Gaby Rückert & YOYO: ...denn an
Wunder glaub' ich nicht mehr

(aus Melodie & Rythmus 5/1983, Bericht: Detlef Plog)

Um ein Wunder handelt es sich ja auch nicht. Überhaupt nicht. Eher um das Gegenteil. Dennoch. Es gibt Momente, seltene, im beruflichen oder privaten Umgang mit Kunst, auch mit Unterhaltungskunst, die sind schon wunderbar, für Sekunden. Selbst wenn man dabei einer Täuschung überführt wird. Keiner Enttäuschung. Nein. Ganz im Gegenteil. Beispiel: Man mag eine Sängerin. Wegen ihrer Lieder, die sie singt und wegen der Art, wie sie singt. Leise. Leise Lieder mit leiser, aber intensiver Stimme. Kunstvoll, doch nicht gekünstelt. Unverstellt, wahrhaftig im Ausdruck, wenn auch bewusst und wissend um manches Menschliche. Deshalb mag man sie und meint sie erkannt zu haben. In ihrem Wollen, an ihren Liedern, in ihren Schönheiten und in ihren Grenzen, den natürlichen, die sich auftun, wenn man solche Lieder so singt. Da braucht man aufmerksame Zuhörer, die sich offen halten für diese Schlichtheit, auch nach dem dritten Lied noch, da gibt es kaum Jubelausbrüche während eines Konzertes und kaum ein Dakapo. Stille Kunst bewirkt stille Reaktionen.

Denkste. Besser: dachte ich. Von Gaby Rückert. Von ihren Liedern, ihren Schallplatten, ihren Konzerten. Bis zum Februar dieses Jahres, bis zu einem Konzert, das sie gemeinsam mit der Gruppe YOYO bestritt. In Premnitz, im Kulturhaus des VEB Chemiefaserwerkes und des Rates der Stadt – was nobel klingt, auch liebevoll ausgerichtet, rein architektonisch betrachtet aber eine Art bebühnter Speisesaal war. Während Technik und Akteure noch wenige Minuten vor Konzertbeginn mit den akustischen Gegebenheiten von solchen Konzertstätten kämpfen, sehe ich mir das geduldig in der Vorhalle wartende Publikum an: junge Leute und sehr junge, vielleicht noch Schüler, vielleicht schon Lehrlinge; mitteralterliche Gruppierungen, die nach Brigade oder Freundeskreis aussehen, auch gesetztere Leute, Paare zumeist, Ehepaare wahrscheinlich. An der Tür zum Saal ist ein Tisch mit Postern, Aufklebern ect. Aufgebaut: Gaby Rückert & YOYO im Konzert. Der Umsatz hält sich in Maßen.

Licht aus. Verfolger an, gerichtet auf einen Gong, Gongschlag und: Gaby Rückert, erst a capella, dann mit YOYO, Konzert von Gaby Rückert und YOYO. Und was war besonders an diesem Konzert? Es war wohl geprobt, auf's Stichwort, lichtkonzeptionell beispielgebend musikantisch und durchdacht. Es war musikdramaturgisch gut gebaut, steigerte sich intervallartig bis zum Schlussakkord, enthielt in der Überzahl Lieder von Gaby Rückerts zweiter LP „Guten Tag“, gemischt mit einigen ihrer ersten Scheibe und miteinander verbunden durch kurze, pointierte Zwischentexte. Es enthielt ein "Bee Gees"-Medley von YOYO und eine ausgezeichnete Solo-Nummer der beiden Gitarristen und eine Erweiterung des Zwiegesangs für eine Stimme und eine Gitarre in "Thommys Lied" auf einen Trigesang, und eine musikalisch interpretatorische Überraschung von Gaby Rückert enthielt es auch. Die Erfolg gesichertsten Lieder "Schneewittchen" und "Berührung" gab es erst als Zugabe. Dakapo also? Ja. Und das ist eigentlich das Besondere: Die Atmosphäre des Konzertes, die solcherart Lieder zu solcher Wirkung verhalf. Man liest zuweilen theoretische Bemerkungen über die Bedeutung kollektiver Arbeit innerhalb einer Rockformation für deren überzeugende künstlerische Wirksamkeit. Hier war ein Stück Praxis zu erleben. Wohl noch nie bis zu diesem Abend habe ich Gaby Rückert so gelöst, so souverän in der Beherrschung des Bühnengeschehens und locker auch in der Bewegung erlebt. Mitgetragen und angefeuert durch die Gruppe.

Und bei aller Studio-Perfektion der LP Einspielungen: so stark sinnlich, so zum Anfassen, so eindringlich und menschlich erwärmend hatte ich Gaby Rückerts Lieder noch nicht gehört, wie in der Interpretation durch YOYO. Angefeuert und mitgetragen durch die Solistin. Bravo – und Zugabe – und Zugaben, und nach dem Konzert ist der Andrang am Tisch mit den Postern groß.
"...denk mir selbst was aus, denn an Wunder glaub' ich nicht mehr", heißt es in einem Lied Gaby Rückerts. Sie haben sich was ausgedacht, haben gemeinsam hart gearbeitet und werden ihr Konzertprogramm auch während der Leistungsschau vorstellen: die Ingeborg Branoner, der Thomas Natschinski, die Gaby Rückert und die Gruppe YOYO (Andraes Kruppke – keyb, Peter Hähner – bg, Bernd Bangel – g, Viktor Heyse – g, Tilo Pietschmann – dr, Christian Hadert – Ton, Ulrich Schmidt – Licht). Sicher, ein bisschen Glück ist auch im Spiel, wenn die Sache so aufgeht, aber kein Wunder. Denn Wunder tun's nicht. Leistung macht es!




Übernahme des Textes mit freundlicher Genehmigung der "Melodie & Rhythmus"