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Kerschowski (aus Melodie & Rythmus 1/1986, Bericht: Waltraud Heinze)
Stimmt genau dieser Text. So fingen sie an und gehen weiter: Tina, Lutz, Pille, Mischka, Wilkie, Lexa... und Rolli natürlich, Pinne, Dühmi, was wär eine Band ohne ihre Techniker. Jeder hat so einen Kreis in dem er lebt. Aber immer auf der Suche nach anregenden Dingen, stößt du vielleicht auf einen anderen, der dir gefällt. Und irgendwie schließt du den ein in deinen Kreis... Der meine ist durch die Begegnungen mit Kerschowski wieder ein Stück weiter geworden. Die erste, das war im Mai '85 in einem Marzahner Jugendklub. Als ich dachte, "Mensch, der Sänger springt ja meterhoch, und die arbeiten, ackern, schwitzen auf der Bühne und haben auch noch Spaß dran". Die führen nicht irgendwas vor, sondern zeigen sich her, wie sie sind - mit einer irren Lebenslust. Als ich nach dem Konzert in so 'ne laue Mainacht ging, war mir selber nach Springen... Diese Wirkung stellt sich her bei ihren Konzerten, immer wieder, mal stärker, mal etwas abgeschwächt, je nachdem, was sie selbst aus sich herausholen, was ihr Bauch, das Herz und der Kopf hergeben. An einem Abend im März dieses Jahres hatte ich das Gefühl: "Heute geht's schief". Der Tag beginnt am Morgen im AMIGA-Studio in der Brunnenstraße. Anstrengende, weil ungewohnte Arbeit. Mittagessen aus dem Konsum-Einwickelpapier und danach auf die Autobahn zum Konzert. Tina wird Skatspielen beigebracht, wär' doch gelacht. Und wie wir gelacht haben! Bis der Barkas plötzlich steht, nichts rührt sich mehr. Lutz vom Steuer unter's Auto. Als wir endlich im Cottbuser "Kulturhaus der Textilarbeiter" anlangen, dieses Stofftransparent auf der Bühne, in großen Lettern "JAZZPODIUM"! Kaum noch Zeit für den Soundcheck (Dühmi ist mächtig unzufrieden), denn um 20:00 Uhr legt das Axel-Donner-Quintett erst mal los. Und wie! Tina bleibt ein wenig die Luft weg, und sie sucht Lexas Nähe. Mischka schaut, hört wie gebannt auf das Piano! Stunden vergehen. Rolli hat sich hinter der Bühne zusammengerollt, schläft... bis der Moderator endlich die Band, die sich Kerschowski nennt, ankündigt. Und am Ende dieses Abends, den ich schon abgeschrieben hatte, dann "So'n Abend wie der" als vierte (!) Zugabe. Die Jazzgemeinde im Saal rockt auf der Tanzfläche, was das Zeug hält. Manchmal hält der eine oder andere inne, um besser zu verstehen. Oder noch so 'n Abend bei Kerschowski zu Hause in Pankow. Zwei Kannen Tee geleert und kaum gemerkt über'm Reden, dass sich die Kassette auf dem Tonband längst nicht mehr dreht... Und weil da 'ne Menge drauf ist über und von Kerschowski, höre ich jetzt auf zu erzählen und lass die Kassette einfach mal laufen... Ich könnt' mir vorstellen, dass es schwierig ist, auf einer Platte das Lebendige eurer Konzerte zu erhalten! Ja, stimmt, ich sing "Dann lass mich bloß nicht fallen..." und reiß mir das Herz aus der Brust. Dann ruht der See, kein Ton erklingt, bis über Kopfhörer eine Stimme kommt und der Tonmeister sagt: "Ja, ganz nett, aber ein bisschen zu hoch, noch mal!" Das ist schwer... Seid ihr zufrieden mit dem Ergebnis? Wenn wir könnten, würden wir von vorn anfangen. Aber so, glaub ich, dass es eine ordentliche Platte geworden ist. Weißt du, Pankow hat jetzt die Dritte fertig - und das sind Studiomusiker - und die sagen, „jetzt haben wir's gepackt“. Ich mein, es gehört viel Erfahrung dazu, um zu wissen, wie's gemacht wird. Mit welchen Ideen, Erwartungen seid ihr in die Rockszene eingestiegen? Einsteigen wollte ich nirgendwo, wir wollten nur machen, was wir selbst gut finden. Ich weiß gar nicht, ob's diese Rockszene überhaupt gibt. Ich habe Kontakt zu Andre Herzberg oder Toni Krahl, wir waren mit den Gitarreros unterwegs, ja, aber irgendwie müsste mehr Raum sein, sich zu treffen, auszutauschen...
