Melodie & Rhythmus: Mona Lise LIVE
(aus Melodie & Rythmus 2/1984. Bericht: Roswitha Baumert, Fotos: Ute Mahler)

Freigeschwommen haben sie sich inzwischen, die Rock–Mädchen von Mona Lise. Und das nicht etwa im „Pankow“–Fahrwasser. Freilich, ohne die kollegiale Hilfe der gesamten Pankow-Mannschaft wäre am Anfang gar nichts gelaufen, kein Ton wäre zu hören gewesen, wenn sie z.B. nicht die PA der Pankower hätten mitnutzen dürfen. Denn weder ein finanzkräftiger Papa, noch eine spendable Oma oder ein anderer selbstloser Gönner waren zur Stelle, um das (wie inzwischen wohl jeder weiß) notwendige ansehnliche Sümmchen für den Erwerb dieser modernen Tontransmissionseinrichtungen herüber zu reichen. Schließlich überschreitet schon die instrumentale Grundausstattung einer bescheidenen Rockband bei weitem den Umfang eines Weihnachts– oder Jugendweihegeschenks.
Die Anlage wird jedoch gemietet, ebenso Lichttechnik und Fahrzeuge. Finanziell geht es ihnen zwar schon etwas besser – seit einigen Monaten hat Mona Lise eine „Profi-Pappe“. Dazu kam ein Fördervertrag von der Generaldirektion beim Komitee für Unterhaltungskunst, der weiter kontinuierliche Qualifizierung vorsieht. Dennoch müssen die technischen Wünsche vorerst bescheiden bleiben – der Weg bis zur eigenen PA ist noch weit. Wie das andere machen? Ganz einfach: Da gibt es meistens einen... Und recht häufig findet sich auch ein Anlagenbesitzer (oft in Gestalt des organisatorischen Leiters, des Textdichters oder Komponisten usw.), der das Problem löst. Ja, warum wollen sie auch alles selbst machen diese Mädels – Komponieren, Texten, eigene Ideen für die Bühnenpräsentation...?
Diese Selbstständigkeit hat mir von Anfang an imponiert. Auch ist sie fern jedweder verbissenen Emanzipationssucht. Sie liegt begründet im Vertrauen auf die eigene (und zum Teil noch ungenutzten!) Fähigkeiten. Das ist nicht der bequemste Weg, den sie sich da ausgesucht haben und gewiss nicht der kürzeste, aber ein sicherer.
Vor etwa einem Jahr berichteten wir das erste Mal über Mona Lise. Da hatten sie sich gerade zusammengerockt: Tina und Manuela von der ehemaligen „Femini-Band“, Antje – der weibliche Gitarrero (damals gerade am Beginn ihrer Hochschulstudien) und die klassische Liese – Berlins rockigste Musiklehrerin. Eine Zaubermischung, wie es so schön im Berliner Jargon der 80er Jahre heißt. Das bezieht sich vor allem auf Unterschiedlichkeit ihrer Individualitäten, ihrer Charaktere: z.B. Tinas Kodderschnauze (wie der Ur-Berliner sagt), ihr mit Sprüchen gewürzter Redeschwall, im Duett mit Lieses überlegten, pädagogisch durchdachten Argumenten, die nur hin und wieder von einem ganz urwüchsigen, schrillen Lachen unterbrochen werden, um dann in gleicher Logik und Konsequenz fort zufahren... „Gegensätze zieh'n sich an“, wie es nicht nur im Lied heißt. Aber zurück zur Rockmusik. Es rockt sich nämlich für die Mädchen gar nicht so einfach wie mancher denkt. Zuerst war da dieser „Aha“–Effekt, jener Exotik-Touch von wegen der zarten Weiblichkeit, die sich an solch traditionellen Attributen der Männlichkeit, wie etwa Elektrogitarre und Schlagzeug vergreift. Na gut, für's erste mag solch rudimentärer Gedanken–Wirrwarr noch angehen, aber dann sollte man recht schnell zum Kern der Sache übergehen. Und da haperts eben zuweilen, in zweierlei Hinsicht – entweder man kann sich von diesem Anblick so öffentlich präsentierter Weiblichkeit nicht lösen oder beobachtet alles Bühnengeschehen unter diesem Aspekt, oder man hat sich daran gewöhnt und kommt zu dem Schluss: Also Weiber und Rockmusik, was soll das schon werden?
