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"Danke Genossen...!?" Burkhard Lasch im Gespräch mit "m + r" aus Melodie & Rythmus 9/1990. Autor + Fotograf: Detlev Wallenschus
Biermann, Krug, Renft, Bartzsch, Fischer, Biebl, Diestelmann... Ein wesentlicher Teil des kreativen Kerns der "Unterhaltungskünstler der DDR" verließ in den 70er und 80er Jahren das Land und verursachte somit ungewollt, nicht füllbare, weiße Flecken der kulturellen Identität bei Publikum und Szene. Des "Käseglockendaseins" müde und müßig, obwohl größtenteils mit Reisepass und Privilegien ausgestattet, suchten und fanden sie zum Teil künstlerische Verwirklichung in westlichen Gefilden. Nach deren Wegbleiben oder -gehen wurde durch die gut organisierte Politbürokratie mit dem Einstampfen ganzer Platten/Printmedienauflagen und "Verbot der öffentlichen Aufführung sowie Erwähnung" versucht, sie für immer und ewig aus den Köpfen ihrer Fans zu tilgen. Dies schlug oftmals ins Gegenteil um: "Man gönnt sich ja sonst nichts"! "NdW" (Nach der Wende) wurde es möglich, viele der Verschollenen wieder live zu erleben. Dieses Glück des unmittelbaren Feedback mit dem alten Publikum hat die schon immer zweite Reihe der schreibenden Autoren nicht. Einer ihrer kommerziell erfolgreichsten und darüber hinaus wohl der Scout im "DDR-Unterhaltungsmarkt" war bis 1986 Burkhard Lasch. Als Erfolgstexter der "wilden" und populärsten Jahre der Puhdys, als "Macher" von Ute Freudenberg und Elefant, H&N, Petra Zieger & Band u. u. u. formte er einen nicht unwesentlichen Teil unterhaltungskünstlerischer Erbmasse der damaligen DDR. Über einstige Beweggründe, das Land zu verlassen, über Erfahrungen mit damaligen Kulturobrigkeiten und Motivationen, wieder in Berlin-Ost zu arbeiten sprach "m + r" exklusiv mit Burkhard Lasch.
Du hast in der "alten" DDR eigentlich alles erreicht, warst der potentielle "Talentevater", aber auch strammer SED-Genosse und Kulturfunktionär, Reisepassinhaber und finanziell nicht unterbemittelt. Wie ist deine Einstellung zur persönlichen Vergangenheit? Ich gebe dir in allen Punkten recht und stehe dazu. Dieses war mein Land und gab mir eigentlich optimale Bedingungen für die Umsetzung meiner künstlerischen Ambitionen. Viele Jahre war ich zum Beispiel verantwortlich für ein großes Kulturzentrum in Weimar; schrieb Bücher für Veranstaltungen und produzierte diese. Viele Lieder entstanden in dieser Zeit, darunter "Dank Euch Genossen", und ich hab das echt so gemeint, zwar nicht so sehr für die erste Reihe, jedoch schäme ich mich dafür nicht. Mit meinen Texten hatte ich großen Erfolg und gewann eigentlich alles, was es zu gewinnen gab: Interpretenwettbewerbe, Leistungsschauen, viermal hintereinander die DDR-Wertung "Einmal im Jahr" und auch internationale Wettbewerbe. Viele beklagen die zensierenden Lektorate, bei denen jegliche kritische Nuancen gestrichen wurden. Welche Erfahrungen hast Du mit Vertretern dieser Institution? Natürlich mussten auch meine Texte über den berüchtigten Tisch im Rundfunk, und ich hatte nicht nur Freunde dort. Gisela Steineckert war zum Beispiel nie ein Freund meiner Texte, war aber damals schon eine mächtige Frau. Sie habe ich eigentlich schon gefürchtet, bevor aus ihr die Präsidentin des Komitees für Unterhaltungskunst gemacht wurde. Die "Königin Mutter", der ich wirklich nicht weh tun möchte, ist eine sehr kluge Frau, aber wehe, man begab sich nicht unter ihre Fittiche. Der bekam's dann zu spüren! Auch ich musste mit ihr meine