Melodie & Rhythmus Poster-Story: PERL
(aus Melodie & Rythmus 2/1986, Bericht: Roswitha Baumert, Fotos: Herbert Schulze)

"Es war einmal" könnte über unserem Poster stehen. Dabei waren wir diesmal so gut drauf wie noch nie. Denn als dieses Foto entstand, war all das, was nun jeder weiß, noch nicht abzusehen: PERL - die Amateurgruppe des Jahres `85! "Zeit die nie vergeht" - Hit des Jahres `85. Jeder Journalist freut sich über solche Treffer, denn der Produktionsvorlauf bei der Herstellung einer Zeitung lässt da gar wenig Möglichkeiten. Und dann, als die Farbwalzen bereits Bogen um Bogen bedruckten, dieser Anruf von PERL... Aber dazu später. Begonnen hatte das, was ich heute (angesichts der neuesten PERL-Ereignisse) vor meinem Chef verantworten muss, bereits in den ersten September-Tagen vergangenen Jahres. Diese, meine urlaubsletzten, verbrachte ich verstärkt damit, meine - durch Grillzirpen, Blätterrauschen und ähnliche aus Wald und Flur bekannte Geräusche - so völlig Rockmusik entwöhnten Ohren, wieder auf die gewohnte Frequenz einzupegeln. Und dabei geschah es: Das Unternehmen PERL, mit allem, was an Engagement dazugehört, nahm seinen Lauf. Gesetzmäßig sozusagen. Ich hatte es schon vermisst, jenes "Fieber". Zu wenig musikalische Überraschungen. Zu viel Rockmusik im Dornröschenschlaf...
Doch da war es wieder! "Zeit die nie vergeht". Was für eine Stimme. Was für ein Lied. Es gelang mir, den Titel in kurzer Zeit mehrmals wieder zu hören. Ja, es war wohl vor allem die Stimme - aber auch die Musik, wie sie gemacht war, in Arrangement und Sound. Und wie stimmig mit all dem Text. Die so viel beschworene und so wenig erreichte Dreieinigkeit von Interpretation, Text und Musik - hier war sie. Aber wie würde das Seh-Erlebnis sein? ...Ich glaube, es gab in unserer Rock- und Popszene in den letzten Jahren ganz wenig musikalische Ereignisse, die so überzeugend, den Hörer/Betrachter so unmittelbar ankratzend daherkamen. Lied und Interpretation treffen genau den Nerv der heutigen Generation, entsprechen zudem einem sehr elementaren, ganz ehrlichen Rockmusikverständnis. Und die Stimme von Michael Barakowski: nicht die gewohnte Glätte des Ausdrucks, auch nicht jenes überzogene Andersseinwollen. Seine Stimme ist vital, rauh, fast spröde, doch dabei gleichzeitig warm, anrührend - Sanftheit und kraftvoller Drive zugleich.
Die Texte? Sie sind weder außergewöhnlich in ihrer Sprache noch in ihrer Themenwahl. Aber sie stimmen einfach, in jeder Beziehung. Und das ist viel. Sie sind nicht Transportmittel sondern Bestandteil. "Es ist irgendwie immer 'ne Sache, die raus muss, sei es 'ne Alltagsgeschichte, 'ne zwischenmenschliche Beziehung oder irgendein Problem. Es muss ja nicht immer Liebe, Liebe, Liebe sein, man kann auch einfach eine Stimmung beschreiben oder eine Situation... Aber ich werde immer nur Sachen singen können, die ich selber verstehe und mit denen ich mich identifizieren kann."
Natürlich laufen auch die berühmten Vergleiche schon auf Hochtouren: "Der klingt wie...", "Der singt wie..." Oder noch böser: "Der will so klingen wie..." Tatsache allein ist: Der Junge singt schon immer so! Seine Stimme klingt einfach so. Das wir selbiges aber erst heute wahrnehmen... Unser Talentefangnetz ist entweder zu weitmaschig, oder die Fangmethoden an sich sind überdenkenswert. Dennoch - wo hatte ich meine Ohren? Trösten kann mich nur, dass die Angelegenheit ganz offensichtlich landesweit ziemlich unbemerkt dahin "perlte". Medienpräsenz erweist sich wieder einmal als Schlüsselwort. Und - was ich offen gesagt nicht erwartet hatte - das oft gescholtene Publikum hat hier, im Falle PERL, glasklar, mit zielsicherem Griff entschieden. Gerade sensationell, wie sich der Titel in den Wertungssendungen durchsetzte, Hit des Jahres wurde, mit einem Vorsprung, der in der Hitlistengeschichte unseres Landes wohl nahezu einmalig ist, zumal errungen von einer Amateurband.
