Deutsche Weltmusik - Hans-Eckart
Wenzels neue Einfachheit

(aus Melodie & Rythmus 1/2005, Bericht: Gerd Dehnel)


Foto: Dirck Weinreich

Soviel Gitarre war bei Wenzel nie. Sie prägt den Sound, hebt zu kleinen federleichten Flügen ab, plingelt lässig vor sich hin, wütet auch mal dazwischen, wenn's allzu harmonisch wird. "Ich hab mir nach einer USA-Tour zur Belohnung eine alte Gibson gekauft", erklärt Hans-Eckardt Wenzel die neue Prägung seiner Songs, und gerät regelrecht ins Schwärmen: "Das ist ein Wunderinstrument. Da kriegt man einfach Lust, jeden Tag ein paar Stunden zu üben. Was ich auch gemacht habe." Es tut seiner Musik gut. Sie bleibt diese in Deutschland einzigartige Mischung aus Folk-Rock mit osteuropäischem wie irischem Einschlag, aus deutschem Kunst- und Volkslied sowie vielen Arten von Weltmusik. Die Band ist hörbar eingespielt. Das Akkordeon zaubert ein wenig Fernweh her, weiche Bläser und wohltemperierte Keyboards, umschmeicheln die Ohren. Wenzels sonore Stimme fügt sich in den warmen Klang ein. Gitarrist Stefan Weyerer und Wenzel selber binden all diese Elemente mit zweimal sechs Saiten zusammen. Selbst die Texte fügen sich in den musikalischen Klang. Sie sind herzzerreißend, saufrech, sarkastisch, melancholisch, apokalyptisch, sehnsuchtsvoll. Stets aber bilden sie mit der Musik eine unzertrennliche Einheit. "Mich hat immer interessiert, wie weit Sprache musikalisiert werden kann, ohne dass sie doof wird", beschreibt Wenzel sein Prinzip. Man könnte ihn wirklich einen Lieder-Macher nennen. Einen der eben seine Texte schreibt, um dann nach ein paar Akkorden zu suchen, und keine Melodien, für die er dann dichtet, damit auch der Mund was zu tun hat. Wenzel schreibt Lieder, in denen beides gleich wichtig wird, in denen Worte nach Musik klingen und die Musik zum Text gehört.
Nur ist der Begriff Liedermacher eben derart besetzt, dass er für Wenzel überhaupt nicht passt. "In einem sehr weiten Sinne würde sagen, ich komme von der Volksmusik", versucht er eine Erklärung. "Ich bemühe mich, das immer zu koppeln mit einem kräftigen Groove. In Afrika oder Asien würde man dazu wohl einfach Weltmusik sagen. Aber Deutschland zählt sich nicht zur Welt, deshalb geht das hier nicht."
Was an Wenzels aktueller CD "Himmelfahrt" schnell auffällt, ist eine ziemliche Gelassenheit, Geduld mit der Welt und den Menschen. "Dreiundzwanzig Wünsche" heißt der erste Song und enthält eben diese. "Eine, die ganz zu dir hält", wünscht er da, "eine Juninacht auf Rasen, eine Sternschnuppe, die fällt". Ja, er will sogar "einmal sich zufrieden geben ohne jeden Hinterhalt". Wenzel und zufrieden geben? Jedenfalls gönnt er Momente völliger Friedlichkeit, erlaubt er ein kurzes Ignorieren allen Elends dieser Welt. So lässt er die Beschreibung eines glücklich-faulen Sommertags von einer geradezu entrückten Orgel untermalen. Eine Trompete zündet kleine musikalische Freudenfeuer, wenn er vom Schlaf seiner Tochter singt, "drei Hände groß, auf meiner Brust". Nicht, dass er nun über alle Dämlichkeiten hinweg sehen würde. So karikiert er im Titelsong ziemlich ungnädig die obligatorischen Besäufnisse am Herrentag, lässt die Gitarre dazu in schrägen Tönen