungen einbinden.
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Das alte Gut Saathain mit der aufwendig restaurierten Fachwerkkirche und dem Rosengarten nebenan befinden sich in unmittelbarer Nähe meines Wohnortes Elsterwerda. Im Saal des Gutes, ebenso wie in der Fachwerkkirche, erlebte ich so manch eindruckvolles Konzert mit Künstlern, die mir im Laufe der Jahrzehnte ans Herz gewachsen sind. Allen voran BAYON oder BARBARA KELLERBAUER. Nun also wollen auch RUE LASCAR ihre Reise durch die Elbe-Elster-Region in diesem schönen Umfeld beenden, indem sie hier ein Konzert geben. Das wird dem Roadmovie, der entstanden ist, sicher einen weiteren Glanzpunkt verleihen und deshalb habe ich mich auf diesen letzten Abend besonders gefreut.

Da noch genügend Zeit ist, leiste ich mir vorher einen kurzen Spaziergang durch den Rosengarten, um das Grün und die noch blühenden Rosen auf mich wirken zu lassen. Wieder einmal ertappe ich mich bei dem Gedanken, dass man solche kleinen Inseln in unmittelbarer Nähe viel zu schnell übersieht und statt dessen versucht, weit über den Horizont zu schauen.
Beim Betreten des Eingangsbereiches dann die nächste Überraschung. Hier sind gerade die Exponate einer Ausstellung zu sehen, die mich für ein paar Minuten in ihren Bann ziehen. Nichts gegen die großen Galerien in Dresden oder Berlin, aber diese kleinen Entdeckungen gleich um die Ecke verraten auch eine Menge über das Leben und das Denken in unseren Tagen. Da unterscheiden sich gemalte und gesungene Kunst im Inhalt nur unwesentlich.

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Im Saal angekommen, gerate ich mitten in den Soundcheck und letzte Korrekturen für das Licht. Alle Beteiligten, Musiker und Techniker, strahlen diese entspannte Gelassenheit aus, wenn man etwas ganz Besonderes erreicht und noch einen schönen Höhepunkt vor sich hat. Die letzten Tage haben die Truppe eng aneinander geschweißt und ich habe so das Gefühl, dass in der Fröhlichkeit, die nach außen strahlt, auch ein wenig Wehmut mitschwingt, da dies heute der letzte gemeinsame Abend sein wird, ehe jeder wieder seinen eigenen Wegen folgt. Doch davon merken die Besucher, die nun nach und nach eintreffen, nichts. Die hoffen sicher auf einen unterhaltsamen Abend mit RUE LASCAR, die sie bisher nicht kannten.

Und dann stehen sie endlich auf der Bühne, können ihre Anspannung abschütteln und das tun, was sie am besten können - musizieren und unterhalten. Einige Begrüßungsworte mit französischen Akzent und dann starten RUE LASCAR auf die "Route 66" und mit einem Klassiker von Nat King Cole. Es swingt vom Allerfeinsten und diese Schwingungen übertragen sich auf uns, die wir ihnen zuhören. MATTHIEU de HARP, der Allroundmusiker, lässt mit "La Bècane" ein eigenes Stück in seiner Muttersprache folgen und danach wieder in englisch die Story von einem kleinen Mädchen, das immer nur tanzt und tanzt und tanzt. "Little Mary" swingt und groovt durch den ganzen Saal. Jetzt ist die Band in Fahrt gekommen und wie mir scheint, außerdem in der Bestform der letzten Tage.

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Ich sitze in der ersten Reihe direkt vor ihnen und lasse mich vom "Latin Quarter Swing" anstecken. Meine Füße wippen den Takt mit und ich stimme in den Refrain "I ain't gonna swing", oder so ähnlich, mit ein. Einige der Stücke sind mir in den vergangenen Tagen regelrecht ans Herz gewachsen. So auch ein früher Song von Serge Gainsbourg, den großen Chansonieur aus Frankreich, den die meisten wohl nur durch "Je'taime (moi non plus)" im Duett mit Jane Birkin kennen, und der doch so viel mehr gemacht hat. Zum Beispiel diese Geschichte vom Fahrkartenkontrolleur in der Straßenbahn, der es so leid ist, immer nur die Tickets zu lochen und zu lochen und sonst nichts. Davon singt MATTHIEU in einem Chanson namens "Le Poinaonneur des Lilas" und lässt dabei einen Schuss Swing in die französische Seele eindringen. Ein Klassestück!

