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Ein paar Gedanken zu einem Foto...

 

Text: Reinhard Baer (10.02.2013)
Fotos: Reinhard Baer + Pressefotos


Neulich räumte ich bei mir im Keller mal wieder etwas auf und da hatte ich dann plötzlich ein Foto in der Hand. Ein Foto in schwarz/weiss. Wahrlich kein Highlight meiner Fotokunst, aber nachdem ich es wiedergefunden hatte wusste ich sofort, wo und was das ist. Da stehen einige Musiker auf einer Bühne, rechts zwei Mädchen in Hot Pants und vor den Musikern steht ein etwa 2 bis 3 Jahre altes Kind. Das Foto habe ich 1972 an einem Sonntagvormittag (ich schätze es war im Mai oder Juni) bei einer Veranstaltung im Arena-Theater Rostock mit meiner Praktica und 27-DIN-Film aufgenommen und auf Teufel-komm-raus vergrößert und im Entwickler gequält, damit was zu sehen ist.
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Ich hatte damals kein Teleobjektiv, dafür aber einen Büttenschneider, aber den Rand des Fotos habe ich beim Scannen jetzt weggelassen. Nun erzähle ich mal, wer dort zu sehen ist...

Der Musiker links heißt Jürgen Diessner und spielte Bassgitarre. Damals war irgendwie in Mode gekommen, den Tragegurt der Bassgitarre über die Schulter und dann durch den Schritt zu ziehen, und dieser Modeerscheinung war Diessner offenbar auch erlegen. Klaus Renft zum Beispiel spielte seinen Bass so und auch noch andere Bassisten. Hinter Jürgen Diessner ist ein Schlagzeug und der Kopf des Schlagzeugers zu sehen. Dieser Schlagzeuger heißt Reiner Miehatsch. Rechts neben dem Schlagzeug steht ein Gitarrist und der ist relativ bekannt, denn es ist Jürgen Matkowitz. Jürgen Matkowitz gründete etwas später die Gruppe PRINZIP, heute liest man seinen Namen oft im Zusammenhang mit Lasershows und dem alljährlichen Künstlertreffen im Berliner DämeritzSeehotel. Neben Matkowitz ist noch eine Orgel zu erkennen, allerdings kein Orgelspieler, aber der war auch da und er heißt Bernd Müller. Bevor ich zu den Mädchen komme, sage ich noch, wer hier noch auf der Bühne stand, aber nicht zu sehen ist. Es gab da noch einen Sänger, der Michael Schubert heißt, und den Bandleader und Sopran-Saxophonisten Uve Schikora. Die Band war also die UVE-SCHIKORA-COMBO oder - wie es etwas später auf der noch zu erwähnenden LP der Band stand - UVE SCHIKORA UND SEINE GRUPPE.

Nun zu den drei Mädchen: die exotischen Schönheiten kamen aus den Niederlanden, sind Schwestern und heißen Bianca, Stella und Patricia Maessen bzw. HEARTS OF SOUL. Diese drei Sängerinnen hatten, bevor sie mit der Uve-Schikorra-Combo 1972 durch die DDR tourten, zwei Jahre zuvor die Niederlande beim Grand Prix Eurovision de la Chanson vertreten. Das exotische Äußere der drei Sängerinnen ist auf ihre eigentliche Herkunft Indonesien zurückzuführen. Die HEARTS OF SOUL waren auch schon einmal in der Unterhaltungssendung des DDR-Fernsehens "Da liegt Musike drin" zu sehen und zu hören gewesen. Dort sangen sie den Titel "Turn Turn Turn" von Pete Seeger, bekannter aber in der Version von THE BYRDS. Jetzt noch ein paar Worte zu dem Kind. In der vorderen Reihe vor der Bühne saßen die Eltern mit ihrem Kind. Das Kind quängelte wohl irgendwie, es wollte wohl wissen, was die da auf der Bühne machen. Einer der Musiker hob es hoch und so konnte der oder die Kleine sich alles ansehen. Das ist ja jetzt alles über 40 Jahre her und somit dürfte das Kind inzwischen auch in die Jahre gekommen sein.