Eigentlich bin ich jetzt an Punkten angekommen, wo ich schon mal hergekommen bin. Hab ja wie jeder zweite gelernt, Akustikgitarre zu spielen, Stones, Bob Dylan... In der Rockmusik war's damals schwer ein Bein auf die Erde zu bekommen, mit der Anlage und so, während ich Bekannte hatte, die sich mit politischem Lied beschäftigten, da habe ich dann ein paar Jahre mitgemacht, hatte Spaß dran. Aber Rockmusik kann man nicht irgendwie als Mittel einsetzen. Entweder, du machst Rockmusik von innen heraus oder du landest immer irgendwo anders. Und ich hab sie da drinnen, und deshalb fühle ich mich mit der Band wohl, vielleicht kommt daher dies Authentische - kein schönes Wort, ich finde kein anderes im Moment... Woher kommen die Texte bei Dir ? Vieles ist ein Teil von einem, und man weiß nicht, ob's auch für andere wichtig ist. "Die Prinzessin" oder "Noch'n Liebeslied" lagen schon lange bei mir zu Hause. Bei beiden kam vieles zusammen in mir, an Erlebnissen, Beobachtungen, Sehnsüchten. "Montagfrüh" - da hab ich ein ganz konkretes Wohnzimmer im Auge und ganz konkrete Leute, glaub mal nicht, dass das so selten ist, dass Kinder in kaputten Elternhäusern alleingelassen sind. Die Beatles-Sachen sind zwischendurch entstanden. Man muss auch schreiben, was sich so ergibt, kann nicht immer Liedanlässe suchen. "Obladi Oblada" ist auf unsere Techniker Rolli Schirmer entstanden. Seine Frau arbeitet wirklich im Maschinenwerk und die haben drei Kinder. Und wenn das vielleicht banal klingt "Wie das geht, wenn man sich versteht" - eigentlich ist das ja doch wichtig. Oder "Mama" auf "Birthday" – das ist für meine Mutter, die wohnt in Blankenfelde, und ich kann mich mit diesem Lied bei ihr sehen lassen. Bei einem Konzert im HdJT kamen ein paar frühere Kollegen von Autotrans zu mir: "Also", haben sie sagt, "ham wa dir jarnich zujetraut. Det mit dem Fixstern fanden wa'n bisschen dünne, aber det Liebeslied war det Beste." Sie merken 's einfach, ob ein Gefühl, ob die Worte dafür stimmen. Und das ist mir sehr wichtig. Realität einfangen, alltäglichste Beobachtungen, so, das man's förmlich riecht, das ist schwer. Wenn man euch auf der Bühne sieht, spürt man, die kommen nicht nur musikalisch, sondern auch menschlich miteinander aus, mögen sich. Man kann so was vorher ja nicht konzipieren... Nein, aber man kann so oder so leben, arbeiten wollen. Wir gehen vorsichtig miteinander um und sehr ehrlich. Mit jedem gibt es Freundschaft und mit jedem Spannung. Und über diese Spannung, ob das alles noch weiter, noch besser, noch tiefer werden kann, überträgt sich vieles. Über alle Dinge muss man offen reden. Berühmte Frage nach dem, was Leute mitnehmen sollen aus euren Konzerten... Lieder? Wenn sie sagen, "Es war uns mal wieder angenehm, ein Konzert zu erleben oder zu tanzen" - dann ist das in Ordnung. Dazu kommt, was ich vorhin schon andeutete, dass sich die Leute wiederfinden... Ich glaube es gibt eine große Sehnsucht nach dem Austausch persönlicher Erfahrungen, nach Kommunikation. Weißt du, ich gucke mir zum Beispiel van Veen an, und der zieht mich in seine Welt rein, und ist sehr überzeugend. Ich entferne mich nach dem Konzert wieder davon, aber ein Stück bleibt doch... Und vielleicht, das wär schön, geht es den Leuten mit unseren Konzerten so ähnlich. "Aha", denken sie vielleicht, "so kann ich auch auf die Welt gucken, es geht, so unsicher zu sein, so viele Fragen zu haben und auch, so besessen zu sein". Und es geht so vieles mehr, wenn man zusammenhält, gemeinsam weitergeht. Übernahme des Textes mit freundlicher Genehmigung der "Melodie & Rhythmus" |