|
Portrait neuer Kompo- nisten: Christian Kunert (aus Melodie & Rythmus 5/1974)
Christian Kunert. Die ihn kennen, nennen ihn vertraut "Kuno" - und das sind nicht wenige. Wer in einem der ausverkauften Konzerte der Gruppe RENFT war, der weiß, "Kuno" ist der brünette Wuschelkopf an Piano und Orgel, dessen Spiel voll sprühender Einfälle ist. Auf AMIGA-Platten finden wir seinen Namen als Komponisten der viel gespielten, engagierten Titel "Chilenisches Metall" und "Kinder, ich bin nicht der Sandmann". Obgleich andere Gruppen-Mitglieder zum Teil mehr komponieren als "Kuno", ist er der Wortführer in musikalischen Fragen. Grund genug, ihn einem "Kreuzverhör" zu unterziehen; wobei gleich nach den ersten Fragen eine interessante Entdeckung zutage trat: Wie Hans-Jürgen Beyer, der in den letzten Wochen an unserem Interpreten-Himmel aufzuleuchten begann, so ist auch Christian Kunert ein ehemaliger Thomaner! Ein weltberühmtes, seriöses Musik-Institut, aus dem begabter Nachwuchs für unsere Unterhaltungskünste hervorgeht - das ist nicht nur ein begrüßenswertes Novum, es verweist auch auf die zunhemende Gleichberechtigung der seriösen und unterhaltenden Künste in unserer sozialistischen Gesellschaft. Doch lassen wir nunmehr Christian Kunert zu Wort kommen...
Ich wurde am 20. Mai 1952 in Leipzig-Gohlis geboren. Meine Mutter interessierte mich bereits als Sechsjährigen für das Klavierspiel; was recht naheligt, da sie selbst Konzertpianistin war und jetzt noch als Repetitorin am Leipziger Opernhaus tätig ist. Durch sie fand ich auch den Weg zu den Thomanern. Für mich waren sie das Große, Erstrebenswerte, und ich wagte nicht im Traum daran zu denken, jemals in diesem Chor mitzusingen. Doch dann war es soweit: Ich besuchte die Thomasschule bis zum Abitur und war Mitglied des Thomanerchores von 1961 bis 1966. Die musikalischen Eindrücke aus jenen Jahren sind unvergesslich. Wirkung und Überzeugungskraft Bach'scher Melodik und Reger'scher Harmonik haben sich mir tief eingeprägt. Im Chor sang ich anfangs Sopran, später Alt.
Und wie war Ihr Verhältnis zur Beatmusik, wurde sie ignoriert oder erst später "entdeckt"? Keineswegs! Bereits während meiner Thomanerzeit griff ich zur Gitarre und gründete mit drei anderen Schülern eine Gruppe in der damals typischen Besetzung: Drei Gitarren, Schlagzeug. Wie "Zeitgenossen" noch heute versichern, soll vor allem unser vierstimmiger Gesang "Klasse" gewesen sein. Ich lernte also beizeiten auch das Repertoire der Beatgruppen kennen. Vieles von dem, was insbesondere die Beatles in ihren ersten Jahren schufen, halte ich in puncto sangbarer Melodik, Tanzbarkeit und Engagement noch immer für vorbildlich.
Ja, doch dazu gehören gute Fertigkeiten auf dem Klavier - und das hatte ich in der zurückliegenden Zeit arg vernachlässigt. Ergo hieß es, fleißig Klavier zu üben. Als Berufswunsch schwebte mir Musiklehrer vor. 1970 klappte es: Ich wurde an der Leipziger Karl-Marx-Uni in der Sektion Kulturwissenschaften und Germanistik immatrikuliert. Der Lehrerberuf erfordert eine strapazierfähige Stimme. Eine Untersuchung ergab, dass ich sie nicht habe. Ich durfte zur Hochschule für Musik überwechseln. Dort belegte ich 1971 als Hauptfach Posaune. Posaune? Davon war bis jetzt nie die Rede... Ich vergaß zu erzählen, dass ich zuvor begonnen hatte, auch auf diesem Instrument zu üben. Das 1. Hochschul-Semester war gerade vorüber, als ich zu den RENFTS stieß. Die zunehmende Fülle von Auftritten und Aufnahmen ließ sich schlecht mit dem geregelten Studienablauf vereinbaren. Einsichtige Kräfte halfen, eine glückliche Synthese zu finden: Ich darf "fern" studieren und werde 1975 die Diplomprüfung ablegen. Wann entstanden Ihre ersten Kompositionen? Um 1965/1966 für die erwähnte "Thomaner"-Gruppe. Von "Kompositionen" würde ich jedoch nicht sprechen, dazu fehlten mir die notwendigen theoretischen Voraussetzungen. Was ich vielleicht schon damals hatte, war ein Gespür für ausdrucksstarke Melodien und Klänge. Alles andere, also das sogenannte "Arrangement", kristallisierte sich erst auf der Probe, beim Improvisieren aller, heraus. Nach diesem Prinzip sind auch der "Sandmann", "Chilenisches Metall" und weitere Titel der Gruppe RENFT entstanden. Das kollektive Suchen nach der wirkungsvollsten Ausdrucksform kann manchmal recht zeitaufwendig sein. Es hat aber den Vorteil, dass jedes Gruppenmitglied hinter jedem Ton steht und das Arbeitsergebnis auch in der Öffentlichkeit vertritt - was bei engagierten Titeln (ich denke z.B. ans "Gänselieschen") nicht immer ganz einfach ist. Die Wirksamkeit der Gruppe RENFT ist folglich zu einem Großteil darauf zurückzuführen, dass die Hörer spüren, hier tragen sechs Musiker nichts von fremder Hand "Arrangiertes", sondern ihr ureigenstes Anliegen vor. Dieser Arbeitsmetholde sind jedoch auch Grenzen gesetzt. Sie werden um so sichtbarer, je mehr wir uns um die Gestaltung von Themen bemühen, die komplizierter strukturierte musikalische Ausdrucksformen verlangen ("Reger'sche" Harmoniefolgen, Zusatzinstrumente u.ä.). Zum Improvisationstalent muss hier das Beherrschen des kompositorischen Handwerkszeugs kommen. Je mehr ich mich damit beschäftige, Klänge notengetreu in Partituren zu erfassen, desto mehr Freude bereitet es mir; obgleich ich manchen Tag vor den Schwierigkeiten kapitulieren könnte. Sicher spreche ich im Namen vieler Komponisten der Gruppen, die es begrüßen würden, gäbe es Möglichkeiten, mit Streichern, Holz- und Blechbläsern sowie mit modernen technischen Geräten zu experimentieren, um Klangvorstellungen bestätigt zu finden und neue zu entwickeln. In diesen Wunsch, dem wir uns anschließen, sollte man den Tagesschlager-Bereich einbeziehen, um auch hier aus dem zunehmenden Arrangements-Einerlei herauszukommen. Im übrigen lassen uns die Ausführungen von Christian Kunert mit Spannung der zweiten RENFT-Langspielplatte entgegensehen, auf der vieles in überzeugender Gestalt erklingen wird, worum die Gruppe wochen- und monatelang vorher gerungen hat. Übernahme des Textes mit freundlicher Genehmigung der "Melodie & Rhythmus" |