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Vorgestellt: KARUSSELL (aus Melodie & Rythmus 7/1979. Bericht: Wieland Ziegenrücker, Fotos: Wolfram Schmidt)
Ein an Intensität gewinnender Lichtfleck im Bühnenhintergrund und das langgestreckte Crescendo eines vom Mischpult aus gesteuerten Mellotronakkordes bereiten den Auftritt vor. Wie Schemen betreten die Musiker die noch weitgehend im Dunkel liegende Bühne, ergreifen ihre Instrumente. Verloren, suchend erklingt ein Bluesmotiv auf der Gitarre, von der anderen Bühnenseite kommt die Antwort. Nach und nach verliert das Ganze seinen scheinbar meditativen Charakter, der Rhythmus festigt sich, Mitklatschen und Sprechchöre im Publikum: "Ka - rus - sell, Ka - rus - sell". Das ist der Anfang. Und wenn nach 90 Minuten Konzert, meist werden es durch die Zugaben fast zwei Stunden, die Musikanten "geschafft" die Bühne verlassen, sind physische und psychische Anstrengungen schnell vergessen: Wieder wurden die Ergebnisse kontinueierlicher Arbeit bestätigt, fanden eigene Titel und Interpretation Anerkennung.
Es begann im April 1976. Die Leipziger Amateurformation Fusion wurde umgebildet und erweitert. Schon einen Monat später erhielt die neue Besetzung, nunmehr unter dem Namen Karussell, auf der FDJ-Bezirkswerkstatt das Prädikat Sonderstufe zugesprochen. Trotz dieses Anfangserfolgs begann nun die Phase des Suchens und Experimentierens. Man lernte sich näher kennen, musikalisch-stilistische Fragen wurden ausdiskutiert und praktisch erprobt, erste eigene Titel entstanden. In schöpferischer Auseinandersetzung innerhalb der Gruppe und in ständigem Gespräch mit Jugendlichen prägte sich allmählich das "Gesicht" von Karussell. Luise Mirsch, Produzentin beim Rundfunk der DDR, hörte die Gruppe und lud sie nach Berlin ein. Im Ergebnis dieser Reise waren drei Titel auf Band - "Whisky", "Lebe" und "Welt im Sand". Vor allem mit "Whisky" kam Karussell schnell ins Gespräch. Als Anfang '77 die Gruppe in den Fernsehsendungen "rund" und "Phon" vorgestellt wurde, als Amiga die ersten Karussell-Titel auf verschiedene Sammelplatten presste, wuchs die Popularität rasch. Noch musizierte man als Amateurband, und es wurde immer schwieriger, Beruf, Proben, Auftritte und den Wunsch nach neuen Titeln zu koordinieren. Im Herbst wurden zwei weitere Eigenproduktionen eingespielt: "Fenster zu" und "Kleine Freundin aus Schönefeld". Groß war die Freude bei den Musikanten, als der Zentralrat der FDJ und die Konzert- und Gstspieldirektion Berlin Unterstützung anboten und schließlich 1978 einen Fördervertrag mit Karussell abschlossen. Gleichzeitig erfolgte die Überführung in den Berufsstatus. Karussell übersiedelte in die Hauptstadt. Dieser Schritt gab neuen Aufschwung. Zwei weitere Titel erschienen auf einer Amiga-Single - "Entweder oder" und "Der Gitarrist". Zu wichtigen Veranstaltungen wurde Karussell herangezogen, z.B. "Rhythmus"-Vorkonzert in Ilmenau, Zentrale FDJ-Werkstattwoche Jugendtanzmusik in Suhl und als Höhepunkt "Rhythmus '78" im Palast der Republik. In der Gunst des jugendlichen Publikums spielte sich die Gruppe mehr und mehr ins Vorderfeld unserer führenden Rockformationen. So hieß es schließlich in der DDR-Spitzenparade 1978 Platz 5 für "Entweder oder", Platz 10 für "Fenster zu" - ein Erfolg, der sich sehen bzw. hören lassen kann. Im Oktober des vergangenen Jahres gab es eine Umbesetzung: Lutz Kirsten (voc, git) und Bernd Schumacher (sax) verließen die Gruppe, Bernd Dünnebeil kam neu hinzu. Er soll als zweiter Leadgitarrist neben Peter Gläser die musikalishe Karussell-Konzeption umsetzen helfen - melodiebetonte, liedhafte Rockmusik, vorwiegend auf Gitarrenbasis.
Wie entstehen die Karussell-Lieder? Zuerst ist die Musik da. Individuelle Einfälle erhalten im Kollektiv endgültige Gestalt. Lange wird am Arrangement gearbeitet, oft werden sogar noch nach der Produktion Umstellungen vorgenommen, wenn sich beim Musizieren bessere Varianten herauskristallisieren oder spezielle Konzertfassungen entstehen, um auch das solistische instrumentale Können stärker in den Vordergrund zu rücken. Dann erfolgt die Absprache über den Text. Nach dessen Fertigstellung ergeben sich meist noch Änderungen im Ablauf, im Arrangement. Auf die textliche Aussage in Verbindung zur Musik wird großen Wert gelegt. Ein Vorzug von Karussell ist es, dass sich fast alle Musiker kompositorisch betätigen. Die unterschiedlichen "Handschriften" garantieren trotz zielstrebiger Umsetzung eines eigenen Gruppensounds Vielfalt und Abwechslungsreichtum. Ende März stellte Karussell ein neues Konzertprogramm vor. Es entstand im Auftrag des Zentralrates der FDJ und war dem Nationalen Jugendfestival gewidmet. Und wer Gelegenheit hatte, Karussell in Berlin zu erleben, wird bestätigen, dass die Gruppe mit ihren Liedern den "Nerv" des jugendlichen Publikums getroffen hat. Karussell - Bernd Dünnebeil, "Cäsar" Peter Gläser, Jochen Hohl, Reinhard Huth, Wolf-Rüdiger Raschke und Klaus Winter - dazu gehört aber auch das Technikkollektiv Klaus Brömme, Aggi Schieb und Dietmar Staffe, das nicht nur bei Veranstaltungen "regelt" und "schaltet", sondern auch in mühevoller Kleinarbeit die Lichtanlage baute und ständig diversen Geräten mit dem Lötkolben auf den Leib rückt. Karussell - das sind Lieder von jungen Leuten, das sind Lieder über und für junge Leute.
Übernahme des Textes + Bilder mit freundlicher Genehmigung der "Melodie & Rhythmus" |