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"Hau mich in mein Chaiselongue und höre... Scheselong:" aus M&R 6/1984. Autor: Antje Klages, Fotos: Joachim Schulz
"Hau mich in mein Chaiselongue und höre SCHESELONG" – so klingt's mir noch in den Ohren vom Konzert "Abgesang". Obwohl: An SCHESELONG fasziniert nicht so sehr "nur" die Musik... Schon die Schreibweise des Namens verrät etwas von dem Ungewöhnlichen, von der Ironie mit welcher SCHESELONG Festgefahrenes und Gewohntes attackiert. Die Band hat dabei keinen geringeren Anspruch, als gegen Gleichgültigkeit und Egoismus anzutreten, alte und neue Unsitten auf die Schippe zu nehmen. Sie bedient sich in ihren Titeln alltäglicher Themen. Und doch unterscheiden sich diese durch die Art ihrer Vermittlung wesentlich von anderen: Klaus Schäfer, Sänger und Hauptakteur, nutzt gekonnt Elemente des Kabaretts, der Verfremdung, Pantomime, der Mimik überhaupt sowie der Gestik, verwendet gezielt Maske und Kostüm. Damit reiht sich SCHESELONG ins Feld derjenigen Rockgruppen (z.B. PANKOW und REGGAE PLAY), die ihr Publikum nicht mehr nur durch die Musik schlechthin unterhalten, sondern den Spiel– und Schaucharakter ihrer Konzerte erweitern und somit natürlich ungleich mehr sinnliche Reize ihrer Rezipienten ansprechen, emotionale Impulse und vor allem geistige Anregung vermitteln.
"Guten Tag, Mädel! Servus Aschenbrödel! Hab euch nur erkannt, an der Paffe in der Hand. Rollt mal schon vor, ich krücke hinterher. Dann eine auf die Freundschaft und der Kehlkopf ist nicht mehr.“ Auch alle anderen Titel haben es in sich, kritisieren mit schockierender Deutlichkeit Zeitgenossen. Da ist von "Ilsebill" die Rede: "Ich sagte zu ihr: Liebe Ilse – komm ich schenke dir mein Herz, sie sagte: Nett von dir, mein Kleiner, schenk mir lieber einen Nerz..." oder von gewissen Fußballfans, die das Fußballstadion mit einer Kampfarena verwechseln, in der sie die "Helden" sind. Auch setzen sich die SCHESELONG-Leute mit noch vorhandenen bürgerlichen Verhaltensweisen, Modetrends und Geldgier auseinander, ist von Zwischenmenschlichem die Rede (z.B. "Brief eines Ehemanns an seine Frau" oder "Der letzte Walzer für zwei" – die reine Persiflage). Die Frage des Seins oder Nichtseins behandelt SCHESELONG auf ihre besondere, ganz eigene Art: durch die Darstellung des Knopfdrückers – eine groteske Schreckgestalt, die sich entlarvt: "ICH-ICH-ICH drücke drauf und alles ist im Eimer. Aus-Schluß-Vorbei! ICH-ICH-ICH drücke drauf und alles ist im Arsch! HA HA HA! Seitdem der Mensch nach Macht und Reichtum giert, seitdem, da braucht er mich. Seitdem man für Profit Waffen produziert, seitdem, da braucht man mich...”
Die Band verwendet einfache, durchschaubare musikalische Strukturen, nutzt verschiedene Stilarten, z.B. Rap, Reggae, Rock 'n' Roll, bedient sich aber auch traditioneller Standards, die nicht gerade gewöhnlich für eine Rockband sind: Tango, Walzer, Marsch. Bei der Dichte und Kompaktheit des Show-Konzertes (musikalische und gedankliche Ruhepausen fehlen) besteht allerdings zum Teil die Gefahr, dass etwas von der Ironie und inhaltlichen Problematik dem Zuschauer verloren geht, da er die Fülle des Angebotenen nicht sofort in sich aufnehmen kann. Oberstes Gebot ist beim textlichen und musikalischen Erarbeiten der Stücke (Micha Kranz: "Es passiert im Probenraum."), dass jeder Musikant sein schöpferisches Potential einbringt. Kein Titel kommt auf die Bühne, der nicht zuvor einer heftigen Kritik aller standhalten musste. Und dies dürfte ein ziemlich harter Prüfstein sein, geht man davon aus, dass SCHESELONG sich aus unterschiedlichsten Charakteren zusammensetzt.
Chef von SCHESELONG, Ideenlieferant und ebenfalls Texter ist Michael Kranz (g). Dirk Münster (g) sowie Michael Homann am Bass prägen SCHESELONG ebenso wie Drummer Joachim Körner – ein Vollblutmusikant -, der vorher bei allen möglichen Tanz- und Rockkapellen trommelte und nun seine musikalischen Erfahrungen in der Bandarbeit weitergibt. (Klaus und Joachim sind Absolventen der Hochschule für Musik "Hanns Eisler" Berlin, die zwei Michaels studieren jetzt dort, Dirk ist Absolvent der Musikschule in Magdeburg.) Und natürlich nicht zu vergessen, Toningenieur Norbert Särchen und Wolfgang Rösler (Licht), ohne die nichts ginge. Sie alle bilden trotz individueller Verschiedenartigkeit ein homogenes Ganzes, in dem jeder den anderen respektiert, in ihm einen wahrhaft gleichberechtigten Partner sieht. Sicher mit eine Ursache dafür, dass SCHESELONG in relativ kurzer Zeit eine unserer inhaltlich anspruchsvollsten und profiliertesten Rockbands geworden ist (was auch in einer Silbermedaille beim VII. Interpretenwettbewerb in Karl-Marx-Stadt Bestätigung fand). Übernahme des Textes und der Bilder mit freundlicher Genehmigung der "Melodie & Rhythmus" |