Solche Voreingenommenheit führt dann dazu, dass die rockenden Damen weitaus kritischer als die Herren Rockmusikanten beurteilt werden (uneingestanden, versteht sich). Und dann gibt es noch ein paar, die ihre gleichgeschlechtlichen Mitbürgerinnen unerklärt (aus den gleichen Resten bürgerlicher Denkweisen) befeinden. Also gut, das mit dem Befeinden ist nun zugegebenermaßen wirklich bildhaft überhöhnt. Und überhaupt: Wenn ich mal auf eine exakte (!) demoskopische Umfrage mangels Zeit verzichte und einfach aus Erfahrung und Kenntnis heraus die Publikumsmeinung auf einen Hauptnenner bringen sollte, müsste ich ohnehin konstatieren: Mona Lise live – das ist ein Konzert voller musikalischer Frische, interessanter Ideen, amüsanter Gags und weiblichem Charme (natürlich auch das!) – was Spaß macht.
Die Feuertaufe erhielten die Mädels übrigens bei ihrer ersten großen Solo–Tour im Sommer des vergangenen Jahres durch den Bezirk Halle. Sie wurde ein Riesenerfolg, nicht zuletzt dank der ausgezeichneten Organisation seitens der KGD des Bezirkes. Ja, die Zeiten der Pankow–Schirmherrschaft sind vorbei, die Mona Lisen sind flügge geworden. Aus dem 40 Minuten Pankow–Vorprogramm wurden über 90 Minuten Mona Lise LIVE – und das fast ausschließlich mit eigenem Repertoire.
„Wir stehen auf Rock'n'Roll“ heißt ihr aktuelles Konzertprogramm. Die Musik der Band ist rockiger geworden, zu den neuen Tönen gleichnamiger Welle kamen inzwischen schon eine ganze Reihe alter Töne aus der guten alten Rockmusik der 60er und 70er Jahre. Da kann halt keiner dran vorbei, das bleibt Fundament, bleibt das Herz aller rockigen Musik. Hinzu kommt, dass die Mädchen einen großen Schritt nach vorn getan haben, was die Beherrschung des reinen instrumentalen Handwerks betrifft. Diese größere handwerkliche Sicherheit wirkt sich entscheidend auf das Gesamtbild der Band aus, bringt Lockerheit und Fluss in die Musik – da prescht Antje bei einem Gitarrenchorus schon mal ein paar Töne weiter vor, haut Tina ein paar überraschende Breaks in die Menge... Überhaupt herrscht bei Mona Lise ansteckende Ausgelassenheit auf der Bühne (und nicht nur dort). Das wird auch bei zahlreichen kleinen Gags und Spielszenen deutlich, an dem Spaß der Mädels, in eine Rolle zu schlüpfen. Diese Seite ihres Programms wollen sie noch ausbauen, Ideen gibt es genug. Vor allem Liese ist immer wieder Motor des Geschehens, versteht es, ihre Mitstreiterinnen noch mehr zu aktivieren, auch was die Mitarbeit an Komposition, Text und Arrangement betrifft.
In Vorbereitung auf ihre Teilnahme am Interpretenwettbewerb im nächsten Monat in Karl-Marx-Stadt, von der sie von der Generaldirektion beim Komitee für Unterhaltungskunst delegiert wurden, gab es z.B. mehrere Ideenkonferenzen in der Band und intensive Proben neuer Titel. Dabei zeigte sich auch, dass nicht alle Träume realisierbar sind, schon gar nicht sofort und gleich. Da heißt es noch: Realitätssinn schärfen und schöpferische Ungeduld zügeln. Natürlich bringt so eine erste Teilnahme am immerhin größten nationalen Wettbewerb eine Menge Unsicherheiten und Verwirrung mit sich. Auch da mussten sie lernen: Ruhe bewahren – oder wie Tina während eine gedanklichen Schlagabtausches gelassen einwarf: „In der Ruhe liegt die Kraft!“
Die Themen ihrer Lieder nehmen vor allem die kleinen Macken unserer Mitmenschen aufs Korn, spiegeln typisch weibliche Verhaltens– und Denkweisen wider, und auch wo noch Reste bürgerlicher Gedankenwelt herumgeistern, haben sie schon ganz schön den Finger drauf. Konkret bleiben in der Benennung der Probleme, möglichst originell und das Sprachgefühl unserer Zeit treffen – so ihr Ziel. Das ist nicht immer einfach, davon können selbst unsere größten Textdichter ein Lied singen.
Zwei Lieder („Das lässt mich kalt“ und „Tina“) von Mona Lise wurden vor kurzem bei Amiga produziert, zwei weitere sollen folgen. Per Bildschirm kamen die "Lisen" in der letzten „Rund“–Sendung daher und eifrige Hörfunk-Teilnehmer werden die neuen Lisen-Titel, wenn dieser Beitrag erscheint, wohl schon in den Wertungssendungen aufgespürt haben.




Übernahme des Textes mit freundlicher Genehmigung der "Melodie & Rhythmus"