Ines Paulke... nach eigenen
Gefühlen und Worten

(aus Melodie & Rythmus 4/1987. Bericht: Marianne Oppel)


Ich sehe sie ausgesprochen gern daherkommen: lang und schmal, immer irgendwie mit Witz und Pep zurechtgemacht, spöttische Neugier ausstrahlend, stets gut für eine überraschende Mitteilung, so oder so, wobei das feine Gesicht mit den aufmerksam beobachtenden Augen viel zuviel von dem verrät, was innen vorgeht. „Es kostet mich unheimliche Überwindung, durch eine Tür zu gehen und denken zu müssen, ich komme ungebeten!“

Der Widerstreit zwischen dieser scheinbaren Scheu und dem unbedingten Willen, die Gelegenheit beim Schopfe zu fassen, fiel mir sofort an ihr auf. Ich wollte das erste Radio Interview von der frischgebackenen Gewinnerin des Kritikerpreises beim Nachwuchsfestival „Goldener Rathausmann“ 1982 in Dresden, von Ines Paulke, Sängerin der Amateurgruppe „Motiv“ aus Gera, die mit Arnold Fritzsch Titeln wie „Mona Lisa aus Riesa“ Kurs auf eine Solistenlaufbahn nahm. Mir gefielen ihr herber Charme, ihre dunkel gefärbte Stimme, ihr Gestaltungsvermögen, ihr eigenwilliger Typ. Es war abzusehen, das sie es nicht leicht haben würde, die richtigen Leute und die richtigen Lieder zu finden. Aber sie wollte, und zwar unbedingt und schon immer.

Am 20. September 1958 in Gräfenthal (Thüringen) geboren, sang sie im Schulchor, gründete eine Singegruppe, trat 15-jährig mit einer Schulband auf, nahm Klavier– und Gitarrenunterricht, lernte den Beruf einer Krankenschwester. Wenn's Samstag auf den Saal ging, war die Gitarre dabei. Gefiel ihr die Band, fragte INES, ob sie für ein, zwei Lieder mittun dürfte. Joan Beaz wurde nachgesungen und Melanie.
So geriet sie eines Tages an „Motiv“, und diese Band hielt das talentierte Mädchen fest. Es folgten ein Umzug, und ein klassisches Gesangsstudium an der Bezirksmusikschule Gera und mit der Band zwischen 1976 und 1982 eine ganze Latte von Titeln, Auszeichnungen bei Arbeiterfestspielen und sonstigen Wettbewerben im Amateurbereich. Mit dem Berufsausweis als Solistin in der Tasche und dem Festivalpreis kam 1983 ein Fördervertrag mit dem Komitee für Unterhaltungskunst zustande und eine ganze Titelserie in Zusammenarbeit mit „Murmel“ Fritzsch: „Robert Robinson“, „Jazz“, „Tanzt du“, der Rundfunk machte sie schnell bekannt.

Irgendwann in dieser Zeit entschied sich Hendrik Paulke - der Kumpel aus der Schulzeit, der Freund, Vertraute und inzwischen Ehemann – stieg von der im Schichtdienst gesteuerten, geliebten E-Lok, voller Respekt vor dem Wollen seiner Gefährtin, voller Verständnis dafür, dass die Kinder, die sie haben wollten und die große Anstrengung, die nötig ist, um aus der Anonymität herauszutreten, einen ruhigen, gut funktionierenden Hintergrund brauchten. Zum zweiten Male wurde umgezogen, diesmal nach Berlin.
Im Sommer 1984 suchte Rainer Oleak eine Sängerin für das „Datzu“-Projekt. Ines sagte ja. „Haltet ihn“ wurde ein Nummer Eins–Erfolg in den Wertungssendungen und kam in den nationalen Talentewettbewerb beim Dresdner Schlagerfestival 1985. Während Ines auf der Bühne Zweieinhalbtausend Zuschauer faszinierte, AMIGA über eine Platte nachdachte und die ausländischen anwesenden Agenturen über eventuelle Konzertverträge, erfuhr ich den Namen einer neuen Band-Sängerin, kurz vor dem gemeinsam durchschlagenden Erfolg, schein mir.

