Vielseitiger Manfred Krug
(aus Melodie & Rythmus 10/1970. Autor: Werner Sellhorn)



Zum ersten Mal sah ich ihn, als er Ende der fünfziger Jahre - ein unbekannter Schauspieler ohne festes Engagement - im damaligen Berliner "Klub Junger Künstler" herumsaß, sich von guten Freunden zum Wodka mit Apfelsaft einladen ließ, ein Banjo oder Schlagzeug traktierte und dazu Blues und Spiritiuals sang. Er war glücklich, als ich ihn quasi für ein "Butterbrot und Ei" für seine erste Mitwirkung als Sänger in einem kleinen Jazzkonzert engagierte, in dem er mit Musikern aus dem Orchester Alfons Wonneberg auf der Bühne des Weißenseer Volkshauses stand. Manfred Krug hatte gleich einen Riesenerfolg beim jugendlichen Publikum, der nicht geschmälert wurde durch die Tatsache, dass er seines allzu begrenzten Reperoires wegen der Auffoderung zu immer neuen Zugaben nur nachkommen konnte, indem er das seinerzeit besonders beliebte "When The Saints Go Marching In" gleich viermal vortrug. Aber "Manne" wusste schon damals, dass es nicht so bleiben würde. Skeptikern, die nicht von seiner Zukunft überzeug waren, erwiderte er bloß: "Das glaubt Ihr nicht? Macht nichts - ich glaube es für Euch mit!"

An diese Zeit musste ich denken, als wir jetzt vor einigen Wochen zur Manfred-Krug-Tournee unterwegs waren (diesmal mit Etta Cameron und der Klaus Lenz Big Band), die von nun an jedes Jahr im März stattfinden wird. Zwischen damals und heute liegt ein stetiger steiler Aufstieg des inzwischen sogar mit dem Nationalpreis ausgezeichneten Künstlers. Um nur von dem Sänger Krug zu sprechen - seine Vielseitigkeit scheint kaum Grenzen zu kennen. Die "Sächsische Zeitung" schrieb mit Recht nach drei ausverkauften Tournee-Vorstellungen Krugs vor insgesamt 7500 Zuhörern im neuen Dresdner Kulturpalast von ihm als dem "gegenwärtig unumstritten besten Interpreten, der in unserer Republik auf dem vom Jazz inspirierten Gebiet der populären Musik wirkt". Was hat er nicht alles mit Erfolg versucht. Allein die Schallplattenveröffentlichungen der letzten Jahre sind schon aufschlussreich: Jazzgesang auf "Manfred Krug und die Modern Jazz Big Band 65" (Amiga 850 057) und mit den Jazz-Optimisten Berlin auf "Lyrik - Jazz - Prosa" (Amiga 855 151), Spirituals auf dem Hörbild "Onkel Tom's Hütte" (Litera 865 156), Protestsongs auf einer dem gleichnamigen Buch des Eulenspiegel-Verlages beigelegten EP, Bellman-Chansons auf "Fredman's Epistein an diese und jene, aber hauptsächlich an Ulla Winblad" (Litera 860 137), Schlager von Günther Fischer auf der demnächst erscheinenden LP "Manfred Krug - Ein Portrait" (Amiga 855 216)... Und zu all dem kommt seit Januar dieses Jahres auch noch seine vielgelobte Interpretation des Sportin' Life in Gershwins "Porgy And Bess" in der Komischen Oper Berlin.

Also ist "Manne" inzwischen ein "Star" geworden, vielleicht mit all den extravaganten Allüren eines Stars? Mitnichten! Wir alle, die jetzt mit ihm "unterwegs" waren, können bestätigen, dass er genau derselbe prächtige Kumpel geblieben ist, der er immer war. Und dazu einer, der seine Kollegen immer wieder durch Mutterwitz und Schlagfertigkeit verblüfft. Als wir zum Beispiel im Berliner Friedrichstadtpalast gastierten, blieb uns fast das Herz stehen, als ein rüpelhafter Besucher Manfred aus dem Konzept zu bringen versuchte, indem er ihm zubrüllte: "Mach den Kopp zu!" (Er wollte wohl damit sagen, Krug solle seine Begrüßung des Publikums beenden und lieber singen.) Aber die Situation war gerettet und der Störenfried ein für allemal mundtot gemacht, als "Manne" unter dem Jubel des Publikums sofort zurückrief: "Ich hab' wenigstens 'nen Kopp zum zumachen! Ob Du auch einen hast, weiß ich nicht".

Anmerkung: Autor dieser Zeilen Werner „Josh“ Sellhorn († 17. Mai 2009) war ein Lektor, Musikwissenschaftler und Kenner der Szene, der genau wusste, worüber er sprach und schrieb. Sellhorn war in den fünfziger Jahren der erste DDR-Bürger, der öffentliche Vorträge über Jazz hielt, eigene Veranstaltungen organisierte und Jazz-Klubs mitbegründete. Auch verteidigte er den Jazz gegen die offizielle Ansicht der DDR-Staatsführung, die diese Musik als amerikanische Unkultur herabwürdigte.





Übernahme des Textes mit freundlicher Genehmigung der "Melodie & Rhythmus"