Portrait aktuell: Thomas Natschinski
(aus Melodie & Rythmus 7/1979. Bericht: H.P. Hofmann, Fotos: P.Schubert, L.Masanetz, H.Schorsch)

Als die Beatles um 1963/64 bekannt wurden, gab es auch bei uns nicht wenige, die ihre Musik nachspielten. Thomas Natschinski war ebenfalls fasziniert. Doch was ihn und die mit Hartmut König gegründete Gruppe bald herausheben sollte, war ihr Bemühen, deutschsprachige Lieder über Themen unseres Lebens im Stil der neuen Musizierweise zu schreiben. Der Anstoß, der damals gegeben wurde, und ohne den heutige Erfolge nicht denkbar wären, hat Thomas Natschinski und seinen Mitstreitern einen Ehrenplatz am Anfang der DDR-Rockgeschichte gesichert. Und wenn er heute auf sein bevorstehendes 15-jähriges "Dienstjubiläum" aufmerksam macht, so verbinden sich damit Erinnerungen an Titel wie "Lied von den Träumen", "Die Straße", "Als du von mir gingst", "Maja", "Mokka-Milch-Eisbar" und andere aus jener Zeit des Beginnens.
Musikstudium und hauptberufliche Tätigkeit als Komponist ließen Thomas Natschinski reifen und erweiterten den Radius seiner Aufgaben. Für die Gruppe "Brot & Salz" entstanden Titel wie "Deine Schritte sind so klein", "Nie zuvor", "Ich lieb dich mehr und mehr". Vorher war er bereits als Mitkomponist des DEFA-Musikfilms "Heißer Sommer" hervorgetreten und hatte Schauspielmusiken zu Shakespeares "Sommernachtstraum" und Pirandellos Volkskomödie "Liolà" geschrieben. Parallel dazu waren Chansons, u.a. für Barbara Thalheim, entstanden.
Von April '78 bis Januar '79 war Thomas Natschinski musikalischer Leiter und Keyboardspieler bei Veronika Fischer. Ihr 78er Hit "Du hast einen Freund", aber auch andere Titel wie "Armer Harlekin" und "Schüchtermann", die auf ihrer jüngsten LP zu finden sind, bezeugen diese Zeit ergebnisreicher Zusammenarbeit.
Gegenwärtig lassen sich im Schaffen des jungen Berliner Komponisten drei Schwerpunkte erkennen: Das Schreiben von Liedern für den eigenen Bedarf sowie für andere Solisten, darunter auch begabte Nachwuchsinterpreten, und die Zusammenarbeit mit dem Fernsehen, wobei Lieder und Musikstücke für Kinderfilme im Vordergrund stehen ("Spuk unterm Riesenrad", "Wir bekommen ein Baby").
Die auf den ersten Blick möglicherweise verwirrende Fülle unterschiedlicher Stilrichtungen und Aufgaben wird bei Thomas Natschinski durch eine "Klammer" zusammengehalten: seine durchgängig erkennbare Neigung zum Lied, der er über alle Zeiten und Wandlungen hinweg treu geblieben ist.
Die Beat- bzw. Rockmusik der Anfangsjahre kam ihm entgegen, da sie liedhaft-melodiös und weniger "hart" wie später war. Zwischendurch - u.a. zu hören auf der LP "Wir über uns" - machte Thomas Konzessionen an chorusbetonte Jazzrock-Intentionen. Doch immer wieder zog es ihn in den Kreis Gleichgesinnter zurück, um Lieder schreiben zu können. Dass er dem Oberbegriff "Lieder" sowohl rockige Balladen als auch Kinderlieder zuordnet, verweist auf den schöpferischen Spielraum, den er sich in diesem Bericht freihält.
Auf der Suche nach neue Interpreten, für die er profilprägend schreiben kann, stieß Thomas Natschinski auf den Absolventen der Dresdner Musikhochschule Hans-Jürgen Andersen. "Nachwuchskräfte sind oft darauf angewiesen, was ihnen die Produzenten oder arrivierten Autoren 'anbieten'. Mir ging es darum, gezielt für Hans-Jürgen Andersen Titel zu entwickeln". Ergebnis der Teamarbeit mit ihm und dem Textautor Jan Witte sind mehrere Titel, von denen zwei bereits beim Funk produziert wurden. Beim Vorspiel vor Experten fanden "Café Rendezvous" und vor allem "Nach der Scheidung" ungeteilte Zustimmung.
Interessant und originell auch "seine" Titel: Bei dem tanzbaren "Will keine andere", dem schlichten "Schlaflied" und dem konzertant gearbeiteten Titel "Ach ja, das Leben" sang und spielte er beispielsweise alle vokalen und instrumentalen Parts (außer Schlagzeug) ganz alleine ein. Sein Kommmentar dazu: "Die 16 Spuren der Aufnahmemaschine waren 'voll'." Dass allein ein solcher Fakt zum mehrmaligen genauen Hinhören reizt, liegt auf der Hand.



Gruppe "Brot und Salz" (v.l.n.r. Helmut Frommhold, Deltef Haak,
Ingo Koster, Peter Müller, Thomas Natschinski)



"Team 4" (v.l.n.r.: Martin Just, Detlev Haak, John Knepler, Thomas Natschinski)




Übernahme des Textes + Bilder mit freundlicher Genehmigung der "Melodie & Rhythmus"