Nun aber einige Ausführungen zum Konzert. Die erste Halbzeit bestritten Uve Schikora und seine Musiker ohne die drei Mädchen. Da sprangen plötzlich sechs junge Musiker in total bunter Bühnenkleidung auf die Bühne. Die Stoffe, aus denen diese Kleidung genäht war, können Übergardinen- oder andere Dekostoffe gewesen sein. Die Hosen hatten der damaligen Mode gehorchend natürlich Schlag und die Schuhe hatten Plateausohlen. Uve Schikora trug dazu auch noch eine lustige, bunte Mütze. Der erste Titel, der gespielt wurde hieß "Look At Yourself", damals gerade ein Erfolg von Uriah Heep. Weitere internationale Titel folgten, so erinnere ich mich noch an die Namen COLOSSEUM und MOUNTAIN. Ehrlich gesagt, so hatte ich eine Band noch nie erlebt, es war angemessen laut und es wurde eine richtige Bühnenshow geboten. Schikora hatte auch einige eigene Titel im Gepäck. Es hieß, dass demnächst eine LP mit der Band erscheinen würde und daraus wurde etwas gespielt. Ein Titel hieß "Deine Augen" und ein weiterer "Das Gewitter". In letztgenannten Titel trommelte Reiner Miehatsch ein ausgiebiges Schlagzeugsolo.

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Der zweite Konzertteil gehörte dann den drei Mädchen von HEART OF SOUL. Sie sangen Titel in englischer Sprache, die ich aber nicht kannte und wozu ich auch heute nichts mehr sagen kann. Lediglich an den Carole King-Song "You've Got a Friend" erinnere ich mich noch. Die Kommentare der drei, die sie im gebrochenem Deutsch bzw. auf Englisch und mit piepsiger Stimme gaben, nervten irgendwie, genau wie Schikoras Saxophonspiel, was da irgendwie nicht rein passte. Die Konzerthälfte mit HEARTS OF SOUL wurde an diesem Tag vom DDR-Rundfunk aufgezeichnet und später auch im Radio gesendet. Die angekündigte LP erschien wenig später auch und hieß "Das Gewitter". Sie steht bei mir im Plattenregal, aber ich finde sie nicht gerade überwältigend. Zwei Titel wurden von Frank Schöbel gesungen und das Schlagzeugsolo beim Titelsong ist bestenfalls angedeutet. Uve Schikora hatte mit dem Mädchentrio weitere Pläne einer Zusammenarbeit bis hin zu einer LP. Für Jürgen Matkowitz und Reiner Miehatsch war das der Grund für einen baldigen Ausstieg aus der Band. 1973 erlebte ich die UVE-SCHIKORA-BAND erneut. Von der damaligen Besetzung waren nur noch Jürgen Diessner und Schikora selbst übrig. Die Leadgitarre spielte jetzt Ulrich Pexa und der Sänger war der korpulente frühere Schlagzeuger der Band Gerhard Pachsteffel. Diesesmal waren die Schikoras Begleitband von Chris Doerk und Frank Schöbel. Das damals noch in ehelicher Gemeinschaft lebende Schlagerpaar hatte in dem DEFA-Film "Nicht schummeln, Liebling" mitgespielt. Der Film wurde im Freilichtkino in Rostock zu den Sommerfilmtagen aufgeführt und davor gaben die beiden ein kleines Konzert zusammen mit Uve Schikora. Die Schikora-Band spielte zunächst einen Titel alleine und das war "Nights In White Satin" in der Version von Eric Burdon and War, danach übernahm Frank Schöbel das Mikrofon.

Die Besetzung der Schikora-Band hat sich dann später nochmals geändert und eines Tages kehrten die Musiker von einem Auslandsgastspiel ohne ihren Chef zurück. Dieser hatte sich in Richtung BRD abgesetzt, wo er dann irgendwann in einer Fernsehsendung (ich glaube "Kennzeichen D") erzählte, dass er wieder in der Musikbranche arbeite, und dass es ihm gut gehe. Den Namen Uve Schikora liest man ab und an auf Tonträgern. Er arbeitet als Komponist und Produzent und zu seinem Klientel zählten und zählen Namen wie Jürgen Marcus, Roy Black, Heintje oder Daliah Lavi, und auch mit seinem Bandsänger aus frühen Jahren (Hans-Jürgen Beyer) gab es zwischenzeitlich eine Zusammenarbeit. Das hat zwar alles nichts mehr mit dem oben eingefügten Foto zu tun, aber ich finde es schon erstaunlich, welche Erinnerungen ein einziges Foto wieder bringen kann...

 


   
   
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