Erfahrungen machen. Welche? Man hat mir unter ihrer Federführung u.a. vorgeworfen, Verträge mit Künstlern abzuschließen, an denen ich mit 20% beteiligt gewesen sein soll. Es wurde recherchiert, und die Sache wurde fallengelassen, da die Beschuldigungen nicht haltbar waren (Danke Genossen...!?) Trotzdem laufen Deine Titel sehr gut in den Medien, Du hattest auch kommerziell großen Erfolg. Welche Motivationen führten dich damals zum "illegalen Verlassen" der DDR? Der Erfolg meiner Lieder gab mir natürlich auch finanziellen Rückhalt. Anfang der 80er Jahre begann ich, dieses Geld in die Idee eines Leistungszentrums für den nationalen Nachwuchs zu investieren. Geplant war, einen Komplex für Audio- und Videoproduktionen in Berlin zu errichten. Nach anfänglicher Unterstützung durch das Komitee für Unterhaltungskunst wurden aus dem damaligen ZK der SED aber immer mehr Stimmen laut; unter dem Motto: Es kann nicht sein, dass ein "Privater" so 'nen Bau macht! Außerdem wurde man bei Produktionen vorsichtig, befürchtete das Ausschalten der staatlichen Zensur u. u. u. Das war dann auch der Grund, warum die "Entscheidungsstellen" kontinuierlich von den ursprünglichen Absprachen abgingen. Welche waren das? Die Absprachen waren derart, dass ich anbot, mit meinen finanziellen Mitteln ein Studio aufzubauen, es mit ausschließlich westlicher Technik auszurüsten und den staatlichen Musikproduzenten eine Kapazität bis zu 80% einzuräumen, natürlich auf kommerzieller Basis, wie das ja auch mit anderen Privatstudios gehandhabt wurde. Für die bauliche Seite beantragte ich einen Kredit beim Kulturfonds der DDR. Nach anfänglicher Ermutigung durch fast alle Kulturobrigkeiten wurden aber immer mehr "Verhinderer" aktiv.
Mein Vorhaben zog ja nun Kreise. Höchste Parteiebenen wurden eingeschaltet. Auch persönliche Beweggründe konnten staatliche Entscheidungen beeinflussen. Nach der Beantragung des Kredits wurde auch das Komitee aus "parteipolitischer" Sicht befragt. Der damalige Parteiverantwortliche des Komitees, Walter Kubiczeck, schrieb in einem Brief, der mir nun bekannt wurde, dass es die Partei nicht befürworten kann, ein "Ideologiezentrum" in Privathand anzusiedeln (Danke Genossen...!?) Die Ereignisse eskalierten, und ich rannte vom Kulturfonds zum Ministerium und zurück. Vom damaligen Staatssekretär im Ministerium für Kultur angefangen, ließen sich alle Funktionäre verleugnen. Keiner wollte eine Entscheidung treffen. Nach dem gültigen Baugesetz war ich jedoch verpflichtet, den Studiokomplex fertigzustellen. Das letzte Angebot seitens des Ministeriums war, dass ich die bauliche Fertigstellung zu realisieren hätte und nach der Ausrüstung mit meiner Technik als Angestellter des Komitees für 800 Mark monatlich arbeiten sollte. Mein Vorhaben, gemeinsam mit dem Staat ein Leistungszentrum für eine gezielte Talenteförderung aufzubauen, wurde genau von dem verhindert. Es gab keine Perspektive mehr. Ich nutzte ein Dienstvisum, dass noch zwei Tage gültig war, packte mein Studio, welches ich im Keller meines Wohnhauses betrieb, und einen Bus und fuhr über die Grenze. Das war's. Was wurde aus dem Studiokomplex? Der Rohbau wurde durch den Magistrat enteignet und selbst nach gültigem Gesetz ungerechtfertigter Weise an das Komitee verkauft. Meine Familie wurde kurz vor ihrer genehmigten Ausreise gezwungen, einen Kaufvertrag für unser Wohnhaus zu unterschreiben, bei dem ein Kaufpreis von weniger als einem Drittel des Taxpreises fixiert war. So einfach war das. (Danke