wüten. Eine plärrige Jazz-Trompete zersägt fies den Schunkelrhythmus. Die häufiger spürbare Gelassenheit hat mit seiner Amerika-Erfahrung zu tun, sagt er. Nora Guthrie hat ihn Ende 2002 nach New York eingeladen, um das Archiv ihres Vaters Woodie zu ordnen. Wenzel hat sich durch 3000 unveröffentlichte Songs gearbeitet. Für sie existieren keine Notationen, weil Woodie Guthrie die Notenschrift nicht beherrschte. Wenzel hat deshalb zu ausgewählten Texten eigene Melodien geschrieben, die Songs englisch genommen, dann noch mal mit nachgedichtetem Text. Das stieß nicht gleich überall auf Gegenliebe. Warum lässt das Archiv ausgerechnet einen Deutschen an die US-Folk-Ikone heran, so wurde gefragt. Das Ergebnis aber überzeugte Publikum wie Kritiker, die Tour von Wenzel und Band mit den Guthrie-Songs wurde gefeiert. "Ich hab in den Konzerten immer mal deutsche Passagen eingestreut", erzählt Wenzel, "Auch das kam gut an, obwohl die Amerikaner eigentlich nicht glauben, dass man auf Deutsch singen kann."
Aber was hat nun Guthrie mit den neuen Wenzel-Songs zu tun? "Es gibt kein Lied, in dem das gleich zu spüren ist", so Wenzel. "Aber mein Songschreiben hat sich insgesamt geändert. Ich trau mir eine neue Einfachheit zu. Damit hat man ja eigentlich so seine Schwierigkeiten, noch dazu wenn man aus dem Osten kommt. Da verkompliziert man gerne. Ohne Woodie Guthrie hätte ich nicht so schreiben können wie jetzt." Das Kapitel ist für Wenzel dennoch abgeschlossen. Er könnte sich durchaus ein Leben lang mit Woodie Guthrie beschäftigen, sagt er. Aber er will kein Museumswärter sein. Denn dann könnte er nichts eigenes mehr schreiben. Eine Horrorvorstellung für jemanden, der es bedauert, dass keine Plattenfirma alle halbe Jahre eine CD von ihm veröffentlichen kann, obwohl er genug Songs dafür hätte. So bringt er es seit dem Debüt "Stirb mit mir ein Stück" von 1987 "nur" auf zwölf Platten. Seit 1994 hat er viermal den Preis der Deutschen Schallplattenkritik bekommen, verschiedene Kabarett- und Kleinkunstpreise dazu. Er hat Theaterstücke geschrieben wie "Drei Solobläser retten den Freischütz" für das Schauspielhaus Berlin. 1999 ging er zum letzten Mal mit seinem langjährigen Partner Steffen Mensching auf die Bühne. "Ab klappter der Adapter" hieß das Programm. Im Clowns-Duo mit Mensching ist er in der DDR bekannt geworden. Von 1982 an sorgten sie mit ihren "Da-Da-eR"-Programmen für Sorgenfalten bei Funktionären und Verwunderung beim Publikum: So weit also konnte man gehen, ohne von der Bühne weg verhaftet zu werden. Kostüme und Masken halfen - hier sprachen ja Clowns, das durfte doch keiner ernst nehmen. Einen Titel aus gemeinsamen Zeiten gibt es auf der neuen CD, "Sie werden kommen", sowie einen vom Debüt "An mich, nachts". Gerade bei diesem Lied wird musikalische Reifung überdeutlich. Der einstigen Theatralik entkleidet, bekommt es eine ganz neue Tiefe. Nervös angetrieben von der Gitarre wächst die nächtliche Schlaflosigkeit zur Furcht, nicht genug zu erreichen: "Es ist so viel zu machen noch, ich quäle seit Jahren nur die Hälfte aufs Papier." Eine großartige Hälfte immerhin.




Übernahme des Textes mit freundlicher Genehmigung der "Melodie & Rhythmus"