aus Melodie & Rythmus 1/1988. Autor: Waltraud Heinze, Fotos: Herbert Schulze



"Mein Herz" war von Anfang an bestimmt für einen Wettbewerb. Gemeint ist dieses unentwegt schlagende, manchmal aus vielerlei Gründen unruhig flatternde Ding natürlich als Gegenstand musikalischer Äußerung, nämlich von IC. Komponiert und getextet hatte er das Lied für das World Popular Song Festival in Tokio, wo es aber nicht zum Zuge kam. Zu internationalen Festivalehren (1. Platz für Solisten und Hauptpreis) gelangte es bekanntermaßen dennoch. Wie - wollten wir von Ralf Schmidt genau wissen. Aber greifbar ist das im Popgeschäft tätige Allroundtalent so gut wie nie. Einen Telefonanschluß gibt es in der noch gar nicht so lange bezogenen Berliner Neubauwohnung nicht. Also jagte ein Telegramm das andere...

Zwei Tage vor Redaktionsschluss steht IC vor meiner Tür:
"Entschuldige, es ging nicht früher, grad' mit der Band aus der CSSR zurück, 'ne Menge Stress, bisschen Ärger, die nächste Tour - diesmal in die Sowjetunion - steht ins Haus..."
Er fällt in einen Sessel, rührt den Zucker im Kaffee um und kommt zur Sache. Die Zielstrebigkeit, mit der Ralf für Erfolg und Professionalität arbeitet, eigentlich kontinuierlich zu beobachten von seiner "Primaner"-Zeit über den Einstieg als Sänger bei Stern Meißen bis zur dazugekommenen Soloschiene als IC, ringt mir Achtung ab. Das er dabei mit seinem sehr eigenen Kopf manchmal durch die Wand will, ist mir persönlich lieber, als wenn einer mit seinem Kopf gar nichts will...


Also wie kam dein "Herz" denn nun statt nach Tokio zum internationalen Talentefestival im österreichischen Bregenz?
Nominiert wurde ich durch die Generaldirektion beim Komitee für Unterhaltungskunst, die das Lied nach Bregenz einreichte. Die Antwort kam dann recht schnell... mit einer Einladung.

Was ist Bregenz für ein Ort und von welcher Art des Festivals?
Bregenz liegt am Bodensee in einer unheimlich schönen Gegend. Wenn es nicht neblig ist, siehst du die schneebedeckten Alpen. Direkt am See wurde ein Kongresszentrum erbaut, in dem im Sommer große Opern- und Operettenaufführungen stattfinden. Die Sommerbühne ragt wie eine Halbinsel ins Wasser, ganz phantastisch. Außer dem Zentrum sah ich nicht viel von diesem herrlichen Kurort, weil naturgemäß viele Proben angesagt waren, auch Empfänge, Gespräche, Interviews. Die übrige Zeit nutzte ich um auszuschlafen, fit zu sein, um meinem Land vielleicht ein paar Pluspunkte mit nach Hause zu bringen. Das hat ja dann wirklich geklappt, was ich nicht gedacht hätte, da die Juroren und auch das Publikum auf mich einen recht konservativen ersten Eindruck machten. Aber am entscheidenden Tag musste ich den revidieren.
Dieses Festival ist das zweite Mal durch Privatinitiative organisiert worden, ausgeschrieben für den deutschsprachigen Raum von Europa. Talentefestival ist vielleicht in unserem Verständnis davon irreführend, weil dort doch recht gestandene Leute an den Start gingen. Fünf Bands und sechs Solisten. Dabei zum Beispiel auch Liedermacher aus Südtirol, ein Belgier, der bereits in 'ner Menge Spielfilme mitwirkte, an sich aber Opernsänger ist oder ein erfahrener Studiomusiker aus München. Die Reihenfolge wurde öffentlich über'n österreichischen Rundfunk ausgelost, Bands und Solisten getrennt.

Sind die Preise, außer natürlich vom ideellen Wert, auch von einem ganz konkret praktischen?
Der Chef der Begleitband, Rudi Steger, stiftete z.B. für den Sieger einen Sonderpreis über 1.000 Singles, die dort gepresst und promotet werden. Deshalb werde ich jetzt wiederum nach Österreich fahren. Geplant ist auch, dass ich beim dritten Festival 1988 den Showteil übernehme, der diesmal von Middle Of The Road bestritten wurde. Und dann hoffe ich sehr, Udo Jürgens, der das Patronat über den Wettbewerb innehat, kennenzulernen, dessen Europatournee just am 1. Oktober begann und er somit leider nicht dabei sein konnte. Udo Jürgens ist ja nicht nur für mich unbestritten einer der größten Entertainer und wohl ein Vorbild für jeden, der als Sänger oder Autor in dieser Richtung arbeitet.

Wie wird denn der 88er Alltag für dich aussehen?
Also erst mal sind viele Konzerte mit Stern Meißen im Lande und im Ausland geplant. Auch wollen wir unverdrossen die nächste LP in Angriff nehmen. Da ich ebenfalls an die zweite IC-LP denke, verbringe ich wohl 1988 so etwa 4 Monate im Studio. Ich möchte an meine nächste Platte anders heran gehen. Bei der vorhergehenden war Ausgangspunkt für viele Stücke das Experimentieren am Drumcomputer, im Ergebnis kam oft die Melodie zu kurz. 80 Prozent der neuen Lieder habe ich mir mit der Gitarre erarbeitet, Harmonien, Melodien zuerst, und viel später kamen erst die Arrangements, der Sound usw. Dann wird ab Mai ein Projekt namens "Super Pop 88" gestartet, eine Live-Show von und mit Stern Meißen, Rosalili, "Bummi" und mir. Mit den Stern Meißen-Konzerten werden's zusammen so an die 150 Auftritte, dazu Fernsehen, Ausland, Plattenproduktionen, wie gesagt... 1988 hat leider nur 366 Tage.



Übernahme des Textes und der Bilder mit freundlicher Genehmigung der "Melodie & Rhythmus"