Als ich mit PERL sprach, war all das noch nicht bekannt, und den Erfolg trug man eher gelassen. Kein gegenseitiges Schulterklopfen, keine Anzeichen von beginnender Erfolgsneurose. Michael Barakowski ist ganz offensichtlich ein Mensch mit der notwendigen Portion Lebenserfahrung, mit solider Branchenkenntnis, ein "Von der Pike auf" Gelernter, mit realer Sicht auf künstlerische und alltägliche Dinge. Er ist einer, mit dem man ein ernsthaftes Gespräch führen und anschließend Klingelstreiche machen kann... Das glaube ich ganz einfach, obwohl unser Gespräch eher zwischen Tür und Angel passierte. Die musikalische Entwicklung? Klein-Michael saß nicht am Klavier, kratzte auf keiner Geige herum und übte nicht unter der Bettdecke Gitarre. "Alles ganz normal", sagt er, "Schule, Lehre" (Koch). Erst dann hätte er angefangen, "so 'n bisschen Gitarre zu spielen". Während der Armeezeit intensivere Beschäftigung mit der Musik. Erste Lieder entstehen. Die Bewerbung an der Musikschule Berlin-Friedrichshain wird jedoch zunächst einmal abgelehnt. Er arbeitet als Kraftfahrer. Schon während der Armeezeit hat er "Karat" kennen gelernt, und so ergab es sich - Michael steigt bei "Karat" ein. Als Kraftfahrer, Bote, Sekretär, als einer, der mal kräftig zupacken kann. Dann Umstieg zu "Express" - als Tontechniker. 1978 endlich Aufnahme in Friedrichshain, Fach Gitarre. 1979 Einstieg bei PERL. Mehr und mehr eigene Titel entstehen, was der Band bei Leistungsvergleichen immer ziemlich gute Noten einbrachte. Dennoch, die Besetzungen wechseln, kontinuierliche Arbeit ist kaum möglich.
Die heutige PERL-Besetzung gibt es erst seit 1984. Michael hielt als Einziger stand. Zu der 1982 abgeschlossenen Gitarrenausbildung nimmt er seit 1980 auch Gesangsunterricht (bei Heinz Werner von der Berliner Musikhochschule). Erfolg ist also auch im Falle Perl / Barakowski weder Glück noch Zufall. Arbeit, sich kümmern. Arbeit, durchhalten, Arbeit - nicht jeder kann so lange warten. Da sind zwar die staatlichen Fördermaßnahmen und, so Michael, "Es hat sich eine Menge getan in den letzten Jahren. Die Amateure werden heute viel stärker in den Unterhaltungskunstalltag integriert als früher, arbeiten bei großen Veranstaltungen an der Seite von Berufskünstlern, die Medien zeigen Interesse...".
Aber die Alltagsarbeit bleibt. Und die sah im Falle Barakowski so aus: normale werktätige Arbeit als Kraftfahrer, Lieder schreiben, Gitarre üben, Gesangsunterricht, Konzerte organisieren, Telefonate, Schriftkram, Schulden machen für die Anlage, das Bandfahrzeug warten, Konzerte, Proben... Wer das durchsteht, muss die Musik schon sehr wollen. Befähigten Amateuren die Möglichkeit geben, auf schnellstem Weg in den Berufsstatus zu gelangen - da mahlen unsere Ausbildungsmühlen noch immer zu langsam. Es bedarf schnellere, wirksamere Ausbildungsmethoden und - Möglichkeiten auf dem Gebiet der Rock- und Popmusik. Und die Besten brauchen ebenso schnell alle notwendigen Voraussetzungen, um professionell arbeiten zu können. Auch in der Sektion Rockmusik wurde dieses Problem wiederholt diskutiert. Burkhard Lasch, stellvertretender Sektionsvorsitzender, Textautor, künstlerischer und organisatorischer Leiter der Gruppe "Smokings", will nun selbiges praktizieren: Smokings Rockshow mit Marion (Marion Sprawe, ehemals Juckreiz) und Perl (alias Michael Barakowski). Demnächst geht es schon auf Tournee.
Und Puhdys Maschine holte sich PERL bereits für einen gemeinsamen Song auf der ersten "Birr Solo-LP", die zur Zeit produziert wird.
Die Trennung von der Gruppe - ein für Michael gleichermaßen trauriger wie notwendiger Schritt. Übrigens von den drei anderen akzeptiert. In welcher Form sie weiterarbeiten werden, stand bei Redaktionsschluss noch nicht fest. Auf jeden Fall wird es in der ersten Zeit Starthilfe und Unterstützung von Michael geben...




Übernahme des Textes mit freundlicher Genehmigung der "Melodie & Rhythmus"