Bei "White Cat, Black Cat" verschmelzen Swing, Blues und Chanson zu einer heißen Mixtur, bei der die Band RUE LASCAR förmlich zu explodieren scheint. WITEK am Saxophon läuft zu Höchstform auf und DIETMAR am Bass sprüht vor Vergnügen. Dezent im Hintergrund sitzend, spielt LENJES, der "Duke", mit den Rhythmen und bei BORIS perlen die Läufe nur so aus den Fingern in die Tasten, während MATTHIEU mit seiner Gitarre sich seinen französischen Charme aus der Seele singt. Das spürt man auch bei dem Song "Pied Levè", eine Redensart, die man sinngemäß mit "ständig auf den Sprung sein" übersetzen könnte.
Die einzige Ballade des Abends ist "Got What It Takes", auch ein Kleinod, das ich in den vergangenen Tagen lieb gewonnen habe. "Le Bide", wieder französisch gesungen, erzählt von einem, dem sie die Freundin "geklaut" haben. Diese kleinen Geschichten, und sie auf besondere Weise zu interpretieren, scheint mir die große Stärke von RUE LASCAR und dem Frontmann MATTHIEU de HARP zu sein. Egal ob "Saturday Night", eine Geschichte vom Fisch und Whisky zu einer Zeit, da das Getränk verboten war, oder der Walzer "La Russe Frama", jedes dieser Lieder bekommt einen neuen Anstrich und lebt davon. Typisch für all diese kleinen Geschichten ist auch der Song von "Gaston", der immer wieder zum Telefon rennt, "weil es ringt und ringt immer wieder" (Matthieu). Der Sänger peppt so manchen Song zusätzlich durch sein Spiel mit der Cajun oder einer der Blues-Harps auf und weiß in den kurzen Pausen kleine Episoden über den Inhalten zu erzählen.

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Als mit "Louisiana Man" der letzte Song verklungen ist, brandet der Applaus auf und keiner will so recht glauben, dass dies schon alles gewesen sein soll. RUE LASCAR lassen sich nicht lange bitten und spielen noch eines der Lieder, die ich inzwischen mitsingen kann. "Satisfy My Soul" habe ich nun schon so oft gehört, dass ich jede kleine Nuance zu kennen meine. Ich freue mich über den "Duke" an den Drums und wie er in seiner typischen Art auf den Refrain antwortet und dadurch dem Swing den Blues beibringt. Das ist einfach nur toll. Mit einem "New Pair Of Shoes" geht mein letzter Abend mit RUE LASCAR im Gut Saathain endgültig zu Ende. Jetzt sind alle Aufnahmen im Kasten und die Geräte nur noch auf "stand by" geschaltet. Die Band verabschiedet sich und kommt runter vom Podium, um sich zum Publikum zu begeben.

Der Abend endet mit persönlichen Gesprächen. Kleine Souvenirs werden ausgetauscht, herzliche und mitunter emotionale Worte werden gewechselt. Für mich geht in diesen Minuten eine aufregende Reise mit tollen Menschen, Musiker sowie Techniker, zu Ende, die mir, jeder auf seine Weise, sehr nah gekommen sind und die mich mitunter auch sehr nah an sich selbst gelassen haben. Ein Franzose, ein Pole, ein Russe, ein Ami und ein Deutscher leben miteinander und für und durch die Musik, die sie gemeinsam machen. Das muss man nicht kommentieren, das kann man auch mal nonverbal einfach so stehen lassen. An all das werde ich oft und gerne zurück denken und auch ein wenig hoffen, es möge eine neue Begegnung geben. Ich werde, wie jeder der Akteure auch, weiter meinen Weg gehen, aber ich muss Euch auch gestehen, meine Lieben, ab morgen wird mir etwas fehlen!

 

Bitte beachtet auch:

- Einleitung zur Serie über die Reise von RUE LASCAR: HIER klicken
- Teil 1 dieser Serie: HIER klicken
- Teil 2 dieser Serie: HIER klicken
- Teil 3 dieser Serie: HIER klicken
- Teil 4 dieser Serie: HIER klicken
- Off. Facebook-Seite von RUE LASCAR: HIER klicken
- Homepage von Showcase Potsdam: www.showcasepotsdam.de


 

Live-Impressionen:
 
 
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