Zwischen Liebe und Zorn:
Karussell und RENFT auf gemeinsamer Tour in der DDR
(aus Melodie & Rythmus 8/1972, Beitrag: Wolfgang Martin, Fotos: Herbert Schulze)


Es war seit dem Juli 1989 meine erste Reise wieder nach Leipzig. Inzwischen war man in Hamburg, Bremen, München... in Leipzig vor zehn Monaten. Noch nicht einmal ein Jahr ist seither vergangen, und wie hat sich die Welt in dieser Zeit für uns verändert. Welt ist nicht übertrieben.

Ich reise mit Tom Müller. Er ist Chef des Westberliner HANSA-Tonstudios, in dem die aktuelle Karussell-LP "Solche wie Du" gemischt wurde, und wo ich nach 15 Jahren auch die alten Renft-Leute wiedergetroffen habe. Und Tom erzählt mir, als wir zwischen Halle und Leipzig in einen Stau geraten, von seiner letzten Urlaubsreise in die USA, von Freunden dort, die nun seit dem Herbst letzten Jahres ein bißchen mehr über Deutschland wissen als bisher. Aber heute Abend ist meine (kleine) Welt eine Reise von Berlin nach Leipzig, von einer dynamischen Gegenwart.


Renft-Probenfoto mit Cäsar, der bei
den Konzerten nicht dabei war

Als im Herbst '89 die verbotenen Lieder in unser Rundfunkarchiv zurückgestellt wurden, erlebten die Renft-Songs ihre erste Konjunktur nach der Wende. "Ermutigung" zum Beispiel: "Manchmal fällt auf uns der Frost und macht uns hart". Im Oktober stand dieser Text in einem anderen Zusammenhang als nun ein halbes Jahr später. Aber eines blieb und bleibt gültig: Die Rocklieder haben die schweren Zeiten überdauert, der Maulkorb konnte sie nicht beschädigen. Frag' mal in einem Schallplatten–Antiquariat, "Welches sind die gefragtesten Amiga–Platten?" Antwort: "Die beiden RENFT–Longplayer aus der ersten Hälfte der 70er Jahre." Die dritte LP ist in der DDR schon gar nicht mehr veröffentlicht worden, wenngleich die Lieder durch die letzten Konzerte und die illegale Verbreitung der später im Westen erschienenen LP doch recht populär waren. Zum Beispiel "Hol mich nach Norden", das Lied vom kleinen und großen Otto. In diesen Versen waren die Sehnsüchte einer ganzen jungen Generation artikuliert, und so auf den Punkt gebracht, dass die Gruppe damit bei den Offiziellen der damaligen DDR–Kultur einfach anecken musste. 1974/75 spitzte sich die Situation in einem Maße zu, dass es kaum noch ein RENFT–Konzert ohne Stasi–Absicherung gab. Die Band mit dem frühzeitigen Slogan "Wir machen Deutschrock" auf den Lippen, war zur einzigen Kultband der DDR–Rockgeschichte gewachsen, auch deshalb, weil sie von einem bestimmten Punkt an keinerlei künstlerische und politische Kompromisse einging. Sie war daher zu einer "staatsbedrohenden Gefahr" geworden.

Die Oberen scheuten fortan weder Kosten noch Mühen – wie viele Leute waren wohl über einen langen Zeitraum nur mit dem Fall RENFT beschäftigt gewesen? – Vorwände oder im Selbstverständnis der SED–Rechtssprechung Gründe dafür zu finden, die Band kalt zu stellen. Und dann kam das Verbot, ausgesprochen von der damaligen Chefin der Leipziger Konzert– und Gastspieldirektion, Frau Oelschlägel. Hass und Zynismus sprachen aus den Worten ihrer Pseudo–Begründung: "Ihre Texte haben mit der sozialistischen Wirklichkeit nicht das geringste zu tun. Sie werden verstehen, dass wir nicht bereit sind, uns musikalisch untermalen zu lassen, was sie textlich vorgelegt haben. Wir sind der Auffassung, dass damit die Gruppe RENFT als nicht mehr existent anzusehen ist."