„Datzu hat viel Schweiß gekostet und auch ein paar Tränen. Aber die sind inzwischen getrocknet. Geblieben ist, was ich dazu gelernt habe. Vor allen Dingen, härter zu mir selbst zu sein. Das verlangt dieser Beruf. Und ein paar sehr schöne Titel.“
Weil die wenigsten davon wussten, dass Ines Paulke auch selbst Lieder verfasste, blieb ihr Auftreten während der Liedertournee der FDJ im Oktober 1983 weitestgehend unreflektiert. „Die Wärme deiner Hände“, eines ihrer schönsten und schon während ihrer Singeklubzeit geschrieben, ist zur Stunde nicht in den Medien veröffentlicht. Sie brachte andere Texte mit, als sie zum dritte Male Anlauf nahm; als sich das neue/alte Team Paulke/Fritzsch noch einmal zusammenraufte.

„Wie im Regen“ entstand, flirrend, sinnlich, modern und tanzbar, Person und Text der Interpretin von Arnold Fritzsch glänzend erfasst. „Ich wollte einfach mal ein anderes Bild für ein gutes Gefühl.“ Das Publikum nahm das Lied als wahr und stimmig an, ebenso wie das noch erfolgreichere „Hauch mir wieder Leben ein“.
„Banane in Berlin“, Text und Musik Arnold Fritzsch, scheint mir dagegen Ausrutscher auf der Schale zu sein. „Ich bin auch so“, sagt Ines und steht dazu. „Junge Leute schmeißen oft mit sinnlos scheinenden Sprüchen herum. Sie nehmen's mir ab in der Disko. Ich finde es gut, dass du aussprichst, was du darüber denkst. Aber auf der Bühne steh'n und das Publikum kriegen muss ich, ganz alleine. Und deshalb kann ich auch nur machen oder auch lassen, wovon ich wirklich überzeugt bin.“

Sie hat nie aufgehört mit dem Ausprobieren. Im „Berlin Knüller“ versucht sie sich stets als Moderatorin. „Das ich singen kann, weiß ich nach zehn Berufsjahren. Als Ansager und Gesprächsführer bin ich gezwungen, mich auch um ganz andere Sachen zu kümmern.“
Mit Wolfgang Kubischke, Keyboarder; Gerhard Reimschüssel, Gitarre; und Sara Devra, Solo– und Backgroundgesang entsteht gerade ein 90-Minutenprogramm um Ines Paulke, wiederum vom Komitee unterstützt. Instrumentales und Lieder, internationale und eigene – ausschnittsweise kann man die Akteure schon jetzt damit in Diskotheken erleben.

Sie schreibt an neuen Texten, erstaunt und unzufrieden, wie langsam Form findet, was sie doch so deutlich fühlt und dringend sagen möchte, froh, dass „Murmel“ sich auf ihre Mitarbeit an neuen Liedern eingelassen hat. „Ich merke, dass sich die Sprache innerhalb der Musik sehr verändert hat. Ulla Meinecke zum Beispiel, die schreibt über sich direkt und trotzdem in phantastischen Bildern. So müsste man seine eigene Ausdrucksweise suchen, nach den eigenen Gefühlen und Worten.“

Wie wir so im Verlaufe des Nachmittags auf meinem Sofa saßen, Ines, herkutschiert von ihrem Ehemann, der inzwischen mit dem großen Sohn (8 Jahre) einkaufen ging und ihn anschließend zu einem Kindergeburtstag brachte, wiederkehrte mit dem aus dem Kindergarten abgeholten kleineren (4 Jahre), zwischen Tee und Quarkkuchen, ohne Hast und Schärfe dessen übermütige Langeweile korrigierend, dabei gelassen von eigenen Projekten als Fotograf und Kleindarsteller erzählend, denen er nachgeht, wenn die Künstlerin mal zusammenhängend ein paar Tage in der Marzahner Neubauwohnung zu Hause ist – ein Festpunkt im Wirbel flinker Augen und Worte – das hat mir imponiert, das hat mir wieder einmal sehr gefallen, mit dieser Ines Paulke.




Übernahme des Textes mit freundlicher Genehmigung der "Melodie & Rhythmus"