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Anett Kölpin von A bis K (aus Melodie & Rythmus 3/1989. Autor: Waltraud Heinze)
Bekennen zu sich selbst, sich annehmen - das ist die Voraussetzung für Anett, um auf der Bühne "seine ganze Person zu zeigen, sein Herz, richtig viel von sich selbst, viele Pole..." Denn sie möchte, wie jede Frau, ungeschminkt, als "graue Maus" geliebt werden wie (natürlich) auch mal richtig schön sein. Aber es müsste von innen heraus zu belegen sein. Das ausgestellte Schöne wird schnell lächerlich. Charleston, "ich liebe Charleston", habe ich beim 'Rathausmann 1985' gesungen", erzählt Anett. "Das war so was Draufgedrücktes, weil ich meinte, bei einem Schlagerfestival muss man Besonderes bieten. Hab' Schritte eingeübt, bin rumgetänzelt, obwohl ich dick und rund war damals. Ich studierte noch, hatte das Gefühl, etwas zu können und wusste doch eigentlich nichts." Dresden brachte Anett zu ihrer Verwunderung dennoch einen dritten Preis und den Förderpreis der Generaldirektion beim Komitee für Unterhaltungskunst. Und es ergab sich, dass sie für ein Jahr zum Erich-Weinert-Ensemble ging. Erfahrungen hatte Anett mit dem Singen bis dahin praktisch keine. "Es war überhaupt so", gesteht sie mir, "dass es mich nie so ausschließlich zum Singen gedrängt hat, das spüre ich erst jetzt." Anett ist in Greifswald geboren. Der Vater spielte Geige, die Mutter sang. Und so kam auch Anett irgendwann ans Klavier. "Vor allem immer, wenn was mit mir los war, setzte ich mich ran, hab' so das ganze Russische in Moll runtergespielt oder Chopin und immer feste auf's Pedal, selbst bei Bach. Dadurch drückte ich mich irgendwie aus, lebte eine Melancholie aus. Aber da durfte niemand reinkommen ins Zimmer. Beim Erich-Weinert-Ensemble musste ich dann und nach drei Jahren behütetem Vorsingen beim Studium - vor maximal zwanzig Leuten - plötzlich raus in einen riesigen Saal mit brüllenden Soldaten. Ich wusste gar nicht, wie ich damit umgehen sollte, man kann da ja keinen Knicks machen..." Freude, die Lust am Singen für andere, viele, den Widerhall begann Anett zu spüren. "Ich muss sagen, auch heute noch bei datzu, sind Muggen bei der Armee die allerbeste Schule. Dort wirst du von so 'ner Woge getragen, die dir Lockerheit gibt, Selbstbewusstsein bringt. Dort herrscht die Einstellung: Heute machen wir uns gemeinsam einen guten Abend… Diese Übereinstimmung, dieses ohne Vorbehalte Angenommenwerden fehlt mir bei ‚zivilen' Auftritten manchmal. Jedenfalls könnte ich ohne diese Erfahrung, ohne die Gewissheit, dass es so etwas noch gibt, heute nie in einer kalten Atmosphäre bestehen. So kann ich mich vor Leuten, die eigentlich nur auf die Disko warten, darauf besinnen..." Gesang ist für Annett so wandelbar und vielschichtig wie ihr Wesen. Und er war auch lange mit ihr auf der Suche. "Das hieß mitunter auch, dass ich über's Ziel hinausschoss, extrem sein wollte, anders als die anderen, exotisch - das ist mal reizvoll für einen Sänger. Aber nicht extrem um jeden Preis. Es muss zu meinen Gefühlen stimmen. Wenn ich dem Textgefühl mit einem schrillen Stimmklang entspreche, ist's o.k. Aber einfach nur schrill sein, weil man stolz darauf ist, diese Variante nun auch noch rausgefischt zu haben aus dem Hals - das verpufft. Gesang, Musik muss auch schön sein, angenehm - dazu stehe ich." Herausforderungen begannen für Anett eigentlich da, wo sie bei datzu einstieg, vor allem, als die Arbeit an der LP anfing. Die Zeit der Produktion war gekennzeichnet von allen künstlerischen Hochs und Tiefs, die es so geben kann: "Ich hab' ganz schön Kritik einstecken müssen, nachts nicht schlafen können… Es ist jetzt teilweise fast ein Jahr her, da die Titel entstanden, man schaut schon wieder mit einem anderen Blick darauf. Auf ‚Wenn es wärmer wird' bin ich richtig stolz, weil ich da in Gebiete stieß, die ich früher nie aus mir rausgelockt hätte. Es fiel mir so schwer damit im Studio, und die Meinungen darüber splitteten sich derart auf… Die ‚Tigerin' entspricht mir, und sehr schön ist das ‚Kinderland'." Die Zusammenarbeit mit datzu und Michael Sellin als Texter hat Besessenheit, hat die Interpretin in ihr geweckt... Irrtümer und Zufälle lagen auf dem Weg bis dahin. Denn eigentlich wollte Anett Kölpin zur Schauspielschule. Stellt sich auch vor, gemeinsam mit einer Freundin. Zum Repertoire gehörte ein Volkslied zur Gitarre. Und das sang sie. "Nicht schlecht - warum gehen sie nicht zur Musikhochschule?", sagte man. Anett sang in Leipzig vor, wurde abgelehnt: "Sie sehen ja aus wie eine Kindergärtnerin, von der Bühne aber muss ein bisschen Sex herunterkommen!", hieß es dort. "Ich hatte einen roten Kleiderrock an, trug einen artigen Zopf und sang zur Gitarre Chansons à la ‚Stell dich mitten in den Regen', wollte Kunst machen", lächelt Anett heute nach ihrem in Berlin dann doch mit Auszeichnung bestandenen Staatsexamen. Als Glücksumstände und Zufälle bezeichnet sie die Delegierung zum "Rathausmann" (fast hinter irem Rücken von der Lehrerin eingerührt), dass Rainer Oleak mit datzu in ihrer Abschlussprüfung saß, dass Anke Schenker bei datzu gerade aufhören wollte, Anett kannte und empfahl. Jahre zählt sie inzwischen 25. eine gute Zahl. Anett reizt immer sicherer ihre Möglichkeiten aus. Und schafft es schon, dass man das Zittern auf einer so großen Bühne wie der beim "Classics"-Projekt zu "Jugend im Palast" nicht mehr spürt als Zuschauer. Kommendes ist für sie vor allem Anforderung an sich selbst. Singen und nochmals singen. Live. Und im Studio. Und mit datzu. Sie hat immer genauere Vorstellungen von ihren Liedern. "Ich weiß, man muss ein Stück Persönlichkeit herzeigen, sich auch entblößen. Den Mut braucht man, wenn man auf die Bühne geht, sonst bleibt man farblos." Die Kölpin - da bin ich sicher - hat viele Farben, auch ungeschminkt. Übernahme des Textes mit freundlicher Genehmigung der "Melodie & Rhythmus" |