Dirk Michaelis

Das war der vorläufige Schlussstrich. Wut und Ohnmacht bei den Fans, auch bei vielen Freunden und Medien. Ich war damals junger Musikredakteur beim Rundfunk, und gemeinsam mit der langjährigen RENFT–Produzentin Luise Mirsch haben wir noch den Versuch gestartet, ein Interview mit Klaus Jentsch (Renft), Thomas Schoppe (Monster), "Cäsar" Peter Gläser, Jochen Hohl, Christian "Kuno" Kunert und ihrem Texter Gerulf Pannach zu lancieren. Das kam nicht mehr zustande. Wir saßen in der Funkhauskantine, als ein mir unbekannter Herr herausbekommen wollte, wer den Einlass der Musiker veranlasst habe... An diesem Tag hatten wir uns das letzte Mal gesehen und gesprochen.
Später sah ich im Fernsehen den Film von Olaf Leitner über die ersten Wochen einiger RENFT–Musiker im Westen, hörte ab und zu etwas von den Platten mit "Pannach & Kunert", KARUSSELL wurde von Wolf-Rüdiger Raschke mit zwei Ex–RENFT–Musikern (Cäsar und Jochen Hohl) gegründet... Das Thema hatte sich bis auf gelegentliche Versuche, mal ein Lied spielen zu dürfen, soweit erledigt. Das Leben ging weiter, die DDR wurde zur "Geschlossenen Gesellschaft", die sich mehr und mehr von ihren eigen Bürgern nach innen schützte...

Ich summe leise "Zwischen Liebe und Zorn". Der Stau hat sich aufgelöst. Wir fahren wieder zügiger und sind in wenigen Minuten in Leipzig. Innenhof der KMU – wie lange wird sie wohl noch Karl–Marx–Universität heißen? Unvermittelt sind wir in der Gegenwart. Altvertraute Klänge. Soundcheck für KARUSSELL und RENFT. Es ist auf dieser Tour bereits das zweite Konzert in ihrer alten Heimatstadt, die nun "Heldenstadt" genannt wird. Ein paar tausend waren am 1. Mai zum Open Air auf der Wiese am "Haus Auensee" gekommen, und auch heute Abend werden noch einmal knapp zweitausend Karten verkauft. Damit hatte ich nicht gerechnet. Im Publikum viele Studenten, T-Shirt, Jeans und Jesuslatschen – meine Güte, wie damals... vor 15, 16, 17 Jahren, als wir zu ihren Konzerten pilgerten, ihre Lieder hörten und bejubelten: "Trug sie Jeans", "Apfeltraum", "Wer die Rose ehrt", "Gänselieschen", "Mama", "Nach der Schlacht", "Besinnung", "Ermutigung", "Ketten werden knapper" oder die aus dem DEFA–Film "Für die Liebe noch zu mager"...

Zuerst spielt KARUSSELL. Keyboarder Wolf-Rüdiger Raschke hatte die Idee zu dieser Tournee, und er sagt mir freudestrahlend, "sie hat sich ausgezahlt. Überall ein aufgeschlossenes Publikum, das mit diesen Konzerten die Brücke baut von der Vergangenheit in die Gegenwart." Ganz vollzählig ist die RENFT–Band nicht mehr zusammen gekommen. Cäsar ist noch während der Proben abgesprungen. Es gibt einen Grund, solche Entscheidungen zu bedauern, aber niemanden dafür zu verurteilen. Diese 15 Jahre haben ihre Spuren hinterlassen. Auch an den Musikern, die jetzt auf der Bühne stehen: Monster, der die Texte inbrünstig aus sich heraus bringt; Klaus Jentsch, dessen Bassspiel noch nie so umwerfend war, dem man die Freude am Konzert und der Begeisterung des Publikums aber anmerkt; Jochen Hohl, der doppelt schindern muss – trommelt bei KARUSSELL und RENFT und sagt mir in der ihm eigenen sächsischen Ruhe: „Toll, das dies noch einmal zustande gekommen ist.“

Ein ganz frühes RENFT–Mitglied, Robert Hoffmann, ist an den Keyboards dabei und Lutz Heinrich (Ex–SET) als Gast an der Gitarre. Sie spielen, so lange es das Repertoire – und nun ja auch mit den Songs der dritten LP – und die Begeisterung der Leute zulassen. Ab und zu muss ich schmunzeln, wenn der Eindruck entsteht, allzu sehr Jugend heraufzubeschwören.
Diesen nostalgischen Touch mag ich nicht so sehr, weil die Zeit ja trotzdem weiterging. Aber toll ist es schon, vor allem, weil so viele junge Typen ihre Freude an diesen Konzerten haben. RENFT existiert wieder und hat in Leipzig gespielt.

Übernahme des Textes mit freundlicher Genehmigung der "Melodie & Rhythmus"




Fotoimpressionen:


RENFT


KARUSSELL