Genossen...!?) Das ist nun Geschichte. Nach Wolf Biermann warst Du nun der erste, der dem Ruf des Kulturministers (Dietmar Keller) gefolgt ist, wieder in die DDR zurückzukehren. Wie verlief das Gespräch und welche Erwartungen hattest Du? Ich hatte um ein persönliches Gespräch gebeten, also unter vier Augen. Meine Vorstellung war, dass ich dort weitermachen wollte, wo ich 1986 aufhören musste. Durch meine Erfahrung im anderen Teil Deutschlands glaubte ich, auch ein kompetenter Partner für das Kulturministerium zu sein. Voraussetzung für meine Bereitschaft war jedoch die Herausgabe meines Eigentums. Es verlief jedoch anders. Neben dem Minister waren sein Stellvertreter, Hartmut König, und der Generaldirektor des Komitees anwesend. König, immer schon ein "Verhinderer", begrüßte mich mit den Worten: "Na, bist auch ganz schön fett geworden." Er war sich damals sicher, unter Krenz Minister zu werden. Der andere Herr vom Komitee blickte sehr finster und hielt krampfhaft die Kaufunterlagen fest. Unter diesen personellen Voraussetzungen lief das Gespräch ohne ein Ergebnis ab, und ich ging gerichtliche Schritte. Du hast den Prozess gewonnen und beide Häuser wieder. Welche konkreten Vorhaben hast Du nun ins Auge gefasst? Es ist vorgesehen, unverzüglich meine Technik aus Wiesbaden zu installieren und mit der Musikproduktion zu beginnen. Ein besonderes Talent, dass ich betreuen werde, ist JUDY*, für die es gute Chancen gibt, sich auf dem deutschen Markt zu behaupten. Es war ja auch in meiner westdeutschen Zeit so, dass viele Spitzeninterpreten aus der DDR mit mir arbeiten wollten - dies scheiterte jedoch unentwegt an den Mediengewaltigen. Zitat des einstigen Chefredakteurs der AMIGA: "Mit Verrätern arbeiten wir nicht zusammen!" (Danke Genossen...!?) * mit JUDY ist die Sängerin Judy Weiss gemeint, die insbesondere durch ihre Musical-Rollen als Anita in der "West Side Story" (1994), in "Die Schöne und das Biest" (1995), als Macchina im Berliner Musical "Space Dream" und als Esmeralda in "Der Glöckner von Notre-Dame" bekannt wurde. Außerdem hatte Judy Weiss mit dem Stück "Vivo per lei", den sie im Duett mit Andrea Bocelli gesungen hat, einen Nr. 1 Hit!
Wie siehst Du das Interview aus heutiger Sicht? (11. Oktober 2011): Ich möchte anmerken, dass ich in dem Interview-Text teilweise falsch wiedergegeben worden bin. Ich musste mein Eigentum z.B. zurückkaufen und habe es nicht per Gerichtsurteil wiederbekommen. Meine Familie, die zu dem Zeitpunkt noch in der DDR war, hat für das enteignete Haus 28.000 Ostmark bekommen, die auf ein Sperrkonto eingezahlt wurden. 170.000 Ostmark - das hat man mir später gesagt - wurden für mein Studium einbehalten. Dafür hat man mein Haus zusammen mit dem Studiokomplex für 198.000 Ostmark bewertet. Der Kaufvertrag - aufgesetzt und ausgestellt vom Komitee für Unterhaltungskunst - um mein zerstörtes Eigentum nach der Wende wiederzubekommen, setzte die Gesamtsumme dann aber auf 730.000 Ostmark fest, abzgl. der 170.000 Ostmark die für mein Studium einbehalten wurden. Damit habe ich weit über 500.000 Ostmark für die zerstörten Immobilien bezahlen müssen, die weder zum Wohnen noch für andere Zwecke zu nutzen waren. Das war die Rache! (Danke Genossen...!?) Mit dieser Summe hätte ich unter DDR-Verhältnissen "die ganze Straße" kaufen können. Wollte ich aber mein Eigentum wiederbekommen, musste ich diese Wahnsinnssumme zahlen. Übernahme des Interview-Textes mit freundlicher Genehmigung der "Melodie & Rhythmus" |