POND: Elektronik-Konzept
(aus Melodie & Rythmus 2/1986. Autor: Wolfgang Martin)


Foto: Stefan Hessheimer

Oktober / November / Dezember `85 - jeweils Montag Abend, Fernsehen der DDR, 1. Programm, ca. 22:00 Uhr: Es beginnt eine weitere Folge der 10-teiligen Dokumentarfilmserie "Auf der Seidenstrasse" (einer Koproduktion von Filmteams aus der VR China und aus Japan). Dem interessierten Zuschauer bieten sich die aufregenden und aufsehenerregenden Bilder von einer Expedition, die Monate dauerte, durch die Wüste Gobi, das Thiensan-Gebirge und die vielen anderen abenteuerlichen und geheimnisvollen Landschafts- und Naturpunkte, entlang der berühmten Seidenstrasse. Der Zuschauer saugt die Bilder in sich auf, ist bereit die Entdeckungen und Gefahren der Expedition voller Erstaunen zu bewundern. Und das ganze wird scheinbar unbemerkt von einer Musik begleitet, die bewusst funktional gesetzt, die Spannungen und Auskünfte des Films unterstützt. Und kaum ein Zuschauer wird sich Gedanken darüber gemacht haben, vielleicht nicht einmal auf dem Abspann zur Kenntnis genommen haben, das der Komponist der Titelmusik "Auf der Seidenstrasse", sowie der vielen anderen erklungenen Melodien/Sequenzen - beim Film sagt man Takes dazu - Wolfgang Fuchs heißt. Jener Fuchs, der von seinen Freunden nur "Paule" gerufen wird und 1978 die Gruppe POND gründete.
Wer Paule persönlich kennt kann sich vorstellen, was in ihm vorging, als er im Sommer `85 einen Anruf vom Fernsehen bekam und mit den "Seidenstrassen"-Projekt vertraut gemacht wurde. So umfänglich hatte er bislang für das Medium Film/Fernsehen noch nicht gearbeitet, aber immerhin, wenn sich erst der Kollege "Ego" im Künstler rührt, dann ist der Auftrag fast schon angenommen - und als Ehre empfand er ihn allemal. Also hin zum Fernsehen, Termine vereinbart um Filmteile zu sehen, sich mit dem Stoff vertraut zu machen, der ja eine Menge Eigengesetzliches auch vom Komponisten verlangt. China/Japan - Südostasien - Geschichte - Landschaften - Natur; alles so etwas ging Paule Fuchs durch den Kopf. Die Arbeitsbedingungen waren günstig, denn gerade konnte er das Equipment seines Arbeitszimmers (in einer Marzahner Neubauwohnung) komplettieren, Grundstufe für den Auf- und Ausbau eines Studios, indem er künftig seine Musik besser realisieren möchte. Angst vor der Arbeit gibt es für ihn nicht, obwohl ihm bei der "Seidenstrasse" die Zeit im Nacken saß.
Als nächstes wurde sein POND-Co. Harald Wittkowski, mit dem er seit 1981 zusammenarbeitet, mit der Sache vertraut gemacht, und dann wurde ohne Umschweife komponiert - sprich experimentiert, programmiert, gespeichert, abgerufen, verändert, aufgenommen - ein Prozess, der für solcherlei Musik, die von Wolfgang Fuchs als "Electronics" bezeichnet wird, typisch ist. In einer Rundfunksendung haben wir uns darüber einmal ausführlich verständigt und POND steckt dabei ganz deutlich für sich einen musikalisch-künstlerischen Radius ab. Elektronische Musik ist historisch und formal etwas ganz anderes, als die meisten Musiker darunter vorgeben, die ihre Musik lediglich auf elektronischen Instrumenten produzieren. Für den Laien ist das immer ein wenig kompliziert, diese von so vielen Fachausdrücken begleitete Musikproduktionen theoretisch zu erfassen, aber letztlich kommt es für den Rezipienten auch gar nicht darauf an. Dieser muss seine ganz persönliche Beziehung zu solcherlei - sicher vor allem zeitgenössischen - Musik weniger rational, als mehr emotional entwickeln. Der Mann an den Maschinen, Synthesizer, Drum-Computer, Sequenzer oder sonst wie geheißen, betreibt das Musikproduzieren heute mit der Logik eines Mathematikers, der Zuhörer, zum Glück, benutzt noch immer seine menschlichen Empfindungen und fällt sein Urteil.
POND hat das in allen Phasen immer wieder bewusst gemacht und begreift ihre eigene Musik vor allem als Gebrauchsmusik. Dies ist natürlich ein streitbarer Begriff, so wie auch die Musik von POND, auf ihrer ersten AMIGA-LP "Planetenwind", nicht unumstritten ist. Zum Beispiel steht die Frage, ob ein solch cleveres Dreieinhalb Minuten-Instrumentalstück wie "Planetenwind", das im Funk zum Hit wurde, auch auf eine ganze LP-Seite ausgeweitet noch diese Wirkung bringt? Das aber sind Fragen, die nicht nur die Kritiker beschäftigen, sondern zuallererst die Musiker selbst. Wir haben oft darüber gesprochen. Was unter'm Strich rauskommt, kann in erster Linie produktiv und zu neuer Kreativität anregend für die Zukunft sein. Diese hat POND ständig im Kopf, und zwar mit ganz realen Vorstellungen. Eine Menge haben sie ja seit ihrer Gründung schon ausprobiert: In der Erstphase - von 1978 bis 1980 - damals noch im Trio mit Manfred Hennig (heute Keyboarder bei City), Frank Gursch (Hammond Orgel) und natürlich Wolfgang Fuchs (Drums), spielte POND neben ersten Eigenkompositionen auch Bearbeitungen klassischer Werke, etwa zu Schülerkonzerten gemeinsam mit dem Cottbuser Sinfonieorchester Mussorskis "Bilder einer Ausstellung". 1981 nahm der heute 37jährige Absolvent der Berliner Musikschule Friedrichshain (übrigens mit der Berufszulassung als Schlagzeuger) die vorerst letzte personelle und stilistische Korrektur in seiner künstlerischen Laufbahn vor. Er reduzierte zum Duo und begann intensiver an eigenen Titeln zu arbeiten. Mit Walter Cikan fand er im Rundfunk einen interessierten Produzenten, der ihm über die vielen Jahre - nicht unkritisch - die Treue hält. Mit dem Hit "Planetenwind" war POND zum Begriff geworden, und auch ausländische Rundfunkstationen stellten diesen Titel vor. Für die Live-Präsentation suchte POND ständig nach interessanten multimedialen Möglichkeiten, das Anliegen und die Wirkung der Musik zu unterstützen. Höhepunkte waren dabei die Auftritte im "Zeiss Planetarium" Jena, sowie in der Berliner "Archenhold Sternwarte". Zur Vorbereitung ihrer 2. LP - möglicherweise gestützt auf die Musik der "Seidenstrasse" - gesellen sich für 1986 die Erarbeitung eines neuen Konzertprogramms mit einer Licht- und Diashow, die sie selbst fotografieren und konzipieren, die Beschäftigung und der Einsatz neuer Computertechnik sowie die Realisierung verschiedener größerer Auftragswerke, auch wieder für Film und Fernsehen, hinzu.




Übernahme des Textes mit freundlicher Genehmigung der "Melodie & Rhythmus"